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Kulturkampf im Ländle um „sexuelle Vielfalt“ – Philologen-Chef gibt sich unschuldig

STUTTGART. Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann warnte vor einem „Kulturkampf“ um das Thema Sexualität an Schulen. Doch genau der ist entbrannt – und wird befeuert vom Philologenverbandschef. Der beteuert allerdings, falsch verstanden worden zu sein. 

Unter dem Motto “Ehe und Familie vor! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder” wollen die Bildungsplangegner in Stuttgart wieder auf die Straße gehen. (Das Bild zeigt eine Szene aus einer Demonstration am 28. Juni 2014 in Stuttgart.) Foto: Demo für Alle / flickr (CC BY-SA 2.0)

Unter dem Motto “Ehe und Familie vor! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder” wollen die Bildungsplangegner in Stuttgart wieder auf die Straße gehen. (Das Bild zeigt eine Szene aus einer Demonstration am 28. Juni 2014 in Stuttgart.) Foto: Demo für Alle / flickr (CC BY-SA 2.0)

Was ist bloß los in Baden-Württemberg? Am vergangenen Wochenende gehen in Stuttgart nach Polizeiangaben über 1.200 Menschen auf die Straße gegen eine «Sexualisierung» von Schulkindern. 500 Polizisten verhindern, dass es wie bei früheren Demos zu Auseinandersetzungen zwischen Gegnern des neuen Bildungsplans und linken Gruppen kommt. Gleichwohl gibt es Angriffe linker Aktivisten auf Demonstranten; Stühle werden geworfen. Am Tag darauf zieht der Landeschef des Philologenverbandes, Bernd Saur, mit einem krass formulierten «Focus»-Beitrag gegen «Übergriffe durch entfesselte, öffentlich komplett enttabuisierte Sexualpädagogen» zu Felde. Seit Monaten läuft im Südwesten ein «Kulturkampf», vor dem Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) gewarnt hatte.

Saur trieb den Konflikt nun auf die Spitze. Sein Beitrag gipfelt in der Aufzählung sexueller Praktiken – vom Spermaschlucken über Latex-Fetische bis hin zu Gruppensex – die angeblich Eingang in die Klassenzimmer zu halten drohten. Der Bundeschef des Gymnasiallehrerverband, Heinz-Peter Meidinger, stärkt Saur den Rücken. Es gebe «Interessengruppen» die in diesem Sinne Einfluss nehmen wollten, sekundiert er.

Kultusminister Andreas Stoch (SPD) – ganz nebenbei auch oberster Dienstherr des Ulmer Gymnasiallehrers Saur – ist außer sich. Der SPD-Mann sieht sich zu einem offenen Brief an den Verbandschef veranlasst, in dem er sich die Diktion und Vorwürfe verbittet.

Der Vorgang ist einzigartig. Torsten Heil, Sprecher der Kultusministerkonferenz, versichert, nirgendwo sonst in der Republik seien ihm Diskussionen über das Thema Sexualität im Unterricht bekannt. Der Freiburger Psychotherapeut Martin Klett kann sich die aufgeheizte Stimmung im Land nur mit dem Versuch konservativer Kreise erklären, Grüne und Sozialdemokraten und die von ihnen eingeleitete Modernisierung der Gesellschaft bei jeder Gelegenheit zu diskreditieren: «Das sind dumpfe Reflexe nach mehr als 50-jähriger CDU-Herrschaft.»

Stein des Anstoßes ist die Bildungsplanreform in Baden-Württemberg: In langwieriger Arbeit, in die Saur übrigens über einen Bildungsplan-Beirat eingebunden ist, werden zu erwerbende Schüler-Kompetenzen und Grundsätze festgeschrieben. Nachdem zuerst Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt verankert werden sollte, wurde die entsprechende Leitperspektive breiter gefasst und das Thema Vielfalt etwa auf Religion, Nationalität und Ethnie ausgeweitet.

Doch trotz der Überarbeitung ist der Bildungsplan konservativen Gruppen, hinter denen sich CDU-Arbeitskreise, die eurokritische AfD, Familien- und Elternverbände verbergen, ein Dorn im Auge. Allerdings sind sie eine – wenn auch öffentlichkeitswirksame – Minderheit im Land. Der Landeselternbeirat (LEB) und der Landesschülerbeirat sehen Sexualerziehung dagegen gelassen.

LEB-Chef Carsten Rees vermutet hinter Saurs Äußerungen den Versuch, den Sexualkundeunterricht durch unbelegte Behauptungen und das Schüren von Ängsten bei den Eltern komplett aus dem Lehrplan zu streichen. «Wenn dem so ist, muss Saur auch die Verantwortung für ungewollte Schwangerschaft und steigende Ansteckungsraten mit HIV tragen.» Aufklärung dürfe nicht in die Schmuddelecke gestellt werden. Der Freiburger Naturwissenschaftler betonte: «Wir wollen doch die Kinder und Jugendlichen nicht im Tal der Ahnungslosen halten.» Saur agiere nach dem Motto: «Verleumde tapfer, es bleibt immer was hängen.»

Psychotherapeut Klett findet es absurd, in Zeiten, in denen Pornos im Internet für jedermann verfügbar sind, mit dem Vorwurf der «Pornografisierung» der Schule die Diskussion darüber zu unterbinden. Die ernsthafte Beschäftigung im Unterricht damit könne für manchen jungen Menschen entlastend wirken.

Die Schüler selbst verstehen die ganze Aufregung kaum. Der Landesschülerbeirat lässt wissen: «Wir halten das Thema Sexualität in der Schule für sehr wichtig. Die sexuelle Vielfalt ist doch ein Teil unserer Gesellschaft, warum sollte sie nicht im Unterricht vorkommen? Schön, dass das mal thematisiert wird.»

Und Saur selbst? Der verwahrte sich gegenüber dem Vorwurf, den Schulministerien in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen abstruse, womöglich gar erfundene Absichten zu unterstellen. „Die in diesem Zusammenhang aufgezählten Beispiele, die mich selbst natürlich  nicht weniger schockieren als viele Kommentatoren, entstammen nicht etwa meiner Phantasie, sondern finden sich in dem Buch ;Sexualpädagogik der Vielfalt‘ von Elisabeth Tuider (Universität Kassel), das als Standardwerk gilt“, so erklärt Saur heute.

Und: „Als weiterer Vordenker dieser Sexualpädagogik gilt der Kieler Pädagogikprofessor Uwe Sielert, der als Mitbegründer und Geschäftsführer der ‚Gesellschaft für Sexualpädagogik‘ im Rahmen seiner Gender-Sexualpädagogik drei Lebensumstände „entnaturalisieren“ möchte: die Kernfamilie, die Heterosexualität und die Generativität (die Altersgrenze zwischen den Generationen). Er zählt zu den meinungsbildenden Akteuren in seinem Feld und vergibt ein Qualitätssiegel für Ausbilder.“ Vor Bestrebungen dieser Art habe er warnen wollen, beteuert der Philologen-Landeschef.

Dass der Beitrag ausgerechnet an dem Wochenende erschien, an dem in Stuttgart die Demonstration angekündigt war, ist dann wohl nur Zufall. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Kommentar: Ein Scheinheiliger und viele Ideologen

Zum Bericht: Stoch ist empört über Philologen – Riesenkrach um “sexuelle Vielfalt” im Unterricht

2 Kommentare

  1. Die Petition, die am Anfang des Widerstands stand, hatte als Hauptforderung „eine grundlegende Überarbeitung des Papiers und eine völlige Transparenz bei allen weiteren Schritten auf dem Weg zum neuen Bildungsplan.“ und es hieß „Wir unterstützen das Anliegen, Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle nicht zu diskriminieren. Bestehende Diskriminierung soll im Unterricht thematisiert werden.“ Wer einen Kulturkampf vermeiden wollte, hätte einfach nur auf diesen sachlichen Ton eingehen brauchen.

    Es wäre eine interessante Übung im Deutschunterricht, auch in diesem obigen Artikel alle Stellen zu markieren, in denen unterschwellig durch die Wortwahl negative Zuschreibungen für die eine Seite vergeben werden. Aber andererseits finde ich an dem Artikel gut, dass er doch mehrere Originalstimmen zitiert. Finden Sie eigentlich, dass der LEB-Sprecher und der Landesschülerbeirat verstanden haben, worüber die Debatte geht?

  2. Hier kann man nachlesen, was Bernd Saur selbst geschrieben hat: http://www.phv-bw.de/ unter Pressemitteilungen / Was „sexuelle Vielfalt“ auch bedeuten kann!

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