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Zwei Drittel der Bürger meinen, Schüler lernen “unnützes Zeug” – Fach “Benehmen” gefordert

BERLIN. Die von der Kölner Gymnasiastin Naina angestoßene Debatte über Bildungsinhalte beeindruckt die Bürger: Schüler lernen «zu viel unnützes Zeug» – stattdessen sollte «Benehmen» ein Unterrichtsfach werden – dieser Meinung ist laut Umfrage eine klare Mehrheit der Deutschen. Auch Politik, Wissenschaft und Wirtschaft diskutieren zunehmend über lebensnähere Lerninhalte.

(CC BY-NC-SA 2.0)

Soll die Schule auch Tischmanieren vermitteln? Foto: Zagat Buzz / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

«Benehmen» als Schulfach, am besten gar verpflichtend? Das hört sich zunächst nach konservativem Tugendwahn an – aber drei von vier Bürgern in Deutschland (75 Prozent) sind nach einer neuen Umfrage dafür. 51 Prozent meinen, dass Benimm-Kurse an Schulen Pflicht sein müssten, für 24 Prozent immerhin Wahlfach. Ein obligatorisches Unterrichtsfach «Benehmen» läge den Befragten damit mehr am Herzen als «Wirtschaft» (48 Prozent), «Gesundheitskunde» (42), «Suchtprävention» (39) oder «Computerprogrammierung» (35).

Die Befragung des Institutes YouGov unter 1330 Bürgern zu bereits existierenden, aber eher seltenen und zu möglichen neuen Fächern spiegelt ein verbreitetes Unbehagen mit den Lerninhalten an deutschen Schulen wider. So neigen zwei von drei Befragten (68 Prozent) der Ansicht zu, dass Schüler «zu viel unnützes Zeug» lernen.

Lehrer sollten auch Computer- und Wirtschaftskenntnisse (je 91 Prozent Zustimmung) und Gesundheit (89) als Pflicht- oder Wahlfächer unterrichten. Selbst Schönschrift fände noch jeder Zweite gut als Pflicht- (17 Prozent) oder Wahlfach (37). Nicht nur Lehrern stellt sich da die Frage: Was soll Schule denn noch alles leisten?

Der Vorsitzende der eher konservativen Lehrergewerkschaft Philologenverband, Heinz-Peter Meidinger, sagte, man könne «nicht jeden gesellschaftlichen Missstand durch ein neues Schulfach bekämpfen. Soviel Stunden hat der Tag nicht, die man dafür bräuchte.» In punkto Benimm-Kurse mahnte er, Familie und Umfeld nicht aus der Verantwortung zu entlassen: «Wenn Eltern als Vorbilder ausfallen oder auch die Gesellschaft zunehmend vorlebt, wie man mit Ellbogen und ohne Rücksichtnahme seine Ziele erreicht, ist auch Schule weitgehend machtlos.»

So einiges vom Wunschzettel der Bürger – freilich nicht «Benehmen» – empfiehlt die Kultusministerkonferenz (KMK) der 16 Bundesländer ohnehin schon länger als «fächerübergreifende Inhalte» für den Unterricht. Das betreffe «vor allem Fragen der politischen und wirtschaftlichen Bildung im weitesten Sinne» und sei «in der Regel Gegenstand mehrerer Unterrichtsfächer» – um neue Pflichtfächer geht es also hier noch nicht. «Verbraucherbildung» etwa soll laut KMK stärker in den Lehrplänen der Schulen verankert werden. Länder wie Schleswig-Holstein oder Bayern sind da bereits vorangegangen.

Sehr plakativ – für manche auch platt – hatte vor wenigen Wochen die Kölner Schülerin Naina (17) ihren Ärger über heutige Lerninhalte per Twitter verbreitet und ein Riesen-Echo erzeugt. «Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern und Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen»: Damit fand Naina – neben Spott und Kritik im Netz – auch Gehör bei der Politik.

«Ich bin dafür, in der Schule stärker Alltagsfähigkeiten zu vermitteln», stimmte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) im Grundsatz zu, fügte jedoch hinzu: «Es bleibt aber wichtig, Gedichte zu lernen und zu interpretieren.» Auch die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) wies auf eine weiterhin erforderliche Verantwortlichkeit der Eltern für «Alltagsfähigkeiten» hin. Sie warnte vor einer Überdehnung der Lehrpläne: «Wie schaffen wir das, ohne dass wir ständig von oben draufsatteln?» Zumal auch viele Bürger – laut YouGov-Umfrage 52 Prozent – meinen, dass Schüler heutzutage ohnehin «kaum noch Zeit und Energie für Hobbys» haben.

Die Wissenschaft nimmt sich des Themas ebenfalls an. So sollten nach Ansicht des hochkarätig besetzten Aktionsrats Bildung die Schulen in Deutschland mehr Wert auf Persönlichkeitsentwicklung legen. Lehr- und Lernprozesse dürften sich nicht nur auf Wissensvermittlung beschränken, heißt es in einem neuen Gutachten des Gremiums um die Bildungsforscher Dieter Lenzen und Wilfried Bos. Wichtig sei «mehrdimensionale Bildung», um Schüler «bei der Entwicklung einer verhaltenssicheren und lebensfähigen Persönlichkeit zu unterstützen».

«Bildung ist mehr als Fachwissen. Überfachliche Kompetenzen müssen stärker als heute in den Lehrplänen verankert werden», sagte der Präsident der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw), Alfred Gaffal, zu dem Gutachten. «Nicht nur Mathematik, Deutsch und Englisch sind relevant. Eine gesunde Charakterbildung ist genauso wichtig.» Das war natürlich nicht gleich als Plädoyer für ein Pflichtfach «Benehmen» oder als Zustimmung zu Nainas Frust-Thesen zu verstehen. Aber gegen mehr schulische Unterweisung in den bürgerlichen Tugenden oder lebensnahem Wissen hätte die Wirtschaft wohl auch nichts. dpa

Zum Kommentar: Nainas Tweet löst eine breite Debatte um Bildung aus – leider eine zu flache

19 Kommentare

  1. mehrnachdenken

    Nur ein Beispiel, dass ständige Unterweisung auch nicht der “Königsweg” sein kann.

    Im Gegensatz zu meiner Generation werden die Kinder heute bereits im Kindergarten für Umweltthemen sensibilisiert. Das wird dann mit mehr oder weniger großem Aufwand in der Schule fortgesetzt.

    Gerade die jetzige Generation sollte doch über ein profundes Wissen in Sachen Umwelt verfügen. Das schließt auch ein, keinen Müll achtlos auf die Straße oder aus dem Autofenster zu werfen.

    Bringen die jahrelangen Unterweisungen etwas? Ich meine, das Ergebnis sieht ziemlich dürftig aus. Wie präsentieren sich z.B. gerade an Wochenenden Straßen oder Wege, die nach dem Besuch eines Fast – Food- Ladens befahren werden? Speisen oder Getränke werden konsumiert, und die Verpackung landet mit zienmlicher Sicherheit auf dem Seitenstreifen oder im Graben.

    Mir wurde in jungen Jahren nicht beigebracht, keinen unnötigen Müll zu produzieren oder nichts wegzuwerfen. Dennoch, oh Wunder, habe ich in meinem Leben auch nicht den kleinsten Papierschnipsel auf den Boden befördert.

    Was für eine Erkenntnis: Gemessen an der lückenloser Beschulung in Sachen Umwelt, sind die Ergebnisse oder Verhaltensänderungen doch recht überschaubar.
    Dagegen verhält sich jemand, der in der Schule niemals mit entsprechenden Themen in Berühung kam, vorbildlich umweltfreundlich.

    • Christian Möller

      Anständiges Benehmen braucht Übung, Übung, Übung. Belehrung und Moralisieren in einer Schulstunde bringt nichts. Zum einen Ohr rein, zum anderen raus.
      Statt der sexuellen Vielfalt sollte zivilisiertes Benehmen als roter Faden alle Schulstunden durchziehen, wozu es gestandene Lehrer braucht, die den Mut haben, einzugreifen und auch mal zu sanktionieren, anstatt falsche Toleranz zur Vermeidung von Konflikten mit Schülern und Eltern zu üben.

  2. Wenn die Kinder mehr Alltagsfähigkeiten lernen sollten, warum schafft man dann die Schulen ab, in denen seit jeher praktisch und lebensbezogen gelernt wurde?

  3. Was nützt Erziehung, die Kinder machen eh alles nach.

    • Christian Möller

      Richtig! Also sind die Vorbilder wichtig. Darüber hinaus sollten Erklären, Belehren und Moralisieren auf ein Minimum beschränkt werden. Lieber richtiges Verhalten vorleben und trainieren als vorbeten und zerreden.
      Im Benehmen müssen Erzieher Vorbilder und Trainer sein, die konsequent aufs Tun achten anstatt auf fromme Sprüche. Selbstdisziplin ist weniger eine Sache der Einsicht als des Übens dieser Fähigkeit.

      • Nicht nur Erzieher und Trainer. Vor allem die Eltern sind hier in der Pflicht.

        • Problematisch ist dabei, dass viele Kinder zwar Eltern haben müssten – für die Erziehung aber die Erziehungsberechtigten zuständig sind. Wären sie erziehungsverpflichtet hießen sie vermutlich auch so.

          • Lehrer und Trainer sind weder erziehungsberechtigt, noch erziehungsverpflichtet.

        • Christian Möller

          @GriasDi
          Unter den Begriff “Erzieher” fallen für mich natürlich auch die Eltern.
          Außerdem: Wenn die Politik dafür sorgt, dass die Kinder möglichst von den ersten Lebensjahren an und am besten den ganzen Tag über in die Hände des Staates gelegt werden, stehen Erziehungsberechtigung und -verpflichtung der Eltern (wie so vieles andere auch) nur noch auf dem Papier. Oder?

          • Nur die Eltern werden als Erziehungsberechtigte bezeichnet, sonst niemand. Also haben diese auch die Hauptaufgabe zu leisten. Wollen Lehrer, Trainer, Erzieher erziehen werden diese ja teilweise durch die Eltern oder Juristen daran gehindert.
            Beispiel:
            2 Kinder einer Mutter fahren im Supermarkt Inline-Skates. Eine Verkäuferin schickt die Kinder aus nachvollziehbaren Gründen aus dem Markt. Was sagt die Mutter zu ihren Kindern, als sie wieder aus dem Markt kommt? “Das nächste Mal braucht ihr nicht auf die dumme Sau zu hören.” (Originalzitat!!!)
            Wie soll die Erziehung solcher Kinder funktionieren???

          • Christian Möller

            Zustimmung, das sind die scheußlichen Auswüchse einer “Erziehungsberechtigung”, die auf dem Papier anders aussieht als in den Erfordernissen einer politisch geschaffenen Praxis.
            Sie geben Eltern das Gefühl, die institutionellen Erzieher seien verpflichtet, ihren Kindern beste Bildung und Erziehung angedeihen zu lassen und ihre eigene Aufgabe als Erziehungsberechtigte sei es, mit Argusaugen darüber zu wachen, dass die Aufgabe auch in ihrem Sinne und zu ihrer vollen Zufriedenheit erledigt wird.
            Ich vermute ganz stark, dass die Entsolidarisierung von Eltern und Lehrern durch unklare Verhältnisse in den Erziehungsrechten und -pflichten durchaus gewollt ist.

          • Eltern können auch nicht erziehungsberechtigt sein. Das zu entscheiden ist aber Sache von gerichten. Ich kenne aus dem beruflichen Alltag mehrere Fälle, wo das Erziehungs-, Sorge-, Umgangsrecht etc. eben nicht bei den leiblichen Eltern liegt. Entweder werden diese rechte von amtswegen wahrgenommen oder siind tlw. auf Pflegefamilien oder Jugendeinrichtungen übergegangen.

  4. Die Forderung von Eltern nach Benimmunterricht in der Schule ist eine Bankrotterklärung für ihre eigene häusliche Erziehung.

    • Frage ist nur, welche Kräfte für den Bankrott gesorgt haben. Seit Menschengedenken fühlten sich die Eltern für die Erziehung ihrer Kinder zuständig und verantwortlich. Wie sind viele von ihnen in kürzester Zeit nur so verunsichert worden, dass sie glauben, Fachleute könnten alles besser als sie und sollten möglichst von Geburt an und möglichst den ganzen Tag über die einstmals elterlichen Aufgaben übernehmen?
      So unangenehm, rechthaberisch und aggressiv Eltern manchmal auftreten können, so wahrscheinlich ist es doch auch, dass sie ebenso wie die Lehrer und vor allem die Kinder Opfer falscher Lehren und politischen Entscheidungen sind.

      • Genau! Nicht nur verunsichert, sondern auch beeinflusst von Medien wie TV oder Radio. Denn dort wurde in der Vergangenheit in gewisser Weise der Nährboden mit vorbereitet für die jetzige Misere. Der schlechte Umgang miteinander wurde durch die Verbreitung und Praktizierung in diesen Medien (vor allem im Fernsehen) salonfähig gemacht.

  5. @ Grias Di, das ist falsch, Elternhaus und Staat (vertreten hier durch die Lehrer) sind “erziehungsberechtigt”. Das Erziehungsrecht der Eltern ist dem Erziehungsrecht des Staates (vertreten durch die Lehrer) nicht einmal übergeordnet, wie man gerne glaubt, sondern gleichgeordnet !!! Das bedeutet, innerhalb unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist den Eltern vieles erlaubt, aber doch nicht alles und es bedeutet, dass der Staat (die Schule) den Kindern auch beibringen darf, was Eltern u.U. gar nicht wollen, dass es den Kindern beigebracht wird. Dazu gab es mal ein Gerichtsurteil. Bei Gelegenheit suche ich es heraus!

  6. Ich finde ein Fach “Benehmen” unnötig. “Benehmen” beizubringen, ist die täglich Arbeit der Pädagogen in jeder Situation im Schulalltag. Das machen wir auch, wenngleich es manchmal an Konsequenz und vor allem einheitlichen Maßstäben mangelt. Der Ethikunterricht hat teilweise solche Themen, wo man mit den Schülern darüber spricht, wie man sich in bestimmten Situationen verhält. An meiner jetzigen Schule gibt esaußerdem wie in einigen Bundesländern auch die sogenannten Verhaltensnoten / Kopfnoten (Betragen, Ordnung, Fleiß und Mitarbeit). Theoretisch finde ich das sinnvoll. Theoretisch! Diese Rückmeldungen in Form von Zensuren alle 2 Monate bei uns (besser monatlich) machen Sinn, wenn sie dem Schüler auch begründet werden. Das passiert jedoch fast nie. Alle haben genug anderes zu tun, um womöglich eine ganze Stunde oder Extrazeiten dafür aufzuwenden, den Schülern zu erklären, warum sie welche Note bekommen haben. In der Praxis werden sie daher eher nur “heimlich” ins Notenbuch eingetragen und frühestens auf dem Zeugnis erfährt der Schüler dann, wie die “Masse der Lehrer” sein Verhalten durchschnittlich beurteilt. Das hat natürlich überhaupt keinen Sinn.

  7. ZITAT:

    “Eltern haben nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes ein Vorrecht,[1] die Erziehung ihres Kindes nach eigenem Ermessen zu gestalten. Dieser Grundsatz gilt nicht in Bezug auf die Gestaltung des Schulunterrichtes, in welcher der staatliche Erziehungsauftrag laut ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes und des Bundesverwaltungsgerichtes dem elterlichen Erziehungsrecht nicht nach-, sondern gleichgeordnet ist.[2] Abgesehen davon ist ein staatlicher Eingriff in die elterliche Erziehung nur bei erheblicher Gefährdung des Kindeswohl rechtens.”

    http://de.wikipedia.org/wiki/Erziehungsauftrag

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