Mehr Unterricht, weniger Seminar: Bildungssenatorin weitet Einsatz von Referendaren aus

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BERLIN. Der Berliner Senat will das Lehramtsreferendariat neu ausrichten: mehr Unterricht an den Schulen, weniger Theorie in den Seminaren. Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) spricht von besserer Ausbildungsqualität und einer Entlastung der Schulen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Berlin widerspricht entschieden und wirft der Bildungsverwaltung vor, Ausbildung systematisch zur Personalreserve umzubauen.

Sprung ins kalte Wasser. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Ab dem kommenden Sommer sollen Lehramtsreferendarinnen und -referendare in Berlin stärker an den Schulen eingesetzt werden. Das kündigte Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) an. Künftig sollen angehende Lehrkräfte zwölf statt bisher zehn Wochenstunden unterrichten. Zugleich soll der Theorieanteil der Ausbildung reduziert werden. Nach einem 30-stündigen Blockseminar zu Beginn des Referendariats sollen Fachseminare nicht mehr wöchentlich, sondern nur noch alle zwei Wochen stattfinden.

Die Senatorin begründet die Umstellung mit dem Ziel, die Ausbildungsqualität zu verbessern. Referendarinnen und Referendare sollten intensiver begleitet werden, etwa durch Unterrichtsbesuche und Coaching. Neu eingeführte Qualifizierungslehrkräfte sollen sie dabei an den Schulen unterstützen. „Ich will die Ausbildungsqualität verbessern“, sagte Günther-Wünsch dem rbb. Zugleich würden die Referendar*innen durch die veränderte Struktur stärker in den Schulalltag eingebunden.

Gleichzeitig, so Günther-Wünsch, würden sich Schulleitungen seit Langem wünschen, Referendar*innen besser und verlässlicher einplanen zu können. Zwischen den Seminarterminen sollten die „Lehramtsanwärter den Schulen tatsächlich zur Verfügung stehen“, erklärte die Senatorin. Damit solle es für die Schulen möglich werden, sie „besser und zuverlässiger einzuplanen“.

„Eine Reform mit einer erneuten Arbeitszeiterhöhung einzuläuten, macht das erklärte Ziel einer besseren Ausbildungsqualität völlig unglaubwürdig“

Die zusätzlichen zwei Wochenstunden sollen nach Darstellung der Bildungsverwaltung nicht zwingend eigenverantwortlich unterrichtet werden. Sie könnten – abhängig vom Entwicklungsstand der Referendarinnen – auch für Hospitationen genutzt werden. Die Schulen sollen daher weiterhin nur zehn Stunden pro Referendarin auf ihren regulären Lehrkräftestundenpool angerechnet bekommen.

Die GEW weist diese Darstellung zurück und lehnt die angekündigte Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung „strikt“ ab. Die Vorsitzende der GEW Berlin, Felicia Kompio, erklärte: „Eine vollmundig angekündigte Reform des Lehramtsreferendariats mit einer erneuten Arbeitszeiterhöhung einzuläuten, macht das erklärte Ziel einer besseren Ausbildungsqualität völlig unglaubwürdig.“ Aus Sicht der Gewerkschaft zeige sich darin eine klare Prioritätensetzung der Bildungsverwaltung. „Offenbar geht es der Senatorin nicht um eine bessere Ausbildung, sondern vorrangig um die Abdeckung des Unterrichtsbedarfs“, so Kompio weiter. „Weil der Senat bei der Sicherung des Lehrkräftebedarfs versagt hat, werden erneut die Schwächsten zur Kasse gebeten.“

Bereits die im Sommer 2024 verfügte Erhöhung des sogenannten Anrechnungsfaktors – von sieben auf zehn Stunden – habe gravierende Folgen für die Ausbildungspraxis, so die GEW. In der Praxis würden die meisten Referendar*innen von Beginn an mit den maximal möglichen zehn Stunden selbstständig im Unterricht eingesetzt. Für angeleiteten Unterricht, Hospitationen und gemeinsame Reflexion bleibe kaum noch Zeit, gerade im ersten Ausbildungshalbjahr. Die Gewerkschaft betont, dass gerade diese Phase entscheidend sei, „um sich einzuarbeiten, Unterricht zu beobachten und zu reflektieren“.

Zugleich habe diese Maßnahme rechnerisch rund 160 Vollzeitstellen abgedeckt – mit steigender Tendenz, da die Zahl der Referendar*innen leicht wachse. Nach Darstellung der Bildungsverwaltung entspricht diese Erhöhung dem Bundesdurchschnitt. Günther-Wünsch verweist darauf, dass sich dadurch die Lehrkräftelücke deutlich verringert habe.

Nach Angaben der Senatorin ist die Zahl der Referendar*innen an Berliner Schulen in den vergangenen Jahren auf rund 3.000 gestiegen, Quereinsteiger eingeschlossen. Bei ihrem Amtsantritt im Mai 2023 sei für das folgende Schuljahr noch eine Lücke von 1.500 Vollzeitstellen prognostiziert worden. Tatsächlich habe sie dann bei rund 750 gelegen und sei inzwischen auf etwa 200 fehlende Lehrkräfte gesunken – trotz steigender Schülerzahlen.

Die Senatorin führt diese Entwicklung vor allem auf organisatorische Maßnahmen zurück. So könnten Schulen unbesetzte Lehrerstellen – auch zeitweise – umwandeln und etwa mit Ergotherapeutinnen oder Sozialarbeiterinnen besetzen. Rund 154 Vollzeitstellen seien durch die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung der Referendar*innen von sieben auf zehn Stunden kompensiert worden. Weitere rund 300 Stellen habe der Senat eingespart, indem Schulen Stunden für den sogenannten Profilbedarf II gestrichen wurden. Diese Stunden seien laut Bildungsverwaltung ursprünglich dafür vorgesehen gewesen, das Schulprofil weiterzuentwickeln.

„Der Senatorin geht es nur darum, der Öffentlichkeit weiszumachen, sie hätte die Lücke bei der Lehrkräfteausstattung deutlich verringert“

Die GEW Berlin bewertet diese Bilanz grundlegend anders. Nele Hoffschildt, Leiterin des Vorstandsbereichs Hochschulen und Lehrerinnenbildung, erklärte: „Diese Stellen fehlen den Schulen für die Einstellung neuer Referendarinnen und auch fertig ausgebildeter Lehrkräfte.“ Bereits jetzt hätten Seminarleitungen „erhebliche Mühe, für alle neuen Referendar*innen passende Ausbildungsschulen zu finden“.

Auch die Einführung der angekündigten Qualifizierungslehrkräfte sieht die Gewerkschaft kritisch. Johannes Thoma vom Personalrat der Lehramtsanwärterinnen sagte: „Auch die Einführung sogenannter Qualifizierungslehrkräfte wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet.“ Unklar sei bislang, „ob hier lediglich alte Mentorinnen neu etikettiert werden, wie die Qualifizierung dieser Lehrkräfte aussieht und welche Entlastung sie in Form von Abminderungsstunden bekommen“. Ohne diese Klärungen drohe „eine weitere Verschiebung von Mehrarbeit, zulasten der Ausbildung und der Kolleginnen“.

Nach Berechnungen der GEW sind zusammen mit der Aussetzung des Profilbedarfs II und der Umwandlung von Lehrkraftstellen in Stellen für multiprofessionelle Teams insgesamt rund 970 Vollzeitstellen für Neueinstellungen weggefallen. Hoffschildt wirft der Senatorin vor, den Lehrkräftemangel kleinzurechnen: „Der Senatorin geht es nur darum, der Öffentlichkeit weiszumachen, sie hätte die Lücke bei der Lehrkräfteausstattung deutlich verringert.“ Dadurch werde „der eklatante Mangel an Lehrkräften bewusst schön gerechnet und die hohe Arbeitsbelastung der Kollegien weiter ignoriert und verschärft“.

Besonders grundlegend ist die Kritik der GEW an der Logik, Referendarinnen zur Absicherung des Unterrichts einzusetzen. „Wenn die Unterrichtsstunden von Referendarinnen auf den regulären Stundenpool der Schulen angerechnet werden, wird Ausbildung systematisch zur Personalreserve umfunktioniert“, sagte Thoma. „Referendarinnen ersetzen dann reguläre Stellen, statt angeleitet ausgebildet zu werden. Das hat mit guter Lehrkräftebildung nichts zu tun und muss beendet werden.“ News4teachers

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unfassbar
2 Stunden zuvor

Weniger Seminarbesuche, aber mehr eigenständigen Unterricht und mehr Unterrichtsbesuche? Das klingt für mich eher nach viel mehr Arbeit und mehr Druck für die Referendare bei gleichem Einkommen. Die Stundenplaner haben bei den zweiwöchentlichen Seminarterminen auch sehr große Probleme.