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Willkommensklassen in Berlin – warten auf den Amtsarzt

BERLIN. Mehr als die Hälfte der rund 700 Berliner Schulen bietet laut Bildungsverwaltung sogenannte Willkommensklassen an. Sie sollen schulpflichtige Flüchtlinge fit für den deutschen Unterricht machen. Probleme gibt es jedoch oft schon vor dem ersten Schulbesuch.

Yehya kann es gar nicht erwarten, morgens in die Schule zu gehen. Jeden Tag aufs Neue freut er sich, seine Freunde zu sehen und am Unterricht teilnehmen zu können. „Das Beste ist, dass ich so viel lerne“, sagt der Elfjährige. Vor rund einem Jahr ist er mit seiner Familie aus der syrischen Stadt Damaskus nach Deutschland geflohen. Jetzt leben er und seine Eltern, die beiden Schwestern und ein Bruder in einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Marienfelde, seine Schule ist nur wenige Minuten entfernt.

Privatschulen wollen mehr für Flüchtlinge tun – gegen Geld. Foto: Jens Rötzsch / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Bevor Flüchtlingskinder in Berlin den Regelunterricht besuchen, lernen sie in Willkommensklassen. Foto: Jens Rötzsch / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Yehya ist eines von rund 12.000 Flüchtlingskindern, die derzeit nach Angaben der Bildungsverwaltung an Berliner Schulen in sogenannten Willkommensklassen lernen. Sie sollen die geflüchteten Kinder und Jugendlichen stufenweise auf eine Integration in den Regelunterricht an der jeweiligen Schule vorbereiten – je nach Kenntnisstand der deutschen Sprache und den Leistungen der Kinder. In ungefähr der Hälfte der rund 700 Berliner Schulen gebe es derzeit Willkommensklassen, sagt die Pressesprecherin für Bildung Beate Stoffers.

Ausreichend Plätze stehen in Berlin laut Stoffers inzwischen „auf jeden Fall“ zur Verfügung. „Wir haben aktuell 12.200 Schüler und Schülerinnen in Willkommensklassen und 1100 Lehrkräfte hierfür eingestellt“. Wie lange die Kinder auf einen Platz warten müssten, sei unterschiedlich: „Zurzeit, denke ich, geht es sehr schnell, innerhalb von 14 Tagen.“

Das Jahresende rückt näher. Nun soll der Bildungsausschuss schnellstmöglich eine Lösung für die Weiterbeschäftigung von Sprachlehrern finden. Foto: Dafne Cholet / flickr (CC BY 2.0)

Zum Teil müssen Flüchtlingskinder lange Wartezeiten hinnehmen, bis sie eine Schule besuchen dürfen, sagt Heidrun Quandt, Berliner VBE-Vorsitzende. Foto: Dafne Cholet / flickr (CC BY 2.0)

Teils lange Wartezeiten
In der Praxis sehe das oft anders aus, erzählt Heidrun Quandt, Landesvorsitzende des Lehrerverbands VBE in Berlin und Lehrerin an einer Grundschule im Berliner Bezirk Neukölln: „Die Kinder warten oft mehrere Monate auf ihre Einschulung.“ Das liege auch daran, dass ein Amtsarzt jedes Kind vor seinem ersten Schulbesuch untersuchen muss. Einen Termin für die Untersuchung gebe es aber oft erst nach zwei Monaten.

„Grundsätzlich hat jedes Kind sofort nach der Ankunft in einer Erstaufnahmeeinrichtung das Recht, eine Schule zu besuchen“, sagt Quandt. Dies könne wegen der langen Wartezeiten für die Schuluntersuchung aber kaum umgesetzt werden. Dass die Kinder bereits nach zwei Wochen eine Schule besuchen könnten, sei nicht die Regel.

Auch Sinje Kätsch, die den Kinder- und Jugendbereich in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Berlin-Lichterfelde betreut, kennt die Problematik: „Es könnte schneller gehen, wenn mehr Personal vorhanden wäre.“ Termine für die Schuluntersuchung gibt es auch aus ihrer Erfahrung heraus oft erst nach Monaten. Eine Einschulung an Oberstufenzentren, die Willkommensklassen für jugendliche Flüchtlinge über 16 Jahre anbieten, sei noch schwieriger.

Die Verteilung der Kinder auf die Schulen folge meist einem festen Prinzip, erzählt Quandt: Zieht eine Familie mit Kindern im schulpflichtigen Alter in eine Flüchtlingsunterkunft, melden die Sozialarbeiter die Kinder beim Schulamt im jeweiligen Stadtteil an. Das Schulamt entscheide dann, welche Schule die Kinder besuchen sollen. Ist die Zuweisung erfolgt, werden die Kinder für die Untersuchung beim Kinder- und Jugendgesundheitsdienst angemeldet. Nach der Untersuchung müsse das Kind nur noch im Schulsekretariat angemeldet werden.

Quantität und Qualität in der Kritik
Doch auch genügend Plätze für die Kinder seien in den Berliner Schulen nicht vorhanden – vor allem die Qualität des Angebots sei mangelhaft: „Räume und Lehrmaterial werden aus dem Boden gestampft“, kritisiert Quandt. Und auch das Lehrpersonal ist in ihren Augen nicht ausreichend ausgebildet: „Reiner Spracherwerb ist zu wenig – in den Willkommensklassen muss den Kinder mehr mitgegeben werden.“ Vor allem eine psychologische Betreuung der Flüchtlingskinder sei unbedingt notwendig.

Yehya hatte Glück: Bei ihm hat es nur wenige Wochen gedauert, bis er eine Willkommensklasse besuchen konnte. Inzwischen nimmt er die meiste Zeit an dem Unterricht in einer Regelklasse teil. Dort ist er der einzige Flüchtling – einen besten Freund habe er auch schon gefunden, erzählt der Junge. Christina Sabrowsky (dpa)

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