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Inklusive Universitätsschule Köln: Wo Wissenschaft und Praxis gemeinsam an der Schule der Zukunft arbeiten (und künftige Lehrkräfte ausbilden)

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KÖLN. Die Heliosschulen in Köln gelten als eines der ambitioniertesten Schulentwicklungsprojekte in Deutschland. Als Inklusive Universitätsschule Köln (IUS) verbinden sie schulische Praxis, wissenschaftliche Begleitung und Lehrkräftebildung in einem gemeinsamen Konzept. Wie Schule der Zukunft aussehen kann, welche Rolle Lehrkräfte dabei spielen und wo die Grenzen des bestehenden Systems liegen, darüber sprechen Andreas Niessen, Schulleiter der Helios-Sekundarstufe, und der wissenschaftliche Leiter Professor Matthias Martens von der Universität zu Köln im Interview mit News4teachers.

Die Heliosschulen Köln bekommen ein neues Schulgebäude. Foto: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

News4teachers: Herr Niessen, wie würden Sie eine „Schule der Zukunft“ beschreiben?

Andreas Niessen: Man muss vorausschicken, dass die Schule der Zukunft sehr anders sein muss als die Schule der Gegenwart, die im Grunde eine Schule der Vergangenheit ist. Viele Strukturen, in denen wir arbeiten – Fachorientierung, Schulformen, jahrgangsbezogene Organisation – sind vor rund 200 Jahren entstanden und passen nicht mehr zu den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Gleichzeitig ist es schwer, sich Schule der Zukunft konkret vorzustellen, weil wir auch nicht genau wissen, wie die Zukunft aussehen wird. Klar ist aber, dass Kinder und Jugendliche Kompetenzen wie Resilienz, Kreativität und Flexibilität brauchen werden, weil sich Berufsbilder immer schneller verändern oder ganz verschwinden, Stichwort Künstliche Intelligenz.

Diese Fähigkeiten hängen aus meiner Sicht stark mit dem Faktor Beziehung zusammen. Gerade in einer zunehmend digitalisierten Welt werden soziale Beziehungen noch wichtiger. Eine Schule der Zukunft muss deshalb soziale Beziehungen gezielt stärken, weil viele Inhalte, die wir heute noch lernen, möglicherweise in zehn oder zwanzig Jahren von digitalen Systemen übernommen werden.

News4teachers: Gehen Sie da mit, Professor Martens, oder würden Sie andere Akzente setzen?

Matthias Martens: Grundsätzlich gehe ich da mit. Ich würde aber ergänzen, dass wir über Schule der Zukunft sprechen müssen, weil wir aktuell massive Passungsprobleme zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und dem Bildungssystem erleben. Wir sehen seit langem unterdurchschnittliche Lernergebnisse, eine starke Bürokratisierung von Schulentwicklung, eine geringe Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Praxis, eine deutliche Entkopplung von Theorie und Praxis in der Lehrerkräftebildung und eine monoprofessionelle Ausrichtung des Studiums als Vorbereitung auf eine interprofessionelle Berufspraxis.

Wenn wir über Schule der Zukunft nachdenken, müssen wir deshalb über die Zukunft des gesamten Bildungssystems sprechen. Die Verantwortung kann nicht allein bei den Einzelschulen liegen, sondern muss systemisch angegangen werden.

Auf Schule bezogen heißt das für mich: Schule muss ein sicherer, wertschätzender Lern-, Arbeits- und Lebensort sein. Schulische und außerschulische Lebenswelten müssen stärker miteinander verknüpft werden, Ganztag muss rhythmisiert gedacht werden, Lehrkräfte und andere pädagogische Mitarbeitende müssen auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Dazu gehören gute Arbeitsbedingungen, transparente Arbeitszeitmodelle und Lernbegleitung statt reiner 45-Minuten-Instruktion. Einzelne Schulen können hier viel gestalten, aber ohne systemische Veränderungen bleibt das begrenzt.

News4teachers: Was bedeutet dieser Wandel für den Beruf der Lehrkraft, Herr Niessen?

Andreas Niessen: Ich glaube, das hängt sehr stark davon ab, wie weit es uns gelingt, die im Moment sehr dominante Selektions- und Sanktionierungsfunktion von Schule zu überwinden. Wenn ich auf unseren schulischen Alltag schaue, dann sind wir gerade wieder mit enorm viel zeitlichem und personellem Aufwand damit beschäftigt, Halbjahreszeugnisse zu erstellen, deren Bildungswert man durchaus infrage stellen kann. Diese Zeugnisse dienen in erster Linie der Selektion und Sanktionierung und tragen aus meiner Sicht kaum dazu bei, Kinder und Jugendliche auf ihre Zukunft vorzubereiten.

Die entscheidende Frage ist deshalb, ob wir es als Gesellschaft schaffen, die Bildungsfunktion von Schule und die Vorbereitung auf eine berufliche, aber auch auf eine umfassende Lebenszukunft stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Davon hängt dann auch ab, welche Rolle Lehrkräfte künftig einnehmen. Ich würde dabei bewusst lieber allgemeiner von Erwachsenen sprechen, die Kinder und Jugendliche begleiten.

Diese Erwachsenen sind dann Begleiterinnen und Begleiter, Coaches, Lehrende, Beraterinnen und Berater. Sie bereiten Kinder nicht nur auf eine abstrakte Zukunft vor, sondern vermitteln ihnen auch Lust auf die Gegenwart und bieten ihnen relevante und bedeutsame Lern- und Bildungsangebote im Hier und Jetzt. Wenn es gelingt, die Selektions- und Sanktionierungsfunktion deutlich zurückzudrängen, dann brauchen wir in Schule ganz andere Menschen und vor allem mehr als nur Lehrkräfte. Dann brauchen wir tatsächlich interprofessionelle Teams, Menschen aus unterschiedlichen beruflichen Feldern, etwa auch mit psychologischer oder beratender Expertise.

“Aus meiner Sicht müssen wir die zentralen Aufgaben von Lehrpersonen neu definieren”

News4teachers: Werden angehende Lehrkräfte auf diese Rolle vorbereitet?

Matthias Martens: Wenn man sich politische Aussagen anschaut, gerade im Zusammenhang mit dem Lehrkräftemangel, dann ist sehr häufig vom sogenannten Kerngeschäft der Lehrperson die Rede, also vom Unterrichten. Damit wird ein Bild von Lehrkräften als fachlichen Expertinnen und Experten aufgerufen, die ein Unterrichtsfach vertreten und Wissen vermitteln.

Ich möchte das gar nicht grundsätzlich infrage stellen. Natürlich braucht es diesen Wissens- und Kompetenztransfer zwischen den Generationen. Gleichzeitig sehen wir aber, zum Beispiel in internationalen Vergleichsstudien, dass dieses Verständnis von Kerngeschäft offensichtlich nicht ausreichend erfolgreich ist. Die Frage ist, ob wir es heute überhaupt noch mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, die dieses Kerngeschäft in der Form abnehmen können, wie wir es in den letzten 150 Jahren gewohnt waren.

Aus meiner Sicht müssen wir die zentralen Aufgaben von Lehrpersonen neu definieren. Es geht nicht darum, Fächer zu unterrichten – man unterrichtet nicht Fächer, sondern Kinder und Jugendliche. Lehrkräfte müssen sich von einer primär lehrenden Perspektive stärker in Richtung einer Lernbegleitungsperspektive entwickeln. Das bedeutet auch, die eigene berufliche Identität zu verändern: hin zur Begleitung von Lern- und Entwicklungsprozessen.

Unterricht im Sinne von Instruktion und Vermittlung ist dabei nur ein kleiner Teil dieser Tätigkeit. Diese umfassendere Rolle von Lehrpersonen ist in der Lehrerbildung nach meiner Beobachtung bislang noch zu wenig ausgeprägt.

News4teachers: Was bedeutet diese veränderte Lehrerrolle konkret für die Arbeit an den Heliosschulen?

Andreas Niessen: Für uns bedeutet das, dass Lehrkräfte nicht mehr primär alleinverantwortlich für „ihren“ Unterricht hinter geschlossener Klassentür sind. Sie arbeiten im Team, entwickeln gemeinsam Lerngelegenheiten und begleiten Schülerinnen und Schüler kontinuierlich über längere Zeiträume hinweg.

Ein Beispiel dafür ist das Format der Lernberatung. Jede Vollzeitlehrkraft hat dafür fest eingeplante Stunden im Deputat. In diesen Eins-zu-eins-Gesprächen geht es nicht um einzelne Fächer, sondern um Lernverhalten, Selbstorganisation, Stärken, Entwicklungsbedarfe und auch um das soziale Umfeld der Schülerinnen und Schüler. Das ist eine Form von Beziehungsgestaltung und Lernbegleitung, auf die Lehrkräfte in ihrer Ausbildung kaum vorbereitet wurden.

Gerade Beratungskompetenzen, Gesprächsführung und Lernprozessbegleitung sind in der Lehrerausbildung stark unterentwickelt. Umso wichtiger ist es für uns, diese Kompetenzen systematisch weiterzuentwickeln und auch wissenschaftlich begleiten zu lassen. Die Rolle der Lehrkraft verändert sich dadurch spürbar – weg von der reinen Wissensvermittlung hin zu einer professionellen Begleitung individueller Lern- und Entwicklungsprozesse im Team.

“Wir haben eine klare Vision, wir haben erste tragfähige Strukturen entwickelt, stoßen aber immer wieder an systemische Grenzen”

News4teachers: Wo stehen die Heliosschulen im Prozess hin zur Schule der Zukunft?

Andreas Niessen: Gemessen an der Vision stehen wir noch am Anfang. Denn wenn Schule der Zukunft bedeutet, dass Kinder und Jugendliche in einem inklusiven Setting sehr individuelle Lern-, Bildungs- und Lebenswege gehen können, dabei auf gut gestaltete, anregungsreiche Lernumgebungen treffen und sowohl fachlich als auch pädagogisch eng begleitet werden, dann ist klar: Das bildet das bestehende allgemeinbildende Schulsystem mit seinen schulrechtlichen Rahmenbedingungen so zunächst nicht ab.

Wir bewegen uns weiterhin in einem stark regulierten System mit Stundentafeln, Leistungsüberprüfungsformen und engen rechtlichen Grenzen. Innerhalb dieses Rahmens versuchen wir auszuloten, wo es Spielräume gibt und wo wir Möglichkeiten schaffen können, in denen innovative pädagogische Ansätze ausprobiert werden.

Ein zentraler Baustein ist dabei unsere sehr ausgeprägte Teamarbeit. Die pädagogische Begleitung einer definierten Gruppe von Schülerinnen und Schülern – etwa eines Jahrgangs oder eines jahrgangsgemischten Verbunds – erfolgt nicht durch einzelne Lehrkräfte, sondern durch Teams. Das sind in der Regel acht bis zehn Lehrkräfte, ergänzt durch Inklusionsbegleitungen und Praxissemesterstudierende, die gemeinsam für eine Gruppe von etwa 100 bis 110 Schülerinnen und Schülern Verantwortung tragen.

Neben dieser gemeinsamen pädagogischen Begleitung gibt es eine zweite Ebene der Teamarbeit, nämlich die ko-konstruktive Entwicklung von Lerngelegenheiten. Wir sprechen dabei bewusst nicht von Unterrichtsentwicklung, weil das implizieren würde, dass wir weiterhin in einzelnen Fächern denken. Stattdessen versuchen wir, Fächer zu größeren Clustern zusammenzufassen und Lernangebote gemeinsam zu entwickeln.

Unsere Überzeugung ist, dass die Qualität von Lerngelegenheiten steigt, wenn die Expertise mehrerer Lehrkräfte gebündelt wird. Lernangebote werden daher in kleinen Fach- oder fachübergreifenden Teams entwickelt und anschließend von allen im Jahrgang eingesetzten Lehrkräften umgesetzt. Das bedeutet, dass nicht jede Lehrkraft ihren eigenen Unterricht hinter geschlossener Klassentür macht, sondern dass Lerngelegenheiten gemeinsam geplant, verantwortet und durchgeführt werden.

Insgesamt würde ich sagen: Wir sind mitten in einem Entwicklungsprozess. Wir haben eine klare Vision, wir haben erste tragfähige Strukturen entwickelt, stoßen aber immer wieder an systemische Grenzen. Schule der Zukunft ist für uns kein Zustand, den wir erreicht haben, sondern ein Weg, auf dem wir uns bewusst und reflektiert bewegen.

News4teachers: Die Fächer haben Sie noch nicht aufgelöst?

Andreas Niessen: Nein, die Fächertafel ist rechtlich vorgegeben. Wir bündeln Fächer zu größeren Lernformaten. Naturwissenschaften, Gesellschaftslehre, Religion, Philosophie und Arbeitslehre werden beispielsweise in projektorientierten Formaten zusammengeführt. Schülerinnen und Schüler arbeiten dann acht bis zehn Stunden pro Woche über sechs bis acht Wochen an einem Thema.

Diese Projekte folgen einer wiederkehrenden Struktur: Aufbau von Basiswissen, Formulierung eigener Fragestellungen, eine kreative Arbeitsphase und die Präsentation von Lernprodukten mit anschließender Reflexion. Das kann man auch im Fachunterricht machen, wir setzen es aber konsequent teamorientiert um.

News4teachers: Wie begleitet die Uni Köln diesen Prozess wissenschaftlich?

Matthias Martens: Die Begleitung ist vielschichtig. Zum einen basiert die pädagogische Entwicklung auf wissenschaftlichen Konzepten, etwa auf der inklusiven Didaktik von Kersten Reich, die den konstruktivistischen Charakter von Lernen betont. Darüber hinaus koordinieren wir Forschungs- und Entwicklungsprojekte aus der gesamten Universität, die an der IUS angesiedelt sind. Im Team der wissenschaftlichen Leitung verknüpfen wir die aus den beiden Schulen kommunizierten Schulentwicklungsbedarfe mit Forschungsvorhaben und begleiten zentrale Schulentwicklungsprozesse.

So erheben wir in einem aktuellen Projekt zur Lernprozessbegleitung Daten aus der Praxis, analysieren Lernberatungsgespräche oder die Arbeit im Lernbüro und melden die Ergebnisse in die Schule zurück. Es geht dabei weniger um klassische Wirkungsforschung als um eine forschungsbasierte und reflexive Begleitung laufender Entwicklungsprozesse.

News4teachers: Das heißt, Sie erheben durchaus Daten darüber, was bei den Schülerinnen und Schülern ankommt?

Morgen erscheint der zweite Teil des Interviews auf News4teachers. 

Die Heliosschulen - Inklusive Universitätsschule Köln (IUS)

Die Heliosschulen – Inklusive Universitätsschule Köln (IUS) bestehen aus einer Grundschule und einer Gesamtschule und sind die erste bundesdeutsche Praxisschule in der Lehrkräftebildung. Entstanden ist das Projekt aus dem Wunsch von Studierenden nach einer Praxisschule, wie sie international – z.B. in Finnland – als Erfolgsmodell etabliert ist. Ziel ist es, Theorie und Praxis systematisch miteinander zu verbinden: Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur inklusiven Lerngestaltung fließen unmittelbar in die schulische Arbeit ein.

Die Ursprünge der Inklusiven Universitätsschule Köln reichen bis in die Nullerjahre zurück. Studierende der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln wollten der Frage nachgehen, wie Inklusion an allgemeinbildenden Schulen konkret umgesetzt werden kann – auch vor dem Hintergrund des Beitritts Deutschlands zur UN-Behindertenrechtskonvention. Aus dieser Initiative entwickelte sich, mit Unterstützung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Prof. Kersten Reich sowie der Stadt Köln, die Gründung einer zweizügigen Grundschule im Jahr 2015 und einer vierzügigen Gesamtschule im Jahr 2018. 2022 wurde zwischen der Stadt Köln, der Bezirksregierung Köln und der Universität zu Köln eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, die die Arbeit der IUS in den Feldern Lehrkräftebildung, Schulentwicklung, Forschung und Innovationstransfer auf Dauer festschreibt.

Rechtlich handelt es sich um zwei eigenständige Schulen, die jedoch über ein gemeinsames pädagogisches Konzept, die Zusammenarbeit mit der Universität zu Köln und dem Jugendhilfeträger Perspektive Bildung e.V. sowie über eine gemeinsame Leitungs- und Organisationsstruktur eng miteinander verbunden sind. Perspektivisch ziehen beide Schulen gemeinsam in ein neues Gebäude.

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Schule der Zukunft”. 

Aus Anlass der didacta: Themenmonat “Schule der Zukunft” auf News4teachers – machen Sie sich sichtbar!

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