SAARBRÜCKEN. Fast jede zweite Fachkraft in der Schulsozialarbeit denkt darüber nach, den Beruf aufzugeben. 43 Prozent geben an, in den vergangenen zwölf Monaten zumindest erwogen zu haben, ihre Tätigkeit zu beenden. Erhoben wurden diese Daten erstmals bundesweit im Rahmen einer groß angelegten Studie der htw saar, an der mehr als 5.000 Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter teilgenommen haben. Der Befund verweist auf ein erhebliches Belastungserleben in einem Arbeitsfeld, das als zentral für die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen gilt.

Die Ursachen für die hohe Belastung liegen nach den vorliegenden Ergebnissen weniger in einzelnen Faktoren als in strukturellen Bedingungen des Berufsalltags. Schulsozialarbeit findet häufig unter Rahmenbedingungen statt, die von unklaren Zuständigkeiten, fehlenden Konzepten und begrenzter Einbindung in schulische Teams geprägt sind. So berichtet nur rund die Hälfte der Befragten – wie die Studie zeigt – von festen Strukturen und Abläufen in der multiprofessionellen Zusammenarbeit. Ebenso verfügt lediglich ein Teil über verbindliche standortspezifische Konzepte für die eigene Arbeit.
Die Autoren selbst verweisen auf diese Lücke zwischen Anspruch und Realität. Konkret fehle es vielerorts „an festen Strukturen zur Zusammenarbeit im multiprofessionellen Team oder standortspezifischen Konzeptionen für die Schulsozialarbeit“. Hinzu kommt die individuelle Belastung im Arbeitsalltag. Diese wird im Bericht ausdrücklich benannt: „Zweitens deutet sich ein erhöhtes Belastungserleben der Fachkräfte darin an, dass etwa vier von zehn Fachkräften im letzten Jahr darüber nachgedacht haben, ihre Tätigkeit im Arbeitsfeld zu beenden.“
„Die vielen unbefristeten Arbeitsverhältnisse [deuten] darauf hin, dass sich das Arbeitsfeld an vielen Schulstandorten als fester Bestandteil etabliert hat“
Der Berufsalltag ist dabei stark durch unmittelbare Unterstützungsarbeit geprägt. Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter begleiten Schülerinnen und Schüler in belastenden Lebenslagen, bearbeiten Konflikte und dokumentieren ihre Arbeit umfangreich. Die Studie hält fest, dass Einzelfalltätigkeiten „sehr oft/oft: 95,7 %“ sowie konfliktbezogene Tätigkeiten „sehr oft/oft: 82,3 %“ den Alltag bestimmen.
Auch die inhaltlichen Schwerpunkte verdeutlichen die Nähe zu akuten Problemlagen im Schulalltag. Projekte konzentrieren sich vor allem auf die „Stärkung der Klassengemeinschaft“ (80,4 Prozent), „Sozialkompetenztraining“ (79,3 Prozent) und „Gewaltprävention“ (58,8 Prozent). Themen wie „Inklusion“ (9,1 Prozent), „Nachhaltige Entwicklung“ (7,3 Prozent) oder „Flucht und Migration“ (6,4 Prozent) spielen demgegenüber bislang eine deutlich geringere Rolle.
Die strukturellen Probleme sind eng mit der Organisation des Arbeitsfeldes verknüpft. Trotz der rechtlichen Verankerung im § 13a SGB VIII bleibt die Schulsozialarbeit in Deutschland heterogen organisiert. Die Studie beschreibt dies als „föderalen ‚Flickenteppich‘ mit länderspezifisch unterschiedlichen Förderprogrammen, gesetzlichen Grundlagen, Zuständigkeiten und Berufsbezeichnungen“.
Diese Unterschiede erschweren nicht nur die Vergleichbarkeit, sondern wirken sich auch direkt auf die Arbeitsbedingungen der Fachkräfte aus. Die Autorinnen und Autoren halten fest, dass diese Unterschiede „nicht nur eine übergeordnete Perspektive auf Schulsozialarbeit in Deutschland erschweren, sondern auch die Arbeitsbedingungen und -schwerpunkte der Fachkräfte maßgeblich beeinflussen“.
Festgestellt wird:
- Das Berufsfeld ist stark weiblich geprägt (80,1 Prozehnt).
- Die Altersgruppe der 30- bis 49-Jährigen ist überdurchschnittlich vertreten.
- Die Mehrheit arbeitet an Grundschulen oder Sekundarschulen.
Gleichzeitig zeigen die Daten, dass sich die Schulsozialarbeit in zentralen Bereichen etabliert hat. Die große Mehrheit der Fachkräfte verfügt über ein eigenes Büro an der Schule und ist unbefristet beschäftigt. Daraus schließen die Autoren: „Die vielen unbefristeten Arbeitsverhältnisse [deuten] darauf hin, dass sich das Arbeitsfeld an vielen Schulstandorten als fester Bestandteil etabliert hat.“ Auch die Kooperation mit Lehrkräften wird vielfach positiv bewertet. Rund drei Viertel der Befragten erleben die Zusammenarbeit „als eine Begegnung auf ‚Augenhöhe‘“ – ein Befund, der im Fachdiskurs seit Jahren als zentrales Ziel gilt.
Dennoch bleibt die Entwicklung widersprüchlich. Während sich strukturelle Elemente der Verankerung stabilisieren, bestehen zugleich grundlegende Defizite in der Ausgestaltung der Arbeit vor Ort. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen institutioneller Etablierung und fehlender konzeptioneller Fundierung entsteht die hohe Belastung, die sich in den Ausstiegsüberlegungen vieler Fachkräfte niederschlägt.
Die Ergebnisse basieren auf einer bundesweiten Online-Erhebung, die zwischen März und Mai 2025 durchgeführt wurde. Insgesamt 5.070 Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter nahmen daran teil, was knapp 28 Prozent des gesamten Feldes entspricht.
Durchgeführt wurde die Studie von Nachwuchsprofessor Dr. Sebastian Rahn und Lars Bieringer im Projekt „Schulsozialarbeit im bundesweiten Vergleich“ (SibV) an der htw saar. Ziel des Projekts ist es, die Strukturen der Schulsozialarbeit systematisch zu erfassen und, wie die Autoren formulieren, zu untersuchen, „wie die Rahmenbedingungen auf die berufliche Praxis der Fachkräfte auswirken“ und „welche Strukturen eine professionelle Ausgestaltung der Schulsozialarbeit befördern“. News4teachers
Schulsozialarbeit wirkt: Studie weist erstaunliche Effekte bei Kriminalität und Bildung nach









Ja, die sind schnell weg.
Auch da wünschen sich viele mehr Homeoffice oder mehr Schotter
🙂
Von 6-Stunden-Tagen ganz zu schweigen.