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Droht „Inklusion light“? VBE fordert Stellen für Doppelbesetzung in jeder inklusiven Klasse

STUTTGART. Als historische Zäsur wurde in Baden-Württemberg vor einem Jahr der Wegfall der Sonderschulpflicht gefeiert. Doch nach einem Jahr ist auch im Ländle nun Ernüchterung eingetreten – nachdem zuvor schon aus Nordrhein-Westfalen Unmut laut geworden war. Das Mammutprojekt Inklusion lahmt zumindest aus Sicht der Lehrer.

In Grundschulen wird bereits am häufigsten gemeinsam unterrichtet. Foto: BAG „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“

In Grundschulen wird bereits am häufigsten gemeinsam unterrichtet. Foto: BAG „Gemeinsam leben – gemeinsam lernen“

Die Lehrer im Südwesten halten laut einer Umfrage immer weniger von gemeinsamem Unterricht behinderter und nicht-behinderter Schüler. Die Akzeptanz der sogenannten Inklusion sei von 2015 auf 2016 um 15 Punkte auf 51 Prozent zurückgegangen, teilte der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg am Montag in Stuttgart mit.

Dabei berief er sich auf eine forsa-Umfrage unter 500 Lehrern. Grund seien Personal- und Fortbildungsengpässe, die einen qualifizierten Unterricht erschwerten. Auch an der Barrierefreiheit hapert es in vielen Fällen. «Diese Entwicklung ist besorgniserregend und muss – sieben Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention – dringend umgekehrt werden», betonte Jutta Pagel-Steidl vom Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung.

Aus Sicht des VBE fehlen mindestens 4700 Stellen, um die Lehrkräfte an allgemeinen Schulen beim inklusiven Unterricht zu unterstützen. Alles andere sei «Inklusion light», sagte Landeschef Gerhard Brand. «Nahezu alle Lehrkräfte sind der Auffassung, dass es in inklusiven Schulklassen eine Doppelbesetzung aus Lehrkraft und Sonderpädagoge geben muss.» Behinderte Schüler benötigten einen permanenten Ansprechpartner.

Von den befragten Lehrern an Inklusionsschulen meldete aber mehr als jeder zweite, dass er in der Regel alleine vor der inklusiven Klasse stehe. Problematisch sei, dass im Südwesten viel zu wenig Sonderpädagogen ausgebildet würden, um den Riesenbedarf zu decken, sagte Brand.

Die neue Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) wies darauf hin, dass Inklusion ein längerer Prozess sei, den ihr Ressort mit zusätzlichen Kräften begleite. Für die Inklusion seien im laufenden und im Vorjahr je 200 zusätzliche Stellen bereitgestellt worden. In diesem Sommer könnten 530 ausgebildete Sonderpädagogen eingestellt werden. Die Grünen-Bildungsexpertin Sandra Boser versicherte: «Das Zwei-Pädagogen-Prinzip halten wir für richtig und wollen es weiterhin bedarfsgerecht umsetzen.» Dem schloss sich der SPD-Bildungsexperte Gerhard Kleinböck an.

Die grün-rote Vorgängerregierung hatte im vergangenen Jahr die Sonderschulpflicht abgeschafft. Jetzt können die Eltern zwischen einer Sonder- oder einer Regelschule für ihren behinderten Nachwuchs wählen. Im Schuljahr 2014/15 gab es 422 öffentliche Sonderschulen mit neun Förderschwerpunkten.

VBE-Mann Brand kritisierte das Fortbildungsangebot für Lehrkräfte an allgemein bildenden Schulen, um deren Lehrer fit zu machen für inklusives Unterrichten. Die befragten Lehrer erteilten den Qualifizierungsmaßnahmen zu mehr als einem Drittel die Schulnoten fünf und sechs. «Für die Arbeit mit unseren Kindern ist das aber zu wenig», resümierte Brand.

Statt zweieinhalb Tagen hält der Verband insgesamt zehn Wochen für notwendig. Insbesondere Lehrer, die nicht mehr von der Integration sonderpädagogischer Grundlagen in das Lehramtsstudium profitierten, bräuchten umfassendere Schulungen. Dem hielt Eisenmann entgegen, die Fortbildungen seien deutlich ausgebaut sowie Praxisbegleiter Inklusion eingesetzt worden. Letztere bereiten Lehrkräfte auf den Unterricht in Inklusionsklassen vor und unterstützen sie dabei.

Der VBE bemängelt darüber hinaus, dass zu wenig weiteres Personal wie Schulsozialarbeiter, Sozialpädagogen, Schulpsychologen und medizinische Assistenz an den Inklusionsschulen beschäftigt sei. Um dem abzuhelfen, müssten weitere 2000 Stellen geschaffen werden. Von Julia Giertz, dpa

Zum Bericht: VBE-Umfrage: Lehrkräfte bewerten die Inklusion mit der Note „mangelhaft“

2 Kommentare

  1. VBE hat Recht.

  2. „Droht “Inklusion light”?“

    Nein.
    Das droht nicht, das ist schon überall umgesetzt.

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