Start Kita Geburtenknick: Wo Erzieherinnen nach der Ausbildung schon nicht mehr übernommen werden 

Geburtenknick: Wo Erzieherinnen nach der Ausbildung schon nicht mehr übernommen werden 

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POTSDAM. Brandenburgs Kitalandschaft steht vor Veränderungen. Der Geburtenrückgang und unsichere Finanzierungsbedingungen bringen Träger an ihre Grenzen. Die Stimmung in den Einrichtungen kippt. Kollegien zeigen sich zunehmend verunsichert – kein Wunder: Die Arbeitsplätze sind nicht mehr sicher. 

Keine Kinder – kein Job (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Kinder bleiben weg und Erzieher blicken in eine ungewisse Zukunft: Der Rückgang der Geburtenzahlen trifft vor allem den ländlichen Raum. Besonders deutlich zeigt sich das in der Uckermark. Nico Brückmann, Vorstandsvorsitzender des DRK-Kreisverbands, zeichnet ein alarmierendes Bild: «Geschätzt gehen wir von 30 Prozent weniger Kindern in den kommenden fünf Jahren aus. Ein Zuzug ist kaum zu erwarten. Unsere Region ist kein ‚Speckgürtel‘ mehr von Berlin».

Auch aus anderen Regionen kommen ähnliche Signale. In Landkreisen wie Dahme-Spreewald mache sich der Trend bereits heute bemerkbar, berichtet Marie-Christin Lux, Sprecherin des DRK-Landesverbands Brandenburg. Vor allem kleine, ländliche Kita-Standorte seien anfälliger und hätten geringere Chancen, neue Familien zu gewinnen. Doch selbst Städte bleiben nicht verschont: «In Frankfurt (Oder) sind aktuell rund 100 Kita-Plätze frei», sagt Sonja Zipper, Fachreferentin Kindertagesstätten vom Caritasverband für das Erzbistum Berlin.

In den Wachstumsregionen Brandenburg an der Havel oder Märkisch-Oderland werde der Rückgang durch Zuzug junger Familien zwar teilweise abgefedert – spürbar bleibe er dennoch, erklärt DRK-Sprecherin Lux.

Auslastung sinkt – kleine Kitas besonders gefährdet

Vielerorts sind Konsequenzen spürbar. «Brandenburgweit werden Gruppen zusammengelegt. Auch werden die ersten Einrichtungen bereits geschlossen. Dies betrifft auch Fröbel mit einer kleinen Einrichtung von 20 Plätzen, die wir im August 2026 aufgeben werden», sagt Sprecher Michael Kuhl. Die Auslastung der landesweit 5.230 Fröbel-Plätze schwanke derzeit stark – zwischen 65 und 100 Prozent.

Die DRK-Kita in Lychen musste ihre Kapazität 2023 von 114 auf 90 Plätze reduzieren – mangels Bedarf. Nun steht laut Brückmann sogar eine Schließung im Raum, weil die Kommune nur eine einjährige Fehlbedarfsfinanzierung zugesagt hat. Kita-Leiterin Anika Burbach sagt, in der Stadt habe eine weitere Kita eröffnet – auch ein Grund für die rückläufige Kinderzahl in ihrer Einrichtung. Inzwischen würden dort nur noch 73 Kinder betreut.

Fixkosten bleiben, Einnahmen sinken

Da die Kita-Finanzierung überwiegend kindbezogen erfolgt, trifft der Rückgang die Träger finanziell unmittelbar. «Die Einrichtungen sind defizitär. Ich nenne das schlechte wirtschaftliche Rahmenbedingungen», so DRK-Vorstand Brückmann. Fröbel sieht ebenfalls systemische Risiken: «Sinkt die Auslastung, sinken automatisch die refinanzierten Kosten. Die Fixkosten bleiben gleich bei sinkenden Einnahmen», so Fröbel-Sprecher Kuhl.

Personal: Unsicherheit wächst, Stellen werden nicht nachbesetzt

Der wirtschaftliche Druck wirkt sich direkt auf die Stimmung in den Teams aus. In Lychen wurden 2025 Auszubildende trotz bestandener Prüfung nicht übernommen – ein untypischer Schritt, wie Brückmann betont. «Die Kollegen sind verunsichert. Neue Azubis finden wir schwerer», berichtet der Vorstand.

Caritas-Referentin Zipper warnt vor langfristigen Folgen: «Wenn wir den guten Nachwuchs jetzt nicht an die Kindertagesstätten binden können, dann sind die Fachkräfte perspektivisch weg. Und sollte sich irgendwann die Kinder- und Geburtenrate wieder erhöhen, fehlt uns wiederum das Personal.» Auch Kita-Leiterin Burbach sagt: «Es wäre schade, wenn die Erzieher, die viel Zeit in ihre Ausbildung gesteckt haben, gehen müssten».

Weiterbildungen und flexibler Personaleinsatz

Viele Träger versuchen, Kündigungen zu vermeiden. «Weiterbildungen und Fachkarrieren sind sicherlich die ersten Mittel der Wahl, um Mitarbeitenden unternehmensintern neue Perspektiven zu geben. Die Nachfrage ist hoch und die Zufriedenheit ist gut», berichtet Kuhl. Zusätzlich setze Fröbel vermehrt auf Springer, die Teams bei Personalmangel unterstützen.

Der zusätzliche Platz wird unterschiedlich genutzt: «Zunächst kann etwas mehr Platz für die pädagogische Arbeit sogar förderlich sein», so Michael Kuhl. So würden Räume um weitere Vorleseecken erweitert oder der Platz für Bildungsprojekte genutzt. Auch für Familienzentren könnten Räume genutzt werden.

Experten: Situation bietet auch Chancen für mehr Qualität

Zipper betont, dass die derzeitige Lage auch Chancen biete – vorausgesetzt, die Politik ziehe mit. «Wenn die Politik sagt, wir lassen das Geld im System und bauen das aus qualitativ, dann wäre es sogar eine Chance.» Aus ihrer Sicht sei es nötig, die inklusive Arbeit mit Kindern mit Beeinträchtigungen, nichtdeutscher Herkunftssprache oder aus sozialökonomisch benachteiligten Familien zu stärken, in dem man das Fachpersonal dafür ausbilde. So könne man die Kinder auch wirklich gut betreuen.

Auch aus Sicht des DRK-Landesverbands können sinkende Kinderzahlen – bei stabiler Finanzierung – auch positive Effekte haben: intensivere individuelle Förderung, stärkere Bindungen zwischen Fachkraft und Kind, weniger Stress und bessere Arbeitsbedingungen sowie eine verbesserte Förderung von Kindern mit Entwicklungsverzögerungen. «Würden sinkende Kinderzahlen gezielt für Qualitätsverbesserungen genutzt, etwa durch bessere Personalschlüssel, könnten inklusive Angebote deutlich ausgebaut und Fachkräfte langfristig gebunden werden», betont auch Sprecherin Lux.

 So wenig Geburten wir in der unsicheren Nachwendezeit

In Brandenburg ist die Zahl der Geburten laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg seit Jahren rückläufig. 2024 sank sie im Vergleich zu 2023 um 731 Geburten (4,6 Prozent) auf 15.154. Zuletzt wurden demnach ähnlich wenige Geburten wie 1996 registriert, als es nach der Wiedervereinigung zu einem Einbruch der Geburten kam. In Potsdam kamen demnach im Landesvergleich die meisten Kinder zur Welt (1.427). In Frankfurt (Oder) wurden mit 307 die wenigsten Kinder im Land geboren. News4teachers / Von Anja Sokolow, dpa

Geburtenrückgang ist zunehmend spürbar: Kommt jetzt das Kita-Sterben?

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Mika BB
10 Tage zuvor

Man KÖNNTE ja auch den Personalschlüssel verringern (Mittelzuweisung vom Landkreis), Zeit für Fortbildung und Konzeptentwicklung einräumen und insgesamt also die geringere Kinderzahl als Auftakt zur Qualitätsoffensive begrüßen. Die Grundschulen würden sich freuen, nicht drei, vier Monate ausschließlich in den Erwerb basaler (Kita-)Fähigkeiten stecken zu müssen.

Aber hier zeigt sich ganz deutlich der Stellenwert von Bildung in BB: sie soll möglichst wenig kosten. Gleiches in den Schulen: da müssen Kinder wohnortfernere Schulen besuchen, damit keine kleinen Klassen mit um die 20 SuS aufgemacht werden – die SuS werden solange hin und her geschoben, bis die Klassen überall möglichst an der Maximalgrenze sind. Das kostet weniger und vor allem: man braucht weniger Lehrer. Und das macht sich politisch doch toll, wenn man sagen kann: der Lehrermangel sinkt in BB.

Dass es sowohl in Kita als auch in Schule gerade jetzt möglichst kleine Gruppen braucht, um die sozialen und lerninhaltlichen Defizite der immer heterogeneren Kinder aufzuarbeiten, spielt dabei keine Rolle.

Vielleicht sollten wir uns alle mal nen Trecker ausleihen und nach Potsdam fahren oder an die Autobahn stellen…

Bla
10 Tage zuvor
Antwortet  Mika BB

Hehe, vollkommen treffend.
Dazu absolut wild, wenn man bedenkt, dass viele Bundesländer in den letzten Jahren (2021-2023 rum) strukturen geändert haben, damit man überhaupt mit den Mangel etwas umgehen kann – was im Prinzip auch nur eine “Verlagerung des Mangels” war und ist.
Beispielsweise die “Gleichstellung” bzw. “Anrechnung” des 1. StEx [2. StEx logischerweise auch] als Qualifikation. Dazu ggf. Nachqualifikation in stark verkürzter Zeit. Dazu eben auch die Bezahlung und auch Leitungspositionen.

Schon “witzig” wenn ich überlege, dass ich 2020 noch angefragt hatte in Bayern. Und dort war das nicht möglich. Zack 1-3 Jahre später legte man nach. Jetzt ist es möglich.

Und auf einmal sind’s bald zuviele?
Wie an den Grundschulen als Prognose?
Wie an vielen Schulen seit Jahrzehnten als Prognose?
Merkte man nur irgendwie nichts. Is ja komisch.
Dazu könnte man ja mal tatsächlich auf Qualität gehen und die – viel zu hohen – Teiler angleichen. Würde ebenfalls Entlastung bedeuten – wenn man nicht gleichzeitig massiv andere Sachen “fordern und einfordert”.

Mein “Guess”:
– Man reduziert
– Vermehrt Aufgabenbereiche erweitern
– Upsi, zu wenige ErzieherInnen
– Sorry, aber DAS konnte nun WIRKLICH KEINER wissen
– “Woher sollen wir denn das Personal bekommen – es drucken?”
– Macht mal trotzdem bitte weiter
-> Kostensparung par excellence

Dazu auch gut …
Nachdem man gesetzlichen Ganztagsanspruch an den Grundschulen forderte, “anordnete” und jetzt “blank” dasteht … Ist so eine “Verschiebung des Mangels” doch ein guter Punkt. ErzieherInnen … Ab in den Ganztag. Anrechnung? Ja. Mangel? Ja. “Bitte bitte”. Bin mal gespannt, ob man hier so ehrlich ist das auch “als Konzeptgedanke” direkt “mal” zu sagen … Ist nur “mein Gefühl” etwas.
Lückenfüller würde man das anderswo nennen. Und diese “hin und her” durch “ahja, nene – wir? Mangel? Ne – gar nicht. Geht mal lieber dorthin, die suchen tatsächlich”.
Bin mal gespannt, ob das ein “Kreislaufsystem der Bildung und Erziehung” als Trend (mancherorts) haben wird.

Eisblume
10 Tage zuvor

Das hätten wir alles ohne die massive Zuwanderung 2015 schon längst! Bis dahin wurde ja ein stetiger Rückgang der Schülerzahlen prognostiziert. Es wurden Stellen gestrichen und Schulen geschlossen.

Es wird sich auch nun wieder nach oben fortsetzen, sprich die Schulen demnächst betreffen.

Rainer Zufall
10 Tage zuvor
Antwortet  Eisblume

Oder es passiert wieder etwas… :/

Die Verantwortlich täten gut daran, am Personal festzuhalten und “schlimmstenfalls” gute Betreuung und krisenfeste Personalschlüssel zu bieteb, aber im Zweifels- bzw. Krisenfall besser vorbereitet zu sein.

Rainer Zufall
10 Tage zuvor

Daumendrück den Betroffenen!

“Wenn wir den guten Nachwuchs jetzt nicht an die Kindertagesstätten binden können, dann sind die Fachkräfte perspektivisch weg. ”
Und ein nicht unwichtiger Punkt bezüglich einer Familienplanung dort würde (ggf. weiterhin) fehlen 🙁

Anvi
9 Tage zuvor

Jetzt könnte endlich mit individueller Förderung auch die weniger privilegierten Kinder zur Schulreife bringen. Das ist doch eigentlich eine gute Nachricht. Das würde Jahre später richtig viel Geld sparen.

p.n.g.
8 Tage zuvor

Kita in Kliestow soll schließen – Anwohner schlagen Alternative vor
Ich hoffe, dass diese Idee nicht aus irgendwelchen “bürokratischen” Gründen verhindert wird. Es sollte ein Ansporn für andere Gemeinden sein.