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Abitur im Ländervergleich – Philologen kritisieren Ungerechtigkeit in den Anforderungen

BERLIN. Sind Abiturienten in Thüringen wirklich besser als die im übrigen Deutschland? Und sind niedersächsische Abiturienten tatsächlich die schlechtesten? Die von der Kultusministerkonferenz jetzt veröffentlichten Durchschnittsnoten legen das nahe. Allerdings herrschen nicht überall die gleichen Bedingungen. Der Deutsche Philologenverband kritisiert die Spreizung in den Anforderungen scharf als „klaren Beweis föderaler Bildungsungerechtigkeit in Deutschland“.

Großer Schritt ins Leben: das Abitur. Foto: Moritz Kunert / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Großer Schritt ins Leben: das Abitur. Foto: Moritz Kunert / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Deutschlands beste Abiturienten haben in Thüringen ihren Abschluss gemacht – laut Notendurchschnitt jedenfalls. Geht man nach den Abiturnoten des Schuljahres 2013/14, kamen die Schüler der Gymnasien, integrierten Gesamtschulen und beruflichen Schulen dort auf einen Durchschnitt von 2,16. Das teilte die Konferenz der Kultusminister (KMK) mit. Auf dem zweiten Platz liegt Brandenburg mit 2,31, dicht gefolgt von Bayern mit einem Notenschnitt von 2,33.
Schlusslicht ist Niedersachsen: Die Abiturienten in dem Bundesland liegen mit einem Schnitt von 2,61 auf dem letzten Platz. Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz landeten mit 2,54 ebenfalls am Ende des Rankings. Hier und in Nordrhein-Westfalen schafften jeweils eine Handvoll Schüler das Kunststück, mit 4,0 das Abitur gerade noch zu bestehen.

Die Differenz der Durchschnittsnoten habe erhebliche Auswirkungen auf Chancen bei Studiengängen mit Zugangsbeschränkungen, sagte der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger. Sie betrage zwischen Thüringen und Niedersachsen fast einen halben Notengrad. In Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben demnach Abiturienten zum Beispiel eine dreimal schlechtere Chance, ein 1,0-Abitur zu erreichen als in Thüringen.

Auch bei den Abiturdurchfallquoten gebe es massive Unterschiede, ohne dass dies ohne weiteres aus Leistungsunterschieden erklärt werden könnte, so der Verbandsvorsitzende. So fielen in Mecklenburg-Vorpommern mit seinem sechsjährigen Gymnasialgang (7 –12) dreimal so viele Abiturienten durch die Abiturprüfung als etwa in Thüringen und Rheinland-Pfalz. Es gebe auch unterschiedliche Regelungen, etwa bei den verpflichtenden Abiturfächern und den Leistungskursen.
Rund 2,9 Prozent der Thüringer Abiturienten haben einen Einser-Schnitt – und sind auch hier im Ranking ganz vorn. Mecklenburg-Vorpommern verbucht einen eher traurigen Rekord: 6,5 Prozent der Schüler hatten das Abitur nicht bestanden.

Meidinger kritisierte eine sich im Statistikvergleich mit dem Jahr 2006 offenbarende „zunehmende Bestnoteninflation“. Er betonte: „Ich gönne jeder Abiturientin, jedem Abiturienten gute Noten. Das massive Lifting einzelner Länderschnitte und die dramatische Zunahme von 1,0-Schnitten in einzelnen Bundesländern in den letzten acht Jahren kann aber kaum mehr allein mit Leistungssteigerungen erklärt werden und entwertet die Aussagekraft von Noten generell.“ So hätten sich die 1,0-Abiturschnitte von 2006 bis 2014, selbst wenn man sich nur auf die prozentuale Verteilung bezieht, in Berlin mehr als verfünffacht, in Brandenburg verdreifacht und in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Thüringen verdoppelt. Dem Inflationstrend entgegengestellt hätten sich lediglich wenige Länder wie etwa Sachsen-Anhalt und das Saarland. Bundesweit waren im vergangenen Schuljahr rund 335.000 Schüler zur Abschlussprüfung angetreten.

Bereits in den Vorjahren hatte sich Abi-Spitzenreiter Thüringen mit großem Vorsprung den ersten Platz gesichert. Den Verdacht, dass in dem Bundesland Kuschelnoten verteilt werden, wies Bildungsministerin Birgit Klaubert (Linke) zurück. Auch in bundesweiten Studien ohne Notenvergleich hätten Thüringer Schüler in den Vorjahren mehrfach vordere Plätze belegt. Klaubert: «Das Thüringer Schulsystem setzt auf Leistung und belohnt sie auch.»

Immer wieder war der Vergleich der Durchschnittsnoten in die Kritik geraten, weil die Abiturprüfungen in jedem Bundesland unterschiedlich sind. Im Juni beschloss die KMK, dass die Bundesländer ab 2017 auf einen gemeinsamen Aufgabenpool in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch zugreifen können. Die Standards sicherten langfristig ein gemeinsames Leistungsniveau. Ein bundesweites Zentralabitur soll es aber auch in Zukunft nicht geben. Meidinger forderte die KMK auf, im Sinne einer wirklichen Transparenz zukünftig auch nach Schularten differenzierte Abiturergebnisse vorzulegen, also allgemeinbildende Gymnasien, berufliche Gymnasien und Gesamtschulen gesondert auszuweisen. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: SPD-Bildungsminister eröffnet Qualitätsdebatte ums Abitur – Niveau der Reifeprüfung ist in Gefahr

7 Kommentare

  1. „Auch bei den Abiturdurchfallquoten gebe es massive Unterschiede, ohne dass dies ohne weiteres aus Leistungsunterschieden erklärt werden könnte, so der Verbandsvorsitzende. So fielen in Mecklenburg-Vorpommern mit seinem sechsjährigen Gymnasialgang (7 –12) dreimal so viele Abiturienten durch die Abiturprüfung als etwa in Thüringen und Rheinland-Pfalz.“

    Irgendwie peinlich!! In diesem Beitrag geht’s ums Abitur. Dann lese ich:
    „So fielen in Mecklenburg-Vorpommern … dreimal so viele Abiturienten durch die Abiturprüfung ALS etwa in Thüringen … .“

    „dreimal so groß WIE“ – „so schlecht WIE“ – „so durstig WIE“

    „wie und als“ – „scheinbar und anscheinend“ – das Blähwort „sozusagen“ – die ELENDE Modephrase „nicht wirklich“ oder das Lieblingswort vieler Menschen „von daher“ (deshalb, daher oder darum kennen viele offensichtlich nicht mehr) – die Verhunzung unserer Sprache „nimmt Fahrt auf“.
    „Gute Nacht, Land der Dichter und Denker!!“

  2. Aus einem Grammatik-Wörterbuch:

    Nach Ausdrücken der Gleichheit, welche dem Positiv entsprechen, verwendet man „wie“.
    Nach Ungleichheiten hingegen, welche dem Komparativ entsprechen, wird „als“ verwendet.

    Und „dreimal so viele“ ist eben ungleich.

    Also ist das verwendete „als“ doch richtig, oder? Wir lassen uns gerne korrigieren, sollten wir hier falsch liegen.

    Herzliche Grüße
    Die Redaktion

    • Auf der Seite steht auch:

      Keine Frage: wie … denn es handelt sich um einen Vergleich und nicht um einen Komperativ, bei dem „als „stehen müßte. Beispiel: Dreimal so viele Kinder wie andere; aber: Dreimal mehr Kinder als andere …. Grüße!

      „Steht das Adjektiv in der GRUNDSTUFE und lässt sich vor dem Adjektiv SO einsetzen (so schnell, doppelt so schnell oder genauso schnell) dann heißt es WIE.

      Wenn das Adjektiv im KOMPARATIV steht (schneller) oder kann nicht SO vor das Adjektiv gesetzt werden, dann muss ALS stehen.

      Diese simple Erklärung steht in einem Sprachbuch von Prof. Menzel, dem Autor und Hrsg. von Praxis Sprache.

      Entscheidend ist demnach die Stellung des Adjektives. Bei „dreimal mehr“ … muss demzufolge „als“ stehen.
      Von Gleichheit oder Ungleichheit habe ich in dem Zusammenhang noch nichts gehört.

      Die Textstelle war für mich aber lediglich ein „Aufhänger“, wieder einmal an andere, m.E. viel größere sprachliche Unarten hinzuweisen, die sich geradezu epidemisch bei uns, vor allem unter Journalisten, Wissenschaftlern (sehen Sie mal die „Scobel – Sendung auf 3 Sat“ oder Talk – Runden wie bspw. die
      „Phönix – Runde und ja, auch in der Lehrerschaft, auszubreiten scheinen.

      Wenn schon die so genannte Intelligenz dermaßen oberflächlich und nachlässig mit unserer Sprache
      umgeht – an welchen Vorbildern sollen sich dann bspw. die Sch orientieren und mit welcher Legitimation verlangen wir dann von ihnen, sich sprachlich korrekt auszudrücken oder zu schreiben?

  3. Na ja, daraus jetzt den Untergang des „Landes der Dichter und Denker“ abzuleiten, scheint mir ein wenig hochgegriffen.

    • So hat halt jeder von uns sein ganz persönliches „Steckenpferd“. Sie thematisieren“dieses“, ich eben „jenes“, lach.

      Ernsthaft, mittlerweile verfolge ich keinen Beitrag im Radio oder Fernsehen mehr, wenn dort gehäuft „sozusagen“, vorkommt. Es scheint fast zum Lieblingswort der deutschen „Intellligenz“ geworden zu sein.
      Erträglicher wäre es zumindest, wenn die Leute auch mal Synonyme nennen würden.

      Wie langweilig und inhaltsleer sind denn Satzkonstruktionen, die immer wieder auf „nicht wirklich“ hinaus laufen? „Wirklich“ gehört ebenfalls zu den häufig benutzten Wörtern.

      Sowohl der Trainerin der deutschen Frauenfuba – Nationalmannschaft als auch ihrem männlichen Kollegen möchte ich am liebsten eine Rhetorik – Schulung spendieren, damit sie auch noch Alternativen zu „von daher“ kennen lernen. Interessant, „von daher“ ist auch unter den Spielerinnen und Spielern weit verbreitet. Zunmindest in diesem Punkt scheinen beide Trainer „prima Vorbilder“ zu sein.

  4. Genauso könnte man behaupten, die Gymnasien seien besser, weil sie strenger zensierten.

    Können sich NDS-Abiturienten leichter in Medizinstudiengänge klagen, weil ihnen die Bestnote häufiger versagt bleibt?

    • Gleiche Aufgaben und unterschiedliche Erwartungshorizonte führen schon zu Notenunterschieden. Von der Ermittlung der durchschnitts-/Abschlussnote entsprechend der jeweiigen Länderbestimmungen einmal ganz zu schweigen.

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