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„Masse statt Klasse“: Studie attestiert der Ganztagsschule in Deutschland, ihr pädagogisches Potenzial nicht auszuschöpfen

BERLIN. Nur einer von zehn Schülern in Deutschland ging vor 15 Jahren auf eine Ganztagsschule. Heute lernen dort fast 40 Prozent aller Schüler. Für den Ausbau wurden große Anstrengungen unternommen, doch Bildungsforscher sind ernüchtert: Viele Ganztagsschulen nutzen die pädagogischen Potenziale nicht. Vier Stiftungen, die sich für bessere Bildung engagieren, haben deshalb umfassende Empfehlungen erarbeitet, was Politik und Verwaltung ändern sollten. Der Beitrag ist der Auftakt einer Reihe, mit der News4teachers in den nächsten Wochen umfassend die Situation von Ganztagsschulen in Deutschland beleuchten wird.

Die Freiherr-vom-Stein-Schule der Stadt Neumünster gehörte im vergangenen Jahr zu den Preisträgerschulen beim Deutschen Schulpreis – auch wegen ihres Ganztags. Von Montag bis Mittwoch steht den Schülern dort am Nachmittag ein abwechslungsreiches Freizeitangebot zur Verfügung, darunter Musikkurse. Foto: Robert Bosch Stiftung / Theodor Barth

Die Freiherr-vom-Stein-Schule der Stadt Neumünster gehörte im vergangenen Jahr zu den Preisträgerschulen beim Deutschen Schulpreis – auch wegen ihres guten (offenen) Ganztags. Von Montag bis Mittwoch steht den Schülern dort am Nachmittag ein abwechslungsreiches Freizeitangebot zur Verfügung, darunter Musikkurse. Foto: Robert Bosch Stiftung / Theodor Barth

Eine Qualitätsoffensive für Ganztagsschulen – das fordern vier große deutsche Bildungsstiftungen. Der bisherige Ausbau sei nach dem Motto „Masse statt Klasse“ verlaufen: Zwar ist die Zahl der Ganztagsangebote in den vergangenen 15 Jahren enorm gestiegen. Das damit verbundene Versprechen auf bessere individuelle Förderung und mehr Chancengerechtigkeit jedoch werde kaum eingelöst, weil die politischen Vorgaben und Rahmenbedingungen unbefriedigend seien. Bertelsmann Stiftung, Robert Bosch Stiftung, Stiftung Mercator und Vodafone Stiftung Deutschland empfehlen deshalb eine neue Definition von Ganztagsschule. Zu den wichtigsten Vorschlägen ihrer Studie „Mehr Schule wagen“ gehören längere Öffnungszeiten, bessere pädagogische Konzepte, mehr Gestaltungsspielräume für die Schulleitungen und eine höhere finanzielle Ausstattung.

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Fünf mal acht: „Ganztagsschulen sollen an fünf Tagen in der Woche mit jeweils acht Zeitstunden kostenfrei geöffnet sein“, heißt es in dem Papier der vier Stiftungen. Für die Schüler würde das nicht bedeuten, die kompletten 40 Wochenstunden in der Schule verbringen zu müssen. Aber es gäbe Kernzeiten, in denen für alle Schüler einer Jahrgangsstufe Anwesenheitspflicht besteht.

Diese Empfehlung weicht erheblich von der aktuellen Regelung der Kultusministerkonferenz (KMK) ab: Der zufolge darf sich schon Ganztagsschule nennen, wer an drei Tagen in der Woche sieben Stunden geöffnet hat. Zwar erfüllt mehr als die Hälfte aller deutschen Schulen derzeit diesen Mindeststandard. Allerdings reicht dieses Zeitkontingent nicht aus, um den starren 45-Minuten-Takt aufzulösen, einen pädagogisch sinnvollen Rhythmus aus Lern-, Arbeits- und Spielzeiten einzurichten sowie angemessen individuell auf die Stärken und Schwächen der Schüler einzugehen.

Hausaufgaben abschaffen

Ebenfalls wichtig: ein gesundes Mittagessen, längere Pausen und feste Arbeitszeiten, in denen der Unterrichtsstoff wiederholt und vertieft wird. In diesen Stunden sollen die Schüler nicht nur beaufsichtigt, sondern vom Klassenlehrer oder von Fachlehrern betreut werden, die auch sonst die Klasse unterrichten. „Solche Arbeitsformen machen es dann auch möglich, Hausaufgaben generell abzuschaffen“, heißt es in den Stiftungsempfehlungen.

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Wären diese Kriterien bundesweit verbindlich, würden KMK und Länder die Leitplanken künftig deutlich enger setzen: Etliche Ganztagsschulen müssten ihr Angebot erheblich ausweiten und qualitativ hinterfragen oder auf das Etikett Ganztag verzichten. Das Modell aus 40 Wochenstunden mit Kern- und Angebotszeiten ließe auch die heutige Unterteilung in gebundene und offene Ganztagsschulen überflüssig werden. Diese beiden heutigen Formen von Ganztagsschule machen ihre Ganztagsangebote für die Schüler entweder vollständig verpflichtend oder komplett freiwillig. Um Qualität von Schule zu definieren und zu sichern, tauge diese starre Zweiteilung ohnehin nicht, sagen wissenschaftliche Forschung, pädagogische Praxis und schulpolitische Erfahrungen vor Ort.

Pädagogische Chance

Politik und Verwaltung werden in der Studie aufgefordert, den einzelnen Schulen mehr Personal, größere Unterstützung und höhere organisatorische Gestaltungsfreiheit einzuräumen. Mehr Gestaltungsspielräume sollen die Schulleitungen insbesondere bei der Bewirtschaftung ihrer Mittel und bei der Auswahl des Personals erhalten. „Eine gute Ganztagsschule benötigt genügend pädagogische Fachkräfte, die den Ganztagscharakter als pädagogische Chance begreifen“, schreiben die vier Stiftungen. Um im Kollegium eine gemeinsame pädagogische Grundorientierung zu entwickeln, sind spezifische Fortbildungen, Coaching und wissenschaftliche Begleitung wünschenswert. Diese Unterstützung der mittel- und langfristigen Schulentwicklung sollte ergänzt werden durch mehr Ressourcen für Alltagsorganisation, für die zusätzliches Verwaltungspersonal und neue Arbeitszeitmodelle notwendig sind.

 

Hintergrund

Mit „Mehr Schule wagen: Empfehlungen für guten Ganztag“ legen die Bertelsmann Stiftung, die Robert Bosch Stiftung, die Stiftung Mercator und die Vodafone Stiftung Deutschland erstmals ein umfassendes Konzept zur Qualität im Ganztag vor, das Rahmenbedingungen und Qualitätsmerkmale gemeinsam betrachtet. Der Qualitätsrahmen basiert auf einer systematischen Auswertung des Handlungswissens exzellenter Ganztagsschulen, die für ihre herausragende pädagogische Arbeit mit dem Deutschen Schulpreis oder dem Jakob Muth-Preis ausgezeichnet worden waren. Dazu analysierte eine Forschergruppe aus Prof. Dr. Falk Radisch (Universität Rostock), Prof. em. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann (Bielefeld) und Prof. em. Dr. Klaus Klemm (Essen) das Konzept und den Schulalltag von zehn Ganztagsschulen. Anfang Mai haben die Stiftungen ihre Empfehlungen dem Schulausschuss der Kultusministerkonferenz in Berlin vorgestellt.

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10 Kommentare

  1. zum Stichwort: „Ebenfalls wichtig: ein gesundes Mittagessen …“ muss ich etwas erzählen.
    In Bad Kreuznach hatte der medienbekannte Koch Johann Lafer ein Projekt „Food@ducation“ begonnen, ein Konzept für eine Mensa, die frisch, regional, gesund und für Schüler wohlschmeckend kocht. Sie ist bei den Schülern zweier Schulen hoch beliebt. Jetzt nach einigen Jahren wurde die Lizenz dieser Mensa vom Landkreis der kleinen Firma Food@ducation entzogen und an einen bundesweit agierenden Großcaterer vergeben. Die waren pro Essen fast 50 Cent billiger.
    Was sagt uns das?

  2. Zitat:
    „Viele Ganztagsschulen nutzen die pädagogischen Potenziale nicht.“
    Vielleicht gibt es diese Potenziale gar nicht.

  3. Angesichts Lehrermangels wird es in naher Zukunft keine weiteren Stunden für den Ganztag geben können.
    Ansonsten sind prekäre Beschäftigungsverhältnisse einer der Hintergründe, warum „Ganztag“ vielerorts mit „Beaufsichtigung nach Halbtagsschule“ gleichgesetzt werden muss – bei aller Bemühung der Beteiligten, dennoch gute Angebote zu bieten.
    Geiz-ist-geil-Mentalität in der Bildung.

  4. ProblemkindSchule

    Sie beschweren sich doch über zu wenig Lehrer und belastende Schüler. Warum sehen Sie in der Anwesenheit einer Erzieherin im Unterricht keine Entlastung bzw. pädagogisches Potential?
    Welche Hinderungsgründe gibt es bei Ihnen, den Unterricht bis in den Nachmittag nicht zu rhytmisieren?

    • Ganz einfach: Eine Vorlaufzeit von mind. 4 Jahren allein für die Fahrschulkinder, den Plan der Busse anzupassen, wobei ein zweistelliger Prozentsatz mind. 1 Stunde Wartezeit haben wird und das auch nur, wenn sich alle im Fahrplan befindlichen Schulen sich unserem Rhythmus anpassen wollen,

  5. ProblemkindSchule

    Das Bus-Problem als einzigen Hinderungsgrund zu nennen, um rhythmisierten Unterricht anzubieten, ist eine interessante Variante. Bitte übermitteln Sie das doch dem Ministerium; ich glaube, der Schulträger wird dann ganz schnell aktiv.

    • Sorry, ich dachte, es ginge nur um den Nachmittag. Vormittags haben wir rhythmisiert. Aber eben: Bei zwei Oberstufen am Ort geben die Kurszeiten der Oberstufen den Bustakt vor. Die Rolle des Ministeriums wird hier in der Interessenslage von Ihnen leider dramatisch überschätzt. Der Schulträger und der ÖPNV war mit am runden Tisch, auch die Ganztagsberatung des Minsiteriums. Ergebnis: Der Nachmittag bleibt wie er ist

  6. ProblemkindSchule

    Also ich kenne Rhytmisierung nur unter Einbeziehung des Nachmittags bis mind. 15 Uhr (Wie sonst soll das gehen?) Ich kenne die konkrete Problemlage nicht, aber gibt es – es hört sich nach ländlichem Raum an – denn noch so viele Schulen, dass keine einheitliche Lösung gefunden werden kann?

    • 20 direkt betroffene und über 30 mehr indirekt.und in der Tat alle auf dem Land, also hunderte Wohnort Gemeinden, dezentrale Strukturen in allen Bereichen etc

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