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Social-Media-Verbot für Schüler in Deutschland rückt näher – Erfahrungen eines Lehrers aus Australien: Teenager lachen darüber 

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BERLIN. Die Diskussion über ein gesetzliches Mindestalter für die Nutzung sozialer Medien gewinnt in Deutschland deutlich an Dynamik. Nachdem Australien als erstes Land ein generelles Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt hat, werden nun auch in Berlin konkrete Vorschläge vorgelegt. Die SPD fordert ein vollständiges Verbot für Kinder unter 14 Jahren, die CDU berät über eine Altersgrenze von 16 Jahren. Ein erster Erfahrungsbericht aus Australien legt jedoch nahe, dass die praktische Wirkung solcher Maßnahmen begrenzt sein könnte.

Pssst. (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

Die SPD hat in einem Impulspapier die Einführung eines Social-Media-Verbots für Kinder unter 14 Jahren gefordert. Kern des Konzepts ist eine nach Altersgruppen abgestufte Regelung. Für unter 14-Jährige solle „ein vollständiges Verbot der Nutzung von Social-Media-Plattformen bestehen“. Die Anbieter sollen verpflichtet werden, „den Zugang technisch wirksam zu unterbinden“. Verstöße müssten „schnelle und spürbare Konsequenzen“ nach sich ziehen – „von sofortigen Anordnungen und empfindlichen Sanktionen bis hin zu temporären Einschränkungen oder Netzsperren als Ultima Ratio“.

Für unter 16-Jährige sieht der Vorschlag eine verpflichtende „Jugendversion der Plattformen“ vor. Diese dürfe keine suchtverstärkenden Funktionen enthalten wie Endlos-Scrollen, automatisches Abspielen von Inhalten oder Anreizsysteme, die intensive Nutzung belohnen. Algorithmisch gesteuerte oder personalisierte Feeds sollen für diese Altersgruppe entfallen. Der Zugang soll ausschließlich über die „EUDI-Wallet“-App der Erziehungsberechtigten erfolgen. Dabei handelt es sich um eine EU-weit geplante digitale Identitätslösung, in der etwa Personalausweis oder Führerschein gespeichert werden können.

Auch für alle Nutzerinnen und Nutzer ab 16 Jahren will die SPD die Plattformlogik grundlegend verändern. Algorithmische Empfehlungssysteme sollen standardmäßig deaktiviert sein. Wer Inhalte durch Algorithmen vorgeschlagen bekommen möchte, müsste dies aktiv einschalten. Die Partei spricht von einer „Rückkehr zum klassischen Social-Media-Prinzip“, bei dem Nutzerinnen und Nutzer primär Inhalte von Accounts sehen, denen sie bewusst folgen.

„Der Schutz junger Menschen vor der Flut an Hass und Gewalt in sozialen Medien hat oberste Priorität“

SPD-Vorsitzender und Vizekanzler Lars Klingbeil begründet das Umdenken mit veränderten gesellschaftlichen Erfahrungen. „Vor ein paar Jahren haben wir alle die Freiheit des Netzes betont und gesagt, da darf es keinerlei Einschränkung geben. Aber jetzt sehen wir doch in den Debatten, dass gesellschaftlich etwas passiert, dass junge Leute zu mir kommen und sagen, wir brauchen klare Regeln, wie wir mit sozialen Netzwerken umgehen“, sagte er – und erklärte: „Der Schutz junger Menschen vor der Flut an Hass und Gewalt in sozialen Medien hat oberste Priorität.“ Und weiter: „Wir kommen an klaren Regeln und Einschränkungen – wie sie der SPD-Vorschlag unterbreitet – nicht mehr vorbei.“

Unterstützung kommt auch aus der CDU. Bundesbildungsministerin Karin Prien sprach sich grundsätzlich für ein Social-Media-Verbot bis zu einem bestimmten Alter aus, will jedoch die Empfehlungen einer Expertenkommission abwarten. Im Deutschlandfunk verwies sie auf Risiken wie steigende Depressionsraten und negative Körperbilder. Ein „No-Go“ seien digitale Endgeräte für Kleinkinder. Auch im Kindergartenalter gebe es „keine triftigen Gründe“ für deren Gebrauch. Im Grundschulalter halte sie private Handynutzung für verfrüht, eine pädagogische Heranführung jedoch für notwendig. Ziel sei es, den „Schutz der Kinder im digitalen Raum genauso gut auszugestalten wie im analogen Raum“.

Die CDU will auf ihrem Parteitag über einen Antrag beraten, der ein gesetzliches Mindestalter von 16 Jahren für offene Plattformen vorsieht. Eine verpflichtende Altersüberprüfung soll die Regelung begleiten.

Während die politische Bewegung in Deutschland Fahrt aufnimmt, liefert Australien erste praktische Erfahrungen. Seit Dezember 2025 gilt dort ein Verbot für unter 16-Jährige. Plattformen sind verpflichtet, wirksame Altersprüfungen einzuführen, andernfalls drohen Strafen.

„Die Jugendlichen haben sofort Wege gefunden, das Verbot zu umgehen“

Der australische Lehrer Chris Bush berichtet jedoch im Deutschen Schulportal, dass sich das Nutzungsverhalten vieler Jugendlicher bislang kaum verändert habe. „Nach Gesprächen mit meinen eigenen Schülerinnen und Schülern und dem, was sie von Gleichaltrigen hören, haben sich die Social-Media-Gewohnheiten größtenteils nicht verändert. Die Jugendlichen haben sofort Wege gefunden, das Verbot zu umgehen“, sagt er. Viele hätten ihr Geburtsdatum bereits Jahre zuvor falsch angegeben und würden auf den Plattformen als volljährig geführt. Andere nutzten Ausweisdokumente älterer Geschwister oder Eltern für Altersverifikationen.

Auch technische Umgehungsstrategien seien verbreitet. „Ein paar Jungen haben mir erst heute ganz beiläufig gesagt: ‚Wir haben uns einfach ein Virtual Private Network, ein VPN, geholt.‘ Jugendliche finden schnell technische Lösungen für Regeln, die Erwachsene ihnen auferlegen“, so Bush. Entsprechend machten sich viele Jugendliche „über die Altersgrenze lustig“.

Veränderungen beobachtet der Lehrer vor allem dort, wo Schulen bestehende Handyverbote konsequenter durchsetzen. „Zu Hause, so erzählen mir die Jugendlichen, nutzen sie Social Media jedoch weitgehend so wie zuvor.“ Im Unterricht und in den Pausen habe eine strengere Handhabung hingegen spürbare Effekte. „Ich sehe jetzt, wo unser Handyverbot greift, dass Schülerinnen und Schüler in der Pause wieder Karten spielen, Brettspiele spielen oder Sport machen. Im Unterricht reden sie wieder miteinander, statt sofort zum Handy zu greifen.“

Bush bewertet das Gesetz dennoch nicht als gescheitert. „Ich sehe dieses Gesetz eher wie das Rauchverbot: Es braucht Zeit. Wahrscheinlich reden wir über eine Generation – oder zumindest fünf bis zehn Jahre –, bis wir die Effekte sehen, die wir uns erhoffen.“ Entscheidend sei, dass jüngere Jahrgänge nicht mehr selbstverständlich davon ausgingen, mit 13 oder 14 automatisch Social Media nutzen zu dürfen. News4teachers / mit Material der dpa

Warum es mit Social-Media-Verboten für Kinder nicht getan ist (ein Kommentar)

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4 Kommentare
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Gelbe Tulpe
2 Stunden zuvor

Am Ende geht es vielleicht eher darum, Rentner aus sozialen Medien herauszuhalten, damit diese nicht ihre Sicht auf viele Dinge der Jugend nahebringen können.

vhh
1 Stunde zuvor
Antwortet  Gelbe Tulpe

Mal wieder einen ‘raushauen’? Gibt die Statistik leider nicht her: Zu hohe Belastung der Jüngeren bei Rente: Politbarometer 11/2025, Zustimmung bei 62% der über 60jährigen, AfD bei Wahl 2025 jüngere (Beinahe)Rentner 19%, ältere ab 70 10%, 18/24 21%, 35/44 Maximum, 26%. Aber was sind schon Realitäten gegen die gefühlte Realität, dass alle diese Großeltern, Onkel und Tanten den Jungen die Zukunft zerstören wollen, um das erhoffte Erbe noch möglichst nett auf der nächsten Kreuzfahrt zu verjubeln.
Es gibt eine ganze Reihe rücksichtsloser Menschen, aber die können alt oder jung sein, leider landen sie oft weit oben in dieser Gesellschaft. Es gibt m.E. weitaus mehr, die sich Gedanken über die Welt und die Zukunft machen, deren ‘Sicht’ wahrscheinlich ganz nützlich wäre. Was wäre die Alternative, ‘Rote Garden’, ein ‘Kinderkreuzzug’, im Besitz der alleinigen Wahrheit?

Hans Malz
2 Stunden zuvor

Maximal kompliziert, bürokratisch und damit zum Scheitern verurteilt. “EUDI-Wallet” wird eine weitere Totgeburt nach den bisher eingeführten deutschen Lösungen.

Die wirklichen Probleme:

Viele hätten ihr Geburtsdatum bereits Jahre zuvor falsch angegeben und würden auf den Plattformen als volljährig geführt. Andere nutzten Ausweisdokumente älterer Geschwister oder Eltern für Altersverifikationen.

Wir haben uns einfach ein Virtual Private Network, ein VPN, geholt.‘ Jugendliche finden schnell technische Lösungen für Regeln, die Erwachsene ihnen auferlegen“

… werden ingnoriert, weil die politisch Verantwortlichen so gar keine Ahnung haben. Technisch, liebe allwissende Kinder, gibt es durchaus Möglichkeiten so ein Verbot auch durchzusetzen. Dazu muss man allerdings die richtigen “Erwachsenen” fragen.

Einer
41 Minuten zuvor

Jugendlich finden Umwege um rein zu kommen, aber es ist die Aufgabe der Plattform sie zu finden! Und rein technisch finden die Platform die Jugendlichen auch bei falschem Geburtsdatum. Und dazu haben sie 30 Millionen Gründe – so hoch ist die Strafe für die Platform bei Verstößen.