“Schnapsidee”: CDU-Vorstoß, Teilzeit einzuschränken, stößt auf Widerstand (auch in der Union)

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BERLIN. Weil Fachkräfte fehlen, will der Wirtschaftsflügel der Union den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken – was Lehrkräfte deutlich härter träfe als andere Berufsgruppen. Der Vorstoß löst eine Debatte aus und trifft auf Kritik, teils auch aus den eigenen Reihen. Einer der Kritiker: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Ausgerechnet. Denn Söder hat erst unlängst angekündigt, die Teilzeit-Möglichkeiten von Lehrkräften einzuschränken. Der Philologenverband zeigt sich irritiert. 

Geistreich (Symbolbild.) Foto: Shutterstock

Der Vorstoß des Wirtschaftsflügels der Union, den Rechtsanspruch auf Teilzeit einzuschränken, trifft von vielen Seiten auf Unverständnis und Kritik. «Die CDU ist nicht klug beraten, wenn sie ständig verkündet, dass die Menschen in Deutschland nicht genug arbeiten», sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig der Zeitschrift «Stern».

Es gebe ganz unterschiedliche Gründe, warum Menschen in Teilzeit gehen. «Der Staat sollte hier nicht zwischen guten und schlechten Gründen unterscheiden», sagte die SPD-Politikerin. Stattdessen sei es wichtig, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beziehungsweise Pflege und Beruf zu verbessern. «Dann werden sich mehr Menschen für eine Vollzeitstelle entscheiden.»

Lehrkräfte arbeiten deutlich häufiger in Teilzeit als Beschäftigte in der Gesamtwirtschaft. Im Schuljahr 2023/2024 lag der Anteil nach Daten des Statistischen Bundesamtes bei 43,1 Prozent an allgemeinbildenden Schulen – ein neuer Höchstwert. Bei den Lehrerinnen betrug die Quote 50,7 Prozent, bei den Lehrern 22,6 Prozent. Zum Vergleich: In der Gesamtwirtschaft arbeiteten 30,9 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit (News4teachers berichtete).

Beschäftigte leisteten 2023 rund 1,3 Milliarden Überstunden

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende und rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer drückte im Deutschlandfunk sein Unverständnis aus: «Von Lifestyle-Arbeitnehmern sehe ich wenig in Deutschland und in meinem Land Rheinland-Pfalz, sondern ich sehe ganz viele Menschen, die gucken, dass Arbeit, Familie und alles, was ihnen wichtig ist, zusammenpasst.»

Das zeigten auch veröffentlichte Zahlen. So seien 1,3 Milliarden Überstunden im Jahr 2023 registriert worden. Das seien Menschen in Vollzeit oder Teilzeit, «die Überstunden leisten, weil sie richtig fleißig sind». Die Unterstellung aus der Union, «dass wir ein Volk der faulen Arbeitnehmer sind, hat ebenfalls mit den Realitäten nichts zu tun», sagte Schweitzer. «Tatsächlich ist es so: Viele Menschen, insbesondere Frauen und ältere Menschen, sind unfreiwillig in Teilzeit», weil die Rahmenbedingungen nicht stimmten oder das Unternehmen die benötigte Personal- und Arbeitszeitpolitik nicht anbieten könne.

Wirtschaftsflügel der Union will Anspruch auf Teilzeit einschränken – “Schnapsidee”

Der Wirtschaftsflügel der Union will den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken, wie aus einem Antrag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) an den CDU-Bundesparteitag im Februar hervorgeht. Es soll ihn nur noch geben, wenn besondere Gründe vorliegen. Dazu zählt die MIT die Erziehung von Kindern, die Pflege von Angehörigen und berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung. Der Antrag trägt den Titel «Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit». Widerspruch kam nicht nur aus der Opposition, sondern auch aus der CDU.

«Das Ganze ist eine Schnapsidee», sagte der rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Gordon Schnieder. Die Debatte komme für ihn zur Unzeit. «Ich selbst unterstütze dieses Vorgehen nicht», betonte Schnieder. Statt über Einschränkungen bei der Teilzeit zu diskutieren, sollte darüber gesprochen werden, wie es attraktiver werden könne, Vollzeit zu arbeiten. Es müsse um steuerliche Anreize und die Abgabenlast gehen.

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder betonte, ​ein generelles ​Reduzieren oder Verbot von Teilzeit sei der falsche ‌Weg. Man müsse eher darüber sprechen, wie Anreize geschaffen werden könnten, länger zu arbeiten, erklärte der CSU-Vorsitzende. Söder hat allerdings selbst erst im September angekündigt, die Teilzeit-Möglichkeiten von Lehrkräften im Freistaat einzuschränken – worüber sich der Philologenverband nun irritiert zeigt («unverständlich»).

Michael Schwägerl, bayerischer Landesvorsitzender des Verbands, meinte: «Mit der Einführung des neuen Kampfbegriffes „Lifestyle-Teilzeit“ erweist die CDU-Mittelstandsunion der Gesellschaft keinen guten Dienst. Sie verschärft damit zum einen die aktuelle Teilzeit-Vollzeit-Debatte im Öffentlichen Dienst unter den Beamten. Zum anderen trägt sie mit solchen Aussagen zu einer weiteren Spaltung unter den Beschäftigten bei. Dabei sind doch gerade jetzt die solidarischen Kräfte gefordert! Die Signalwirkung in Richtung Zwangsmaßnahmen ist fatal – wir brauchen stattdessen mehr Unterhaken und Miteinander, weniger Finger-Hakeln und Gegeneinander.»

Ist «Lifestyle-Teilzeit» real?

Der Arbeitsmarktexperte Stefan Sell, Professor an der Hochschule Koblenz, sagte im Deutschlandfunk, es sei noch nie so viel gearbeitet worden wie zurzeit. Er bezweifelt, dass es eine nennenswerte Zahl an Lifestyle-Teilzeitbeschäftigten gibt. «Die Gruppe derjenigen, die es sich leisten können, nur Teilzeit zu arbeiten, die ist sehr, sehr gering, da reden wir vielleicht vom einstelligen Prozentbereich», sagte Sell.

Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung kritisierte, der Vorstoß diffamiere Teilzeittätigkeit, die in Deutschland überwiegend von Frauen geleistet werde, als individuelle «Lifestyle Entscheidung». «Dabei ist der hohe Anteil von Frauen, die derzeit teilzeiterwerbstätig sind, Ergebnis von strukturellen Rahmenbedingungen.»

Die Teilzeitquote in Deutschland lag 2025 auf Rekordniveau. Das führte nach Erkenntnissen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aber nicht dazu, dass das Arbeitsvolumen insgesamt gesunken ist. Denn Teilzeitbeschäftigte arbeiten demnach heute mehr Stunden als in früheren Jahren, zuletzt im Durchschnitt gut 18 Wochenstunden. News4teachers / mit Material der dpa

“Lifestyle-Teilzeit”: CDU-Wirtschaftsflügel will Rechtsanspruch beschneiden (was vor allem Lehrerinnen beträfe)

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