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Hattie vs. deutsches Schulsystem: Schüler nach Leistung getrennt voneinander zu unterrichten, hat keinen Effekt auf den Lernerfolg

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HAMBURG. Der neuseeländische Bildungsforscher Prof. John Hattie gilt als einer der weltweit einflussreichsten Experten der empirischen Bildungsforschung. Seine Studie „Visible Learning”, deren deutsche Ausgabe vor gut 15 Jahren erschien, fasste Hunderte Meta-Analysen zusammen und beeinflusste die globale Bildungsdebatte nachhaltig. Nun hat er eine aktualisierte Version veröffentlicht – mit Erkenntnissen, die besonders das deutsche Schulsystem herausfordern.

Das gegliederte Schulsystem im deutschsprachigen Raum ist weltweit einzigartig – mit einer so frühen Trennung der Schülerinnen und Schüler. Illustration: Shutterstock

John Hattie hält das deutsche Bildungssystem für eines der ungerechtesten der Welt. In einem Interview mit dem „Spiegel“ hatte er unlängst die frühe Selektion schon nach der vierten Klasse als ineffizient und gesellschaftlich schädlich kritisiert – und damit für viel Wirbel hierzulande gesorgt (News4teachers berichtete). „Ich kann nicht verstehen, wie man so viel Talent vergeuden kann“, befand er. Die Forderungen des Professors: mehr Chancengerechtigkeit, längeres gemeinsames Lernen und eine neue Sichtweise auf die Rolle von Lehrkräften. „Ohne mutige Reformen bleibt Deutschland bildungspolitisch in der Sackgasse.”

In einem aktuellen Interview mit dem Deutschen Schulportal erneuert er seine Kritik – und kritisiert einmal mehr die frühe Aufteilung der Schülerinnen und Schüler auf unterschiedliche Schulformen. „Die Forschung zeigt klar: Dauerhafte Gruppierungen in Schulen haben im Durchschnitt keinen Effekt auf den Lernerfolg“, sagt er. Dies sei eine der wichtigsten Erkenntnisse seiner neuen Forschungssynthese im Vergleich zur Erstauflage vor 15 Jahren. Die Meta-Analysen belegten: „Es macht unterm Strich keinen Unterschied, ob die Kinder getrennt oder gemeinsam lernen.“

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„Natürlich mögen Lehrkräfte weniger heterogene Klassen. Sie erleichtern uns die Arbeit. Aber die Schule ist nicht für die Lehrkräfte da“

Warum kritisiert er dann das deutsche Schulsystem so scharf? Könnte ja auch so bleiben. „Es ist eine Gerechtigkeitsfrage“, antwortet Hattie. Besonders die fehlende Durchlässigkeit des Systems sei problematisch. „Natürlich kann man die Schulform wechseln, aber wenn ein Kind jahrelang nicht mit einem Gymnasiallehrplan in Berührung kommt, ist es fast unmöglich, die Lücke zu schließen. Das ist weder fair noch im Sinne einer funktionierenden Demokratie.”

Blitz-Umfrage

John Hattie, der wohl berühmteste Bildungsforscher der Welt, sorgt mit seinen Thesen in der deutschen Bildungsöffentlichkeit aktuell für viel Wirbel. Wir von News4teachers wollen wissen: Was meinen Sie als Lehrkraft zu Hatties Aussagen? Machen Sie mit bei der Blitz-Umfrage des Lehrerpanels – drei Fragen, 30 Sekunden. Hier geht es hin.

Er betont: „Natürlich mögen Lehrkräfte weniger heterogene Klassen. Sie erleichtern uns die Arbeit. Aber die Schule ist nicht für die Lehrkräfte da. Unsere Aufgabe ist es, herauszufinden, wo das Talent steckt – auch wenn es sich erst später zeigt. Wir müssen das Beste aus jedem Kind herausholen.“

Für Hattie ist klar: Heterogenität in Schulen ist eine Herausforderung – könne aber auch genutzt werden. „Wir wissen, dass Peer-Tutoring enorme positive Effekte hat. Doch in den meisten Schulen steht nach wie vor das reine Faktenwissen im Vordergrund, statt den Schülerinnen und Schülern Kompetenzen zu vermitteln, die ihnen helfen, voneinander zu lernen.” In 60 bis 80 Prozent der Schulzeit würde lediglich Faktenwissen vermittelt. „Auch unsere Prüfungen belohnen Faktenwissen.“

Hattie plädiert für eine drastische Reduktion des Lehrplans. „Ich werde oft in Reformkommissionen eingeladen und sage immer: Ich komme nur, wenn die Hälfte des Lehrplans gestrichen werden darf.” Ein überfrachteter Lehrplan verhindere, dass Schülerinnen und Schüler Themen vertiefen können, die sie wirklich interessieren. Überspitzt: „Wir brauchen keinen Lehrplan mit 3.000 Seiten!”

Trotzdem warnt er vor einem Bildungsverständnis, das Kompetenzen gegen Wissen ausspielt. Der Bildungsforscher stellt klar: „Ohne Fachwissen kann man keine Probleme lösen. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um eine Balance.” Andersherum: Während viele Curricula von Kompetenzen sprechen, werde in der Realität nach wie vor reines Wissen abgefragt.

Was ist konkret im Unterricht zu tun? Ein einfaches Rezept dafür gibt es nicht. „Das größte soziale und emotionale Problem in unseren Schulen ist Langeweile. Doch problembasiertes oder entdeckendes Lernen ist nicht die einfache Lösung”, sagt Hattie. Studien zeigten nämlich, dass diese Methoden oft falsch eingesetzt würden – zu früh nämlich. „Wenn Kinder nicht über das nötige Wissen verfügen, um in projektbasiertes Lernen einzusteigen, wird es eine Katastrophe.” Entscheidend sei der richtige Zeitpunkt: erst Wissen aufbauen, dann problemorientiert arbeiten.

Hatties Forschung zeigt auch, dass digitale Technologien seit Jahrzehnten nur geringe Effekte auf den Lernerfolg haben. Der Grund? „Lehrkräfte nutzen sie meist zur Effizienzsteigerung – Tablet statt Arbeitsblatt, Video statt Demonstration. Das ist an sich kein Problem, aber die Art und Wiese, wie sie unterrichten, hat sich dadurch nicht grundlegend verändert.“ Das sei aber nötig, um deutliche Lernerfolge zu erzielen.

Beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) warnt er davor, denselben Fehler zu begehen. Er sagt voraus: „KI ist die größte Veränderung unserer Zeit, aber Schulen werden die Letzten sein, die sich damit befassen.” Dabei sieht er hier einen für die Zukunft entscheidenden Bildungsauftrag: „Kinder müssen lernen, gute Fragen zu stellen – denn eine KI gibt nur so gute Antworten, wie die Fragen es zulassen.” Ebenso müsse Qualitätskontrolle eingeübt werden. „In fast allen Klassenzimmern liegt die Kontrolle darüber, was richtig oder gut genug ist, bei den Lehrkräften. Doch Schülerinnen und Schüler müssen lernen, kritisch mit KI-generierten Antworten umzugehen” – und selbst zu Kontrolleuren von Informationen werden.

„Viele Schulen haben Hausaufgaben aufgrund meiner Forschung abgeschafft. Aber das ist falsch“

Kritisches Bewusstsein wünscht sich Hatte auch von Lehrkräften – insbesondere gilt das auch für vermeintliche Ergebnisse seiner eigenen Arbeit. Früher hat er die Effekte pädagogischer Maßnahmen in Effektstärken angegeben und daraus eine Rangliste erstellt, woraus die grundsätzliche Wirkung abgeleitet worden wäre. Doch: So einfach sei die Praxis eben nicht.

Hattie: „Nehmen wir die Hausaufgaben in der Grundschule. Manche denken, weil sie eine niedrige Effektstärke haben, seien sie unwichtig. Viele Schulen haben Hausaufgaben aufgrund meiner Forschung abgeschafft. Aber das ist falsch. Eine geringe Effektstärke bedeutet zunächst nur, dass wir noch nicht die richtige Umsetzung gefunden haben. Hausaufgaben haben etwa in der Sekundarstufe einen viel größeren Effekt. Der Unterschied ist, dass Hausaufgaben in der Sekundarstufe meist das Üben dessen beinhalten, was schon gelernt wurde. In der Grundschule sind es eher Projekte oder Aufgaben, bei denen die Eltern stark involviert sind, was den Effekt negativ beeinflusst. Es geht also nicht darum, Hausaufgaben abzuschaffen, sondern darum, die Art der Aufgaben zu überdenken.“ News4teachers

Hier geht es zum vollständigen Interview auf dem Deutschen Schulportal.

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