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Schulen vor dem Hitzekollaps: Wie die Klimakrise den Unterricht beeinträchtigt – VBE: Das darf nicht so bleiben!

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DÜSSELDORF. Hitzeferien? Fehlanzeige! Während Deutschland unter der nächsten Hitzewelle stöhnt, wird der Unterricht für viele Schulen zur Tortur – stickige Klassenräume, überhitzte Schulhöfe, erschöpfte Kinder und Lehrkräfte. Die Klimakrise hat den Schulalltag längst erreicht. Doch baulich, organisatorisch und politisch ist das Bildungssystem darauf kaum vorbereitet. 

Es ist heiß in Deutschland (Symbolbild). Illustration: Shutterstock

Bonn ächzt unter der Hitze – und mit der Stadt auch das Friedrich-Ebert-Gymnasium. 37 Grad Außentemperatur, aufgeheizte Klassenräume, keine Entspannung über Nacht. Für Montag, Dienstag und Mittwoch (30. Juni bis 2. Juli 2025) hat die Schulleitung auf der Website der Schule schon jetzt besondere Maßnahmen angekündigt: am Dienstag Hitzefrei für die Sekundarstufe I, “Studiennachmittag” ohne Präsenzpflicht für die Sekundarstufe II, am Montag und Mittwoch immerhin Unterrichtsschluss um 12.10 Uhr – offiziell wegen Zeugniskonferenzen. Die Hitze diktiert den Stundenplan. Und das Friedrich-Ebert-Gymnasium ist kein Einzelfall. Was sich dort abspielt, erleben derzeit Tausende Schulen in Deutschland. Die Lage ist ernst – und wird jedes Jahr ernster.

Die Zahl der Hitzetage steigt – und trifft Schulen mit voller Wucht

Der Klimawandel ist längst im Klassenzimmer angekommen. Laut Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) hat sich die Zahl der sogenannten „Hitzetage“ – also Tage mit über 30 Grad Celsius – in den vergangenen Jahrzehnten mehr als verdoppelt. Waren es zwischen 1961 und 1990 im Schnitt nur 4,2 solcher Tage pro Jahr, lag der Durchschnittswert in der Folgeperiode von 1991 bis 2020 bereits bei 8,9. Seit der Jahrtausendwende gibt es sogar Jahre mit weit über zehn Hitzetagen – Rekordhalter ist 2018 mit 20,4. 2024 brachte es auf 12,5.

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Was das bedeutet, beschreibt Oliver Hintzen, stellvertretender Vorsitzender des VBE Baden-Württemberg, eindringlich: „In den Sommermonaten gleichen viele Klassenzimmer in Baden-Württemberg regelrechten Backöfen“, schreibt er in einem aktuellen Fachbeitrag. Betroffen seien insbesondere schlecht gedämmte Altbauten und Containerklassen. Der Unterricht werde zur Belastungsprobe – für Lernende wie Lehrkräfte gleichermaßen.

Hitze macht krank und dumm – das ist wissenschaftlich belegt

Schwindel, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen – das sind keine Ausreden, sondern dokumentierte Symptome, die bei Kindern und Jugendlichen in überhitzten Räumen auftreten. Studien zeigen: Bereits ab 26 Grad Raumtemperatur sinkt die kognitive Leistungsfähigkeit messbar. Bei 30 Grad steigen die Fehlzeiten, das Unfallrisiko nimmt zu, das soziale Klima leidet.

Lehrkräfte berichten von erschöpften Klassen, improvisierten Maßnahmen wie dem Verlegen des Unterrichts auf Schattenplätze, dem Verteilen von Eiswürfeln oder dem Einsatz privater Ventilatoren. All das hilft – aber ersetzt kein bauliches Konzept. „Viele Klassenzimmer sind nach Süden oder Westen ausgerichtet, mobile Klimageräte fehlen, Rollos oder Vorhänge bieten kaum Schutz. Stoßlüften bringt an heißen Tagen eher heiße Luft als Kühlung“, fasst Hintzen die Rückmeldungen aus der Praxis zusammen.

Für Büros gelten Grenzwerte – für Schulen meist nicht

Dabei gibt es für andere Arbeitsorte längst klare Vorgaben. Die Arbeitsstättenverordnung schreibt für Büros vor: Bei 26 Grad Raumtemperatur sollen Maßnahmen getroffen werden, ab 30 Grad müssen sie erfolgen. Für Schulen? Fehlanzeige.

Zwar empfiehlt etwa das Kultusministerium in Baden-Württemberg bei über 27 Grad „flexibilisierte Unterrichtsformen“, etwa Hitzefrei. Doch verpflichtende Maßnahmen oder technische Nachrüstpflichten fehlen. Das führt zu einem Flickenteppich: Jede Schule, jeder Träger, jede Kommune entscheidet anders – oder gar nicht.

Der bauliche Rückstand ist eklatant – und politisch hausgemacht

Die Ursache für diese Misere liegt auf der Hand – und sie ist politisch: Der bauliche Zustand vieler Schulen ist schlicht nicht auf die Realität der Klimakrise vorbereitet. Während moderne Bürogebäude mit Sonnenschutz, Dämmung, Belüftung und Temperaturkontrolle ausgestattet sind, werden Schulen oft stiefmütterlich behandelt. „Viele Gebäude stammen aus den 60er- oder 70er-Jahren, wurden nie energetisch saniert, haben einfach verglaste Fenster und keinerlei technische Möglichkeiten zur Temperatursteuerung“, so Hintzen. Schulen gelten baurechtlich häufig als „Sonderbauten“ – das bedeutet: Ausnahmen statt Standards.

Der VBE Baden-Württemberg fordert deshalb: verbindliche Grenzwerte, Pflicht zur Nachrüstung, Förderprogramme für Sanierung und Schulnotfallpläne für Hitzewellen. Kurz: die Gleichstellung von Schulen mit anderen Arbeitsstätten.

Der Schulhof als Backofen – und wie er zur grünen Oase werden kann

Und nicht nur die Klassenräume sind betroffen: Auch die Schulhöfe heizen sich auf. Viele sind versiegelt, bestehen aus Beton oder Asphalt – keine Bäume, kein Schatten, keine Grünflächen. In der Mittagspause brennt die Sonne auf die Kinder herab. Bewegung? Fehlanzeige. Erholung? Nicht möglich.

Genau hier setzt die Initiative „Grüne Schulhöfe“ der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und des Deutschen Kinderhilfswerks (DKHW) an. In einer gemeinsamen Pressemitteilung forderten sie bereits vor einem Jahr: Entsiegeln, Begrünen, Umgestalten. Schulhöfe sollen wieder Orte der Bewegung und Erholung sein – auch als Beitrag zur Klimaanpassung in Städten. „Die meisten der über 32.000 Schulhöfe in Deutschland bestehen noch aus grauen Asphaltwüsten“, so DUH-Geschäftsführer Sascha Müller-Kraenner. „Wir brauchen verbindliche Mindeststandards für Schulgelände – und Gesetzesinitiativen aus Bund und Ländern.“

DUH und DKHW rufen auch Bürgerinnen und Bürger, Eltern und Lehrkräfte zum Handeln auf: Über die Website der DUH lässt sich mit wenigen Klicks ein Antrag auf einen grünen Schulhof in der eigenen Stadt stellen (hier geht’s hin).

Gute Beispiele gibt es – aber sie sind die Ausnahme

Einige Kommunen machen vor, wie es gehen kann: Schulneubauten im Passivhaus-Standard, Nachrüstungen mit Wärmeschutzverglasung, automatische Belüftungssysteme, begrünte Dächer und Höfe. Manche Schulen legen Schulgärten an oder verlagern den Unterricht in grüne Klassenzimmer. Aber es sind – noch – Einzelbeispiele.

Oliver Hintzen betont: „Wir wissen, was zu tun ist. Es mangelt nicht an Ideen oder Technik – sondern am politischen Willen, Schulen endlich ernsthaft als Lebens- und Arbeitsorte zu begreifen, die klimafit gemacht werden müssen.“ News4teachers 

GEW fordert Hitzeschutz-Offensive an Schulen: „Der Klimawandel ist längst im Klassenzimmer angekommen“

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