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Polizeiliche Kriminalstatistik: Zahl der Gewalttaten gegen Lehrkräfte – auch schwerste Fälle – binnen zehn Jahren nahezu verdoppelt

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BERLIN. Lehrkräfte geraten in Deutschland zunehmend ins Visier von Gewalt. Neue Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik zeigen, dass die Zahl der Übergriffe in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen ist, zuletzt auf einen Höchststand. Parallel wächst auch die Zahl schwerer Gewalttaten, die sich gezielt gegen Lehrerinnen und Lehrer richten. Einen besonderen gesetzlichen Schutz gibt es für sie – anders als für andere Berufsgruppen des öffentlichen Dienstes – aber nicht (und ist bislang auch nicht geplant). 

eine Frau vor weißem Hintergrund hält die ausgestreckte Hand vor Ihr Gesicht
Die Gewalt nimmt zu (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Lehrerinnen und Lehrer werden in Deutschland immer häufiger Opfer von Körperverletzung und anderen Formen von Gewalt. Das zeigt eine Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), die einen Zeitraum von zehn Jahren umfasst. Danach stieg die Zahl der Fälle, in denen Lehrkräfte als Opfer vorsätzlicher einfacher Körperverletzung aktenkundig wurden, 2024 auf 1.283 Fälle. Zum Vergleich: In den Jahren 2015 bis 2023 meldeten die Polizeibehörden der Länder zwischen 717 und 1.017 Fälle an das Bundeskriminalamt (BKA).

Dass es 2021 mit 564 Fällen deutlich weniger solcher Übergriffe gab, dürfte mit den vorübergehenden Schulschließungen während der Corona-Pandemie zu tun haben. Die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2025 ist noch nicht veröffentlicht.

Die Auswertung der bundesweiten Polizeidaten zu Gewalttaten gegen Lehrkräfte liegt der Deutschen Presse-Agentur vor. Sie ist Teil einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion zur Sicherheit der Beschäftigten im öffentlichen Dienst.

557 schwere Fälle

Ein Anstieg ist demnach auch bei den gegen Lehrerinnen und Lehrer gerichteten Straftaten zu beobachten, die in der PKS in der Kategorie Gewaltkriminalität aufgeführt werden. Dazu zählen Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Übergriff im besonders schweren Fall, Raubdelikte, Körperverletzung mit Todesfolge, erpresserischer Menschenraub und Geiselnahme sowie schwere und gefährliche Körperverletzung.

Seit 2015 hat die Zahl solcher Taten gegen Lehrkräfte kontinuierlich zugenommen – mit Ausnahme der Corona-Jahre 2020 und 2021, in denen ein leichter Rückgang zu verzeichnen war. 2015 zählte die Polizei bundesweit 268 Fälle, in denen eine Lehrkraft Opfer von Gewaltkriminalität im Sinne der Statistik wurde. 2023 wurden 477 Fälle registriert, ein Jahr später wurden 557 Fälle aktenkundig.

Als Gewalttaten gegen Lehrkräfte zählt die Polizei nur Straftaten, bei denen die Tatmotivation in Beziehung zur beruflichen Tätigkeit stehen. Der Fall eines Lehrers, der beispielsweise auf einem Volksfest, von einem Menschen, der ihn in seiner Eigenschaft als Lehrer nicht kennt, geschlagen wird, würde zwar als Opfer in der Statistik auftauchen, nicht jedoch als von Gewalt betroffene Lehrkraft.

Erneute Gesetzesänderung geplant

Zwischen 2018 und 2024 nahm laut Polizeistatistik auch die Zahl der Gewaltdelikte gegen Mitarbeiter von Feuerwehren, Rettungsdiensten und Polizei zu. Im Mai 2017 waren im Zuge einer Gesetzesänderung zur Stärkung des Schutzes von Vollstreckungsbeamten Straftatbestände geändert und neue Straftatbestände geschaffen worden. Daher sind die Opferzahlen der Jahre 2018 bis 2024 nicht mit den Daten der Vorjahre vergleichbar.

Kurz vor Silvester hatte Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) einen Gesetzentwurf zum besseren Schutz von Polizisten, Feuerwehrleuten und Rettungskräften vorgelegt. Er sieht härtere Mindeststrafen für Angriffe auf diese Gruppen vor.

Höhere Strafen für Angriffe auf Polizisten und Rettungskräfte

Laut Justizministerium soll es dafür künftig Freiheitsstrafen von mindestens sechs statt wie bisher mindestens drei Monaten geben. In besonders schweren Fällen soll eine Mindeststrafe von einem Jahr statt wie bisher sechs Monaten drohen. Das soll etwa für Überfälle gelten, bei denen Einsatzkräfte in einen Hinterhalt gelockt werden. Wer Rettungs- und Einsatzkräfte bei ihrer Arbeit behindert, soll grundsätzlich nicht mehr mit einer Geldstrafe davonkommen können, sondern in Haft. Einen Kabinettsbeschluss zu dem Vorhaben gibt es noch nicht.

Der innenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Marcel Emmerich, findet es alarmierend, dass die Gewalt gegen Menschen zunimmt, die in ihrem beruflichen Alltag Verantwortung für die öffentliche Infrastruktur, die Sicherheit und die Bildung künftiger Generationen tragen. Besonders besorgniserregend sei, dass sich die Zahl der Gewaltvorfälle gegen Lehrkräfte in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt habe. Emmerich sagt: «Es ist höchste Zeit für wirksame Schutzkonzepte.» Diese müssten auf die jeweilige Berufsgruppe zugeschnitten sein. Ebenso wichtig seien einheitliche Verfahrensstandards für den Umgang mit Übergriffen sowie der Einsatz verlässlicher technischer Unterstützung, etwa durch moderne Alarmsysteme.

Neues Meldeverfahren für Berliner Schulen

Im Schuljahr 2024/2025 hatten sich nach Angaben der Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) 82 Prozent aller Berliner Schulen an einem neuen Meldeverfahren beteiligt. Von diesen 599 Schulen meldeten demnach 53,6 Prozent Vorfälle mit körperlicher Gewalt, 9,2 Prozent angedrohte Gewalt, 7,5 Prozent selbstverletzendes Verhalten von Schülern und 4,3 Prozent Übergriffe auf Schulpersonal. News4teachers / Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa

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Michael Thomas
3 Stunden zuvor

Ich kann mich an einen anderen Artikel, ein paar Monate zuvor erschienen, erinnern, in, der über die PKS im Zusammenhang mit jugendlichen Verdächtigen berichtete. Im Kommentarbereich wurde seitens der Redaktion vehement bestritten, dass sich daraus irgendein Zusammenhang bezüglich der Menge realer Täter konstruieren ließe. Das müsste ja dann hier auch der Fall sein. Kein Grund zur Aufregung also.

ed840
31 Minuten zuvor
Antwortet  Michael Thomas

Es gibt auch Foristen hier, die unbedingt glauben wollen, dass die Kinder- und Jugendgewalt vor 30 Jahre noch wesentlich höher gewesen sein soll, obwohl die Zahlen der PKS was anderes zeigen.

unfassbar
29 Minuten zuvor
Antwortet  Michael Thomas

Richtig. Es darf ja nicht sein, was nicht sein darf.

447
10 Minuten zuvor
Antwortet  unfassbar

und
so schlussfolgerte er messerscharf
dass nicht kann
was nicht sein darf

In der vereinfachten Klassiker-Ausgabe:
“Ey! Iss abba so!”

447
11 Minuten zuvor
Antwortet  Michael Thomas

Richtig, musste da wirklich schmunzeln.

Immer dran denken:

1) Gesunder Menschenverstand=nicht faktengecheckt, anekdotisch, vorurteilsgeprägt.

2) PKS und alle leicht öffentlich zugänglichen Polizeidaten: Verzerrt, relativiert oder (neueste Masche:) “das ist ja nicht verurteilt und daher nur Verdaaaaaaacht” (dass in der PKS nur die Fälle auftauchen, die auch an die StA weitergehen und damit eine Verurteilung mindestens recht sicher ist: egal)

Insofern: Ist doch alles toll, früher wars schlimmer und heute ist alles beeeeeeesser, Feuerwehr & Rettungsjräfte wurden -äh- immer schon angegriffen und Lehrer auch…etc.pp.

DerechteNorden
2 Stunden zuvor

Leider trifft uns Lehrkräfte dasselbe Schicksal wie alle anderen, die den Staat repräsentieren.
Für eine zunehmende Anzahl von Menschen scheint Folgendes zu gelten: Alle, die staatlicherseits irgendwie meine individuellen “Bedürfnissen” einschränken, sind nervig und dürfen deshalb auch wie der letzte … behandelt werden.

Tinchen
1 Stunde zuvor

Lauter, aggressiver, unruhiger, lernunwilliger und nicht beschulbar. Was denn noch?
Unser Kollegium leidet total darunter. Wir brauchen mal 1 Tag in der Woche zuhause. Können wir nicht endlich die 4 Tage Woche für Lehrer anbieten. Jaa und nicht mit TZ kommen, diesem faulen Ei. Da verdienste auch viel weniger.
In einer Welt von neuem Arbeiten, remote Arbeit und Homeoffice 🙂 🙂 🙂
Es geht doch nicht, warum immer die anderen?

DerechteNorden
36 Minuten zuvor
Antwortet  Tinchen

“In einer Welt von neuem Arbeiten, remote Arbeit und Homeoffice
Es geht doch nicht, warum immer die anderen?”

Inwiefern hilft es denn irgendwem wirklich, wenn alle weniger Zeit in der Schule verbringen?
Denken Sie, die schwierigen jungen Menschen werden dann weniger schwierig?
Als pädagogisch versierte Person wissen Sie doch bestimmt, dass mehr Bindung der Schlüssel ist.
Mehr “remote” bedeutet aber weniger Bindung.
Fordern Sie doch zur Abwechslung mal kleinere Lerngruppen und weniger Verwaltungskram für Lehrkräfte!
Ich denke, damit würde man auch junge Menschen, die eigentlich gern in den Schuldienst gehen wollen, für unseren schönen Beruf gewinnen können.

Und ganz allgemein: “Berufe mit Menschen” bedeuten tatsächlichen Kontakt, nicht “remote communication”.

Sabrina D
15 Minuten zuvor
Antwortet  DerechteNorden

hmm aber viele Eltern habe doch genau solche Arbeiten.
Da gibt es auch Homeoffice und remote Arbeiten, ob zuhaus oder sonst wo.
Warum dann nicht in der Schule? Wir müssen die Schule doch eh umgestalten und die Pläne verändern. Anders arbeiten, nennt man das.
Bei uns sind die ganzen Kollegen z.B. ausgelaugt, wenn sie mit der Leier kam , na hö ma, ab in die laute Klasse. Lehrer arbeiten außerdem noch 41 Stunden an 5 Tagen, nech.
Außerdem gibt es Schulen, wo die Lehrer nur noch 4 Tage arbeiten;-)
Es gibt auch neue Unterrichtsformen wie Projektlernen oder SOL etc.
Es krankt doch an der Lautstärke, den Arbeitsbedingungen und den Teams.

unfassbar
31 Minuten zuvor
Antwortet  Tinchen

Petra, Tanya, Tanyas Frau, Hasi und wie sie nicht alle heißen sind Ihrer Meinung.

Katze
58 Minuten zuvor

Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2024 insgesamt 1.283 Fälle vorsätzlicher Körperverletzung gegen Lehrkräfte aus – nahezu eine Verdopplung innerhalb eines Jahrzehnts. Diese Entwicklung ist nicht überraschend über das System hereingebrochen. Sie ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Wegschauens.
Seit langer Zeit erleben Lehrkräfte eine stetige Verschärfung des Umgangstones: erst unterschwellige Respektlosigkeiten, dann offene verbale Übergriffe – insbesondere gegen diejenigen, die es wagen, fachliche Leistung oder angemessenes soziales Verhalten einzufordern. Wer Standards einfordert, wird schnell als „unprofessionell“ oder „übergriffig“ etikettiert. Gefälligkeitsnoten scheinen mancherorts bereits als elterlicher Anspruch betrachtet zu werden. Parallel dazu haben sich digitale Prangerformate etabliert: Eltern‑WhatsApp‑Gruppen, öffentliche Petitionen, diffamierende Rundmails. All das geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern in einem Umfeld, in dem Lehrkräfte zunehmend ohne institutionelle Rückendeckung agieren.
Dass sich dieses Klima verfestigen konnte, liegt nicht zuletzt daran, dass viele Kolleginnen und Kollegen – aus nachvollziehbarer Sorge vor Konsequenzen und mangels Unterstützung – Konflikten ausgewichen sind. Nicht aus fehlendem Rückgrat, sondern weil sie wussten: Wer Haltung zeigt, steht häufig allein. Dieses strukturelle Alleinlassen hat Eltern signalisiert, dass Grenzüberschreitungen folgenlos bleiben.
Die Verantwortung dafür liegt bei den zuständigen Behörden. Dienstliche Anzeigen wegen Beleidigung, Bedrohung oder Verleumdung wurden wiederholt abgewiesen, als handele es sich um Bagatellen. Lehrkräfte wurden aufgefordert, privat Strafanzeige zu stellen – als hätten sie unbegrenzte Ressourcen und als sei der Schutz ihrer beruflichen Integrität nicht Aufgabe des Dienstherrn. Die gesetzliche Fürsorgepflicht nach § 241 Abs. 2 BGB, die ausdrücklich den Schutz der Gesundheit, der beruflichen Integrität und des persönlichen Ansehens umfasst, wurde damit faktisch ausgehöhlt.
Gleichzeitig werden in der Öffentlichkeit regelmäßig wohlklingende Bekenntnisse zum Schutz von Lehrkräften abgegeben. Doch sobald konkrete Fälle auftreten, sobald eine klare dienstliche Reaktion erforderlich wäre, ziehen sich die zuständigen Stellen (Landesschulämter) zurück.
„Wir müssen doch den Eltern etwas anbieten“, heißt es dann.
Natürlich. Am besten die Lehrkraft selbst. Als Opfergabe, damit die Stimmung nicht kippt.
Angesichts der nun vorliegenden Zahlen stellt sich nicht die Frage, wie es so weit kommen konnte. Die Entwicklung war absehbar, sie wurde dokumentiert, gemeldet und vielfach benannt. Die eigentliche Frage lautet:
Wann übernehmen die verantwortlichen Behörden endlich die Rolle, die ihnen gesetzlich und moralisch zukommt – und schützen die Menschen, die sie beschäftigen?
Es fehlt nicht an Forderungen – die liegen seit Jahrzehnten klar und detailliert auf dem Tisch. Was fehlt, sind tragfähige, verbindliche und durchsetzbare Konzepte der Behörden selbst. Konzepte, die nicht nur in Leitfäden existieren, sondern im Alltag angewendet werden. Konzepte, die nicht bei der ersten elterlichen Beschwerde einknicken. Konzepte, die Lehrkräfte nicht als Konfliktpuffer missbrauchen, sondern als Fachkräfte schützen.
Solange Grenzüberschreitungen verharmlost, dienstliche Anzeigen abgewiesen und betroffene Lehrkräfte ohne Schutz gelassen werden, trägt der Dienstherr eine klare institutionelle Verantwortung für die fortschreitende Eskalation.