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Missbrauchs-Beauftragter verbietet Lehrern Facebook mit Schülern

BERLIN (Mit Kommentar). Lehrer sollen keine „Facebook-Freundschaften“ mit ihren Schülern pflegen, und sie sollen auf Klassenfahrten die Räume von Kindern und Jugendlichen erst nach vorherigem Anklopfen betreten dürfen. Dies und anderes sieht ein Verhaltenskodex vor, den der Regierungsbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, entwickelt haben soll. Das Papier liegt der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ vor.

Die Grenzen zwischen Privatem und Dienstlichem verschwimmt in einem sozialen Netzwerk wie Facebook. Foto: Alexander Klaus / pixelio.de

Die Grenzen zwischen Privatem und Dienstlichem verschwimmt in einem sozialen Netzwerk wie Facebook. Foto: Alexander Klaus / pixelio.de

Mit dem umfangreichen Verbots- und Maßnahmenkatalog wolle die Bundesregierung den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen bekämpfen, heißt es in dem Bericht. Rörig handelt derzeit mit 20 Dachverbänden wie der Bischofskonferenz, dem Arbeitskreis der Internate oder der Arbeiterwohlfahrt Vereinbarungen aus, in denen sich die Mitglieder dieser Verbände verpflichten, die im Kodex festgehaltenen Regeln im Umgang mit Kindern und Jugendlichen einzuhalten. Lehrer an öffentlichen Schulen sind indirekt betroffen: Wenn der Kodex von den Verbänden akzeptiert wird, werden ihn staatliche Einrichtungen nicht ignorieren können. Bereits unterschrieben haben die Vereinbarung laut „Märkischer Allgemeiner“ der Deutsche Olympische Sportbund, die Arbeiterwohlfahrt und der Paritätische Gesamtverband.

Neben dem Verbot von Facebook-Kontakten zwischen Lehrern und Schülern und dem Gebot, Schülerräume erst nach Anklopfen zu betreten, beinhaltet der Kodex dem Bericht zufolge, dass Erwachsenen die gemeinsame Anwesenheit mit Schülern in Dusch- und Waschräumen – abgesehen von Notfällen – generell untersagt sei. Wecken solle ohne Körperkontakt stattfinden. Bei sportlichen Hilfestellungen sei der Griff an die Geschlechtsteile tabu, auch dürften Lehrer und Erzieher im Intimbereich sowie an Bauch und Oberschenkeln keine medizinische Versorgung vornehmen. Ausnahmen seien auch hier nur in Notfällen erlaubt. Einzelne Kinder dürften nicht bevorzugt werden, etwa durch Geschenke oder eine Heimfahrt mit dem Trainer oder Lehrer nach einer Übungs- oder Unterrichtsstunde.

Verboten soll es den Erwachsenen laut Zeitung auch sein, Kinder und Jugendliche nach ihren sexuellen Erfahrungen auszufragen und mit ihnen gemeinsam die Sauna oder einen FKK-Strand zu besuchen. Auch Besuche von Kindern und Jugendlichen in den Privatwohnungen der Erwachsenen sollen tabu sein.

Die Vereinbarung sehe darüber hinaus vor, dass die Prävention von sexueller Gewalt in der Satzung jeder Einrichtung verankert werde, die Mitarbeiter entsprechende Fortbildungen erhielten und auch die Eltern und Kinder angemessen über das Thema informiert würden. Rörig ist seit einem halben Jahr Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Er ist Nachfolger von Christine Bergmann (SPD), deren Stelle im Frühjahr 2010 eingerichtet worden war. Auslöser dafür waren zahlreiche Enthüllungen über Fälle sexuellen Missbrauchs, unter anderem an der Odenwaldschule.

In der vergangenen Woche wurde ein Lehrer aus Passau vom Dienst suspendiert, obwohl sein Schulleiter die Kommunikation „weder obszön, noch sexistisch, noch unterhalb der Gürtellinie“ fand. Der Träger der kirchlichen Schule, die Diözese Passau, hatte trotzdem Anstoß an den Mitteilungen genommen und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. NINA BRAUN
(14.5.2012)

Zum Bericht: Diskussion um Facebook – Verbände stellen sich gegen Verbot für Lehrer

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5 Kommentare

  1. Die ganze Lehrer/innenschaft wird präventiv unter Verdacht gestellt und stigmatisiert. Danke…

    • Den gleichen Gedanken wie marschi_me hatte ich auch sofort – wir sind alle potentielle Sexualtäter :-((.
      Was ist eigentlich dann mit den Freunden meines Sohnes – darf ich die auch nicht in die Wohnung lassen????

    • Stimme völlig zu. Dabei wird zudem übersehen, dass gerade wenn wir Zugang zu Facebookprofilen haben, unsere Schüler schützen und sie für den richtigen Umgang mit digitalen Medien sensibilisieren können…

  2. ich finde die Diskussion auch für überzogen. Natürlich muß ein Erwachsener wissen was geht und was nicht. Aber grundsätzlich in allen gleich eine sexistiche Handlung zu sehen finde ich verkehrt. Das ist ja wie in der Biedermeierzeit! Aber keine Frage Kinder durfen nicht in Gafahr kommen.

  3. Natürlich müssen Schüler vor Übergriffen geschützt sein. Z.B. das Betreten von Schülerduschen ist ganz klar tabu. Jedoch empfinde ich Bestimmungen wie die genannten als lebensfern. Keine Erste Hilfe bei Verletzungen am Oberschenkel? So ein Quatsch! Dann kriege ich Ärger wegen unterlassener Hilfeleistung, die ich doch leisten will, aber doch nicht aus sexuellen Interesse – wie pervers muss man eigentlich sein? Ich habe eher den Eindruck, dass ein reichlich verklemmter Typ am Werk war – aus welcher Ecke kommt er eigentlich? Derartige Gesetze verhindern den normalen, ungezwungenen Umgang miteinander und damit ein Schulleben jenseits von Noten und Prüfungen. Da fällt die Grillparty mit dem Oberstufenkurs im Lehrergarten demnächst aus. Wer schützt eigentlich die LehrerInnen? Ich würde mich z.B. nie mit einem Schüler allein in einem Raum aufhalten, weder zu Hause noch in der Schule, auch nicht bei einer Klassenarbeitsaufsicht. Wer weiß, was er/sie sonst hinterher von mir behauptet? Ich denke, dass da ganz andere Maßnahmen helfen: Bedrängten SchülerInnen zuhören, vertrauen, Taten nicht vertuschen und verschweigen. Das waren meines Erachtens die Hauptgründe für die zahlreichen Vergehen. Mit eigenartigen Regularien kommt man dem nicht bei. Da wird nur weiter vertuscht, denn wer würde zugeben, dass er doch in der Mädchen- oder Jungendusche war?

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