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Forscher warnen: Ganztagsschulen könnten ihre pädagogischen Ziele aus den Augen verlieren

FRANKFURT/MAIN. Das Thema „Ganztagsschule“ ist in Deutschland immer noch en vogue. Auf kaum einem anderen Gebiet, hat die deutsche Schullandschaft im letzen Jahrzehnt einen derartig durchgreifenden Wandel erfahren. Mehr als jede zweite Schule verfügt mittlerweile über ein Ganztagsangebot. Reagiert die Schule damit auf geänderte Familien und Arbeitsstrukturen, sind mit der Ganztagsschule große pädagogische Erwartungen verbunden. Doch diese könnten angesichts der unüberschaubaren Vielfalt an Ganztagsformen aus dem Blick geraten, warnen Forscher des StEG-Konsortiums.

Die Überwindung der Bedeutung des Elternhauses für den Bildungserfolg der Kinder die bessere Integration von Benachteiligten, zusätzliche individuelle Förderung auch leistungsstarker Schüler, die Festigung sozialer Fähigkeiten die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie – Vielen ist der Ausbau der Ganztagsschulen die Patentlösung für eine ganze Reihe von gesellschaftlichen Problemen. Oft scheint es so, das erst als Ganztagsschule die Schule in der Lage sei, neue Aufgaben zu bewältigen, die der Schule heute zugeschrieben werden.

Ob eine Ganztagsschule die Förderung der Schüler verbessern kann, hängt stark mit der pädagogischen Qualität des Angebots zusammen. Foto: flickingerbrad / Flickr (CC BY 2.0)

Ob eine Ganztagsschule die Förderung der Schüler verbessern kann, hängt stark mit der pädagogischen Qualität des Angebots zusammen. Foto: flickingerbrad / Flickr (CC BY 2.0)

Tatsächlich ist der Ausbau von Ganztagsangeboten in den letzten Jahren und Jahrzehnten in allen Bundesländern stark vorangeschritten. Mittlerweile wird in der amtlichen Statistik mehr als jede zweite Schule in Deutschland als Ganztagsschule geführt und an diesen Schulen nimmt im Durchschnitt die Hälfte der Schülerinnen und Schüler am Ganztagsbetrieb teil.

Dabei scheint der Bedarf noch immer nicht gedeckt. Noch 2014 konstatierte die Bertelsmann-Stiftung auf Basis einer Elternumfrage dass Deutschlandweit 2,8 Millionen Ganztagsplätze fehlten.

Wieweit die Ganztagsschule grundsätzlich die an sie herangetragenen Erwartungen erfüllen kann ist dabei in der Fachwelt durchaus umstritten. Eine einheitliche Vorstellung davon, wie die ideale Ganztagsschule aussehen soll gibt es nicht oder nur vage. In der Praxis sind mit der Einrichtung von Ganztagsangeboten oft ganz unterschiedliche Ziele verbunden, die nicht einmal primär schulbezogen sein müssen. Für einzelne Kommunen ist etwa eine Ganztagsschule als Betreuungsangebot letztlich ein Standortfaktor.

Eine Ganztagsschultradition, wie in einigen Nachbarländern ist in Deutschland noch kaum vorhanden. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Bedürfnislagen und Interessen der Betroffenen bzw. der Nutzer /und Nicht-Nutzer) von Ganztagsangeboten. Lehrer verbinden mit Ganztagsschulen ganz unterschiedliche Erwartungen. Nicht jeder sieht den Ganztag als pädagogische Chance oder ist im Zweifelsfall bereit am Nachmittagsangebot mitzuarbeiten.

Blickt man auf die Ganztagsschullandschaft in Deutschland zeigt sich denn auch ein buntes Bild: „DIE Ganztagsschule im Sinne einer einheitlichen und verbindlichen Beschreibung gibt es nicht“ schreibt etwa die Autorengruppe zum Bericht einer repräsentativen Befragung von Schulleitungen von Ganztagsschulen, die im Rahmen der langfristig angelegten Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) durchgeführt wurde.

Positiv hoben die Forscher hervor, dass die Schulen ihren Schülern reichhaltige Bildungsmöglichkeiten böten und über Kooperationspartner in regionale Bildungslandschaften eingebunden seien. Die finanzielle Ausstattung habe sich seit 2012 leicht verbessert und die Schulen verzichten jetzt etwas häufiger auf einen Elternbeitrag zum Ganztag. Ganztagsschulen tragen auch zur inklusiven Bildung bei: Neun von zehn Ganztagsschulen – außer Gymnasien – haben Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufgenommen

In der organisatorischen Gestaltung der Ganztagsschulen herrsche jedoch eine kaum überschaubare Vielfalt. „In den vergangenen Jahren wurden von den Bundesländern zahlreiche unterschiedliche Definitionen von Ganztagsschule entwickelt – zum Beispiel in Bezug auf die Einbindung fachlicher Angebote, die Öffnungszeiten oder die Verbindlichkeit der Teilnahme“, so die Forscher.

Verschiedene Ergebnisse der Befragung belegten diese Einschätzung: Zum Beispiel sind zehn Prozent der Ganztagsschulen an weniger als drei Tagen geöffnet. Und nur an jeder zweiten Schule sind die außerunterrichtlichen Ganztagselemente konzeptionell mit dem Unterricht verbunden.

Hinzu kommt, dass die Umsetzung des Ganztagbetriebs stark abhängig ist von der Schulgruppe (Schulen der Primarstufe, Schulen der nicht-gymnasialen Sekundarstufe I und Gymnasien) und deren jeweiligen strukturellen Anforderungen. So sind Primarschulen vornehmlich als offene Ganztagsschulen organisiert, haben aber zugleich mit 8,5 Stunden die umfangreichsten täglichen Öffnungszeiten. Schulen der nicht-gymnasialen Sekundarstufe I sind durch verbindlichere Organisationsmodelle gekennzeichnet, strukturieren den Ganztag aber im Vergleich zu den Gymnasien mehr durch sozial-erzieherische und alltagspraktische Angebote als durch fachbezogene Lerngelegenheiten.

Angesichts der Unterschiede kommt das StEG-Konsortium zu folgendem Hinweis: „Es wäre tendenziell denkbar, dass Ganztagsschulen irgendwann auf ihre zusätzlichen Betreuungszeiten und die Lösung schulformspezifischer Probleme reduziert werden, so dass pädagogisch motivierte Ziele aus dem Blick geraten.“ Eltern stünden dann mehr denn je vor der Aufgabe, genau prüfen zu müssen, ob die Schule ihre Anforderungen wirklich erfüllt. Hier sehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bildungspolitischen Handlungsbedarf. Zwar werten sie den Stand des Ausbaus durchaus als Erfolg der Aktivitäten von Bund und Ländern in den vergangenen Jahren. Doch zugleich zeigen die Ergebnisse der Befragung, dass die 2003 von der Kultusministerkonferenz aufgestellten Kriterien für Ganztagsschulen an strukturbildender Kraft verlieren. Nach diesen Kriterien sollten Ganztagsschulen unter anderem an mindestens drei Tagen in der Woche Angebote im Umfang von mindestens sieben Zeitstunden vorhalten und sie konzeptionell mit dem Unterricht verbinden. Hierzu halten die Forschenden fest: „Eine angepasste Formulierung der einstigen Kriterien und Ziele von Ganztagsschule, ob schulgruppenspezifisch oder übergreifend, und eine deutlichere Unterscheidung von Halbtagsschulen mit erweiterter Betreuungsfunktion sollte überdacht werden.“

Klar ist für die StEG-Verantwortlichen aber auch, dass die Entwicklungsbedarfe nicht nur auf politischer Seite anzugehen sind. Die Daten deuten ebenso darauf hin, dass einige Schulen ihre Möglichkeiten als Ganztagsschulen nicht ausschöpfen. Das beinhaltet die Rhythmisierung des Schulalltags, das Setzen thematischer Schwerpunkte, kompetenzorientierte Lernangebote oder die Anreicherung der Lernkultur. In diesem Zusammenhang erinnert das StEG-Konsortium an ein zentrales Ergebnis der bisherigen Forschung im Rahmen der Studie, wonach die Förderziele der Ganztagsschule nicht einfach durch die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler am Ganztagsbetrieb erreicht werden können, sondern dies auch eine ausreichende pädagogische Qualität der Ganztagsangebote voraussetzt. Das wird im Kern durch aktuelle Forschungsbefunde bestätigt, die im April 2016 veröffentlicht werden. Die Definition von Qualitätsstandards und zusätzliche Anstrengungen zur Steigerung der pädagogischen Qualität von Ganztagsschulen bleiben demnach auf der Tagesordnung. (zab, pm)

• StEG: Ergebnisse der Schulleitungsbefragung 2015
• KMK-Bericht „Ganztagsschulen in Deutschland“ (Dezember 2015)

• zum Bericht: Kongress in Neuss: Wird der Ganztag kaputtgespart? Teilnehmer beklagen „Politik nach Kassenlage“
• zum Bericht: Studie – Ganztagsschulausbau noch Jahrzehnte von Bedarfsdeckung entfernt

Ein Kommentar

  1. Kann mir den folgenden Satz bitte jemand begründen:

    „Ganztagsschulen tragen auch zur inklusiven Bildung bei: Neun von zehn Ganztagsschulen – außer Gymnasien – haben Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufgenommen.“

    Grund dafür ist für mich weniger der suggerierte Kausalzusammenhang als die sehr geringe Anzahl verbliebener Halbtagsschulen. Die Förderkinder an Regelschulen bzw. deren Eltern können sich daher kaum noch gegen eine Ganztagsschule entscheiden.

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