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Lehrermangel immer dramatischer: Auch NRW lockt jetzt Pensionäre mit Zuschlägen in den Schuldienst

DÜSSELDORF. Notstand beim Lehrernachwuchs jetzt auch in Nordrhein-Westfalen: „Die Landesregierung schöpft alle Möglichkeiten aus, damit die Schulen in Nordrhein-Westfalen freie Lehrerstellen so rasch wie möglich besetzten können“, erklärte Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Heißt konkret: Pensionierte Lehrkräfte und Seiteneinsteiger sollen mit kräftigen finanziellen Anreizen (zurück) in den Schuldienst gelockt werden. Rot-Grün stehe „mit dem Rücken zur Wand“, so kommentierte VBE-Chef Udo Beckmann die Entscheidung.

Für pensionierte Lehrkräfte eröffnen sich derzeit neue Karriereoptionen - nicht nur in NRW. Foto: Florian Schwalsberger / flickr (CC BY 2.0)

Für pensionierte Lehrkräfte eröffnen sich derzeit neue Karriereoptionen – nicht nur in NRW. Foto:
Florian Schwalsberger / flickr (CC BY 2.0)

Zuletzt hatte Hessen mit einem solchen Vorstoß für Schlagzeilen gesorgt. Die Personalsituation in den Schulen der Main-Metropole Frankfurt beispielsweise ist derart prekär, dass die Leitungen von zwei Drittel der Grundschulen in der Stadt einen gemeinsamen Brandbrief an Kultusminister Alexander Lorz (CDU) schickten. Tenor: Es geht nicht mehr! Die Belastung angesichts der ungebremsten Inklusion, der notwendigen Integration von Flüchtlingskindern und wachsenden Erziehungsproblemen sei nur mit drastischen Abstrichen bei der Unterrichtsqualität zu stemmen – zumal immer öfter freie Lehrerstellen unbesetzt blieben. Lorz hat in seiner Not jetzt pensionierte Lehrkräfte angeschrieben und ihnen höhere Bezüge als in ihrem früheren Dienst versprochen, wenn sie in die Schule zurückkehren.

Frankfurts Grundschulleitungen schreiben Brandbrief: Flüchtlingskinder, Inklusion, Erziehungsprobleme – aber kein Personal. Es geht nicht!

Ähnlich scheint die Situation jetzt im bevölkerungsreichsten Bundesland zu sein. Die Landesregierung beschloss jetzt:

  1. „Die Hinzuverdienstgrenze für Ruheständler wird zunächst befristet bis Ende 2019 außer Kraft gesetzt, sodass es für pensionierte Lehrerinnen und Lehrer attraktiver wird, mit einem größeren Stundenanteil – bis hin zur Vollbeschäftigung – zu unterrichten.
  2. Bei verbeamteten Lehrerinnen und Lehrern, die über die Altersgrenze für den gesetzlichen Ruhestand hinaus weiter arbeiten möchten, erhöht sich der Ruhegehaltssatz entsprechend der verlängerten Dienstzeit. Verbeamtete Lehrerinnen und Lehrer, die zum Zeitpunkt der Verlängerung bereits den Höchstruhegehaltssatz erreicht haben, erhalten einen Besoldungszuschlag in Höhe von zehn Prozent des Grundgehalts.
  3. Bewerberinnen und Bewerber, die über eine für den Lehrerberuf nützliche berufliche Vorerfahrung verfügen und als Lehrkräfte im Tarifbeschäftigtenverhältnis gewonnen werden sollen, kann durch Berücksichtigung dieser Vorerfahrung ein höheres Einstiegsgehalt geboten werden. Diese Möglichkeit war bisher auf wenige Ausnahmetatbestände beschränkt und soll künftig erweitert werden.“

„Die neuen Angebote für Pensionäre und Seiteneinsteiger sind ein klares Signal, dass die Landesregierung mit dem Rücken zur Wand steht“, sagte VBE-Chef Udo Beckmann gebenüber der „Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung“. Ländliche Regionen seien besonders vom Lehrermangel betroffen, so Beckmann. Aber auch in Großstädten stünden die Bewerber nicht Schlange. Ein Beispiel: In der Stadt Gelsenkirchen waren zuletzt noch 40 Lehrerstellen zur Besetzung ausgeschrieben, 32 davon an Grundschulen.

Lehrermangel an Grundschulen: Kultusminister Lorz lockt jetzt Pensionäre – mit höherem Gehalt als im regulären Dienst

Der VBE-Vorsitzende glaubt laut Bericht nicht, dass sich viele Pensionäre zur Rückkehr in die Schule animieren lassen. Auch die Angebote an Seiteneinsteiger sieht der Verband kritisch. Für die derzeit drängenden Aufgaben wie die Inklusion und die Integration von Flüchtlingskindern benötigten die Schulen gut ausgebildete Lehrer.

Die aber sind derzeit nicht auf dem Arbeitsmarkt zu finden. In den vergangenen beiden Jahren wurden insgesamt 17.844 Lehrkräfte neu in den nordrhein-westfälischen Schuldienst eingestellt – „ein Rekordniveau“, wie Löhrmann betonte. Andererseits würden die hohen Einstellungszahlen eben dazu führen, dass der Kreis der Bewerber auf freie Stellen kleiner werde. „In dieser Situation wollen wir nichts unversucht lassen, um die Einstellung von Lehrerinnen und Lehrern zu erleichtern.“ Löhrmann betonte, die Landesregierung habe sprichwörtlich jeden Stein umgedreht, um mögliche Einstellungshindernisse aus dem Weg zu räumen. Ob das reicht?

Lehrermangel treibt Blüten: Nach Seiteneinsteigern und Pensionären kommen jetzt auch Studierende in die Kollegien

„Es scheiden von Jahr zu Jahr mehr Lehrer aus“, sagt der Essener Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm gegenüber den „Ruhrnachrichten“. Er rechnet vor: Mehr als 45 Prozent der Lehrer in NRW waren 2012/2013 älter als 50 Jahre. Hinzu komme der Zusatzbedarf, etwa durch die Flüchtlingkinder. Und: Die Geburtenzahlen seien 2014 und 2015 bundesweit stark gestiegen. „Diese Kinder werden ab 2020 eingeschult.“ Klemm: „Das wird die Nachfrage nach Lehrkräften steigern, zunächst in den Grundschulen und dann auch in den weiterführenden Schulen.“ News4teachers

 

4 Kommentare

  1. Man sollte lieber die Arbeitsbedingungen verbessern, damit

    1. weniger Kollegen in Teilzeit gehen

    2. weniger Kollegen sich frühpensionieren lassen

    3. weniger Kollegen dauerkrank werden.

    Dann wäre der Lehrermangel vermutlich bereits behoben !!!

  2. Nee, man muss den Blödsinn besser bezahlen, damit

    1. mehr Kollegen in Teilzeit gehen können

    2. mehr Kollegen sich frühpensionieren lassen können

    3. mehr Kollegen die Möglichkeit erhalten, privat finanzierte Kuren zu bezahlen.

    So lässt sich der Lehrermangel marktkonform beheben !!!

    BTW Sachgebietsleiter in der Wirtschaft bekommen ja auch nicht mehr Geld, weil sie mehr Stress als Lehrkräfte bzw. schlechtere Arbeitsbedingungen als diese haben.

    Pecunia non olet.

  3. Das mit der Zuverdienstgrenzen-Aufhebung bis 2019 ist reine Verarschung! Ich bin aus gesundheitlichen Gründen 2 Jahre früher in den Ruhestand eingetreten, dann aber dem Löhrmannschen Appell zur Rückkehr in den aktiven Dienst gefolgt mit 8 Wochenstunden.
    Nach zwei Monaten erhielt ich die erste Abrechnung, durch die ich überhaupt nicht durchsteige. Aber eines habe ich begriffen:
    Meine Zuverdienstgrenze beläuft sich auf max. 200,00 € monatl., und davon werden sogar noch Sozialabgaben wie Arbeitslosen- und Rentenversicherung abgezogen. Hart -??? Ich bin Beamtin, und daher kann ich nie arbeitslos werden, und zudem bin ich bereits Pensionärin, wozu muss ich da in die Rentenkasse einzahlen?
    Wahrscheinlich muss ich noch Geld mitbringen, um unterrichten zu dürfen!

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