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Keine 5. Klasse: Eltern engagieren sich Lehrer selbst

SEIFHENNERSDORF. „Wir befinden uns im Jahre 2012 n. Chr. Ganz Sachsen muss sich der Schulpolitik aus Dresden beugen … Ganz Sachsen? Nein! Ein von unbeugsamen Eltern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“ So – frei nach den Einleitungsworten der Asterix-Comics – lässt sich eine Geschichte zusammenfassen, die derzeit im sächsischen 4.300-Seelen-Örtchen Seifhennersdorf spielt.

Hat auch schon bessere Zeiten gesehen: Der Bahnhof von Seifhennersdorf. Foto: Mirek 256 / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Hat auch schon bessere Zeiten gesehen: Der Bahnhof von Seifhennersdorf. Foto: Mirek 256 / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Etwas ausführlicher: An der Mittelschule in Seifhennersdorf (Landkreis Görlitz) soll es keine fünfte Klasse geben. Das entschied zunächst das sächsische Kultusministerium. Das Oberverwaltungsgericht in Bautzen wies dann eine Klage der Stadt gegen die Entscheidung zurück. Das Ministerium hatte Mitte August festgelegt, dass die angemeldeten Kinder mit Beginn des neuen Schuljahres in den umliegenden Orten unterrichtet werden sollten, weil die geforderte Zahl von mindestens 40 Schülern pro Klassenstufe nicht erreicht wurde. Es hatten sich 38 Fünftklässler in Seifhennersdorf angemeldet.

Im Frühjahr hatte es zunächst so ausgesehen, als käme die fünfte Klasse zustande. Nach Angaben der Regionalstelle der Sächsischen Bildungsagentur in Bautzen lagen noch im März die mindestens geforderten 40 Anmeldungen dafür vor. Da jedoch in einigen Fällen Schüler kurzfristig eine Bildungsempfehlung für das Gymnasium erhielten oder Familien wegzogen, sank die Zahl schließlich auf 38.

Bereits in den vergangenen zwei Jahren war keine fünfte Klasse mehr gebildet worden, die Schüler müssen seitdem teilweise kilometerlange Wege auf sich nehmen. «Die Kinder sind die Opfer, aber die Schicksale interessieren das Ministerium nicht», sagt die Bürgermeisterin des Ortes, Karin Berndt. Die Väter und Mütter aber schon: Seit Schuljahresbeginn haben die Eltern von 23 der 38 betroffenen Kinder aus Protest zur Selbsthilfe gegriffen. Sie organisierten den Unterricht für die fünfte Klasse in Seifhennersdorf mit pensionierten und freiberuflichen Lehrern.

In der Mittelschule ist Platz genug

Der Stundenplan mit allen Fächern könne dadurch abgesichert werden, sagte Elternsprecher Andreas Herbig, der mit einer Tochter in der Klassenstufe selbst betroffen ist. In der Mittelschule der Stadt ist jedenfalls Platz genug. In den vergangenen zwei Jahren wurde schon keine fünfte Klasse mehr gebildet, so dass es dort derzeit jeweils nur eine achte, neunte und zehnte Klasse gibt. «Mit drei Klassen kann man eigentlich keine Schule aufrechterhalten», sagte Schulleiterin Rita Schmidt.

Das eigenmächtige Handeln der Seifhennersdorfer betrachtet die Bildungsagentur als Ordnungswidrigkeit. In der vergangenen Woche habe die Behörde Briefe verschickt, um auf die Verletzung der Schulpflicht hinzuweisen, bestätigte Sprecherin Angela Ruscher. Die Eltern seien verpflichtet, ihre Kinder an die zugewiesene Schule zu schicken, etwa nach Oderwitz, Ebersbach und Großschönau. Den Eltern sei bereits eine Geldbuße in Höhe von bis zu 1250 Euro angedroht worden. Trotzdem sind die protestierenden Familien fest entschlossen, in Seifhennersdorf auszuharren.

«An Kindern und der Bildung zu sparen, ist ein Frevel», sagt Elternsprecher Herbig. Er fordert ein Umdenken bei Schulen in ländlichen Gebieten. Und der Kampf geht weiter – trotz der Niederlage vor Gericht: Die Eltern haben ihre Kinder auch heute wieder zum selbst organisierten Unterricht in die Mittelschule geschickt. «Das Urteil ist nicht nachvollziehbar», meint Herbig. Durch die große Anteilnahme aus der Bevölkerung fühlten er und seine Mitstreiter sich auf dem richtigen Weg: Sie wollen ausharren.

Für den Nachmittag haben sich laut Berndt Kreis- und Landtagsmitglieder der SPD und der Linken angekündigt, um mit den Eltern zu beraten. Die Bildungsexpertin der SPD im sächsischen Landtag, Eva-Maria Stange, fordert bereits eine Änderung des Schulgesetzes. «Auch kleinere Klassen müssen möglich bleiben, um unzumutbare Schulwege zu verhindern», verlangt die Abgeordnete. bibo / mit Material von dpa
(17.9.2012)

Zum Bericht: „Ein Dorf probt den Aufstand: Unsere Grundschule muss bleiben!“

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