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Merkel in türkischer Flüchtlingsschule: Was sich die Direktorin wünschen würde, hätte sie einen Wunsch bei der Kanzlerin frei

GAZIANTEP. Kanzlerin Merkel hat sich in der Türkei ein Bild von der Lage der syrischen Flüchtlinge gemacht. Zu deren größten Sorgen gehört der Schulbesuch ihrer Kinder. Schuldirektorin Mona al-Hadsch weiß genau, was sie sich wünschen würde, hätte sie einen Wunsch bei Merkel frei.

Auf der Instagram-Seite der Kanzlerin wird über den Besuch im Flüchtlingscamp berichtet. Screenshot

Auf der Instagram-Seite der Kanzlerin wird über den Besuch im Flüchtlingscamp berichtet. Screenshot

Die einst graue Mauer an der Flüchtlingsschule in der südosttürkischen Stadt Gaziantep ist jetzt bunt, die syrischen Schüler haben sie mit Bildern von Häusern und Kindern bemalt. Nur wer genau hinschaut sieht, dass die Motive nicht so fröhlich sind, wie die warmen Farben vermuten lassen: Auf vielen der Bilder weinen die Kinder. «Weil die meisten von uns Waisen sind», erklärt die 13-jährige Rowan ganz sachlich. Der Krieg im nahen Syrien ist allgegenwärtig in Gaziantep, wo sich Bundeskanzlerin Angela Merkel am Samstag ein Bild von der Lage der Flüchtlinge gemacht hat.

Merkel gehört zu den Architekten des Flüchtlingspakts der EU mit Ankara. Damit möglichst viele Syrer gar nicht erst den Weg nach Europa antreten, sollen ihre Lebensbedingungen in der Türkei verbessert werden. Die EU will das mit zunächst drei Milliarden Euro unterstützen. Zu den größten Sorgen der oftmals gut ausgebildeten Flüchtlinge gehört, dass viele ihrer Kinder nicht zur Schule gehen können. Merkel sagt bei ihrem Besuch, die EU müsse sich engagieren, «damit alle Kinder eine Schulausbildung bekommen können».

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef warnt vor einer ganzen «verlorenen Generation» wegen des Bürgerkrieges in Syrien. Nach offiziellen Angaben besuchen nur die Hälfte der rund 650.000 syrischen Kinder in der Türkei eine Schule. Noch in diesem Jahr solle allen der Schulbesuch ermöglicht werden, hat die Regierung versprochen. Die Direktorin an Rowas syrischer Schule bezweifelt aber, dass das gelingen kann. «Das Problem ist nicht der Staat», sagt Mona al-Hadsch. «Viele Familien können ihre Kinder nicht zur Schule schicken, weil die Kinder arbeiten müssen, um Geld zu verdienen.»

290 Schüler hat Al-Hadschs Schule mit dem optimistischen Namen «Der Weg zur Zukunft», der sich in diesem Fall von der ersten bis zur zehnten Klasse erstreckt. 70 Prozent ihrer Kinder hätten ein oder beide Elternteile im Krieg verloren, sagt die 30 Jahre alte Direktorin, die wie ihre Kollegen aus Syrien geflohen ist. Ihre Einrichtung bekomme – anders als andere syrische Schulen – kein Geld von der türkischen Regierung, sondern finanziere sich durch Spenden.

Flüchtlingsschulen wie ihre hätten mit einer Vielzahl an Problemen zu kämpfen, sagt Al-Hadsch. Armut der Eltern nennt sie dabei an erster Stelle. Viele Schüler hätten außerdem psychologische Probleme. «Wir haben Kinder, die wurden unter Trümmern nach Bombardements gefunden, bei denen die Eltern getötet wurden.» Die Gewalterfahrungen übertrügen manche Kinder in den Schulalltag. «Es wird viel gekämpft.»

Der 13-jährigen Rowan hat der Krieg beide Eltern und eine Schwester geraubt. Anders als die meisten Syrer träumt das Mädchen nicht davon, in die Heimat zurückzukehren – in ihrem Fall ist das die zerstörte Stadt Homs. «Ich mag mein Haus nicht mehr, weil da nichts mehr drin ist, was ich liebe», sagt Rowan. «Diejenigen, die ich liebe, habe ich verloren.» Rowan ist in einem Heim für syrische Waisen und Halbwaisen untergekommen, das den hoffnungsvollen Namen «Frieden» trägt.

Dort lebt auch Roghad, deren Vater im Kampf gegen das Regime von Baschar al-Assad gestorben ist. Ihr Ziel ist es, eines Tages Rechtsanwältin zu werden. «Ich will die Rechte der Menschen verteidigen. Weil Assad uns unterdrückt hat. Wir sind im Recht, und trotzdem sind wir jetzt Opfer.» Solche Sätze sagt eine Zehnjährige.

Der Krieg hat auch das Leben von Abdulkadir durcheinandergebracht. Der Fünfjährige geht in den Kindergarten «Große Umarmungen». Sehr gut erinnere er sich noch an das Haus seiner Familie, sagt er. «Es ist abgebrannt.» Sein Vater habe ihm gesagt, dass die Familie in zwei Jahren zurückkehren werde nach Aleppo. Die Erzieherinnen schweigen betreten. Niemand weiß, wann der Krieg enden wird.

Auch Mohammed Nadschib ist fünf Jahre alt. «Fünfeinhalb», präzisiert er. «Fast sechs.» Sein Vater ist nach Deutschland geflohen. Jetzt hoffen er und die Mutter darauf, nachkommen zu können. «Ich bin froh, weil ich dann meinen Vater wiedersehe», sagt der Junge. Wie zur Erklärung fügt er hinzu: «In Deutschland gibt es Hasen. Schwarze, braune und gelbe Hasen.» Den empörten Einwand eines anderen Mädchens, es gebe keine gelben Hasen, will er nicht gelten lassen.

Für die in der Türkei zurückbleibenden Syrer bringt die Flucht vieler ihrer Landsleute nach Europa neue Probleme mit sich. Vier Lehrer – die in der Schule weniger als den gesetzlichen Mindestlohn verdienen – seien inzwischen in Deutschland, sagt Al-Hadsch. Darunter seien die beiden Kunstlehrer, die die Bemalung der Schulmauer initiiert haben. «Jetzt haben wir keinen Kunstlehrer mehr.»

Über den Flüchtlingspakt der EU mit der Türkei weiß Al-Hadsch Bescheid – wie alle Syrer in Gaziantep. Sie findet das Abkommen bedauerlich. «Die Menschen haben alles verkauft, um nach Europa zu gelangen», sagt sie. «Was sollen sie in der Türkei machen, wenn sie zurückgeschickt werden?» Die Direktorin muss nicht lange nachdenken, was sie sich wünschen würde, hätte sie einen Wunsch bei Kanzlerin Merkel frei. «Dass sie den Krieg beendet», sagt Al-Hadsch. «Und dass sie uns ermöglicht, in unser Land zurückzukehren.»  Von Can Merey, dpa

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