HILDESHEIM. Heiner Wilmer steht künftig an der Spitze der katholischen Bischöfe in Deutschland. Der 64-Jährige gilt als Vermittler zwischen Reformern und Konservativen und hat sich in gesellschaftspolitischen Debatten profiliert. Doch seine Zeit als Schulleiter eines katholischen Gymnasiums im Emsland holt ihn ein: In einem Fall sexueller Belästigung durch einen Lehrer räumte er später selbstkritisch ein Versäumnis ein.

Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer ist neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Die katholischen Bischöfe wählten den 64-Jährigen bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Würzburg. Er folgt auf den Limburger Bischof Georg Bätzing, der das Amt sechs Jahre innehatte.
Wilmer steht seit 2018 an der Spitze des Bistums Hildesheim. Der Ordensmann aus dem Emsland gilt nach Einschätzung der katholischen Nachrichtenagentur KNA als Vermittler zwischen konservativen und reformorientierten Kräften. In seinem Bistum wurden alternative Leitungsmodelle entwickelt, in denen auch Frauen Führungsverantwortung übernehmen. Wilmer setzte sich wiederholt für eine Erneuerung der katholischen Sexualmoral ein und begrüßte in der Vergangenheit ausdrücklich die Möglichkeit zur Segnung homosexueller Paare.
Sein Weg in Leitungsfunktionen begann früh. 1980 trat Wilmer in die Ordensgemeinschaft der Herz-Jesu-Priester ein. Er studierte Theologie und weitere Geisteswissenschaften in Freiburg, Paris und Rom. Nach Stationen in der Seelsorge und im Schuldienst wurde er 1998 Leiter des Gymnasiums Leoninum im emsländischen Handrup, an dem er selbst sein Abitur abgelegt hatte. Zuvor hatte er unter anderem an der Fordham Preparatory School in New York unterrichtet.
Wilmer leitete das Gymnasium Leoninum von 1998 bis 2007. In seine Amtszeit fällt ein Vorfall, der Jahre später öffentlich wurde. Eine ehemalige Schülerin erhob 2021 den Vorwurf, der damalige Schulleiter habe einen Fall sexueller Belästigung durch einen Lehrer nicht angemessen verfolgt. Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ (HAZ) berichtete seinerzeit über die Anschuldigungen und fragte zugespitzt: „Hat Wilmer Übergriffe unter den Teppich kehren wollen?“
Nach Darstellung der Zeitung soll ein Lehrer die damals 15-Jährige mehrfach belästigt haben. Er habe sie zu Hause angerufen, ihr die Hand auf den Oberschenkel gelegt und anzügliche Bemerkungen über ihre Unterwäsche gemacht. Nachdem die Schülerin ihren Eltern davon berichtet habe, hätten diese das Gespräch mit der Schulleitung gesucht. Die Mutter wurde von der HAZ mit den Worten zitiert: „Wilmer gab sich damit zufrieden“, nachdem der Lehrer die Vorwürfe im Gespräch nicht abgestritten, sondern eingeräumt habe.
„Aus heutiger Sicht hätte ich die damals 15-jährige Schülerin auch mit einer Vertrauenslehrerin oder einer Pädagogin aus der Schulseelsorge in Kontakt gebracht“
Wilmer reagierte auf den Bericht mit einer schriftlichen Stellungnahme. Darin äußerte er sich selbstkritisch. „Aus heutiger Sicht hätte ich die damals 15-jährige Schülerin auch mit einer Vertrauenslehrerin oder einer Pädagogin aus der Schulseelsorge in Kontakt gebracht“, schrieb er einem Bericht der KNA zufolge. Zugleich betonte er, die schulrechtlichen Disziplinarmaßnahmen gegenüber dem beklagten Lehrer seien korrekt abgelaufen.
Er schilderte den Ablauf des damaligen Gesprächs anders als die Mutter der Schülerin. Er habe gegenüber den Eltern die körperlichen und verbalen Übergriffe des Lehrers „sehr deutlich verurteilt und als nicht hinnehmbar kritisiert“. Mit den Eltern sei vereinbart worden, dass er mit dem Lehrer ein Disziplinargespräch führen werde; damit seien sie einverstanden gewesen. Dieses Einverständnis hätten sie später nicht relativiert.
Nach Wilmers Angaben wurde der Lehrer abgemahnt und darauf hingewiesen, dass er künftig unter „strenger Beobachtung“ stehe. Außerdem sei er fortan nicht mehr als Fach- oder Klassenlehrer der betroffenen Schülerin eingesetzt worden. Hinweise auf weiteres Fehlverhalten habe es nicht gegeben. Der Lehrer blieb demnach bis 2014 am Gymnasium Leoninum tätig und ist inzwischen verstorben.
Auch der damalige stellvertretende Schulleiter erinnerte sich laut HAZ anders an die Gesprächssituation. Seiner Wahrnehmung nach sei es eher um unangebrachte körperliche Nähe als um sexuelle Belästigung gegangen. Daran, dass der Lehrer zu dem Gespräch hinzugezogen worden sei (wie von Mutter und Tochter behauptet), könne er sich nicht erinnern. Ein solches Vorgehen wäre zudem unüblich gewesen.
Der Fall wurde zu einem Zeitpunkt öffentlich, als die katholische Kirche in Deutschland bereits intensiv über den Umgang mit sexualisierter Gewalt diskutierte. Studien und unabhängige Aufarbeitungsberichte hatten systemische Versäumnisse offengelegt und die Verantwortung von Leitungsfiguren in den Blick genommen. Vor diesem Hintergrund erhielt auch Wilmers Rolle als damaliger Schulleiter besondere Aufmerksamkeit.
Seit 2007 übernahm Wilmer Leitungsaufgaben innerhalb seines Ordens, zunächst als Provinzial der deutschen Ordensprovinz der Herz-Jesu-Priester, später ab 2015 als Generaloberer in Rom. 2018 wurde er zum Bischof von Hildesheim ernannt. Innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz leitete er zuletzt die Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen und profilierte sich mit Stellungnahmen zu Demokratie, Sozialstaat und Klimaschutz.
Mit seiner Wahl an die Spitze der Bischofskonferenz rückt Wilmer nun noch stärker in die bundesweite Verantwortung. Die Frage, wie kirchliche Leitungen in der Vergangenheit mit Vorwürfen sexueller Übergriffe umgegangen sind, bleibt ein zentrales Thema der katholischen Kirche in Deutschland. News4teachers








