WEIMAR. Jugendliche, die sich in ehemaligen Konzentrationslagern mit rechtsextremen Symbolen inszenieren, Hakenkreuzschmierereien an Gedenkstätten und historische Desinformation in sozialen Medien: Für den Historiker Jens-Christian Wagner sind das keine Einzelfälle mehr, sondern Anzeichen einer Erinnerungskultur, die zunehmend unter Druck gerät. Der Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora fordert deshalb einen grundlegenden Perspektivwechsel im Umgang mit der NS-Geschichte. Auslöser der aktuellen Debatte ist ein Vorfall bei einer Klassenfahrt nach Auschwitz, der ein juristisches Nachspiel hatte.

Zwei Schüler einer neunten Klasse aus Greifswald besuchen im Mai 2025 mit ihrer Schule die Gedenkstätte Auschwitz. Während des Rundgangs zeigt einer der Jugendlichen eine Handgeste, die von Rechtsextremisten als White-Power-Zeichen verwendet und über soziale Medien verbreitet wird. Es steht für die Ideologie einer angeblichen Überlegenheit der „weißen Rasse“. Ein Mitschüler filmt die Szene. Gegen beide Schüler werden Schulverweise ausgesprochen.
Das Internationale Auschwitz Komitee reagiert mit deutlichen Worten. „Mit dem Zeigen des ‚White-Power-Grußes‘ in der Gedenkstätte Auschwitz haben sich die Schüler aus Greifswald bewußt für die Vorherrschaft der weißen Rasse eingesetzt und sich damit – gerade an diesem Ort – für die weitere Vernichtung und Ermordung sogenannter ‚Untermenschen‘ ausgesprochen“, erklärt Christoph Heubner, Vizepräsident des Komitees. Auschwitz-Überlebende bewerteten das Verhalten der Jugendlichen als „aggressiv, herzlos und infam“.
Für Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, steht der Vorfall exemplarisch für eine Entwicklung, die Gedenkstätten seit Jahren beobachten. „Der Erinnerungskultur geht es leider überhaupt gar nicht gut. Sie steht extrem unter Druck“, sagt der Historiker in einem Interview mit dem WDR. Verantwortlich seien der internationale Rechtsruck, der wachsende zeitliche Abstand zu den nationalsozialistischen Verbrechen und eine digitale Öffentlichkeit, in der historische Desinformation immer größeren Raum einnehme.
„Dieser Diskurs beschränkt sich meines Erachtens viel zu sehr darauf, um die Opfer zu trauern, statt danach zu fragen, wer die Menschen eigentlich zu Opfern gemacht hat“
Die Folgen seien an den Erinnerungsorten unmittelbar spürbar. „Das sind Angriffe auf die Gedenkstättenarbeit, das sind Hakenkreuzschmierereien, das sind Jugendliche, die sehr deutlich zeigen, dass sie auf eine Auseinandersetzung mit der Geschichte eines ehemaligen Konzentrationslagers keine Lust haben, die in die Öfen der Krematorien kriechen, sich dort fotografieren lassen mit White-Power-Zeichen und dergleichen“, berichtet Wagner. Dahinter erkenne er einen „massiven Unwillen in der Gesellschaft, sich mit der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen zu beschäftigen“ – und ebenso einen wachsenden Widerstand dagegen, Bezüge zur Gegenwart herzustellen.
Nach Wagners Einschätzung greift die bisherige Erinnerungskultur deshalb zu kurz. „Dieser Diskurs beschränkt sich meines Erachtens viel zu sehr darauf, um die Opfer zu trauern, statt danach zu fragen, wer die Menschen eigentlich zu Opfern gemacht hat.“ Notwendig sei eine stärkere Auseinandersetzung mit den Tätern, Mitläufern und Profiteuren des Nationalsozialismus sowie mit den Mechanismen, durch die sich eine rassistische und antisemitische Gesellschaft habe etablieren können. „Wir müssen uns mit der Funktionsweise der NS-Diktatur beschäftigen“, fordert der Historiker. Erst dann lasse sich sinnvoll fragen, welche Formen von Ausgrenzung und Ungleichwertigkeitsdenken heute wieder an Bedeutung gewönnen.
Dabei warnt Wagner ausdrücklich vor einfachen historischen Gleichsetzungen. „1933 ist nicht 2026“, betont er. Dennoch erkennt er ideologische Kontinuitäten. Besonders das völkische Denken der 1920er Jahre werde heute wieder aufgegriffen – wenn auch unter veränderten politischen Bedingungen. „Wenn man sich dann ansieht, was in den 20er Jahren passiert ist, welche ideologischen Strukturen da immer mehr in die deutsche Gesellschaft hineingedrungen sind, dann wird man feststellen, dass vieles davon mehr oder weniger eins zu eins insbesondere durch die AfD übernommen wurde“, sagt Wagner. Als Beispiel nennt er das Landtagswahlprogramm der Partei in Sachsen-Anhalt, das aus seiner Sicht „von völkischem Denken von vor über 100 Jahren geradezu durchtränkt ist“.
Noch bedeutsamer erscheint ihm jedoch eine andere Entwicklung. Das völkische Milieu sei über Jahrzehnte zersplittert und politisch weitgehend bedeutungslos gewesen. „Dann gab es ab Mitte der 1920er Jahre mit der NSDAP eine Partei, die es geschafft hat, das Milieu parteipolitisch an sich zu binden“, erläutert Wagner mit Blick auf die Weimarer Republik. Jenseits aller historischen Unterschiede erkennt er heute einen ähnlichen Mechanismus: „Der AfD ist es gelungen, das extrem rechte und das völkische Milieu in Deutschland, das auch über Jahrzehnte zerstritten war und ein marginales Dasein gefristet hat, zusammenzuführen, aufzusaugen und ihm eine parteipolitische und, leider Gottes, auch parlamentarische Heimat zu bieten.“
Für Wagner erklärt dies auch, warum Geschichtspolitik für rechtsextreme Akteure eine so zentrale Rolle spielt. „Wenn eine rechtsextreme Partei in Deutschland Erfolg haben möchte, dann muss sie versuchen, sich von der Belastung durch die NS-Verbrechen zu befreien“, sagt er. Das geschehe, indem die nationalsozialistischen Verbrechen relativiert oder umgedeutet würden. „Diese Befreiung von der Belastung durch die NS-Verbrechen macht man eben, indem man die NS-Verbrechen kleinredet“, erklärt Wagner. Er verweist auf Äußerungen führender AfD-Politiker ebenso wie auf Versuche, die Nationalsozialisten als politische Linke darzustellen (News4teachers berichtete).
Die Antwort darauf könne nach seiner Überzeugung nicht allein in den Gedenkstätten gefunden werden. Gefordert seien Schulen ebenso wie die Gesellschaft insgesamt. Geschichtsunterricht müsse stärker vermitteln, wie demokratiefeindliche Ideologien entstehen und warum Ausgrenzung funktioniere. Gleichzeitig brauche es mehr Widerspruch im Alltag. „Wir alle sind gesellschaftlich gefordert zu widersprechen, Zivilcourage zu zeigen“, sagt Wagner. Wer rassistische Beleidigungen in Bus oder Bahn oder Holocaustverharmlosungen im privaten Umfeld unwidersprochen lasse, trage dazu bei, dass sich solche Positionen normalisierten.
„Gerade bei jungen Menschen erleben wir, dass der Kontakt mit realen Exponaten dann doch noch mal was ganz anderes ist“
Auch die Gedenkstätten selbst müssten neue Wege gehen. Weil sich Meinungsbildung zunehmend im digitalen Raum vollziehe, seien wissenschaftlich fundierte Angebote gegen historische Desinformation ebenso notwendig wie Formate in sozialen Netzwerken. Gleichzeitig dürften sich Gedenkstätten nicht auf die großen Städte beschränken. „Wir müssen raus aus den liberal geprägten Städten. Wir müssen auf das Land, das sich häufig abgehängt fühlt, und dort gewissermaßen in den erinnerungskulturellen Nahkampf gehen“, fordert Wagner.
Trotz aller Warnungen hält Wagner wenig von kulturpessimistischen Diagnosen. Gerade junge Menschen seien erreichbar, wenn historische Bildung neue Wege gehe. „Gerade bei jungen Menschen erleben wir, dass der Kontakt mit realen Exponaten dann doch noch mal was ganz anderes ist“, sagt er. Deshalb setzt die Stiftung ebenso auf digitale Formate wie auf unmittelbare Erfahrungen an historischen Orten.
Nicht jeder Besuch einer Gedenkstätte führt allerdings zu der Auseinandersetzung mit der Geschichte, die Wagner sich erhofft. Der eingangs geschilderte Fall eines Schülers, der den White-Power-Gruß in Auschwitz zeigte, nahm juristisch eine überraschende Wendung: Das Oberverwaltungsgericht Mecklenburg-Vorpommern verwies auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. „Danach ist bei mehrdeutigen Äußerungen oder Gesten stets im Zweifel die Deutung zu wählen, die der Meinungsfreiheit größtmöglichen Raum lässt“, erklärte das Bildungsministerium des Landes unter Hinweis auf den Beschluss. Die gezeigte Handbewegung könne auch als unter Tauchern gebräuchliches Zeichen verstanden werden. Das Staatliche Schulamt zog daraufhin seine Beschwerde zurück – und hob den Schulverweis des Schülers auf.
Es war nicht der erste Vorfall dieser Art in Auschwitz. Und nach den Erfahrungen der Gedenkstätten wohl auch nicht der letzte.
Für Wagner liegt darin die eigentliche Aufgabe der Erinnerungskultur: Sie müsse die Mechanismen und Ideologien sichtbar machen, die den Nationalsozialismus ermöglichten – und deren Fortwirken benennen. „Man könnte es auch deutlicher formulieren: Der Rassismus ist, glaube ich, nie weg gewesen. Er war möglicherweise verdeckt.“ News4teachers / mit Material der dpa
„Das Staatliche Schulamt zog daraufhin seine Beschwerde zurück – und hob den Schulverweis des Schülers auf.“
Das ist Problem ist doch, dass die Schulen mit ihrem Erziehungsauftrag im Zweifel weder von der Justiz noch von der Schulbehörde unterstützt werden: Die Schule steht nach dem Schulverweis dumm da, nachdem dieser vom Gericht aufgehoben wurde und die Schulbehörde entgegen der großspurigen Ankündigung die Beschwerde gegen den Gerichtsbeschluss still und heimlich zurückgezogen hat.
Wenn Justiz und Schulbehörden die Schulen in solchen Fällen nicht bei ihrem „Erziehungsauftrag“ unterstützen, sendet das ein völlig falsches Signal. Da kann noch soviel an die Schulen appelieren wie man will: Wenn der Rest der Gesellschaft nicht mitzieht, bringt das alles nichts. Schulen agieren nicht in einem Vakuum unabhängig vom Rest der Gesellschaft.
Ich war mit meiner 10 im Konzentrationslager und ich würde es zum Pflichtprogramm machen. Ein Schüler, dem seine früheren Klassenlehrer Nähe zu rechts unterstellten, der sich in dieser Hinsicht in Kl.7+8 geäußert haben soll, hat dort Rotz und Wasser geheult. Die wichtigste Botschaft für meine Schüler war: Es ging gar nicht nur um die Vernichtung der Juden, es wurde jeder interniert, der anders gedacht oder gelebt hat. Die Nationalsozialisten sperrten, folterten und ermordeten im KZ Sachsenhausen jeden, der in ihrer rassistischen und totalitären Ideologie als „anders“, „minderwertig“ oder als politischer Feind galt. Das KZ-System im Landesinneren war eine gigantische Terror- und Vernichtungsmaschinerie gegen jegliche Form von Vielfalt, Demokratie und Anderssein. Das sollte vielmehr vermittelt werden.