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Journalist Wallraff kritisiert Kommunen: „Preisdumping in den Schulmensen ist ein Unding“

FRANKFURT/MAIN. Undercover-Journalist Günter Wallraff sieht nach den jüngsten Enthüllungen in Schulküchen besonders die Kommunen in der Pflicht. Schulverpflegern rät er offen zu provokanten Aktionen. „Ich finde, man könnte Kommunen, Schulen und Eltern durchaus mit A-, B- und C-Standards beim Essen konfrontieren“, sagt Wallraff im Interview mit der Wirtschaftsfachzeitschrift gv-praxis.

Der Preis für ein Essen nach Standard C würde zum Beispiel bei weit unter 3 Euro liegen. Zum Einsatz kämen hier überwiegend billige Fertigprodukte, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum zu Teil mehrfach verlängert werde – etwa durch tiefkühlen. „Hier sollte vielleicht ähnlich wie bei Zigaretten ein Warnhinweis draufstehen, wie beispielsweise „Essen auf eigene Gefahr“.“ Da würden Eltern ins Grübeln kommen, ist der Enthüllungsjournalist überzeugt.

Investigativjournalist Günter Wallraff in seiner Heimat, der Kölner Südstadt.(Christoph Hardt/Wikimedia CC BY-SA 4.0)

Investigativjournalist Günter Wallraff in seiner Heimat, der Kölner Südstadt.(Christoph Hardt/Wikimedia CC BY-SA 4.0)

Er ermutigt Schulverpfleger ausdrücklich, das Preisdumping offensiv anzusprechen und gegebenenfalls mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen zu untermauern. „Wenn bei Ausschreibungen am Ende trotz aller Qualitätsbekundungen immer nur der Allerbilligste den Zuschlag erhält, ist das ein Unding“, so Wallraff gegenüber gv-praxis. Schulverpfleger würden da automatisch in die Versuchung kommen, bestimmte Praktiken zuzulassen, wie etwa am Personal oder beim Einkauf zu sparen.

Doch Wallraff sieht gemeinsam mit RTL-Journalistin Stefanie Albrecht auch die Politik in der Pflicht, denn nicht alle Eltern können sich heute ein hochwertiges Essen zu einem adäquaten Preis für ihren Nachwuchs leisten. Neben bundesweiten Qualitätsstandards sehen die beiden deshalb höhere Subventionen für die Schulverpflegung als ein Mittel, das Mensaangebot langfristig zu verbessern. Einige Nachbarländer wie Norwegen würden hier bereits mit gutem Beispiel vorangehen.

Das „Team Wallraff“ hatte Anfang Juni mit seiner RTL-Reportage bundesweit für Entsetzen gesorgt. Aufgedeckt wurden unter anderem Missstände in Schulküchen. Schon im letzten Jahr hatte eine Studie festgestellt: Das Schulessen ist zu günstig, um gesund zu sein. Die Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung in Magdeburg erklärte darin, ein Mittagessen in der Schule entsprechend den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung würde zwischen 3,14 und 4,25 Euro kosten. Der Durchschnittspreis etwa in Sachsen-Anhalt liege aber bei rund zwei Euro. Schulessen steht immer wieder in der Kritik, weil es zu wenig Obst und Gemüse und dafür zu viel Fleisch enthält. Zudem werde es oft stundenlang warmgehalten. nin/dpa

Phonix zeigt dazu am 13. August um 18 Uhr eine Reportage „Schulessen mangelhaft“

10 Kommentare

  1. Johann Lafer kam in seinem Projekt „Food@ucation“ zu dem Schluss, dass 4,50 € nicht ganz reichen, um ein gutes, abwechslungsreiches und gesundes Mensa-Essen anzubieten. 4,70€ könnten gerade so reichen.

  2. An unserer Schule können sich viele Eltern selbst die Dumpingpreise nicht leisten. Es kostet bei uns 3,50€, ist also sehr günstig. 70€ für Mittagessen bedeutet für Kinder, deren Eltern Hartz IV beziehen, dass für Frühstück, Abendessen, Snacks und Wochenendverpflegung maximal 35€ übrig bleiben. (104€ pro Monat wurde als ausreichend für Kinder errechnet. 134€ für Jugendliche. Diese hätten vielleicht ausreichend Essen trotz Schulverpflegung.)

    • Meine Frau macht das Mittagessen im Kindergarten. Sie erlebt oft, dass Eltern, die wegen Sozialermäßigung nur 1€ für das Mittagessen zahlen brauchen, auch dieses Geld nicht bezahlen oder ihr Kind vom Mittagessen abmelden (in mehreren Fällen gegen die geäußerten Wünsche des Kindes), andererseits aber das Kind zuweilen mit eher teuren „süßen Stückchen“ als Frühstück in den Kindergarten kommt. In ausgewählten Fällen entschied die Leitung dann, dem Kind einfach unter der Hand ohne Zahlung etwas zu essen zu geben. Das dürfen natürlich die anderen nicht mitkriegen, sonst …

      • Wobei ich denke, dass die von ihnen aufgeführten Familien evtl. einfach auf Werbung hereinfallen und Milchschnitte für gesund halten. Ich denke nicht, dass Eltern absichtlich günstigeres, gesundes Essen gegen ungesundes, teures Essen tauschen, wenn sie nicht glauben würden, dass es besser wäre. Da wäre dann die Frage, wie man diese Eltern erreichen kann. Über den Preis offenbar nicht, sondern da müsste es dann vielleicht Elternkurse zum Thema gesunde Ernährung geben oder Kochkurse. Allerdings erreicht man manche Familien mit keiner Maßnahme. Das ist schade, aber wichtig wäre ja nun diejenigen zu erreichen, die erreicht werden wollen.

    • von den 3,50 muss die mwst, der lohn, und der gewinn des caterers abgezogen werden. für zubereitung und ware bleibt dann so gut wie nichts übrig. nur chemisches kunstessen ohne Gemüse aber zu viel fleisch ist davon finanzierbar. abhilfe schaffen würden kommunale Küchen mit städtischen angestellten. dann gibt es für 3,50 zubereitete ware, lohnkosten usw. trägt die kommune, gewinnstreben gibt es nicht. das ist aber utopisch, ich weiß.

      • Also an den Schulen, wo das essen in städtischen Krankenhäusern gekocht wird, ist der Anteil für den Materialeinsatz höher als bei Privaten? Ich lache.

        • da lachen sie richtig. im Krankenhaus müssen sie für das essen aber auch keine 3,50 bezahlen. mit der versicherung abrechnen können die Krankenhäuser sicherlich deutlich mehr.

          • Aber das selbe Essen, das die Krankenhausküche an eine Schule ausliefert, kann ich eben nicht mit der GKV abrechnen.

            Die Küchen in städtischen Krankenhäusern und Rathhäusern sind in der Regel Eigenbetriebe dieser Städte, die sehr wohl nach unternehmerischen Gesichtspunkten geführt werden und einen Gewinn abwerfen müssen. In diesen Eigenbetrieben werden die Energie-, Raum- Transport-, Mitarbeiterkosten etc. genauso in Rechnung gesetzt, wie bei privaten Anbietern. Und hinsichtlich der Gewinnerwartung sind Haushaltspolitiker in den Kommunen eher weniger zurückhaltend als private Unternehmer.

  3. Es ist halt bequemer, morgens beim Bäcker schnell so ein süßes Teil zu erwerben, als sich hinzustellen und selbst die Brotdose für das Kind/ die Kinder zu bestücken. Vielleicht bekommen die Kinder auch „nur“ das Geld und suchen sich selbst was aus.

  4. Die Gründe, warum Kinder nicht an der Mensaverpflegung teilnehmen ist vielschichtiger. Viele essen dort nicht, weil entweder das Fleisch nicht „halal“ ist oder sonstige Nahrungsmittelunverträglichkeiten vorliegen.

    Das Essen in den meisten Schulmensen ist auch nicht schlechter als das Kantinenessen in Unternehmen und Behörden. Das Mittagessen ist auch nicht das Problem an Schulen, die Vielzahl von Schülern, die ohne ein Frühstück zuhause und fehlende Pausenverpflegung (Zweites Fühstück) in die Schule kommen ist erschreckend hoch. Nur wie viele Erwachsene gehen ohne Frühstück morgens aus dem Haus? Die sind auch nicht besser.

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