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Kinderschutzbund: “Wer heute bei Kindern spart, zahlt morgen doppelt”

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HANNOVER. Kinder von Alleinerziehenden und mit Migrationshintergrund sind besonders betroffen: Warum Armut für viele Familien Alltag bleibt und welche Maßnahmen jetzt gefordert werden – das zeigen aktuelle Zahlen aus Niedersachsen. 

Die Lebenswelten von Kindern unterscheiden sich immer deutlicher. Foto: Shutterstock

Kinder und Jugendliche sind weiterhin überdurchschnittlich häufig von Armut bedroht. Nach Einschätzung des Kinderschutzbundes Niedersachsen gilt rund jede fünfte Person unter 18 Jahren im Bundesland als armutsgefährdet, teilte Vorstandsmitglied Simon Kopelke mit. «Alle Systeme, auf die Kinder und Jugendliche angewiesen sind, stehen unter enormem Druck», sagte Kopelke.

273.000 Kinder und Jugendliche im Land sind armutsgefährdet

Die Landesarmutskonferenz Niedersachsen bestätigt die Zahlen für das vergangene Jahr. Das entspricht etwa armutsgefährdeten 273.000 Kindern und Jugendlichen. Besonders betroffen sind laut beiden Organisationen Kinder von Alleinerziehenden sowie aus kinderreichen Familien.

Deutliche Unterschiede zeigten sich zudem beim Armutsrisiko von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund. Nach Angaben der Landesarmutskonferenz lag die Armutsgefährdungsquote von Kindern mit Migrationshintergrund 2024 bei rund 36 Prozent und damit deutlich höher als bei Kindern ohne Migrationshintergrund.

Kopelke: «Können ihr volles Potenzial niemals entfalten»

Vorstandsmitglied Kopelke sagte: «Wirtschaft und Gesellschaft können ihr volles Potenzial niemals entfalten, wenn einem Teil der Kinder und Jugendlichen keine echte Chance auf Entwicklung gegeben wird.»

Die Folgen der Armut zeigen sich nach Einschätzung der Verbände vor allem im Bildungsbereich. Kinder aus armutsbetroffenen Haushalten hätten von Beginn ihrer Schulzeit an schlechtere Ausgangsbedingungen, erklärte Geschäftsführer Fabian Steenken von der Landesarmutskonferenz.

Bildungserfolge hängen stark vom Einkommen der Eltern ab

«Das beginnt schon sehr früh – symbolisch bei der kleineren Einschulungstüte, ganz konkret aber bei fehlenden materiellen Ressourcen, weniger Ruhe- und Lernräumen zu Hause und geringeren Unterstützungsmöglichkeiten durch die Eltern», sagte Steenken. Das wirke sich messbar auf den Bildungserfolg aus. Dieser hänge in Deutschland weiterhin stark vom Einkommen der Eltern ab.

Der Kinderschutzbund warnt zudem vor gesundheitlichen und sozialen Folgen. Kinderarmut bedeute nicht nur materielle Einschränkungen, sondern gehe häufig mit Stress, sozialer Ausgrenzung sowie gesundheitlichen Risiken einher, teilte Kopelke mit. Viele Kinder hätten keinen ausreichenden Zugang zu gesunder Ernährung, angemessenem Wohnraum oder Vorsorgeangeboten.

Organisationen fordern politische Gegenmaßnahmen

«Wer heute bei Kindern spart, zahlt morgen doppelt – in Form von Fachkräftemangel, gesellschaftlicher Spaltung und Demokratiedefiziten», sagte Kopelke. Beide Organisationen fordern daher politische Gegenmaßnahmen.

Genannt werden unter anderem höhere Investitionen in Kitas und Schulen, bessere Betreuungsschlüssel, ein kostenfreies Mittagessen sowie die Einführung einer Kindergrundsicherung, die Familien verlässlich vor Armut schützt.

Steenken: «Die lachen über 60-Stunden-Woche von Topmanagern»

Die Landesarmutskonferenz drehe derzeit eine Serie über Alleinerziehende. Geschäftsführer Steenken sagte dazu: «Wenn man sich anschaut, welchen Spagat die täglich machen zwischen Lohnarbeit und Carearbeit, und parallel die Existenznot sieht, dann hat das mit Leistungsgerechtigkeit nichts mehr zu tun.» Und weiter: «Die lachen über eine 60-Stunden-Woche von Topmanagern.» News4teachers / mit Material der dpa

“Milliarden an zusätzlichem Wohlstand – wenn mehr junge Menschen besser lesen, schreiben und rechnen könnten“

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Anika von Bose
1 Monat zuvor

Dem ist wenig hinzuzufügen…eine besorgniserregende Statistik! Ich hoffe immer noch, dass endlich erkannt wird was für eine hohe Rendite umfassende Investitionen in unsere Kinder und ihre Familien erbringen! Sie sind die Grundlage unserer Demokratie, sie sind dringend benötigten Fachkräfte von morgen, sie sind die Steuerzahler von morgen und diejenigen die das Solidarprinzip unseres Sozialsystems aufrechterhalten sollen – dafür geht man wirklich schlecht mit ihnen um. Und es wird Zeit, dass sich das ändert!

Karl Heinz
1 Monat zuvor

“Wer heute bei Kindern spart, zahlt morgen doppelt”
Das ist seit Ewigkeiten bekannt.
Leider funktioniert Politik nach der Logik “Was kümmern mich morgen die Sorgen von morgen”
So wie “Klima” u.a. Probleme nur global sinnvoll angegangen werden können, so sind Probleme dieser Art nur längerfristig also über mehrere Legislaturperioden hinweg zu bewältigen.
Und da geht’s schon los:
wer weiß denn im prekären Politikbetrieb, ob er/sie in einem Jahr noch auf dem Posten ist.
Siehe Atom-Aus und wieder Ein-Stieg, Verbrenner-Aus und wieder Rücknahme… usw. usw.

Die Armen haben eben keine Lobby.

NetterMisanthrop
1 Monat zuvor

Aber heute kann ich mit dem Geld die Wünsche meines Wählerklientels bedienen und mich gut dastehen lassen oder zumindest Unbeliebtes vermeiden… morgen ist eine andere Legislaturperiode.
Mit dem zusätzlichen benefit, dass ich dann über die miserable Situation schimpfen kann, die ganz klar den aktuell herrschenden Kräften anzulasten ist.
Diese weltfremden Lehrys verstehen auch einfachste politische Zusammenhänge nicht… denkt denn keiner an die Kinder?

Angelika Mauel
1 Monat zuvor

Für mich ist das, was im Artikel wiedergegeben wird – tut mir leid, dass sagen zu müssen – die auf den forcierten Betreuungsplatzausbau abgestimmte “alte Leier” des Bundesverbandes des Deutschen Kinderschutzbundes, die auch viele Landes- und Ortsverbände übernommen haben. Der Zeitgeist ist anscheinend wichtiger als die wenigen elementaren Grundbedürfnisse von Kleinkindern.

https://www.news4teachers.de/2025/11/stress-und-bindungsirritationen-warum-die-aktuelle-kita-paedagogik-risiken-fuer-kinder-birgt-bildungsforscherin-legt-nach/ – Danke für diesen Beitrag, der mehr Zuspruch erfahren hat als der obige. “Verbeek formuliert ihre These klar: Sehr frühe und sehr lange Krippenbetreuung kann Kinder messbar stressen – und dieser Stress kann entwicklungspsychologische Risiken nach sich ziehen.” Der Kinderschutzbund ist in den letzten Jahren nicht durch fundierte Kritik an zu früher und zu langer Betreuung von Kleinkindern aufgefallen. Er hat weder das Buch “Seelenprügel” von Anke Ballmann empfohlen und sich auch nicht lobend über “Deutschland misshandelt seine Kinder” geäußert. Aber ebensowenig wie die SPD die von Scholz gewünschte “Hoheit über den Kinderbetten” zusteht, taugt der Kinderschutzbund als Gewissen der Nation im Hinbick auf das Kindeswohl. Statt “Elterntrainings” würde oftmals ein Blick auf das schlafende Kind reichen, um zu erkennen, ob es ihm in der Betreuung gut oder zumindest überwiegend gut geht oder nicht. Schon seit Jahren wird geklagt, dass die Kinder in Kitas viel zu oft krank sind. – Und es stimmt!

Ortsverbände des Deutschen Kinderschutzbundes haben sogar Michael Winterhoff zu Lesungen eingeladen, anstatt sich früh und überzeugend von seinen Ansichten zu distanzieren. Hätte der Kinderschutzbund wirklich das Wohl besonders benachteiligter Kinder im Blick gehabt, hätte er schon früh warnen können, dass man über den Krippenausbau die Belange behinderter Kindern und die von Heimkindern nicht vergessen dürfe.

Als das KInderhilfswerk diese – leider nicht erfolgreiche Petition gestartet hat, haben sich der Deutsche Kinderschutzbund und andere organistierte Kinderschützer nicht angeschlossen. War ja nicht die eigene Idee. Und die Kitas des Kinderschutzbundes verfügen leider auch nicht immer über schöne. angemessen große Außengelände…

.

Angelika Mauel
1 Monat zuvor
Mondmatt
1 Monat zuvor

Politikern ist das egal.

Geld das heute in Bildung und Erziehung fließt ist heute weg.

Also nicht mehr für Wählerwirksamen Krims-Krams da.

Morgen bedeutet in diesem Zusammenhang in einigen Jahren.

Das bedeutet also in einigen Wahlperioden.

Die heutigen Politiker sind dann entweder nicht mehr im Geschäft oder hoch geehrte Alterspräsidenten.

Warum sollten die Auswirkungen fehlender Bildungsausgaben sie dann heute jucken?

Nach mir die Sintflut.