Start Tagesthemen Dass Rechtschreibung an Wert verliert, hat einen Grund: Weniger Rechtschreib-Unterricht

Dass Rechtschreibung an Wert verliert, hat einen Grund: Weniger Rechtschreib-Unterricht

33

BERLIN. Die öffentliche Klage über eine angeblich „immer schlechtere“ Rechtschreibung junger Menschen tönt laut – auf der anderen Seite stehen Politiker wie Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der den Sinn von Rechtschreibunterricht im Zeitalter der Digitalisierung öffentlich in Zweifel zieht. Dabei bringt die Schwarz-Weiß-Debatte wenig. Ein wissenschaftlicher Blick auf die Entwicklung zeigt: Nicht die Sprache selbst verfällt, sondern die Chancen verteilen sich immer ungleicher. Vor allem Kinder ohne bildungsnahe Unterstützung verlieren den Anschluss. Ein Grund: Die Lehrpläne setzen längst andere Schwerpunkte. 

Dies ist Teil zwei einer Reihe zum Thema Rechtschreibung. Hier geht es zurück zu Teil eins. 

Buchstabensalat. Foto: Shutterstock

Der damalige Grünen-Kanzlerkandidat und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sprach im Januar auf einer Wahlkampfveranstaltung über seine persönlichen Schwächen in Sachen Orthografie. „Ich war nicht gut in Rechtschreibung früher und hatte einen leichten Schlag in Richtung Legasthenie”, bekannte Habeck – heute immerhin Gastprofessor der renommierten US-Universität Berkeley –, um dann auf die deutsche Bildungspolitik zu kommen (er forderte eine größere Rolle dabei für den Bund).

So weit wie sein Parteifreund, Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, ging Habeck dabei allerdings nicht: Der hatte in den vergangenen Jahren immer wieder mal den Sinn des Rechtschreibunterrichts in Zweifel gezogen. Kretschmann, früher selbst Lehrer, fragte sich öffentlich, wie wichtig das Beherrschen der Rechtschreibung für Schüler heute noch ist, „wenn das Schreibprogramm alles korrigiert“. Er befand: „Wir müssen akzeptieren, dass die digitale Welt andere Fähigkeiten braucht.“

Für die Wirtschaft, Abnehmer der Absolventen des Systems Schule, sind Rechtschreib-Kompetenzen durchaus noch wichtig, wie eine aktuelle Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Reutlingen unter Betrieben der Region deutlich macht – und: Die aktuelle Bildungsforschung in Gestalt des IQB-Bildungstrends bestätigt, dass die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in der Orthografie zwischen 2015 und 2022 drastisch gesunken sind (News4teachers berichtete im ersten Teil der Serie darüber).

Heißt das im Umkehrschluss aber auch: Früher war alles besser!? Ganz so banal ist es nicht, wie der „Dritte Bericht zur Lage der deutschen Sprache“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften von 2021 aufzeigt. Er nähert sich der Debatte von einer anderen Seite. Die umfassende Analyse nimmt langfristige Entwicklungen in den Blick – und widerspricht zunächst der populären Erzählung vom allgemeinen Niedergang.

Gleich zu Beginn heißt es: „Häufig ist in der öffentlichen Diskussion zu hören, dass sich die Schülerinnen und Schüler schriftlich nicht mehr adäquat ausdrücken können und ihre Texte qualitativ immer schlechter werden.“ Die Autorinnen und Autoren verweisen dann aber auf eine Untersuchung aus dem Jahr 2009, in der Texte von Viertklässlern aus den Jahren 1972 und 2002 verglichen wurden.

Der Befund von Wolfgang Steinig, damals Professor für Sprachdidaktik an der Universität Siegen, überraschte seinerzeit viele – und wird im Bericht so zusammengefasst: Es sei „keineswegs zu einem ‚Sprachverfall‘“ gekommen. Festgestellt wird vielmehr, „dass u. a. der Wortschatzumfang in den Texten deutlich angestiegen ist“. Allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: „Dieser Anstieg ‚beruht jedoch auf dem überdurchschnittlich starken Wortschatzzuwachs von Kindern aus der oberen Mittelschicht, die in der Regel eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen‘.“ Insofern scheine „der Einfluss von sozialer Herkunft, die eng mit der Schulempfehlung assoziiert ist, im Verlauf der drei Jahrzehnte deutlich an Bedeutung gewonnen zu haben“.

Hier schlägt bereits durch, was dann auch im IQB-Bildungstrend 2022 sichtbar wird: Es gibt nicht „die“ Entwicklung, sondern wachsende Unterschiede zwischen sozialen Gruppen und Schulformen. Während Gymnasialkinder oft längere, sprachlich reichere Texte schreiben, bleiben andere Gruppen zurück – gerade dort, wo die Schule die einzige systematische Quelle bildungssprachlicher Anregung wäre.

Großschreibung als Symptom: Was der Rechtschreibunterricht (nicht) leistet

Anschaulich wird der  Bericht dort, wo er sich einem Teilbereich der Rechtschreibung widmet: der Großschreibung. Anhand von Grundschultexten über einen Zeitraum von 40 Jahren wird nachgezeichnet, wie sich Fehlerhäufigkeiten verändert haben – und welche Rolle der Unterricht spielt. Ausgangspunkt ist die empirische Beobachtung: „Fehler im Bereich Großschreibung haben sich in den untersuchten Grundschultexten über einen Zeitraum von 40 Jahren mehr als verdreifacht. In diesem Zusammenhang steigt 2002 und insbesondere 2012 der Anteil solcher Texte, die einen vergleichsweise hohen Fehlerquotienten aufweisen.“

Lernserver

Rechtschreibung, Lesen und Handschrift effektiv fördern? So geht’s: Der Lernserver hält für Lehr- und Förderkräfte sowie für Eltern die passenden Instrumente bereit.

Mit dem Lernserver gelingt die Förderung schriftsprachlicher Fähigkeiten gezielt und effektiv.

Kern des Programms ist eine maßgeschneiderte Förderung auf Knopfdruck für alle Schülerinnen und Schüler (nicht nur für jene mit einer LRS), von der Grundschule bis zur Berufsschule.

In kostenlosen Online-Veranstaltungen wird die Münsteraner Rechtschreibanalyse (MRA) vorgestellt – vom Testverfahren über individuelle Fördermaterialien bis zu Einsatzmöglichkeiten in Schule, Lerntherapie und Elternarbeit.

Hier geht es zur Anmeldung. 

Lehrkräfte können einen kostenlosen Probezugang für die MRA anfordern. Schreiben Sie dazu einfach eine E-Mail an info@lernserver.de.

Auf seiner Website informiert das Lernserver-Bildungsprojekt außerdem umfassend über seine Angebote rund um das Thema Basiskompetenzen: www.lernserver.de

Der Autor des Berichtsteils (Dirk Betzel, Professor für deutsche Sprache und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg) fragt: Welche Rolle spielt der Unterricht? Zunächst wird eine Art „natürliche“ Erwerbsreihenfolge skizziert – von Eigennamen über konkrete Dinge hin zu abstrakten Begriffen und Substantivierungen –, nach der Kinder „entlang kognitiver Entwicklungsstufen semantisch-pragmatisch motiviert zunächst Eigennamen und Wörter für sinnlich wahrnehmbare Objekte großschreiben, bevor mit zunehmender Reife formale Kriterien einbezogen werden“.

Betzel zeigt dann aber auf, dass diese vermeintlich „natürliche“ Reihenfolge in Wahrheit stark vom Unterricht geprägt ist. Ein Blick in Schulbücher unterschiedlicher Klassenstufen mache deutlich, dass „die unterrichtliche Progression exakt den (…) dargestellten historischen Entwicklungsschritten“ folge. Die Großschreibung werde „in allen Lehrwerken an die lexikalische Kategorie Substantiv gekoppelt“, die Kleinschreibung von Verben und Adjektiven zur Regel erhoben. In den ersten Grundschuljahren wird die Identifizierung von Substantiven „auf semantischer Basis“ eingeführt („was man sehen und anfassen kann“), erst später kommen abstrakte Wörter und schließlich Substantivierungen hinzu.

Die entscheidende Kritik lautet: „Anstatt von Beginn an die Großschreibung syntaxbasiert einzuführen, (…) begünstigt die vorgegebene Unterrichtsprogression einen Lernweg, der ausgehend von der Semantik über Zwischenschritte idealiter zur Syntax als Zielpunkt verläuft.“ Für einen Teil der Kinder werde dieser semantische Zugang aber nicht als „Zwischenschritt“, sondern als Dauerstrategie verfestigt. Die Folge: Abstrakta und Substantivierungen bleiben „bis weit in die Sekundarstufe fehleranfällig“.

Der Bericht fasst das so zusammen: „Die bis weit in die Sekundarstufe fehleranfälligen Abstrakta und Substantivierungen legen die Vermutung nahe, dass eine vermeintlich kindgerechte Strategie, die die Großschreibung an die lexikalische Kategorie Substantiv bindet, die Kleinschreibung aller anderen Wortarten zur Regel erhebt und Substantive zunächst auf wortsemantische Eigenschaften beschränkt, von einem Teil der Schüler/-innen nicht als Zwischenschritt verarbeitet wird, sondern sich in einem Maße verfestigt, dass erforderliche Strategiewechsel im weiteren Lernprozess nicht ausreichend gelingen.“

Politisch brisant wird die Analyse, wenn er mögliche Ursachen für die beobachtete Zunahme von Großschreibungsfehlern diskutiert. Naheliegende Erklärungen, etwa ein gewachsener Wortschatz, lassen sich empirisch nicht halten: „Tendenziell enthalten Texte mit einem vielfältigeren Textvokabular sogar weniger Rechtschreibfehler“, heißt es. Stattdessen wird eine andere Hypothese formuliert: Der Anteil expliziter Rechtschreibarbeit im Deutschunterricht sei seit den 1970er-Jahren zurückgegangen. Steinig und andere hätten auf Grundlage der nordrhein-westfälischen Lehrpläne die Annahme formuliert, „dass der zeitliche Anteil, den die explizite Thematisierung von Rechtschreibphänomenen im Deutschunterricht einnimmt, 2002 gegenüber 1972 zurückgegangen sei.“

Die Konsequenz für leistungsschwächere Kinder beschreibt der Bericht eindringlich: „Jedoch ist anzunehmen, dass dies leistungsstärkeren Kindern auch bei geringerer unterrichtlicher Unterstützung besser gelingt als leistungsschwächeren, die mutmaßlich auf eine stärkere Strukturierung des Lerngegenstandes angewiesen sind und deshalb von einem höheren Anteil an Rechtschreibunterricht profitieren würden. (…) Folgt man dieser Argumentation, würde ein seit 1972 potenziell abnehmender Anteil an expliziter Rechtschreibarbeit insbesondere diejenigen benachteiligen, die auf eine stärkere Strukturierung und eine bewusste Lenkung ihrer aktiven Lernzeit auf formalsprachliche Merkmale angewiesen sind.“

Kurz: Wenn Rechtschreibung im Unterricht weniger Gewicht bekommt, trifft das vor allem diejenigen, die nicht ohnehin aus sprachstarken, bildungsnahen Familien kommen. Genau jene, deren Fehler dann später in Bewerbungen und Einstellungsprüfungen besonders auffallen – und von Kammern und Betrieben als „mangelnde Ausbildungsreife“ beklagt werden.

Zwischenfazit: Keine einfache „Verfallsgeschichte“, sondern eine Verschiebung

Im Fazit zieht der Sprachbericht eine Bilanz, die der Debatte um Rechtschreibung und Sprachverfall einen anderen Rahmen gibt. Wörtlich heißt es: „Ein allgemeiner Sprachverfall, wie er in der Öffentlichkeit häufig befürchtet wird, konnte nicht beobachtet werden. Die heutigen Schüler und Schülerinnen produzieren gegenüber früheren Generationen längere Texte und verfügen über einen größeren Wortschatz; das gilt insbesondere für Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums oder solche mit einer Gymnasialempfehlung. Schwerer zu bewältigen scheinen die formalen Anforderungen zu sein, was im Bericht am Beispiel der Kommasetzung und der Großschreibung gezeigt wird. Wir scheinen es also mit einer Verschiebung zu tun zu haben, die auch die Veränderung bildungspolitischer Ansprüche seit den 1980er-Jahren reflektiert, wo von formaler auf funktionale Sprachbildung umgestellt wurde: Die Texte der Schüler und Schülerinnen werden länger und reichhaltiger, formale Normen nehmen demgegenüber einen geringeren Stellenwert ein.“

Dazu kommt die Ausdifferenzierung schriftsprachlicher Varietäten im Zuge von Social Media: „Neben den schriftlichen Standard treten neue schriftsprachliche Varietäten der Social-Media-Plattformen, die das schriftsprachliche Repertoire ausdifferenzieren.“ Ob diese neuen Formen die Standardsprache langfristig verdrängen, sei offen – vieles hänge davon ab, „welchen Bildungsauftrag sich die Schule gibt, welche Rolle die Standardsprache in den Schulen weiter spielt, mit welchen Instrumenten sie gefördert wird und welche Ressourcen dafür zur Verfügung stehen.“

Der Bericht richtet den Blick auf soziale Ungleichheiten. Immer wieder werde sichtbar, dass Schularten Unterschiede in der sprachlichen Bildung reproduzieren: „Gymnasium, Gesamtschule, Realschule, Hauptschule; die Schulartenunterschiede spiegeln – vielfach bestätigt – auch soziale Ungleichheiten, vor allem im Blick auf die familiären Bildungsvoraussetzungen von Schülerinnen und Schülern.“ Fehlende Bildung im Elternhaus scheine „eine Kettenreaktion“ in Gang zu setzen: Kinder ohne bildungssprachliche Anregung in der Familie würden in der Schule abgehängt, landeten häufig an Hauptschulen, „wo sie zu wenige bildungssprachliche Lerngelegenheiten erhalten – und fallen weiter zurück.“

Bemerkenswert ist außerdem der Befund zur Mehrsprachigkeit: Sie erweist sich nicht per se als Hindernis. „Mehrsprachigkeit [stellt] nur dann ein Lernhindernis“ dar, heißt es, „wenn die Kinder zusätzlich aus Elternhäusern kommen, in denen sie keine Bildungsaspiration erfahren, und wenn sie auch in der Schule nicht hinreichend unterstützt werden.“ Hier wird deutlich: Nicht das Sprechen einer anderen Sprache als Deutsch ist das Problem – sondern mangelnde Förderung und fehlende bildungssprachliche Ressourcen.

Und die Rechtschreibung? Die Autorinnen und Autoren schlagen vor, Fehler nicht nur als Defizit zu betrachten, sondern als Spiegel eines Lernprozesses: „Vieles von dem, was vorschnell als Fehler oder Normverstoß charakterisiert wird und mithin die Furcht vor einem Sprachverfall nährt, ist die Folge von Lernprozessen.“ Die zentrale Herausforderung sei der Übergang „von der alltäglichen Mündlichkeit zur bildungssprachlichen Schriftlichkeit“. Doch bei weitem nicht alle hätten die gleichen Chancen, diesen Übergang erfolgreich zu bewältigen. News4teachers

Hier geht es zum dritten Teil der Serie. 

Hier geht es zurück zum ersten Teil: 

Rechtschreibung auf der Kippe: Die Wirtschaft klagt über Orthografie-Defizite bei Schulabgängern – was die Wissenschaft sagt

 

Anzeige

Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

33 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Katze
1 Monat zuvor

Ein schönes Bild: Die Buchstabensuppe ist längst übergekocht – eine fade Brühe, in der zerfledderte Buchstaben orientierungslos umherschwimmen.
Und wie beruhigend: Die Groß- und Rechtschreibung schwächelt nicht etwa, weil Kinder mehr Zeit mit Daddelei und Gewhatsappe verbringen – nein, es liegt natürlich nur am „weniger und praxisfernen (nicht lernwegadäquaten) Rechtschreib-Unterricht“. Dass die ständige Tipperei im Messenger mit „ey digga“ und „lol“ keinerlei Einfluss auf Sprachgefühl und Normbewusstsein haben könnte, blendet man lieber aus. Schüler, die „Rechtschreibung“ buchstabieren sollen und schon am ersten Großbuchstaben scheitern. Lehrer, die zwischen „Kompetenzorientierung“ und „Lernfeldverschiebung“ jonglieren, während die Grundlagen zerbröseln.
„Keine einfache ‚Verfallsgeschichte‘, sondern eine Verschiebung.“ Na, da bin ich ja beruhigt – kein Verfall von Kulturtechniken, nur eine Verschiebung von Normen, Werten und Anspruchshaltung. Wir nennen es also nicht Niedergang, wir nennen es Transformation. Wenn das so weitergeht, können wir bald auch den Taschenrechner als „Verschiebung der Kopfrechenkompetenz“ feiern und das Verflachen von Allgemeinbildung als „Neuausrichtung der Prioritäten“ oder “kompetenzorientierte Schrumpfkur”.

447
1 Monat zuvor
Antwortet  Katze

Stellen wir doch mal die wirklich wichtige Frage:
Warum denn eigentlich nicht ?

Dann schrumpft es eben und richtet sich neu aus.

Wichtig ist nur, dass man es den (ggf. vorhandenen) eigenen Kindern richtig beibringt.

Ich glaube das nennt man dann “komparative Phorthaile” oder so.
Gleichzeitig wird so respektiert, dass viele Rechtschreibung ganz dolle doof finden.

Ich würde sagen:
Alle gewinnen.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Katze

Die Verschiebung ist als Reaktion gegen den “Niedergang” gedacht.
Was sonst? Erwarten, dass Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit die Rechtschreibung lernen?

unfassbar
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Nicht erwarten, sondern voraussetzen oder die Konsequenzen ertragen. Will man aber nicht.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  unfassbar

Wir ertragen derzeit die Konsequenzen, dass die Voraussetzungen nicht erfüllt sind und wir nichts daran ändern :/

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

“Die Autorinnen und Autoren schlagen vor, Fehler nicht nur als Defizit zu betrachten, sondern als Spiegel eines Lernprozesses”
Sind Fehler auch Helfer? 😀

Teile die Sorgen, welche im Artikel angeführt werden, allerdings ist gerade die Großschreibung etwas, gegen die Herr Kretschmann die digitalen Möglichkeiten anführen könnte. Oder wir beobachten den Weg des Deutschen ins Englische – die beschweren sich erheblich weniger 😉

Salpeter
1 Monat zuvor

Ich meine, Rechtschreibung wird vor allem falsch oder ineffektiv unterrichtet. Der Fokus liegt darauf, dass es Spaß machen soll, aber dabei überdeckt der Spaß oft das Üben.

Außerdem werden oft einzelne Regeln geübt. Meist in Lückentexten. Bringt gar nichts oder wenig. Niemand schreibt und denkt bei jedem Wort, welche Regel hier greift.

Rüdiger Vehrenkamp
1 Monat zuvor

Kinder lesen immer weniger Literatur, konsumieren meist nur Bewegtbilder, das Schreiben übernimmt die KI und wenn sie mal mit Texten außerhalb der Schule konfrontiert sind, stammen sie aus den sozialen Medien oder von WhatsApp, wo absolut jeder schreibt, wie er gerade lustig ist.

Schule KANN das alles nicht kompensieren – es sei denn, man würde täglich sechs Stunden Rechtschreibunterricht durchziehen. Ich erlebe Neunklässler, die Satzanfänge und Nomen immer noch kleinschreiben, obwohl man ihnen bereits seit der Grundschule erklärt, dass das falsch ist.

Nun gibt es da draußen keine Rechtschreibpolizei, aber noch immer werden extrem fehleranfällige Texte mit geringer Bildung gleichgesetzt. Und mein Eindruck ist, dass das stimmt. Dazu gehört jedoch immer dazu, sich bilden lassen zu wollen.

Ich_bin_neu_hier
1 Monat zuvor

„Vieles von dem, was vorschnell als Fehler oder Normverstoß charakterisiert wird (…), ist die Folge von Lernprozessen.“

Verstehe ich nicht: Wo ist das Argument? Wenn ich als Jugendlicher in einer Gang sozialisiert wurde, habe ich auch gelernt – als Folge eines Lernprozesses -, dass es eine akzeptierte und notwendige soziale Norm ist, mein “Recht” gegebenfalls mit Gewalt durchzusetzen. Trotzdem handelt es sich – von außen betrachtet – um einen Normenverstoß, dessen Fortführung unterbunden werden muss.

Inzwischen gibt es Kinder, die sich in Teilen eine eigene Rechtschreibung angewöhnen und sie dadurch verfestigen (einfaches Beispiel “dan” und “den” statt “dann” und “denn”). Je schneller man dort nachdrücklich eingreift und die korrekte Schreibung einfordert, desto weniger Gelegenheit hat die falsche, sich zu verfestigen, oder?

Anders ausgedrückt, niemand würde bestreiten, dass die Fehlschreibung das Resultat eines individuellen Lernprozesses war – das sind Fehler eigentlich immer -, aber warum sollte das jetzt positiv konnotiert sein?

Kann mir das bitte mal jemand erklären? Vielleicht ist da ja mein individueller Lernprozess durcheinander geraten?

Sporack
1 Monat zuvor
Antwortet  Ich_bin_neu_hier

“Einfordern” hilft aber nicht. Man müsste für Kinder sachlich Interessantes beiseite schieben, und im Unterricht Texte abschreiben lassen – statt Suche im Internet und mache eine Präsentation.

Genauso wiederholendes Rechnen des gleichen Aufgabentyps : Ist echt langweilig. Aber das natürliche Neuronennetz benötigt Wiederholung , Korrektur und Wiederholung.

Toto
1 Monat zuvor

Russisch Brot als Nudeln im Löffel.
In Eurem Impressum fehlt die Adresse:
Koordinaten 55° 45′ N, 37° 37′ O.

potschemutschka
1 Monat zuvor
Antwortet  Toto

??? Wie kommen Sie auf Russisch Brot bei dem Artikelbild und was wollen Sie damit aussagen? Ich würde es gern verstehen.

Palim
1 Monat zuvor

Der Bericht richtet den Blick auf soziale Ungleichheiten.“

Dann sollten wir uns darum bemühen, dass Schulen in die Lage versetzt werden, dem besser begegnen zu können, indem wir die Schulen stützen und erheblich besser ausstatten, die sich seit Jahrzehnten um diese Schüler:innen bemühen, und die Lehrkräfte entlasten und unterstützen, die immer wieder benennen, dass die Schüler:innen Förderung benötigen, die mangels Ressourcen nicht gewährt werden kann.

Da helfen keine bürokratischen Anträge und Förderpläne auf dem Papier, sonder Personal und Räume, beginnend VOR der Einschulung.
Und das umgehend – also spätestens im Sommer 26, denn die Forderungen bestehen ja schon lang.

Schulen, die keine 100% Versorgung im Schuljahr haben oder erhalten und mehrere Wochen (sagen wir 6) unterversorgt arbeiten müssen, erhalten dadurch einen Anspruch auf Überversorgung ab dem kommenden Halbjahr in mindestens gleicher Höhe.

Bundesländer sollten massiv in den Nachwuchs und in bessere Arbeitsbedingungen investieren, Arbeitszeiterfassung samt Ausgleich, Sozialräume, weiteres Personal, das zu einer Entlastung der Lehrkräfte beitragen kann, Verbindliche Versorgung aller Schulen mit Schulpsycholog:innen, Sozialpädagog:innen, meiner Meinung nach auch Therapeut:innen (entsprechend eines festzulegenden Schlüssels – da orientieren wir uns gerne mal an den besten unter den BL, statt weiter zu sparen).

Stine
1 Monat zuvor

Die Überschrift verstehe ich nicht. Gerade in einem anderen Artikel gelesen, dass die Wirtschaft sich beschwert, dass niemand mehr Rechtschreibung beherrscht, sie verliert also gar nicht an Wert. Trotzdem wird immer weniger unterrichtet oder gewertet. Warum ist das denn so? Bei uns wurde gerade eine Unterrichtsstunde “freigeräumt”, damit wir schon in der ersten Klasse lustigen Projektunterricht mit eigenverantwortlichem Lernen machen, obwohl gar keiner lesen oder schreiben kann. Und genau da sehe ich das Problem – dort wo die Eltern gegenarbeiten, holen die Kinder das auf, die anderen haben das Nachsehen. Warum dann nicht in der Grundschule mehr Deutsch, damit alle die gleichen Startchancen bekommen? Wir stellen also fest, Rechtschreibung fehlt, Lesen fehlt, Kinder aus bildungsfernen Familien sind benachteiligt, aber setzen auf immer mehr “Anpassung an aktuelle Gegebenheiten” und streichen den Unterricht dieser Fertigkeiten. Das passt nicht zusammen…

Fräulein Rottenmeier
1 Monat zuvor
Antwortet  Stine

Es gibt tatsächlich inzwischen eine Gegenströmung, die zumindest die Hoffnung schürt, dass sich in der Bildungspolitik etwas ändert.
Einige Bundesländer haben auf die eklatanten Defizite im Bereich der Lesekompetenz reagiert und den Grundschulen 3x 20 Minuten wöchentlich Lautlesemethoden verordnet. Nun geht es mit der Schreibekompetenz (flüssig schreiben) weiter. Auch hier wird es zukünftig Vorgaben geben, die jede Grundschule antizipieren muss. Ich schätze, dass auch wieder der Fokus auf die Redhtschreibkompetenz gelegt wird und im Fach Mathematik wird es bezüglich der Grundrechenarten ähnlich werden.
Dafür ist es nötig, dass die Lehrpläne entmüllt, vielleicht auch der Fächerkanon geändert wird, denn diese Vorgaben bedingen auch Zeit….

Meine Hoffnung ist, dass Grundschule wieder zurückkehrt und sich auf das Wesentliche besinnt, und dafür die Zeit aufwändet und nicht für tausenderlei Schnickschnack verplempert ohne die Nachhaltigkeit in den Blick zu nehmen.
Das Startchancenprogramm weist auch in die Richtung (Förderung von Deutsch, Mathe und ESE-Kompetenz), ist aber wirklich schwerfällig und höchst bürokratisch, so dass Maßnahmen nur sehr langsam Wirkung zeigen werden….

Woofy
1 Monat zuvor

Das liegt daran, dass gewisse schlecht oder gar nicht Deutsch sprechende Eltern sofort mit der Rassismuskeule kommen, da die Kids dann zuhause ja Deutsch lernen müssten, statt der Heimatsprache.
Schon mehrfach erlebt, ebenso wenn reihum vorgelesen wurde und sich manches Kind weigerte.
SO macht unterrichten keinen Spaß mehr.
Da macht man seinen Job und wird als Nazi betitelt. Unfasdbar!

HarneEinrichson
1 Monat zuvor
Antwortet  Woofy

“Schon mehrfach erlebt, ebenso wenn reihum vorgelesen wurde und sich manches Kind weigerte.”

Gerade schwächere Leser werden sich mutmaßlich weigern vor der Klasse vorzulesen und erneut allen zu zeigen, dass sie es am schlechtesten können.
Außerdem verschwendet die Methode Lebenszeit – Wenn es um Üben geht bringt es wenig, wenn ein Kind liest und 25 Kinder zuhören.

Abgrenzung
1 Monat zuvor
Antwortet  HarneEinrichson

Wenn 1 Kind vorliest sollten die 25 anderen Kindern auch zuhören und MITLESEN !

Sporack
1 Monat zuvor
Antwortet  Woofy

Dumme Leute gibt es überall.

Nazi-Keulen bei Grundschülern eher nicht.

Muxi
1 Monat zuvor
Antwortet  Woofy

SIe haben noch nie darüber nachgedacht, dass leseschwache Kinder sowas als blanke Blosstellung erleben können? Und dann eher Angst vor Lesen entwickeln.

Woofy
1 Monat zuvor

P.S:
Eine Kollegin in einer Grundschule in SH dollte/musste türkische Arbeitsblätter in Deutsch ausfüllen lassen.
Es ging wohl nur um die Schreibweise der Buchstaben, dennoch halte ich es im Deutschunterrich in der BRD für falsch, wenn es türkische Wörter ergibt.
SO macht Rechtschreibung dann auch keinen Spaß und verwirrt.
Allerdings fände ich es cool, wenn Türkischunterricht als Fach aufgenommen werden würde… und zwar auch für nichttürkischstämmige Schüler.

Gelbe Tulpe
1 Monat zuvor
Antwortet  Woofy

Türkisch werden die wenigsten erfolgreich lernen, da als agglutinierende Sprache schwieriger als etwa Französisch.

Sporack
1 Monat zuvor
Antwortet  Gelbe Tulpe

Der Unterschied bzw die Abgrenzung von agglutinierenden und und flektierenden Sprachen scheint nicht ganz scharf zu sein….
Ob nun die Veränderungen von natürlich morphierten Ur-Sprachen gelehrt werden, oder eine orthographische Kunstsprache – bei der Einführung des lateinischen Alphabets für die türkische Sprache im Jahr 1928 wurde nicht auf die historische Orthographie des Osmanisch-Türkischen zurückgegriffen – funktioniert meiner Meinung nach gleich gut, wenn entsprechende Lehr- und Lernzeiten auch für Wiederholung von Bekanntem eingeplant ist.

Josef Bayer
1 Monat zuvor

Niemand wid es schaffen, die korrekte Rechtschreibung im Schulunterricht zu vermitteln. Dafür ist das Inventar der Sprache zu gross. Die Lösung kann nur im Lesen (und Schreiben) gesucht werden. Das Training besteht darin, die Wörter und ihre Umgebung via ihrer Formen zu erkennen. Ein Kind wird den Unterschied von “viel” und “fiel” bald erfassen, wenn es beim Lesen feststellt, dass ersters immer vor Stoffnamen wie “Wasser” oder “Geld” oder Verben wie “lachen”, zweiteres aber immer als Verb mit der Bedeutung “fallen” vorkommt. Muss das unterrichtet werden? Nein. Es ergibt sich rein quantitativ. Die Voraussetzung dafür ist jedoch, dass das lesene Kind viele Erfahrungen mit diesen Wörtern macht. So wie das Kind im Erstspracherwerb das Vokabular auditiv lernt und ständig erweitert, so lernt es dieses Vokabular auch visuell. Und das geht halt nur über sas kontinuierliche Lesen und auch Schreiben. Weer das nicht so sieht, sollte sich aus entsprechenden Debatten heraushalten.

Sporack
1 Monat zuvor
Antwortet  Josef Bayer

Und genau diese Kontinuität ist Unterricht.
Der Unterricht muss das Trainingsmaterial verfügbar machen.
Einerseits sicher auch die Regeln aber andererseits insbesondere die Anwendung der Regeln.

Apropos Regeln:

Ich wurde gefragt: “Austrinken oder auftrinken – wann nutze ich welche Variante?”

Das ist eine sehr interessante Frage, die ich mir noch nie gestellt hatte.

Meine Antwort war:
“Das Gefäß wird ausgetrunken.
Die Flüssigkeit wird aufgetrunken.”

Reaktion war ein Widerspriuch: “Aber es heißt doch: Ich habe den Tee ausgetrunken.”

Mario L
1 Monat zuvor
Antwortet  Sporack

Finde ich jetzt gar nicht so schwierig: “auftrinken” benutzt man, wenn man die deutsche Sprache nicht beherrscht, “austrinken” ist ein deutsches Verb …

Rolf Landolt
1 Monat zuvor
Antwortet  Josef Bayer

Solange man dem kind den unterschied von «viel» und «fiel» (und die sinnlose substantivgrossschreibung sowie wörter wie «Rhythmus») beibringen muss, ist keine besserung in sicht; das kann man drehen und wenden, wie man will. https://www.ortografie.ch/vorschlaege/ziel.php

Abgrenzung
1 Monat zuvor

Im Studium habe ich gelernt, dass Diktate der Psyche der Kinder schaden.

Danidattel
1 Monat zuvor

Wie lange will man noch die soziale Ungleichheit als Begründung für mangelnde Intelligenz und Faulheit bzw.die Unfähigkeit eines Großteils des Lehrpersonals ( in der Regel Frauen) ins Feld führen. Es nervt nur noch. Mein Großvater kam als Kind mit seinen Eltern aus Polen in das Ruhrgebiet. Mit 14 Jahren wurde er Bergmann. Mein Vater lernte Schlosser und “arbeitete sich “hoch”, (Techniker/Refa-Fachmann), und dies unter schwierigsten Umständen, denn er war erst 20, als ich geboren wurde. Ich besuchte als erste das Gymnasium. In unserer Familie war es das Normalste auf der Welt, dass Zuhause Diktate und Kopfrechnen geübt wurden. Ich habe später in Heidelberg studiert und tatsächlich einen Abschluss gemacht. Ich komme nicht aus dem Bildungsbürgertum, aber Bildung stand in unsere Familie an erster Stelle. Und Rechtschreibung haben alle Familienmitglieder beherrscht, auch mein Opa, der Bergmann, geboren in Polen. Heute würde er wahrscheinlich “als Flüchtling” von linken Lehrerinnen “gefördert” aber niemals “richtiges Schreiben” lernen. Als Arbeiterkind habe ich tatsächlich das Große Latinum und mit 68 Jahren letzte Woche mein Graecum bestanden.

Hans Malz
1 Monat zuvor
Antwortet  Danidattel

Ich bin ganz gerührt von dieser wunderschönen Geschichte.

Mariele
1 Monat zuvor

Kan man mit seinem Kind auch ohne Studium Abends zu Hause üben – reicht wenn es jeden Tag 10 Wörter sind- einfach mal machen und nicht immer nur jammern!

Stine
1 Monat zuvor
Antwortet  Mariele

Es geht bei uns schon lange nicht mehr ums Üben. Es geht eher ums Beibringen. Kind, 2. Klasse, hat irgendwelchen Projektunterricht, seltsame Stunden, in denen es Komplimente machen und Entschuldigungen formulieren soll, es soll philosophieren lernen, es wird ständig etwas gemalt und sobald ein Lehrer krank ist, wird erst recht nur noch gemalt. Lernstoff verbleibt in der Schule, was die Kinder effektiv arbeiten, krieg ich kaum mit, und auf Nachfrage werd ich noch komisch angeguckt, als wolle ich meinem Kind damit etwas Schlechtes. Die Kinder tun doch schon genug, heißt es. Ich habe kein Problem damit, etwas zu üben. Aber ich habe ein Problem damit, wie schon beim großen Kind die Kohlen aus dem Feuer zu holen und abends nach der Ganztagsschule, wenn das Kind müde ist, noch Texte schreiben zu lassen, weil es das nicht gelernt hat. Dafür ist der Unterricht da.

Riesenzwerg
1 Monat zuvor

Es ist genaua ders herum – die Rechtschreibung verlor an Wert, deswegen weniger bis gat kein RechtscheibDRILLunterricht mehr.

Wir dürfen ja schon lange kein Kind mehr überfordern, langweilen oder es mit stupidem notwendigen Training (geht auch mit Spaß und Freude, war den Didakter:innen und Pädagog:innen – was bin ich dann als studierte Deutschlehrkraft?) wohl nicht bekannt.