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Breit diskutiert in Deutschland: Nida-Rümelins These vom „Akademisierungswahn“

BERLIN. «Akademisierungswahn» – ja oder nein? Der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin – einst SPD-Kulturstaatsminister in der rot-grünen Bundesregierung von Gerhard Schröder – hat mit seiner gleichnamigen Streitschrift eine hitzige Debatte ausgelöst: über Pro und Kontra von Hochschul- und Berufsbildung, über Defizite bei der Durchlässigkeit des Bildungssystems, über das Phänomen Studienabbruch, über bessere Informationen für junge Leute schon in der Schule, besonders am Gymnasium.

Julian Nida-Rümelin hat eine Bildungsdebatte angestoßen. Foto: Perikles/ Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Julian Nida-Rümelin hat eine Bildungsdebatte angestoßen. Foto: Perikles/ Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Wir haben bei Experten aus Wirtschaft und Gewerkschaften, Wissenschaft und Politik nachgefragt.

Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK): «Herr Nida-Rümelin hat das Verdienst, eine Debatte mit angestoßen zu haben. Ja, wir haben zu lange einseitig gesagt: Wer ein Hochschulstudium absolviert, hat auf jeden Fall bessere Chancen im Erwerbsleben. Aber die Arbeitslosenquote bei Geisteswissenschaftlern liegt zum Beispiel höher als bei Fachkräften mit einer technischen Ausbildung. Es ist wichtig, jungen Menschen mehr Informationen zu den verschiedenen Berufswegen bereitzustellen, damit sie eine richtige Entscheidung treffen können. Das ist bislang nicht in Perfektion gelungen – vor allem an Gymnasien.»

Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende: «Die duale Berufsausbildung bleibt attraktiv – auch für hoch qualifizierte Jugendliche. Fast jeder vierte Azubi hat das Abitur oder die Fachhochschulreife in der Tasche. Das duale System leidet nicht unter einem Mangel an gut qualifizierten jungen Menschen. Wenn sich die Zahl der Ausbildungsplätze im Sinkflug befindet, liegt das nicht am vermeintlichen Akademisierungswahn, sondern an Betrieben, die sich an eine Bestenauslese gewöhnt haben und Hauptschülerinnen und -schülern von vorneherein keine Chance mehr geben. Die Diskussion um ein neues Verhältnis von beruflicher und akademischer Bildung muss differenzierter geführt werden.»

Manfred Prenzel, PISA-Koordinator und Vorsitzender Wissenschaftsrat: «Brauchen wir mehr oder weniger Akademiker? Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, denn die zukünftigen Qualifikationsbedarfe unserer Gesellschaft lassen sich nicht verlässlich prognostizieren. Anstatt also auf der Basis unzuverlässiger Vorhersagen über die politische Lenkung von Ausbildungsströmen – in die eine oder die andere Richtung – nachzudenken, sollten wir die Perspektive des Individuums einnehmen: Welche Hilfestellungen müssen wir leisten, welche neuen Wege eröffnen, damit der Einzelne seine jeweiligen Potenziale entfalten und auch auf unvorhergesehene Anforderungen des Arbeitsmarktes reagieren kann?»

Brunhild Kurth, Sachsens Kultusministerin (CDU) und Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK): «Die duale Ausbildung befindet sich in einer Attraktivitätskrise. Zudem setzt die demografische Entwicklung das System der beruflichen Bildung weiter unter Druck. Wir müssen deshalb die duale Berufsausbildung auch für Schulabsolventen mit Hochschulzugangsberechtigung attraktiver gestalten. Angebote für Leistungsschwächere müssen dauerhaft etabliert und weiter ausgebaut werden. Gleichzeitig brauchen wir eine wechselseitige Öffnung von Hochschule und beruflicher Bildung.»

Heino von Meyer, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD): «Berufliche und akademische Bildung gegeneinander auszuspielen, ist nicht klug. Deutschland braucht die Optikermeisterin und den Rettungsassistenten genauso wie den Ingenieur oder die Juristin. Deshalb zählen sie alle in den OECD-Statistiken als Hochqualifizierte – egal ob Meister oder Master. Über dem (sehr) deutschen Streit gerät allzu leicht das eigentliche Problem aus dem Blick: Es gibt viel zu viele Bildungsabbrecher – an Schulen, in Betrieben, an Universitäten. Eine alternde Gesellschaft wie die deutsche wird nur erfolgreich bleiben, wenn sie die Potenziale aller hebt.»

Achim Meyer von der Heyde, Generalsekretär Deutsches Studentenwerk: «Eine Phantomdebatte. In Wirklichkeit geht es nicht um eine „Überakademisierung“, sondern um die Angst der akademischen Mittelschicht vor dem Abstieg, aber auch um fehlende Einsteiger in die Berufsausbildung. Für den Einstieg in die Arbeitswelt sind inzwischen nahezu ausschließlich qualifizierte Berufs- oder Hochschulabschlüsse erforderlich. Zu Recht propagiert die deutsche Bildungspolitik seit langem, dass wir als Hochtechnologie- und Exportland mehr Hochqualifizierte benötigen. Nun kommen sie – und sofort ist die Rede von Überakademisierung?»

Michael Kretschmer, stellvertretender CDU/CSU-Fraktionschef: «Das Schlagwort hat uns überhaupt nicht weitergeholfen. Wir haben in dieser Legislaturperiode die Aufgabe der Stärkung unserer dualen Ausbildung. Das ist nicht nur finanziell ein Thema – wir brauchen einen Bewusstseinswandel. Das A und O ist eine ordentliche Berufs- oder Studienorientierung – dass die Leute deutlich gemacht bekommen, wie durchlässig das System inzwischen ist.»

Hubertus Heil, stellvertretender SPD-Fraktionschef: «Ich schätze Julian persönlich sehr, aber an diesem Punkt bin ich anderer Meinung. Es ist genauso falsch, einen solchen Begriff zu prägen, wie in früheren Jahren die berufliche Bildung zu unterschätzen. Ein Meister muss im gesellschaftlichen Ansehen genauso gut dastehen wie ein Master. Den Zugang zu den Hochschulen künstlich verknappen zu wollen, das halte ich für den falschen Weg.»

Kai Gehring, Grünen-Obmann im Bildungsausschuss des Bundestags: «Wir wollen, dass jeder junge Mensch sich frei zwischen einer Ausbildung oder einem Studium entscheiden kann. Nida-Rümelin will weniger Akademiker, also auch weniger Studienanfänger und damit höhere Hürden vor der Hochschultür. Statt Bildungsblockaden zu errichten, wollen wir eine soziale Öffnung und breitere Zugänge zur Hochschule – damit endlich mehr Arbeiterkinder als „Studierende der ersten Generation“ auf den Campus gelangen.» dpa

Zum Bericht: So viele Studenten wie noch nie: Deutschland im “Akademisierungswahn”?

6 Kommentare

  1. Wenn N.-R. schon den Bachelor für einen akademischen Abschluss hält, was versteht der dann unter Kultur.

    Wenn der Bachelor-Abschluss, der an einer Hochschule abgelegt wird und deshalb als tertiärer Abschluss gewertet wird, anders von der OECD bewertet wird als ein Gesellenbrief, der außerschulisch erworben wird bzw. an einer Berufsschule, die in den sekundären Bildungssektor fällt, vorbereitet wird, dann gute nacht.

    • Dann lasst die kinder doch länger zur Schule gehen und macht da Studiengänge draus — Level 5B

      Associate/Higher National Diploma

      dann wird die Ausbildung auch attraktiver, international vergleichbarer und die Jugend kann überall besser damit arbeiten gehen.

      Dann habt ihr eure top qualifizierten Bachelors respetive „Junggesellen“

      der Meister hat im DQR/EQR ja eh schon die 6 verpasst gekriegt, gleichgestellt mit Bachelor

      dann passt das auch alles wieder — sonst ist die Lücke zu groß – zw. 4 und 6

      Herr Prenzel hat absolut Recht

  2. Gleiches Thema – gleiche Antwort: Ich finde es falsch, darauf zu setzen, dass möglichst viele Kinder studieren, um sich dann mit einer hohen Akademikerrate zu brüsten. Ich fände es richtig, jedes Kind entsprechend seiner Neigungen zu fördern und auszubilden und keine Arbeit geringzuschätzen, weil jede Arbeit wichtig ist – sonst gäbe es sie nicht!

    Wichtiger als auf möglichst viele Studierende zu setzen, scheint mir, darauf zu achten, dass jeder von seiner Arbeit leben kann! (Ihr wisst, was ich meine.)

    • Ich weiß, was Sie meinen, und finde auch richtig, was Sie meinen.

    • Ja und, von dem Einkommen eines Industriemechanikers kann man doch leben. Nur was nutzt es demjenigen, der diesen Beruf erlernt hat und es bis zum Meistergrad geschafft hat, wenn sein Arbeitsplatz im Anschluss nach Rumänien verlagert wird.

      Es ist besser einen international anerkannten Universitätsabschluss sein eigen zu nennen und dem deutschen Arbeitsmarkt den Rücken zu zeigen – außer man ist Beamter im höheren Dienst. Den gibt es nämlich so woanders nicht.

  3. Jetzt werfen die Radiojournalisten jedem das Reizwort „Akademisierungswahn“ vor und wollen Schlagworte als Antworten…

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