An Zielgruppen vorbei: Prävention gegen Verschwörungsglauben erreicht vor allem Gymnasien

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TÜBINGEN. Eine Jugendstudie aus dem Jahr 2022 zeigte bereits, wie eng Misstrauen gegenüber Medien und Institutionen mit Verschwörungsneigungen zusammenhängt. Ein nun abgeschlossenes europäisches Forschungsprojekt macht deutlich, dass sich diese Dynamiken in digitalen Öffentlichkeiten weiter verstärken – und dass die Präventionsarbeit in Deutschland strukturelle Schwächen aufweist. Sie konzentriert sich bislang vor allem auf Gymnasien (also auf jene Schulform, in der Verschwörungsglauben vergleichsweise seltener ausgeprägt ist), während andere Zielgruppen kaum erreicht werden.

Telepathische Gedankenkontrolle? (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

Als die Universität Bielefeld im Sommer 2022 eine Vertrauensstudie unter Kindern und Jugendlichen veröffentlichte, waren die Ergebnisse deutlich. Eine große Mehrheit der 12- bis 16-Jährigen misstraute klassischen Medien, mehr als ein Drittel vermutete gezielte Manipulation oder das Zurückhalten von Informationen (News4teachers berichtete).

Studienleiter Prof. Holger Ziegler sprach von „alarmierenden“ Befunden und ordnete sie klar ein: Wer nicht nur den Wahrheitsgehalt einzelner Informationen anzweifle, sondern unterstelle, Medien wollten absichtlich täuschen, bewege sich „in einem gefährlichen Bereich von Verschwörungsglauben“. Der Zusammenhang war empirisch belegbar. Jugendliche mit geringem Vertrauen in öffentliche Institutionen oder mit einem stark auf soziale Medien ausgerichteten Informationsverhalten zeigten deutlich häufiger eine hohe Anfälligkeit für Verschwörungsgedanken.

„Es handelt sich nicht um einfache Fehlinformationen, die durch Fakten korrigiert werden könnten“

Drei Jahre später liegt nun ein europäisches Forschungsprojekt vor, das diesen Befund aus einer anderen Perspektive ergänzt und vertieft. Das Projekt REDACT („Researching Europe, Digitalisation and Conspiracy Theories“) hat untersucht, wie Verschwörungstheorien im digitalen Raum entstehen, sich verbreiten und welche gesellschaftlichen Folgen sie haben. Für den deutschsprachigen Raum lag die wissenschaftliche Leitung bei dem Tübinger Literatur- und Kulturwissenschaftler Prof. Michael Butter, die Gesamtkoordination bei dem King’s College London. Im Oktober 2025 wurde das Projekt abgeschlossen.

Zentraler Ausgangspunkt der Untersuchung war nicht die individuelle Einstellung einzelner Nutzerinnen und Nutzer, sondern das digitale Umfeld, in dem Verschwörungserzählungen zirkulieren. Die Forschenden analysierten dafür rund sechs Millionen Posts aus sozialen Netzwerken wie Twitter/X, Facebook, Instagram und Telegram aus den Jahren 2019 bis 2024. Identifiziert wurden sie über Schlagwörter, die auf verbreitete Verschwörungstheorien hinweisen. Die anschließende Auswertung erfolgte in mehreren Schritten: zunächst quantitativ, dann qualitativ, unter anderem mit Verfahren aus der Literaturwissenschaft, die Bedeutungsnuancen und narrative Muster erfassen sollen. „Diese haben wir zunächst mit quantitativen Methoden analysiert, dann mit qualitativen, unter anderem auch mit Verfahren aus der Literaturwissenschaft, in denen die Textbedeutung in all ihren Nuancen erfasst wird“, erläutert die Doktorandin Mara Precoma, die im Projekt mitgearbeitet hat.

Ein zentrales Ergebnis: Im deutschsprachigen Raum entstehen Verschwörungstheorien häufig lokal. Sie bilden jedoch kein isoliertes Phänomen, sondern sind eingebettet in ein breiteres Kommunikationsökosystem. Dazu zählen alternative Nachrichtenwebseiten, Teile des politischen Diskurses sowie klassische Printpublikationen. Internationale Verschwörungserzählungen existieren zwar, werden aber vielfach an nationale Kontexte angepasst. Die häufig untersuchte Erzählung vom sogenannten „Großen Austausch“, die von einer gezielten Ersetzung der Bevölkerung durch Migration ausgeht, ist dafür ein Beispiel.

Gleichzeitig warnt das Forschungsteam vor pauschalen Gefährlichkeitszuschreibungen. Michael Butter sieht darin ein Problem für die Präventionsarbeit: „Der deutschsprachige Diskurs über Verschwörungstheorien ist jedoch häufig alarmistisch und einseitig, was sich bisweilen negativ auf die zahlreichen Projekte zur Bekämpfung von Verschwörungstheorien auswirkt, die wir ebenfalls untersucht haben“, sagt Butter.

„Verschwörungstheorien haben für ihre Anhänger identitätsstiftende Wirkung und geben ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl“

Ein wichtiger begrifflicher Befund des Projekts ist die klare Abgrenzung von Verschwörungstheorien gegenüber Desinformation und Fake News. „Es handelt sich nicht um einfache Fehlinformationen, die durch Fakten korrigiert werden könnten. Verschwörungstheorien haben für ihre Anhänger identitätsstiftende Wirkung und geben ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl“, betont Butter. Gerade diese soziale und emotionale Funktion erkläre, warum Menschen oft hartnäckig an solchen Überzeugungen festhielten.

Neben der Analyse digitaler Inhalte untersuchte REDACT auch die Arbeit von Organisationen, die sich gegen Verschwörungstheorien engagieren. In Interviews mit staatlichen Einrichtungen wie der Bundeszentrale für politische Bildung ebenso wie mit zivilgesellschaftlichen Initiativen wurde erfasst, welche Strategien verfolgt werden und unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Ein Ergebnis fällt kritisch aus: Zwar gebe es viele engagierte Projekte, doch seien deren Rahmenbedingungen häufig problematisch. Förderzeiträume seien zu kurz, bürokratische Anforderungen hoch, und manche Konzepte beruhten auf Annahmen, die nicht mehr dem aktuellen Stand der Forschung entsprächen.

Aus diesen Befunden leiten Butter und Precoma konkrete Handlungsempfehlungen ab. Ein zentrales Argument lautet, dass es keine universellen Rezepte gebe. Modelle aus anderen Ländern ließen sich nicht einfach übertragen. Zudem müsse der Blick stärker auf die gesellschaftlichen Ursachen gelenkt werden. „Wichtig ist auch, dass die Aneignung einer Verschwörungstheorie als Symptom einer schwierigen gesellschaftlichen Gemengelage betrachtet werden sollte, nicht als Ursache. Will man die Verschwörungstheorie bekämpfen, muss man die eigentlich zugrundeliegenden Ursachen identifizieren und dort ansetzen“, sagt Precoma.

Für Deutschland weist sie zudem auf eine Schieflage in der Präventionsarbeit hin. Viele Angebote richteten sich vor allem an Schülerinnen und Schüler an Gymnasien, während andere Schulformen und ältere Menschen, die als besonders anfällig gelten, bislang weniger berücksichtigt würden.

Die Universität Tübingen sieht in dem Projekt einen Beitrag zur gesellschaftlichen Selbstverständigung. Rektorin Karla Pollmann erklärt, Forschung wie REDACT helfe, „die Mechanismen hinter gesellschaftlichen Phänomenen zu verstehen und wirksame Strategien für eine offene, faktenbasierte Kommunikation zu entwickeln“.

Damit schließt sich der Kreis zur Studie von 2022. Schon damals zeigte sich, dass Verschwörungsneigungen bei Jugendlichen eng mit Misstrauen, Verunsicherung und einem pessimistischen Blick auf gesellschaftliche Problemlösungsfähigkeit verbunden sind. Die neuen Ergebnisse aus dem REDACT-Projekt verschieben den Fokus vom individuellen Defizit hin zu digitalen Öffentlichkeiten und strukturellen Bedingungen. Sie legen nahe, dass Medienbildung, Prävention und politische Bildung nur dann wirksam sein können, wenn sie nicht isoliert auf einzelne Zielgruppen oder Plattformen zielen, sondern das gesamte kommunikative Umfeld in den Blick nehmen, in dem Misstrauen entsteht und sich verfestigt. News4teachers 

Medienbildung: mangelhaft! Ein Drittel der Jugendlichen glaubt an Verschwörungstheorien

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5 Kommentare
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Carsten
1 Tag zuvor

Also die Theorie, dass sich Saddam Hussein mit Massenvernichtungswaffen verschworen hat, ging nicht auf, war aber offizielle Kriegsbegründung ?

unfassbar
17 Stunden zuvor
Antwortet  Carsten

Preppen darf man heute auch. Während der Pandemie war das böse.

Konfutse
23 Stunden zuvor

So lange alle anderen weiterführenden Schulen neben dem Gymi als Resteschulen geführt werden müssen, wundert mich das null.

AlexB
22 Stunden zuvor

Eine gründliche und wichtige Studie mit wichtigen Ergebnissen. Ich zweifele nur leider daran, dass sie irgendeinen Effekt hat.

Die aktuelle Bundesregierung tut leider herzlich wenig, um die Ursachen zu bekämpfen, im Gegenteil stellt sie staatliche Fördergelder für demokratiefördernde, gegen Hass, Hetze und Desinformation arbeitende Gruppierungen in Frage. Sie betreibt eine Politik auf dem Rücken der Schwachen in der Gesellschaft (Alte, Migranten, Behinderte, finanzell Bedürftige, psychisch Kranke…). Schulen und Kitas sind chronisch schlecht versorgt. So sorgt schon die Regierung für mehr Nährboden für Verschwörungstheorien (die ja durchaus oft einen Funken Wahrheit enthalten). Manchmal hat man den Eindruck, wichtige Leute in der Regierung versprechen sich Vorteile davon. Zumindest aber besteht wenig Interesse, das Thema intensiv und gründlich anzugehen.

Und so kommt es am Ende dann auch, dass man die Zielgrupen gar nicht erreicht.

H.Milk
19 Stunden zuvor

Statt Schlagworte wie Verschwörungserzählung, Verschwörungstheorie, oder Verschwörungsneigung in den Mittelpunkt zu stellen, ist es, im Sinne der Aufklärung und Wissenschaft angebracht, sich im Detail mit den Theorien auseinanderzusetzen. Da gibt es Gegenstände die sich innerhalb weniger Wochen bequem von zu Hause aus erforschen lassen, aber auch solche, deren Inhalte komplex und schwer zu erforschen sind.

Der besonders während 2021-2023 populär gewordene Verschwörungsbegriff selbst wird bald, von nachfolgenden Generationen, welche die realen und medialen Ereignisse von damals nicht miterlebt haben, nicht mehr als das verstanden, was die Sender damit ausdrücken möchten.