LEIPZIG. Der Besuch eines Jugendoffiziers im Politikunterricht ist für viele Schülerinnen und Schüler längst kein Ausnahmefall mehr. Bundesweit treten Vertreter der Bundeswehr tausendfach in Klassenzimmern auf, halten Vorträge, organisieren Planspiele oder informieren über berufliche Perspektiven. Kritiker sehen eine schleichende Normalisierung militärischer Präsenz im schulischen Alltag – die Rede ist von „Militärwerbung“. Das Bundesverteidigungsministerium widerspricht.

Nach Angaben der Bundesregierung hat die Bundeswehr ihre Aktivitäten an Schulen in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweitet. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres gab es bundesweit mehr als 2.000 Schulbesuche. Die meisten Termine entfielen auf große Flächenländer wie Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Auch kleinere Länder weisen kontinuierliche Aktivitäten auf. Sachsen kann dabei als Fallbeispiel gelten: Dort wurden im vergangenen Jahr 374 Schultermine gezählt, ergänzt um einzelne Hochschulbesuche. Gegenüber 2021 entspricht das einem Anstieg von rund 40 Prozent, auch wenn die Zahl zuletzt leicht zurückging.
Die Bundeswehr unterscheidet dabei zwei zentrale Formate. Zum einen besuchen Jugendoffiziere Schulen auf Einladung von Lehrkräften. Ihre Angebote richten sich in der Regel an Schülerinnen und Schüler ab der neunten Klasse und umfassen Vorträge zu Sicherheitspolitik, internationale Konfliktlagen sowie die Aufgaben der Bundeswehr. Hinzu kommen Planspiele, in denen politische Entscheidungsprozesse simuliert werden, sowie organisierte Truppenbesuche.
Zum anderen sind Karriereberater im schulischen Kontext aktiv. Sie informieren im Rahmen der Berufs- und Studienorientierung über zivile und militärische Laufbahnen, bieten Bewerbungstrainings an oder führen Workshops durch. Auch niedrigschwellige Formate wie Sporttests oder Hinweise auf Praktika und Schnupperangebote gehören dazu. Individuelle Beratungsgespräche finden nach Angaben des Verteidigungsministeriums jedoch ausschließlich außerhalb der Schulen in speziellen Beratungszentren statt.
Das Bundesverteidigungsministerium betont, dass die Präsenz an Schulen seit Jahrzehnten etabliert sei und auf Einladung erfolge. Eine Sprecherin erklärte, Angehörige der Bundeswehr seien „bereits seit mehr als 60 Jahren“ in diesem Rahmen tätig. Zugleich wird hervorgehoben, dass Jugendoffiziere keine Nachwuchswerbung betrieben. Interessierte Schülerinnen und Schüler würden an die Karriereberatung verwiesen, wo die Bundeswehr „als Arbeitgeberin im Mittelpunkt steht“. Die Teilnahme an Veranstaltungen sei zudem freiwillig.
„Kinder und Jugendliche dürfen nicht schrittweise an Militär und Krieg als Normalität gewöhnt werden“
Diese Darstellung steht im Zentrum einer bildungspolitischen Kontroverse, die sich bundesweit beobachten lässt. Kritiker bezweifeln, dass die Trennung zwischen politischer Bildung und Nachwuchsgewinnung in der schulischen Praxis tatsächlich trennscharf eingehalten wird. Der Leipziger Bundestagsabgeordnete Sören Pellmann (Linke) formuliert grundsätzliche Bedenken: „Kinder und Jugendliche dürfen nicht schrittweise an Militär und Krieg als Normalität gewöhnt werden.“ Wenn Soldaten im Unterricht aufträten, brauche es „gleichberechtigt zivile Stimmen, etwa von Kriegsdienstverweigerern und Friedensinitiativen“.
Diese Forderung wird auch von bildungsgewerkschaftlicher Seite aufgegriffen. Claudia Maaß, stellvertretende Vorsitzende der GEW Sachsen, verweist auf die besondere Verantwortung von Schule als Ort politischer Bildung: „Statt ‚kriegstüchtiger Bildung‘ brauchen wir eine Bildung, die auf Frieden, Demokratie und diplomatische Konfliktlösungen ausgerichtet ist.“ Schule sei „kein Ort für Militärwerbung“. Die Gewerkschaft fordert, unterschiedliche Perspektiven systematisch einzubinden und zivilgesellschaftliche Akteure stärker zu berücksichtigen.
Die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen sind dabei nicht einheitlich geregelt. In einigen Bundesländern existieren Kooperationsvereinbarungen zwischen Kultusministerien und Bundeswehr, die den Einsatz von Jugendoffizieren strukturieren. Diese sehen in der Regel vor, dass keine direkte Werbung für den Dienst an der Waffe erfolgen darf und kontroverse Themen im Unterricht entsprechend behandelt werden müssen. Gleichzeitig bleibt es den einzelnen Schulen überlassen, ob und in welchem Umfang sie entsprechende Angebote nutzen.
Aus bildungspolitischer Perspektive verweist die Debatte auf ein grundlegendes Spannungsfeld. Einerseits gehört die Auseinandersetzung mit Sicherheitspolitik, internationalen Konflikten und staatlicher Gewalt zum Bildungsauftrag politischer Bildung. Andererseits verändert sich die Wahrnehmung dieser Themen, wenn staatliche Akteure selbst als Referenten im Unterricht auftreten. Die Frage nach Ausgewogenheit, Multiperspektivität und pädagogischer Einbettung wird damit zu einer strukturellen Herausforderung.
In der schulischen Praxis zeigt sich, dass Lehrkräfte diese Spannung unterschiedlich bearbeiten. Einige nutzen die Angebote der Bundeswehr gezielt als Ergänzung zum Unterricht und kombinieren sie mit weiteren Stimmen aus Wissenschaft oder Zivilgesellschaft. Andere verzichten bewusst darauf oder setzen alternative Schwerpunkte. Einheitliche Standards existieren bislang nicht. News4teachers / mit Material der dpa









GEW: “Schule kein Ort für Militärwerbung”Ich: „GEW kein Verein für Bildungspolitik.“