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Bildungspaket: Wie sinnvoll ist private Nachhilfe auf Staatskosten?

BERLIN. Ein warmes Mittagessen in der Schule, Geld für die Klassenfahrt, für Schulbücher und den Sportverein – und für private Nachhilfe: Das vor zwei Jahren nach langem Bund-Länder-Tauziehen auf den Weg gebrachte Hartz-IV-Bildungspaket soll auch armen Kindern eine halbwegs normale Teilhabe am Schulleben ermöglichen. Vor allem die Nachhilfe erweist sich aber als Schwachstelle.

Von Anfang an mehrten sich Klagen über bürokratische Hürden, unklare Bestimmungen und fehlende Information der betroffenen Eltern über das 2010 vom Bundesverfassungsgericht erzwungene Hilfspaket. Betroffen davon sind rund 2,5 Millionen Kinder von Langzeitarbeitslosen, Wohngeldempfängern oder Geringstverdienern. Doch zur tatsächlichen Nutzung der Leistungen gibt es bisher nur Schätzungen oder widersprüchliche Bilanzen. 1,3 Milliarden Euro hat der Bund für die diversen Leistungen aus dem Bildungspaket im Etat veranschlagt. Bund, Länder und Kommunen streiten über die Rückzahlung nicht genutzter Gelder und die damit verbundenen weiteren Abschlagzahlungen.

Denn laut Schätzungen sollen 2012 nur gut ein Drittel der Anspruchsberechtigten die Zuschüsse zu Klassenfahrten und Mittagessen auch genutzt haben. Zum Stichtag 31. März müssen die Länder dem Bund die genauen Zahlen melden. Mit Spannung wird auch eine von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) seit längerem angekündigte Überprüfung des Bildungspaketes erwartet. Ob sie aber noch vor der Bundestagswahl im September veröffentlicht wird, ist fraglich.

Eine besondere Schwachstelle des Bildungspaketes ist laut Vodafone-Stiftung das Thema Nachhilfe. Sie soll eigentlich nur dann vom Staat finanziert werden, wenn der bedürftige Schüler unmittelbar versetzungsgefährdet ist. Das muss ihm zuvor die Schule bescheinigen. Kommt er dann aber wieder so eben knapp aus dem Fünfer-Notenschnitt heraus, gibt es kein Geld mehr. Sackt der Schüler erneut ab, geht der ganze bürokratische Bewilligungsprozess von Neuem los.

Soll der Staat überhaupt private Nachhilfestunden fördern? Die Lehrergewerkschaft GEW zweifelt daran. Nachhilfestunden seien „nicht sinnvoll und notwendig, wenn die Schulen richtig ausgestattet sind“, sagt ein GEW-Sprecher aus Sachsen-Anhalt einem Bericht der „Mitteldeutschen Zeitung“ zufolge. „Das Geld sollte man besser ins System stecken.“ In der Praxis aber werde das Angebot zur Förderung der Kinder in den Schulen abgebaut.

„Laura kommt jetzt im Englischuntericht besser mit“

Das Bundesarbeitsministerium bewirbt auf seiner Homepage die private Nachhhilfe. „Laura kommt jetzt im Englischunterricht besser mit“, heißt es da. „Erdkunde ist Lauras Lieblingsfach, außerdem mag sie Bruchrechnen und Diktate. Seit kurzem macht ihr sogar Englisch Spaß. Dabei hatte Laura lange Schwierigkeiten in diesem Fach, im Unterricht kam sie kaum mit und ihre Versetzung war gefährdet. Seitdem sie mittwochs zur Nachhilfe geht, hat sich das jedoch geändert. Dort hat sie einige Tricks gelernt, wie sie sich die Vokabeln leichter merken kann. Und bei den Hausaufgaben achtet der Nachhilfelehrer darauf, dass sie die Übungen richtig verstanden hat.“

Dass es auch anders geht, machen einige Beispiele aus Ländern und Kommunen deutlich. Berlin und Hamburg, aber auch Städte wie Stuttgart und Essen organisieren die Nachhilfe für bedürftige Schüler direkt in den Schulen – und machen damit gute Erfahrungen. Positiv aufgefallen ist den Bildungsexperten der Vodafone-Stiftung auch der Landkreis Ammerland: Dort hat die örtliche Volkshochschule die Organisation der Nachhilfe übernommen und schickt Pädagogen und Lehramtsstudenten direkt in die Schulen.

Recherchen der Stiftung ergaben: Wichtig ist mehr Information für die betroffenen Eltern, die als Hartz-IV-Empfänger oft selbst nur eine unzureichende Vorbildung haben. Nur selten kämen sie von sich aus auf die Idee, nach Hilfen für ihre Kinder zu fragen. Bildungsforscher warnen seit langem vor sogenannten Hartz-IV-Familienkarrieren über Generationen hinweg. In keiner anderen vergleichbaren Industrienation ist der Bildungserfolg eines Kindes so abhängig von seiner sozialen Herkunft wie in Deutschland.

Als sinnvoll hat sich der Einsatz von Schulsozialarbeitern erwiesen. Die Bundesförderung, die Teil des vor zwei Jahren im Vermittlungsausschuss ausgehandelten Kompromisses war, läuft allerdings Ende 2013 aus. Die Stiftung, aber auch Bildungsexperten und einige Bundesländer rufen dringend nach einer Neuauflage des Programmes. Aber das wird wohl erst nach der Bundestagswahl verhandelbar sein, wenn die gesamten Bund-Länder-Beziehungen in der Bildungspolitik erneut auf der Agenda stehen – einschließlich des weiteren Ausbaus von Ganztagsschulen. News4teacher / mit Material von dpa

(29.2.2013)

Zum Bericht: „Von der Leyen will Eltern von Schulschwänzern bestrafen“

Wie sinnvoll ist ein Bildungspaket, das private Nachhilfe finanziert? Logo: Bundesarbeitsministerium

Wie sinnvoll ist ein Bildungspaket, das private Nachhilfe finanziert? Logo: Bundesarbeitsministerium

3 Kommentare

  1. Hinzu kommt die Frage, ob das Geld wirklich für Nachhilfe ausgegeben wird. Schließlich ist ja nicht ein Institut zwingend vorgeschrieben. Bei uns kursiert das Gerücht, einige Familien würden irgendwelche Verwandten, Nachbarn oder Bekannten als Nachhilfelehrer angeben und sich das Geld dann einstecken. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber das Erschleichen von staatlichen Leistungen gibt es in anderen Bereichen ja auch…

    • Monika Schiffmann

      Bevor man Gerüchte auf Bildzeitungsniveau verbreitet, sollte man sich doch informieren und erst mal nicht schreiben was man nicht wirklich weiß. Bevor man als Nachhilfelehrer anerkannt wird, muss man seine Qualifikation nachweisen. Und an dieser Stelle vom Erschleichen staatlicher Leistungen zu schreiben und das ohne seinen Namen zu nennen ist denunziatorisch. Die Betreiber dieser Seite dürfen so etwas nicht dulden.
      MfG
      M.Schiffmann

  2. Nachhilfe – eine Möglichkeit des Lernens
    Private Nachhilfe ist das, was das Wort schon sagt: eine Hilfe. Deshalb sollte man das Wort positiv auffassen und sich nicht durch die eigenen Komplexe fertig machen lassen. Jede Hilfe, die man sich holen kann, um in dieser Welt besser überleben zu können, ist gut.
    http://hobbymap.de/hobbys/bildung-wissen/sprachen/hobbymap-sprachen-nachhilfe-eine-moeglichkeit-des-lernens

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