Start Praxis Debatte: Wie wirksam sind Altersverbote für Jugendliche in sozialen Medien wirklich?

Debatte: Wie wirksam sind Altersverbote für Jugendliche in sozialen Medien wirklich?

8

FRANKFURT/MAIN. Was bringt ein verschärfter Jugendschutz im Internet? Wenig – zumindest dann, wenn er vor allem auf pauschale Verbote setzt. Zu diesem Schluss kommen zwei Wissenschaftlerinnen, die sich ausführlich zum kürzlich in Kraft getretenen australischen Social-Media-Gesetz geäußert haben: Denise Klinge, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienbildung an der Uni Frankfurt, und Andrea Irmer, Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am DIPF – Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven bezweifeln sie, dass ein Altersverbot die zentralen Risiken sozialer Medien wirksam begrenzen kann – und warnen vor Nebenfolgen, die den intendierten Schutzeffekt sogar unterlaufen könnten.

Digital Detox? (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

„Die Debatte um ein mögliches Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche in Australien greift ein reales Problem auf, greift in ihrer aktuellen Zuspitzung jedoch zu kurz“, sagt Erziehungswissenschaftlerin Denise Klinge im UniReport der Goethe-Universität Frankfurt. Ein pauschales Verbot verkenne „sowohl die sozialen Funktionen digitaler Räume als auch die Verantwortung von Politik, Plattformen und Erwachsenen“. Aus ihrer Sicht würden damit „die falschen Akteure und die falschen Probleme benannt“. Statt Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt zu stellen, müssten Plattformbetreiber reguliert werden. „Algorithmische Empfehlungsmechanismen, die im System halten sollen, problematische Inhalte und unzureichende Meldemöglichkeiten (und fehlende Regelung der Konsequenzen) werden nicht adressiert“, kritisiert Klinge.

Auch aus psychologischer Sicht ist die Erwartung, ein Altersverbot könne Schutz automatisch herstellen, problematisch. Andrea Irmer betont gegenüber dem UniReport, soziale Medien seien heute „ein fester Bestandteil des Alltags vieler junger Menschen“. Dort fänden Freundschaften und sozialer Austausch statt, es entstünden Zugehörigkeitsgefühle und Unterstützung. „Diese Räume pauschal zu entziehen, würde bedeuten, einen relevanten Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen auszublenden – das halte ich nicht für sinnvoll“, sagt Irmer. Die digitale Welt lasse sich nicht ausklammern, und aus ihrer Sicht solle genau das auch nicht das Ziel sein.

„Die Umsetzung einer Alterskontrolle in sozialen Medien wirft zahlreiche praktische, rechtliche und ethische Fragen auf“

Beide Expertinnen verweisen darauf, dass soziale Medien keine neutralen Kommunikationsräume sind. Irmer beschreibt sie als „hochoptimierte Systeme, die Aufmerksamkeit binden und Nutzung intensivieren sollen“. Entwicklungsbedingt könne man von Kindern und Jugendlichen nicht erwarten, „dass sie diesen Mechanismen aus eigenem Antrieb dauerhaft widerstehen“. Klinge ergänzt, der politische Fokus auf individuelle Nutzung verdecke strukturelle Ursachen. Der Einfluss des digitalen Kapitalismus und profitorientierter Plattformlogiken auf soziale Dynamiken müsse politisch begrenzt werden, statt Verantwortung auf junge Nutzerinnen und Nutzer abzuwälzen.

Vor diesem Hintergrund äußern beide erhebliche Zweifel an der Wirksamkeit des australischen Modells. Ein zentrales Risiko sieht Klinge in Verlagerungseffekten. „Ein Verbot einzelner sozialer Plattformen wird die Nutzung digitaler Kommunikation nicht beenden, sondern lediglich verlagern“, sagt sie. Mediengeschichte zeige, dass neue Plattformen dort entstünden, wo bestehende Angebote eingeschränkt würden. Nutzungspraktiken könnten sich „in Räume verschieben, die pädagogische Bezugspersonen, Schulen und Eltern noch weniger kennen und begleiten können“. Damit steige das Risiko einer Entgrenzung digitaler Praktiken – bis hin zu schwer kontrollierbaren oder illegalen Kommunikationsräumen.

Hinzu kommen aus ihrer Sicht erhebliche Umsetzungsprobleme. „Die Umsetzung einer Alterskontrolle in sozialen Medien wirft zahlreiche praktische, rechtliche und ethische Fragen auf“, sagt Klinge. Schlupflöcher ließen sich kaum vermeiden, etwa durch die Nutzung von Accounts älterer Personen. Offen bleibe zudem, „wie Datenschutz, Anonymität und Meinungsfreiheit gewahrt werden, wenn persönliche Ausweise mit Social-Media-Konten verknüpft werden“. Unklar sei auch, wer über Datenerhebung, Speicherung und Kontrolle entscheide und wie strafrechtliche Konsequenzen bei Regelverstößen praktisch umgesetzt würden.

„Ein wirksamer Schutz von Jugendlichen entsteht nur durch Befähigung, Begleitung und regulierte Rahmenbedingungen, nicht durch Entzug sozialer Räume“

Andrea Irmer verweist ergänzend auf die individuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Eine starre Altersgrenze lasse sich psychologisch nur schwer begründen. „Entwicklung verläuft nicht in Jahresschritten, sondern individuell“, sagt sie. Manche 14-Jährige seien bereits sehr reflektiert, während andere länger Orientierung und Schutz benötigten. Sinnvoll sei daher „ein gestuftes, verantwortungsvolles Heranführen – beginnend mit begrenzten, geschützten Nutzungsformen, klaren Regeln durch Eltern und einer kontinuierlichen Begleitung“. Ziel müsse es sein, junge Menschen schrittweise zu einer selbstbestimmten und ausgewogenen Nutzung zu befähigen.

Unstrittig ist für beide Fachrichtungen, dass eine sehr intensive Nutzung sozialer Medien mit Belastungen einhergehen kann. Irmer verweist auf zahlreiche Studien, die Zusammenhänge mit „schlechter Stimmung, einem niedrigeren Selbstwert, depressiven Symptomen, Angst-, Schlaf- und Essstörungen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen sowie Aufmerksamkeitsschwierigkeiten“ zeigen. Besonders im Jugendalter, wenn Selbstbild und Identität noch im Aufbau seien, könnten Plattformen, „die stark auf Sichtbarkeit, Vergleich und Bewertung ausgerichtet sind“, diese Prozesse verstärken. Gleichzeitig warnt sie vor einfachen Ursache-Wirkungs-Zuschreibungen. „Soziale Medien wirken nicht im luftleeren Raum“, betont Irmer. Häufig verstärkten sie bestehende Belastungen, statt sie allein zu verursachen.

Auch Klinge plädiert für eine differenzierte Betrachtung. Die Debatte über den Einfluss sozialer Medien werde häufig durch Annahmen älterer Generationen geprägt, während die empirische Studienlage uneindeutig sei. Soziale Medien würden oft automatisch als Risiko interpretiert, ermöglichten aber zugleich intensiven Kontakt zu Freundinnen und Freunden sowie zur Familie. Jugendliche nutzten digitale Räume als Teil ihrer sozialen Entwicklung. Plattformen unterstützten die Abnabelung von Eltern und die stärkere Orientierung an Peers – ein zentraler Aspekt jugendlicher Entwicklungsaufgaben.

Erst vor diesem Hintergrund lässt sich das australische Gesetz einordnen. Seit dem 10. Dezember dürfen Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren dort keine eigenen Konten mehr auf großen Social-Media-Plattformen besitzen. Die Verantwortung für die Umsetzung liegt ausdrücklich bei den Anbietern, denen bei Verstößen hohe Geldstrafen drohen. Premierminister Anthony Albanese begründet das Gesetz mit dem Schutz vor Suchtmechanismen und sprach davon, jungen Menschen mehr Zeit für eine „normale Kindheit“ zu verschaffen. Kritiker warnen jedoch vor Umgehungsstrategien, Ausweichbewegungen auf andere Dienste und tiefgreifenden Eingriffen in Grundrechte.

Für Deutschland sehen beide Expertinnen vor allem einen Auftrag zur differenzierten politischen Gestaltung. Klinge fasst zusammen: „Verbote greifen zu kurz.“ Notwendig seien stattdessen eine konsequente Regulierung der Plattformen, der Ausbau von Medienkompetenz für alle Altersgruppen und klare rechtliche Rahmenbedingungen. „Ein wirksamer Schutz von Jugendlichen entsteht nur durch Befähigung, Begleitung und regulierte Rahmenbedingungen, nicht durch Entzug sozialer Räume.“ Auch Irmer plädiert für einen kombinierten Ansatz aus Schutz, Aufklärung und struktureller Regulierung – und gegen die Vorstellung, komplexe digitale Lebenswelten ließen sich durch einfache Altersgrenzen kontrollieren. News4teachers 

Social Media erst ab 16? Bürger befürworten Altersgrenze, Lehrerverband dagegen

Anzeige

Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

8 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
DerechteNorden
1 Monat zuvor

“Notwendig seien stattdessen eine konsequente Regulierung der Plattformen, der Ausbau von Medienkompetenz für alle Altersgruppen und klare rechtliche Rahmenbedingungen.”
Alles schön und gut. Wird es aber nun einmal nicht geben

blau
1 Monat zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Eben. Außer man schafft eine EU-Alternative für Jugendliche

GriasDi
1 Monat zuvor

Warum wartet man nicht einfach ab, wie es sich in Australien entwickelt? Dann wären keine Spekulationen nötig.

Hans Malz
1 Monat zuvor

„Ein wirksamer Schutz von Jugendlichen entsteht nur durch Befähigung, Begleitung und regulierte Rahmenbedingungen, nicht durch Entzug sozialer Räume“

Dann mal ab in die Schule und vormachen. Zeigt doch mal den Kollegen, wie das geht, sollte ja kein großes Problem darstellen.

Ringo
1 Monat zuvor

“Der Einfluss des digitalen Kapitalismus und profitorientierter Plattformlogiken auf soziale Dynamiken müsse politisch begrenzt werden, statt Verantwortung auf junge Nutzerinnen und Nutzer abzuwälzen.”

Die Verantwortung liegt bei den Eltern.

“Unstrittig ist für beide Fachrichtungen, dass eine sehr intensive Nutzung sozialer Medien mit Belastungen einhergehen kann. Irmer verweist auf zahlreiche Studien, die Zusammenhänge mit „schlechter Stimmung, einem niedrigeren Selbstwert, depressiven Symptomen, Angst-, Schlaf- und Essstörungen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen sowie Aufmerksamkeitsschwierigkeiten“ zeigen.”

Es könnte auch so sein, das die Belastungen, niedriger Selbstwert, Depression usw. zu diesem, gesellschaftlich weitgehend akzepierten, Suchtverhalten führen, da Sucht häufig als Begleiterscheinung der genannten Störungen auftritt.

Rüdiger Vehrenkamp
1 Monat zuvor

Wie wirksam sind Altersverbote in Bezug auf Alkohol und Tabak? Im Grunde eine rhetorische Frage. Gewiss kann man diese Verbote am Tresen besser kontrollieren. Aber mit Aufklärung alleine ist es nicht getan. Warum sehe ich bereits Grundschüler heimlich in ner dunklen Seitengasse vapen? Warum haben Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 häufig ihren ersten Vollrausch? Drogenfreie Schulen – gibts die überhaupt?

Aufklärung ist schön und gut, aber das alleine reicht oft nicht. Seit wann hören Pubertierende schon auf das, was Erwachsene ihnen anraten, sagen, klarmachen? Soziale Medien sind nicht nur für Jugendliche ein Gift, das selbst in geringen Dosen immer wieder Schäden anrichtet, insbesondere bei der Psyche. Es werden falsche Vor- und Rollenbilder vermittelt, Hassprediger und extreme Parteien können ihren Mist mit Easy-going-Videos in wachsende Gehirne pressen und zudem denken Jugendliche, das einzig erstrebenswerte Leben spielt sich auf einer Yacht in Dubai ab.

100% wirksam sind diese Verbote gewiss nicht. Aber sie schaden auch niemandem.

Achin
1 Monat zuvor

Was “bringen” Verbote für Jugendliche hinsichtlich Zigaretten, Alkohol, Nachtclubs, Arbeitszeiten, Reisen, Videospiele, Filme, Einkäufe…?

Hat jemand etwas dagegen, dass sich Jugendliche via SMS (oder einen anderen “begrenzten” Messangerdienst) verabreden

Sepp
1 Monat zuvor

Hinzu kommen aus ihrer Sicht erhebliche Umsetzungsprobleme. „Die Umsetzung einer Alterskontrolle in sozialen Medien wirft zahlreiche praktische, rechtliche und ethische Fragen auf“, sagt Klinge. Schlupflöcher ließen sich kaum vermeiden, etwa durch die Nutzung von Accounts älterer Personen.

Dieses Argument kann ich auf alle Verbote und Gesetze anwenden:
Warum gibt es ein Verbot von Alkohol, Zigaretten, Drogen usw. für Kinder? – Sie könnten doch auch einfach die Substanzen ihrer Eltern konsumieren oder sie unter der Hand bekommen?

Bei einer unserer Schülerinnen gab es zur Feier des 14. Geburtstags (!) dennoch harten Alkohol, hatte die Mutter besorgt, damit die Kids mal so richtig feiern können. Aber grundsätzlich hätten die meisten Erwachsenen dabei hoffentlich doch Bedenken.

Und genau das ist ein Punkt, den Verbote bringen, sie führen auch zur Sensibilisierung von Erwachsenen. Wenn (a)soziale Medien grundsätzlich für Kinder verboten sind, dann überlegen Erwachsene vielleicht doch, ab wann ihr Kind ein Smartphone bekommt usw.

soziale Medien seien heute „ein fester Bestandteil des Alltags vieler junger Menschen“. Dort fänden Freundschaften und sozialer Austausch statt, es entstünden Zugehörigkeitsgefühle und Unterstützung. „Diese Räume pauschal zu entziehen, würde bedeuten, einen relevanten Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen auszublenden – das halte ich nicht für sinnvoll“, sagt Irmer.

Auch könnte man immer argumentieren, dass z.B. Bier ein Kulturgut sei und man sich doch so herrlich beim Bier unterhalten könne. Aber muss das so sein? Und müssen sich Kinder und Jugendliche bei Alkohol unterhalten?

Die negativen Auswirkungen von sozialen Medien sehen wir zunehmend: Kinder und Jugendliche können ja auf unzähligen Wegen miteinander kommunizieren. Stattdessen treffen sie sich nicht mehr, sitzen zu Hause vor ihren Geräten und vereinsamen.
Ist das der hier angepriesene Effekt von Zugehörigkeit und Unterstützung?

Andrea Irmer verweist ergänzend auf die individuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Eine starre Altersgrenze lasse sich psychologisch nur schwer begründen. „Entwicklung verläuft nicht in Jahresschritten, sondern individuell“, sagt sie. Manche 14-Jährige seien bereits sehr reflektiert, während andere länger Orientierung und Schutz benötigten.

Wie ist das in anderen Kontexten? Darf rechtlich ein sonst sehr “reifer” 14-Jähriger legal Vodka kaufen und sich ins Koma saufen? Oder gibt es da auch klare Altersgrenzen?

Klinge fasst zusammen: „Verbote greifen zu kurz.“

Es geht doch nicht um “entweder/oder”, nicht darum, etwas generell zu verbieten und gar keine Aufklärung zu machen.
Wir haben Präventionsangebote, besprechen mit Schülern die Gefahren von Rauchen und Alkohol. Aber das bedeutet nicht, dass die Schüler in der Schule rauchen oder Alkohol trinken dürften. Ebenso dürfen Kinder diese Produkte noch nicht kaufen, auch wenn wir Prävention dazu machen.

Ebenso brauche ich keine sozialen Medien, um den Schülern gefährliche Dynamiken dort erkenntlich zu machen. All das muss präventiv ablaufen, also bevor Schüler diese Medien nutzen dürfen.