BERLIN. Ihm platzt der Kragen. Nicht aus Bequemlichkeit, nicht aus Lust am Jammern – sondern aus Erschöpfung. Ein Realschullehrer aus einer Großstadt rechnet ab mit dem Bild vom gemütlichen Halbtagsjob, mit 100 Wochen Ferien und angeblich geringer Belastung. Was folgt, ist ein wütender, persönlicher Bericht aus dem Maschinenraum Schule: über eskalierende Klassen, überforderte Kollegien, unbezahlte Mehrarbeit, politische Ignoranz – und über eine Bildungspolitik, die zuschaut, während das System langsam kollabiert. Wir dokumentieren den Post, der im Forenportal Reddit erschienen ist.

“Es folgt ein Rant zum Dasein als Lehrkraft. Ja, ich weiß, Halbtagsjob, 100 Wochen Ferien, usw. Das mit den Ferien ist in der Tat ein krasses Privileg, ich will da nicht so tun, als sei es anders. Aber…
Die Arbeit ist mittlerweile komplett irre geworden, was die Belastung angeht. Kontext: Ich bin Reallschullehrer in einer Großstadt. Dementsprechend “anspruchsvoll” sind die Schüler, zumindest in manchen Klassen. Gerade in den Pubertätsklassen (6. bis 8.) hat man teils mit extremen Verhaltensauffälligkeiten zu tun, die normales Unterrichten fast unmöglich machen.
In manchen Klassen hab ich das Gefühl, in einem Affenkäfig zu stehen
Und ich bin ziemlich streng, aber in manchen Klassen hab ich das Gefühl, in einem Affenkäfig zu stehen. Die Kinder werden zuhause oft sich selbst überlassen, sei es aus Unvermögen oder Desinteresse – und wir dürfen das ausbaden. Kinder, die sich keine fünf Minuten konzentrieren können, Kinder, die bei den kleinsten Kleinigkeiten “hochgehen”.
Die Frustrationstoleranz bei Schülern ist so niedrig wie noch nie, gleichzeitig war Corona richtig übel, was die Sozialkompetenz angeht. Es mangelt an grundlegenden Skills, die man eigentlich in der Grundschule erwirbt, z. B. fällt es vielen Schülern extrem schwer, auf Provokationen deeskalierend zu reagieren, weil sie zu wenig Erfahrung mit solchen Situationen haben. Einen Teil trägt sicher auch die relative soziale Isolation durch veränderte Erziehungsmethoden und neue Medien bei, ich hab mal in einer 6. Klasse ne Umfrage gemacht, wie lange die Kids täglich am Handy sitzen. Die Spitzenreiter kamen auf ACHT STUNDEN. Jeden Tag.
Aber gut, das ist der Unterricht. Den krieg ich mit meinen 10 Jahren Berufserfahrung mittlerweile gut gestemmt. Und ich habe auch großartige Klassen, wo ich sehr oft mit einem zufriedenen Lächeln rausgehe. Alles super also? Nein. Nicht mal annähernd. Ich habe z. B. diese Woche über 50 Stunden gearbeitet. Und das ist kein Ausreißer nach oben, sondern Standard. 30 Stunden gingen für das Unterrichten inkl. Vor- und Nachbereitung drauf. Hinzu kommen 5 Stunden Korrigieren, 3 Stunden Elternabend, 6 Stunden schulische Termine und nochmal 6 Stunden für Bürokratie, Telefonate und sonstiges Gedöns. Ich verlasse das Haus i. d. R. um kurz vor 7 und komme oft erst gegen 20 Uhr nach Hause. Und selbst wenn ich mal wirklich ‘nen klassischen Halbtag habe, sitze ich daheim noch bis abends an irgendwelchen Stunden oder Korrekturen.
Der tägliche Kontakt mit Jugendlichen ist wahnsinnig anstrengend, aber auch sehr bereichernd
Jetzt könnte man sagen: Streng dich halt weniger an. Scheiß auf guten Unterricht. Aber das sehe ich nicht ein, ich mache diesen Job, weil ich ihn wirklich liebe und weil ich so viel Gutes zurückbekomme, wenn der Unterricht etwas taugt. Der tägliche Kontakt mit Jugendlichen ist wahnsinnig anstrengend, aber auch sehr bereichernd. Entgegen weitläufiger Klischees sind viele Kids einfach cool und witzig, das hält mich wirklich bei der Stange. Auch mein Kollegium ist toll, wir arbeiten viel zusammen und haben trotz Überlastung ein gutes Klima zwischen uns.
Und jetzt das nächste ‘Aber’: In meinem Kollegium gärt es grade gewaltig. Alle sind drüber, einige hatten schon einen Burnout, andere stehen kurz davor. Viele wollen sich versetzen lassen – und das obwohl unser Schulhaus eines der modernsten der Stadt ist. Aber es ist einfach zu viel. Eine Kollegin erzählte heute beiläufig, dass sie gestern Nacht bis halb 3 wach war. Die Schulleitung ist bei alldem keine Hilfe, im Gegenteil. Trotz nett gemeinter Bekundungen, auf das Kollegium Rücksicht zu nehmen, werden wir mit Zusatzprojekten zugeschissen. Wenn die darauf verwendete Arbeitszeit wenigstens vergütet würde, würde ich nicht so meckern – aber 90 % der Arbeit, die für diese Projekte draufgeht, ist unbezahlt. Sie wird schlicht nicht erfasst. Aber hey, hauptsache die ‘Außenwirkung’ stimmt. Leck mich doch am Arsch.
Und am Horizont ist ein massiver Lehrermangel absehbar, was auch kein Wunder ist. Wer tut sich das auch freiwillig an? Das Problem ist, dass wir dann noch mehr Unterricht halten müssen, was wiederum mehr Korrekturen, mehr Elterngespräche, mehr Bürokratie bedeutet. Dieses elende Geseier der Zuständigen im Ministerium kotzt mich einfach nur noch an, man klopft sich auf die eigene Schulter, während überall die Hütten brennen.
Ja, es gibt nen Haufen faule Lehrer, wir alle hatten sie während unserer Schulzeit – und auch in meinem Kollegium gibt’s ein paar. Aber die sind echt in der Minderheit. Die meisten reißen sich täglich den Arsch auf und kriegen maximal ne bessere Beurteilung, die evtl. dazu führen kann, dass man ein bisschen mehr verdient. Aber Leistung wird trotzdem kaum belohnt, wahrscheinlich noch weniger als in der freien Wirtschaft.
Da die meisten Lehrkräfte verbeamtet sind, ist Arbeitskampf nicht möglich. Also hören viele einfach auf, teils richtig gute Leute. In meinem Kollegium haben in den letzten Jahren 10 Leute hingeschmissen, teils waren das überragende Lehrer*innen, die nicht nur beliebt, sondern auch fachlich hochkompetent waren. Aber wenn man zusammenbricht, muss man sich was anderes suchen.
Und sobald dann mal ein Artikel über Lehrer/Schule in den Medien gepostet wird, geht das übliche Gebashe in den Kommentaren los. ‘Lol, alle faul’, ‘Das ist doch gar keine richtige Arbeit’, ‘Die sollen mal nicht rumjammern’, usw.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass man billigend in Kauf nimmt, dass unsere Kinder verblöden
Ich hab’s satt. Nein, ich schmeiße nicht hin, noch nicht. Aber in 4-5 Jahren? Wahrscheinlich. Muss das entscheiden, bevor ich zu alt bin, um noch woanders unterzukommen. Ich will aber nicht hinschmeißen. Ich will, dass wir verdammt nochmal offen und kontrovers über Bildungspolitik streiten, anstatt irgendwelche Geschenke für Gruppen mit starker Lobby zu verteilen (ja, Populismus, aber ich bin sauer) oder sterbende Industrien zu subventionieren.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass man billigend in Kauf nimmt, dass unsere Kinder verblöden, weil man sie so am einfachsten lenken kann. Und ich bin wirklich kein Verschwörungsheini, aber man muss nur in die USA schauen, um ‘nen Einblick ins Endgame zu erhalten. Und wenn wir hier nicht JETZT aufwachen, dann blüht uns ähnliches. Bildung ist mehr als das Sammeln irgendwelcher Zettel, die für irgendwas berechtigen. Bildung ist das Fundament für eine gelingende Demokratie. End of rant.” News4teachers









Das passt auch dazu.
https://www.tagesspiegel.de/berlin/schule/die-deformierte-reform-berlins-neue-lehrkrafteausbildung-organisiert-den-padagogischen-stillstand-15166244.html
Dem ist nichts hinzuzufügen.
“Die Schulleitung ist bei alldem keine Hilfe, im Gegenteil. Trotz nett gemeinter Bekundungen, auf das Kollegium Rücksicht zu nehmen, werden wir mit Zusatzprojekten zugeschissen. Wenn die darauf verwendete Arbeitszeit wenigstens vergütet würde, würde ich nicht so meckern – aber 90 % der Arbeit, die für diese Projekte draufgeht, ist unbezahlt. Sie wird schlicht nicht erfasst. Aber hey, hauptsache die ‘Außenwirkung’ stimmt. Leck mich doch am Arsch.”
Könnte ich nicht besser formulieren!
Wenn es hier nicht um einen Realschullehrer ginge, hätte ich ihn an meiner Schule vermutet.
Das ist das Problem, sie lassen das mit sich machen.
Bei meiner Frau wird alles bezahlt und es gibt hohe Zuschläge, wenn es zu ungünstigen Zeiten ist. Schauen sie sich nach einem neuen Job um:-)
Aber es geht doch um die “Kiiinder!!!”. Da muss man doch nicht nach dem Geld schauen, oder? (Komisch, der Kinderarzt kassiert bei den Kleinen genauso wie bei den Großen…)
Und um die “Zuuukunft!!!”. Da muss man sich doch engagieren! (Komisch, wenn es um die “Zukunft” in der Industrie geht, nimmt Intel auch gerne Milliardensubventionen mit oder die Stahlkocher Milliarden für “grünen Stahl” oder die Autobauer für E-Autos…)
Und es geht um “Soziiiaaale Gereeeechtigkeit!”. Da muss doch gerade der (über?)versorgte verbeamtetet Lehrer mit Freuden abends, nachts und am Wochenende unbezahlte Überstunden schieben, oder? (Komisch, hunderete von NGO die für “Gerechtigkeit kämpfen” bekommen auch hunderte von Millionen vom Staat jedes Jahr und das mit stark steigender Tendenz…)
Also: “Kinder!”, “Zukunft!”, “Gerechtigkeit!”.
Da macht man doch mit Freuden mit! Und Sie wollen “mehr Geld”???
Bravo!
Aber leider interessiert das weder die Politik (Es gilt Geld einzusparen.) noch die Mehrheit der Eltern (Es gelten nur gute Noten und möglichst wenig Stress.)
Und deshalb wird sich auch nichts ändern.
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Vollste Zustimmung!
Ja, das ist es. Es ist auch ungerecht, wenn vergleichbar akademische Berufe 3 Tage Homeoffice genießen (muss man ja dazu sagen) und sich bei den Lehrerarbeitsbedingungen nichts zum Guten verändert. Wenn man sich vorstellt, dass die IGS 5 Tage bis zum Abend tagen, um die Zeugniskonferenzen abzuhalten und mancher völlig zerstückelte Zeiten hat, weil es nicht online ist, ist das eine regelrechte Sauerei heutzutage!
Es muss mehr Wertschätzung geben:
4-Tage Woche
30 % Homeschooling
Reallohnverlust kompensieren, rauf um 17 %
DB & GK online!
Ganz genau
Konferenzen alle online, nachmittagsunterricht online und 35 Std Woche 😉
Einfach angepasst an die IG , wie bei meiner Frau
Ich möchte zunächst einräumen, die Arbeit mit Schülern in der Puberträt ist nochmal eine Hausnummer für sich. Was ich da höre und lese, lässt mich nur grausen und ich frage mich, wie hält man das nur aus. (Einfache Antwort wohl: Man hält es nicht aus. Man flüchtet, wohin auch immer, in die Krankschreibung, in die Versetzung, in die Frühpensionierung…).
Für diese Zustände mache ich die Politik verantwortlich und die von diesen abzuleitenden Lehrerausbildern, die dir sagen, wenn du es nicht schaffst, alle Schüler zu motivieren, dann hast du was falsch gemacht.
Ich habe aber auch Kritik. Das folgende Punkte:
(1) Die Behauptung der 50 Stunden pro Woche als Regel gründen sich wieder mal auch auf Dinge, die man nicht jede Woche hat:
Abgesehen davon, dass man das doch nicht alles jede Woche hat, muss es auch auf die Ferien umgerechnet werden, in denen man keinen Unterricht gibt (minus Urlaubsanspruch).
(2) Der Kollege im Artikel klagt erst über die massive zeitliche Belastung neben dem Unterricht, schreibt dann, es wäre aber ok, wenn es bezahlt werden würde. Also ist ja dann die zeitliche Belastung nicht das Problem, sondern dass das (vermeintlich) nicht oder nicht ausreichend bezahlt wird? Das finde ich komisch. Wenn die zeitliche Belastung so schlimm ist, dass man kurz vorm Ausbrennen steht, hilft doch auch kein Geld.
Einfach nur mehr Geld zu geben, ist nun jahrelang die Strategie in den KuMins gewesen, um die Lehrer zufrieden- oder wenigstens ruhigzustellen. Mit offensichtlich geringem Erfolg. Alle nahmen das Geld und jammerten munter weiter oder wieder.
(3) Wer sind die “faulen Lehrer”? Ich hätte das gerne konkreter. Sind das die, die nicht alles mitmachen, die auch Nein sagen, die sich nicht ausbeuten lassen? Das ist doch richtig so. Welche obligatorische Aufgabe könnte man als Lehrer denn verweigern? Was Pflicht ist, muss getan werden. Ein Beamter ist weisungsgebunden, ein Angestellter de facto ja auch. Der Rest muss nicht getan werden. Dann lerne man, Nein zu sagen oder beiße sich in den entsprechenden Situationen auf die Zunge.
(4) Am Ende wird der Beitrag noch mehr vage. Die Kinder verblöden? Wieso? Es hieß doch, dass sich viele Lehrer große Mühe geben, etwas beizubringen. Also ohne Erfolg?
Die Lehrervorteile werden in diesem Beitrag gar nicht erwähnt. Sie uns allen bekannt und fast alle legen großen Wert darauf (viele wären sonst angeblich nicht Lehrer geworden, das sagen sie selbst in der Diskussion um den Beamtenstand: Pension, gutes Gehalt mit meist A13, private Krankenkasse infolgedessen mit alle den Vorzugsbehandlungen, Unkündbarkeit, diverse Gehaltszuschläge, Ferien…). Das alles zählt nun doch wieder nichts? Aber wenn das alles nichts zählt und so unwichtig ist, warum bleibt man dann Lehrer, wenn der Rest so schlimm ist? Dann gehe man doch einfach.
Wechseln sie den Job:
4 Tage Woche
35 Std Woche
Gleitzeit
Bonuszahlung
13 Gehalt
Außertariflich für Sie?
Ich fühle mit dem Kollegen aus der Hauptstadt mit. leider scheinen viele ältere Kollegen hier auch nicht zu sehen, dass es den jüngeren Lehrern schlechter ergeht und die Belastung nicht mehr erstrebenswert ist, Freunde. Wenn ich meinen Hasilein so anschaue, wie glücklich er ist und wie sehr seine Firma auf ihn eingeht und ihm ein supi Leben zaubert mit den 3 Tagen im Homeoffice, der 35 Stunden Woche, der Gleitzeit und diesem neuen Flexiurlaub / mal locker 10 Tage einfach mehr Urlaubstage. Wow
Demnächst ist er im Bildungsurlaub in Portugal. Raus aus OWL. Ich werde weiterhin kratzen und das Auto frei machen. Alles schön in Präsenz bei den Nullrunden. Werden es 7 %, werden es 1%?
Wir brauchen die 4 Tage Woche und 1 Tag zum Arbeiten im Zuhause und wir brauchen bessere Gehälter und die 35 Stunden Woche, weil sie viele andere Gewerkschaften schon längst errungen haben. Was machen eigentlich unsere Gewerkschaften? Wurde was erreicht???
Bin neugierig.
Eure Winter Peti 🙂
Liebe Petra,
wir wissen ja, du bist die Beste! Hut ab madame.
Viele wissen das gar nicht. Ich musste mir erstmal die Bedingungen der Gewerkschaften für die 35 Stunden Woche der Auto und Metallbranche anschauen. Das glaubt man gar nicht, wie weit schlechter die Schulbedingungen sind. Es hat sich ja so viel verändert.
Es ist ja doch ein großer Unterschied, ob ich 8 Stunden weniger pro Woche arbeite. das ist ja dann 1 ganzer Arbeitstag! Die Arbeitszeit zur Schule, sagen wir 30 min. Das ist 1 ganze Stunde pro Tag! mehr. Pro Woche sind das ganze 5 Stunden mehr im Vergleich zu diesen Homeofficearbeiten. Wir sehen diese Problematik, liebe Petra. Du kennst dich da ja sehr gut aus! Ganz liebe Grüße
Petra hat das wirklich gesehen, was viele Beufe schon bieten.
Meine Frau hat auch den IG Tarif und Lehrer mit dem Tarif verglichen, ist hart.
Das sind Jahre Mehrarbeit für Lehrer.
4 Tage Woche muss her;-)
Bravo, bravo – genau so sieht’s aus! Endlich mal jemand, der nicht in pädagogischem Wattebauschsprech versinkt, sondern Klartext liefert. Ein Kollege, der ausspricht, was sich viele seit Jahren nur noch denken, weil man sonst sofort als „nicht resilient genug“ abgestempelt wird.
Wenn ein Lehrer sagt, “die Arbeit sei „komplett irre geworden“,dann möchte man ihm am liebsten den roten Teppich ausrollen – für noch mehr Klartext. Bitte weiterreden, wir brauchen mehr davon. Denn ja – “In manchen Klassen hab ich das Gefühl, in einem Affenkäfig zu stehen”. Und das ist keine Übertreibung, sondern eine nüchterne Zustandsbeschreibung. In der Oberstufe oder beruflichen Bildung ist es nicht anders, nur besser getarnt, weil die Käfigbewohner dort gelernt haben, ihre Bananen weiter zu werfen.
Und dann diese ewige Heuchelei der Schulleitungen. “Trotz nett gemeinter Bekundungen, auf das Kollegium Rücksicht zu nehmen, werden wir mit Zusatzprojekten zugeschissen.” Exakt so läuft es. Bei uns an Gymnasien kein Deut besser. Hauptsache irgendein neues Leuchtturmprojekt, irgendeine „Innovation“, die man stolz in den Schulnewsletter drucken kann, während das Kollegium kollektiv am Limit kratzt.
Denn am Ende zählt nur die glänzende Fassade. “Aber hey, Hauptsache die ‘Außenwirkung’ stimmt. Leck mich doch am Arsch.” Treffender kann man den Zustand des Systems nicht sezieren und das nur noch periphere Tangieren zum Selbstschutz ausdrücken. Außenwirkung ist der neue Götze – und bei uns misst man sie daran, welches Gymnasium am effizientesten die Noten inflationiert, selbstverständlich im Rahmen hochseriöser „Kompetenzsimulationsprojekte“.
Und genau da zeigt sich der ganze Irrsinn: ein Bildungssystem, das sich selbst immer noch zu oft feiert – für was auch immer-, während es gleichzeitig Strukturen pflegt, in denen genau jene Lehrer und Erzieher kaputtgespielt werden, die den Irrsinn erkennen und benennen – still, systematisch und mit einem Lächeln für die Außenwirkung.
“Manchmal habe ich das Gefühl, dass man billigend in Kauf nimmt, dass unsere Kinder verblöden.”
Nicht nur manchmal! Inzwischen wirkt es fast wie ein inoffizielles Modul der großen Bildungsinitiative Schland 2035 – jenem Schlagwort, das @447 so treffend geprägt hat. Schöne Grüße an dieser Stelle: Volltreffer.
Und genau das zeigt der Artikel ja deutlich: Wer so offen ausspricht, was schiefläuft, wer – wie der Kollege – klar sagt “Leckt mich doch am Arsch”, macht sichtbar, wie tief der Frust sitzt. Trotzdem läuft es am Ende darauf hinaus, dass der letzte Lehrer und Erzieher, der diesen Irrsinn erkennt und benennt, ausgebrannt das Weite sucht.
Ein System, in dem längst der ganze, nicht einmal mehr gerade im Gleis sitzende Bildungszug immer rasanter gegen die Wand rast – und gleichzeitig diejenigen verschlissen werden, die ihn eigentlich bremsen könnten. Das ist Irrsinn mit Methode!!!
Es ist aber schon ein bisschen erschreckend, wie viel Beifall der Artikel bekommt. Es wird wieder nur gejammert und gejammert und in Teilen doch sehr übertrieben und das war’s dann aber auch wieder. Es folgt nichts, aber auch gar nichts daraus. Die Betroffenen erwarten wieder einmal, dass irgendwelche anderen für sie die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Rufen Berufsorganisationen, das ist ja nicht nur die GEW, zu Kundgebungen oder Demonstrationen und sonstigen Aktionen auf, hält sich die Teilnehmerzahl doch sehr in Grenzen und da, wo man die Wahl hatte wie in Berlin, verzichtete man auch gerne auf sein Streikrecht und ließ sich verbeamten. 90% der “verbeamtungsfähigen” Lehrer in Berlin, die bis vor Kurzem noch Angestellte waren (so um die 20.000) habe ich verbeamten lassen. Sie wollten nur das. Das war ihr wichtigstes Ziel. Und nun hört man wieder Gejammer, wie schlimm alles ist und dass man als Beamter nichts machen kann, denn man darf ja nicht streiken und Ausscheiden aus dem Beamtenstand ist mit so vielen Komplikationen verbunden… Da kann man nur staunen.