Startseite ::: Politik ::: Vor der Wahl in Rheinland-Pfalz streiten Parteien heftig um Bildungspolitik – Lehrer sind genervt

Vor der Wahl in Rheinland-Pfalz streiten Parteien heftig um Bildungspolitik – Lehrer sind genervt

MAINZ. Bildung betrifft alle – und treibt damit auch viele potenzielle Wähler um. Entsprechend hart prallen in der Bildungspolitik die unterschiedlichen Überzeugungen der Parteien im rheinland-pfälzischen Landtagswahlkampf aufeinander.

Ob Kita-Gebühren oder Lehrmethode in der Schule – über viele bildungspolitische Themen wird im rheinland-pfälzischen Landtagswahlkampf heftig gestritten. Die Positionen der Parteien liegen teilweise weit auseinander, das Vokabular ist bisweilen deftig – was Betroffene, wie beispielsweise Lehrer, im Land stört. Ein Überblick über Streitthemen.

FRÜHKINDLICHE BILDUNG: Mehr oder wenige alle Parteien betonen deren große Bedeutung. Die Grünen sehen sie als Grundlage für einen erfolgreichen Lebensweg, die CDU plädiert für einen noch intensiveren Austausch zwischen Grundschulen und Kitas. FDP-Landeschef Volker Wissing sagt, es müsse mehr über frühkindliche Bildung als über reine Betreuung gesprochen werden. Bei der SPD heißt es, der Weg des Ausbaus von Kinderbetreuung und frühkindlicher Bildung soll fortgesetzt werden.

Eine Premiere: Erstmals treten zwei Frauen als Spitzenkandidatinnen in einem Landtagswahlkampf an. (Foto: Rainer Voss und cdurlp/WikimediaCC BY-SA 3.0)

Eine Premiere: Erstmals treten zwei Frauen, Malu Dreyer (SPD) und Julia Klöckner (CDU) als Spitzenkandidatinnen in einem Landtagswahlkampf an. (Foto: Rainer Voss und cdurlp/WikimediaCC BY-SA 3.0)

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht das Land bei der frühkindlichen Bildung auf einem guten Weg. Nichtsdestotrotz sei mehr Personal in Kitas nötig, und die Arbeit von Erzieherinnen müsse mehr gewürdigt werden, sagt der Landesvorsitzende Klaus-Peter Hammer. Die Bertelsmann-Stiftung attestierte Rheinland-Pfalz in einer Studie vom vergangenen August deutliche Verbesserungen. Bundesweit gebe es die drittbesten Betreuungsverhältnisse für unter Dreijährige. Aber: Die Besserungen in den Kindergärten für über Dreijährige fielen demnach weniger deutlich aus. Und die Kitas im Land böten jungen Erzieherinnen vergleichsweise wenig Arbeitsplatzsicherheit. 43 Prozent der Fachkräfte unter 25 Jahren hätten befristete Verträge.

KITA-GEBÜHREN: SPD und Grüne sind für eine gebührenfreie Bildung von der Kita bis zur Hochschule. «Gebührenfreiheit sorgt für gleiche Teilhabechancen für alle Kinder», betont Familienministerin Irene Alt (Grüne). Auch die FDP ist gegen Kita-Gebühren. Etwas anders sieht das die CDU. Sie will, dass Kommunen für eine bessere Betreuung «moderate Kindergartenbeiträge» einführen dürfen. Die sollten durchschnittlich nicht teurer als 30 Euro pro Monat und Kind sein – kinderreiche und einkommensschwache Familien sollen befreit werden.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband befürwortet zwar prinzipiell gebührenfreie Kitas. Problematisch für freie Träger sei aber, dass sie eigene Mittel für Sachkosten und Anteile an Personalkosten einbringen müssten, erklärt die stellvertretende Landesvorsitzende Regine Schuster. Um die zu stemmen, müssten Eltern in Häusern konfessionsloser Träger, die nicht auf Kirchensteuern zurückgreifen könnten, teils freiwillige Beiträge zahlen. «Das ist ein Dilemma», sagt Schuster. So könne die Vielfalt der Träger im Land eingeschränkt werden. Schon jetzt seien von rund 2500 Kitas 60 Prozent konfessionell, 30 Prozent kommunal, der Rest in freier Trägerschaft.

SCHULKONZEPT: Gegliedertes Schulsystem oder langes gemeinsames Lernen – das ist die zentrale Frage. Die SPD strebt nach der Abschaffung der Hauptschulen und der Einführung der Realschulen plus keine weiteren Änderungen der Schulstruktur an. Die Grünen wollen eine Schule für alle, in denen Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen länger mit- und voneinander lernen können. Inklusion soll nach ihrem Willen nach und nach zum pädagogischen Standard an allen Schulen werden.

Die CDU wirft den Grünen Gleichmacherei vor. «Wir sind ganz klar gegen Einheitsschulen, wir haben auch keine Einheitskinder», betont Spitzenkandidatin Julia Klöckner. Die AfD erklärt derweil das Konzept der Gemeinschaftsschule in ihrem Programm für komplett gescheitert. Das gegliederte Schulsystem müsse gestärkt werden.

UNTERRICHTSVERSORGUNG: Nach Meinung der SPD steht das Land mit einer Versorgung von 98,6 Prozent sehr gut da. Die Zahl sagt, dass der strukturelle Unterrichtsausfall an allgemeinbildenden Schulen bei 1,4 Prozent liegt – also der Ausfall ohne Fehlzeiten von Lehrern wegen Krankheit und Fortbildung. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) nannte die 98,6 Prozent im TV-Duell einen tollen Wert. Zudem seien entgegen der ursprünglichen Planung aufgrund der demografischen Entwicklung mehr als 430 Lehrer zusätzlich eingestellt.

Die Opposition findet das zu wenig und hält den Unterrichtsausfall für zu groß. Klöckner spricht gar von «Bildungsraub an den Kindern». Union und FDP halten eine Unterrichtsversorgung von über 100 Prozent für nötig, damit nicht von vornherein Ausfall in Kauf genommen werde.

SCHREIBEN NACH GEHÖR: «Himl» oder «Himmel»? In einigen Grundschulen wird Kindern in den ersten beiden Klassen Schreiben mit dieser Methode beigebracht, bei der mit Anlauttabellen gearbeitet wird. Befürworter argumentieren, Schüler seien so motivierter und würden nicht gleich vom Rotstift des Lehrers eingeschüchtert. Andere sind dagegen, so auch die CDU. Eine Regierung dürfe Kindern nicht strukturell Nachteile antrainieren, sagt Klöckner und spricht von «Volksverdummung.» Laut CDU wird die Methode in 932 von 969 Grundschulen angewandt, nach Angaben des SPD-geführten Bildungsministeriums wird nur in 16 aller 969 Grundschulen so unterrichtet. Grundsätzlich macht das Land nach Ministeriumsangaben keine Vorgaben, wie Schülern Schreiben beigebracht wird. Gefordert sei, dass Kinder flüssig und korrekt schreiben lernen.

GEW-Landeschef Hammer kann die «Fundamentalkritik» Klöckners nicht verstehen. Es seien sehr wenige Schulen, die die Methode benutzten. In einem offenen Brief der GEW heißt es, Lehrer seien von der Debatte verärgert. Ihre fachliche Kompetenz werde hinterfragt. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Rheinland-Pfalz erklärt, es gebe immer Gründe für Diskussionen über Methoden. Die sollten aber pädagogischen Profis vorbehalten bleiben. «Das Thema Schriftspracherwerb sollte deshalb nicht für parteipolitische Zwecke missbraucht werden.» Christian Schultz, dpa

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