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Gastbeitrag: Tabuthema Disziplin – Ausdruck autoritärer Pädagogik oder elementare Voraussetzung erfreulichen Zusammenlernens?

HANNOVER. Pädagogen im Jahr 2017 wandern auf einem schmalen Grat: Autoritär möchte man auf keinen Fall sein, aber so ganz ohne Regeln kann der Alltag zu einem Albtraum werden. Unser Autor, Professor Manfred Bönsch, analysiert die moderne Bedeutung der Disziplin für die Pädagogik.

Während früher der Begriff der Disziplin unbestritten war – er gehörte wie selbstverständlich zu einer autoritativ orientierten oder gar autoritären Pädagogik – , ist er seit den 60er/70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mehr und mehr infrage gestellt worden und wurde dann fast zu einem Tabuthema. Im Zuge reformorientierter Pädagogik,  antiautoritärer Pädagogik, gar Antipädagogik (von Braunmühl, 1983, 4. Aufl.; von Schönebeck, 1982) wurde Disziplin zum Signum für Unterordnung, Unterdrückung, die tunlichst aufzuheben sei. Erziehung sei immer eine Art von Imperialismus, es könne nur Freundschaft mit Kindern und Jugendlichen geben! Das Kind müsse sich frei entwickeln können und dann würde alles gut werden. Noch Anfang des 21. Jahrhunderts verursachte die Schrift von Bueb  „Lob der Disziplin“ (Bueb, 2006, 6. Aufl.) einen Aufschrei. Da war sie wieder, die schwarze Pädagogik! Bis heute sind die Unsicherheiten derer, die mit Erziehung zu  tun haben, geblieben. Autoritär möchte man auf keinen Fall sein, aber so ganz ohne Regeln kann der Alltag zu einem Albtraum werden. Was könnte/müsste das Richtige sein?

Erste Setzung: Welcher Disziplinbegriff wäre sinnvoll?

In der Tat gibt es einen negativen Disziplinbegriff. Wenn Unterordnung rigid durchgesetzt wird, gar blinder Gehorsam gefordert wird, regt sich Widerstand. In sehr autoritären Regimen, beim Militär, in Gefängnissen herrscht Machtausübung vor. Wer sich ihr widersetzt, wird hart bestraft, gar gefoltert, im schlimmsten Fall getötet. Goffmans Wort von der totalen Institution – er denkt z. B. an Gefängnisse, an die Psychiatrie, auch an die Schule  (die Schule als Zwangsanstalt) – meint ein hartes und nicht  hinterfragbares Unterwerfungsszenario, in dem das Individuum seine Würde, sein Ich verliert und zum bloßen Objekt der Gewaltausübung wird. Wenn ein Machtmonopol überstrapaziert wird, regt sich berechtigter Widerstand bei den Unterdrückten. Das Individuum will einen Rest von Selbstbestimmung und Würde. Es gibt in einer milderen Form auch das Phänomen der Überdehnung von Disziplinierungsmaßnahmen und damit eine Überforderung. Die Kräfte reichen nicht zu entsprechendem Verhalten. Genauso  kann übrigens der Freiheitsrahmen überdehnt werden. Das kann man erkennen, wenn Kinder in der Grundschule sagen: Müssen wir heute wieder machen, was wir wollen?

Aber dann gibt es eben auch einen positiven Disziplinbegriff. Disziplin ist eine elementare Bedingung menschlichen Zusammenlebens. Der reibungslose Verkehr z. B. wird nur dadurch aufrechterhalten, dass sich Verkehrsteilnehmer an die Vorgaben der Straßenverkehrsordnung halten. Spiel macht nur Spaß, wenn sich alle an die Regeln halten. Hochleistungen unterliegen sehr strengen Disziplinierungen (Talent macht 50%, die anderen 50% sind Mühe Training!). Klare Regularien geben auch Sicherheit, Verlässlichkeit und Entspannung. Nichts ist schlimmer, als die Welt jeden Tag neu erfinden zu müssen. Im Straßenverkehr ist die Einhaltung von Regeln überlebenswichtig. Sprache ohne Vereinbarungen für den Sprachduktus und die Wortwahl wird schnell zur Belastung, kann verletzend wirken. Zwischenmenschliche Beziehungen, die nicht von Respekt und Rücksichtnahme gekennzeichnet sind, stellen eine Belastung dar. Man flüchtet sie eher, als dass man sie aushält. Ein Gemeinwesen ohne akzeptierte Regularien führt zu chaotischen Egotrips. Und Lernen ohne Disziplin führt nicht weit. Leistung ist mit Mühe und Arbeit  verbunden, und das heißt, Selbstdisziplin zu üben.

Wo immer  erfreuliche und  bereichernde Beziehungen vorhanden sind, kann sich ein Individuum entfalten. Die Beziehungskultur einer Schule schafft Wohlbefinden. Dann kann man an Herausforderungen wachsen, aber jeder muss sich eben auch an Regularien halten können, sich disziplinieren können. Wenn Regeln, Routinen, Rituale und Reviere eine äußere Ordnung schaffen, kann  das evtl. noch vorhandene innere Chaos sich verlieren. Insofern sind Vereinbarungen, Abmachungen, Verträge interpersonell wichtig und ein akzeptabler Disziplinierungsrahmen (Ordnungen, Strukturen, feste Abläufe) ebenso.

Die Frage nach den Wegen zur Disziplin

Wenn also der positive Begriff von Disziplin akzeptiert werden kann, weil er so wichtig ist, erhebt sich die Frage, wie er angesichts häufig widriger Verhältnisse angestrebt werden kann. Der zentrale Weg könnte wohl sein:

In der Familie wie in jeder Klasse ist die Besprechung und Festlegung von Regeln wichtig. Wenn  sie als sinnvoll angesehen werden, können oder sogar mit formuliert werden können, können sie am ehesten eingehalten werden. Und wenn man sie inhaltlich nicht ganz akzeptiert, kann man sie eventuell als Kompromiss verschiedener Interessen sehen und befolgen. Grundsätzlich  muss der Sinn von Regeln und Abmachungen ersichtlich sein. Häufig wird Spielraum dafür da sein. Ideen und Alternativen aufzunehmen. Aber wenn eine Verabredung – quasi ein Vertrag – beschlossen ist, gilt sie und muss von jedem befolgt werden. Regeln sind veränderbar, solange sie aber gelten, sind sie einzuhalten. Konsequenz ist ein wichtiges Element auf dem Weg zu Disziplin. Die kommunikative Klärung von Regeln und Vorschriften hat den Vorteil, dass Erwachsene sich als Anwalt beschlossener Regeln verstehen können, das Bestehen auf ihrer Einhaltung nicht mehr als Willkür und Machtausübung verstanden zu werden braucht. Das hilfreiche Gerüst der schulischen Ordnung und der geregelten Tagesabläufe stabilisiert den Handlungsrahmen.

Disziplinloser “Zappelphilipp” von Heinrich Hoffmann aus dem „Struwwelpeter“ von 1844. (Bild: Heinrich Hoffmann/Wikimedia gemeinfrei)

Hat man so den Grundansatz, so kann man dann flexibel mit dem Postulat „Pflichten und Regeln einhalten“ umgehen. Häufig reichen ja schon Erinnerungen an Vereinbarungen. Aber es gibt eben auch Fälle, für die Ermahnungen dringlicher werden. Eine Gruppe von Disziplinlosigkeiten (aggressive Beschimpfungen, körperliche Gewalt, Diebstahl) ist streng  zu untersagen. Wenn man die Stärkung von Disziplin differenziert  angehen will, kann ein Dreierschema hilfreich sein:

Die Trias der Dringlichkeitsstufen

–  Ich kann das besser …
Wie ich meinen Arbeitsplatz einrichte, wie ich mich am
 Gespräch beteilige usw.

–  Ich soll mich so verhalten …
Wenn man morgens in die Schule kommt, sagt man 
auch zum Hausmeister „guten Morgen“

–  Ich muss das unterlassen …
einen Mitschüler beschimpfen oder gar schlagen, gibt 
es bei uns gar nicht!

Die Beispiele machen deutlich, dass es einmal einfach um die Verbesserung von Verhalten geht, dann aber die Dringlichkeit größer wird (Höflichkeit und Freundlichkeit sind angesagt) bis zum strikten Verbot (Beschimpfen und Schlagen gibt es gar nicht).

Es kann auch sinnvoll sein, den Regelungsrahmen zunächst niedrigschwelliger zu gestalten. Wer 45 Minuten noch nicht durchgehend konzentriert sein kann, bleibt erst einmal 20 Minuten dabei (z.B. im Morgenkreis) und kann dann etwas anderes machen. Man muss nicht gleich harte Disziplinmaßnahmen ergreifen, um jemandem auf den richtigen Weg zu verhelfen. Der ideale Fall aber wäre eben, dass alle Beteiligten die Regularien  und Disziplinerfordernisse, die bestehen, gut finden, weil sie entlasten und damit das Wohlbefinden steigern. Sie geben Orientierung und Sicherheit. Aber jeder muss auch Frustrationstoleranz entwickeln, weil nie alles gefallen wird. Wichtig ist das Vorbildverhalten der Erwachsenen. Sie halten sich an die geltenden Abmachungen , auch wenn es manchmal schwer fällt.

Die Frage der Sanktionen

Die bisherigen Ausführungen führen dann aber doch auch zu der Frage: wenn sich so leicht Disziplin nicht einstellt, was dann? Das ist die Frage nach Sanktionen. Konsequente Erziehung kann sich ihr nicht entziehen. Wieder wäre es wünschenswert, von vornherein auf dem Besprechungs- und Verabredungswege den geregelten  Umgang mit Regelverletzungen zu klären. Körperliche Strafen bleiben ausgeschlossen. Aber Sanktionen werden schon nötig werden. Man kann zwischen weichen und härteren Sanktionen unterscheiden. In den vielen Fällen der kleinen Unaufmerksamkeiten und Unkontrolliertheiten  werden Entschuldigungen und kleine Wiedergutmachungsangebote reichen. Aber die härtere Sanktion der konsequenten Ablehnung von Aggressivität, Beleidigung, gar körperlicher Attacke und Diebstahl wird  auch  notwendig sein. Das unerbittliche Stopp oder Halt –  Nein, das gibt es bei uns nicht! – ist mit aller Entschiedenheit auszusprechen. Das Verbot setzt der gravierenderen Disziplinlosigkeit Grenzen.  Die Absage einer  geplanten schönen Unternehmung oder der zeitweise Ausschluss  eines dauernden Störers können auch notwendig werden. Wenn der Morgenkreis durch dauerndes Stören „kaputt“ gemacht wird, muss der Betreffende  beim nächsten Mal auf seine Teilnahme verzichten. Wenn zuhause das Zähneputzen ständig vergessen wird, gibt es eben einmal keine Gute-Nacht-Geschichte. Jedes  Kind und jeder Jugendliche  muss die Konsequenzen seines Fehlverhaltens  erfahren. Bleibt alles folgenlos, bedeutet dies eine Verstärkung des  nicht erwünschten Verhaltens. An Herausforderungen  in Gestalt von Vorschriften und Regularien kann ein Individuum wachsen, wenn Einhaltung oder Nichteinhaltung je entsprechende Folgen haben. Ist alles möglich und bleibt alles folgenlos – „anything goes-Erziehung -, entsteht Desorientierung und im wahren Sinne des Wortes Haltlosigkeit.

Ein kleines Fazit:  Balancen sind entscheidend!

Die vorstehenden Ausführungen wollen kein Plädoyer für eine Rückkehr zu alter autoritärer oder gar schwarzer Pädagogik sein. Sie wollen das Thema „Disziplin“ enttabuisieren. Zwischen der Forderung nach bedingungslosem Gehorsam und Verzicht auf jegliche Vorgabe infolge einer libertinären Pädagogik gilt es, die Mitte zu finden. Das ist die Balance zwischen purer Pflichterfüllung und individuellen Freiheiten, zwischen Machtausübung und Verzicht auf jegliche Regelung. Wenn das gelingt, gestaltet  diszipliniertes Verhalten jedes Teilnehmers erfreuliche Beziehungen,  die orientierenden und gleichzeitig entspannenden und entlastenden Charakter haben,  Insofern ist Disziplin ein erfreuliches Phänomen in allen Bereichen, in denen Menschen sich bewegen. Man muss aber wohl ständig an ihr arbeiten, sie ergibt sich nicht von allein! Manfred Bönsch

 

Lexikalische Information

Das Wort „Disziplin“ stammt aus dem Lateinischen (disziplina, disziplinare) und meint einmal einen Wissenschaftszweig/ein  Fach und zum Anderen ein auf Ordnung bedachtes Verhalten, bewusste Einordnung oder Unterordnung. Wer sich diszipliniert verhält, ist an Einordnung gewöhnt, ist beherrscht und korrekt, lässt sich nicht gehen. Es wird auch von innerer Zucht gesprochen oder es ist das Einhalten einer äußeren Ordnung gemeint, die jemand einhalten soll/will. Wichtig ist, dass Disziplin keinen Selbstzweck hat, sondern höheren Werten und Normen dienen soll wie beispielsweise  Respekt, Freundlichkeit. Achtung vor der Würde des Anderen und Regeln des Zusammenlebens,  der Arbeit, des Spiels, des Verkehrs  und eines entsprechenden Sprachgebrauchs. Disziplin ist die Voraussetzung für erfreuliche Verhältnisse in fast allen Lebensbereichen (Familie, Schule, Beruf, Sport usw.) (Böhm, 1994, 14. Aufl.).

Ausgewählte weiterführende Literatur des Autoren

Manfred Bönsch ist emeritierter Professor am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Hannover.

Erziehung/Bildung/Soziales Lernen/Selbstverantwortetes Lernen

Erziehung in der Krise? – Pädagogik in Krisen, Münster, 2006

Lernen müssen Schüler und Schülerinnen selbst!-     Zu einer Didaktik eigenverantwortlichen Lernens -, Baltmannsweiler, 2015

Starke Schüler durch starke Pädagogik, Braunschweig, 2017

Erfolgreicheres Lernen durch Differenzierung im Unterricht, Braunschweig, 2013, 3. Aufl.

Intelligente Unterrichtsstrukturen, Baltmannsweiler, 2011, 5. Aufl.

Differenzierung

Heterogenität und Differenzierung, Baltmannsweiler, 2012, 2. Aufl.

Gemeinsam verschieden lernen, Berlin, 2012

Th. Bohl/M. Bönsch/M. Trautmann/ B. Wischer (Hrsg.): Binnendifferenzierung, Teil 1, Immenhausen, 2012

Bönsch/K. Mögling (Hrsg.): Binnendifferenzierung, Teil 2, Immenhausen, 2012

Produktives Lernen mit differenzierenden Unterrichtsmethoden, Braunschweig, 2013

Heterogenität ist der Alltag – Differenzierung ist die Antwort, Stuttgart, 2014

Schule

Schule – Unterrichtsanstalt oder Haus des Lebens und Lernens, Essen, 2000

Praxishandbuch Gute Schule, Baltmannsweiler, 2000

Gesamtschule – Die Schule der Zukunft mit historischem Hintergrund, Baltmannsweiler, 2006

Die neuen Sekundarschulen und ihre Pädagogik, Weinheim, 2015

Unterricht

Allgemeine Didaktik, Stuttgart, 2006

Schüler aktivieren, Hannover, 1994, 3. Aufl.

Manfred Bönsch (Hrsg.): Offener Unterricht in der Primar- und Sekundarstufe I, Hannover, 1993

Variable Lernwege. Ein Lehrbuch der Unterrichtsmethoden, St. Augustin, 2008, 4. Aufl.

Nachhaltiges Lernen durch Üben und Wiederholen, Baltmannsweiler, 2010, 2. Aufl.

Manfred Bönsch (Hrsg.): Selbstgesteuertes Lernen in der Schule, Braunschweig, 2006

Manfred Bönsch (unter Mitarbeit von Astrid Kaiser): Unterrichtsmethoden – kreativ und vielfältig, Baltmannsweiler, 2006, 2. Aufl.

Manfred Bönsch u.a.: Kompetenzorientierter Unterricht, Braunschweig, 2010

 

 

 

8 Kommentare

  1. Axel von Lintig

    Wenn man den Anhang seiner bisher erschienener Veröffentlichungen liest , dann wird einem klar, wessen Geistes Kind Herr Bansch ist und es wird auch klar , warum diese Pädagogik ganz gegen ihre eigene Philosophie Rettungsanker konstruiert,wie innere Disziplinierung.
    Innere Disziplinierung haben andere, wie Herr von Hentig zum Beispiel in einem gemeinsamen Großraum ohne Wände, umzusetzen versucht.
    Nein, Herr Bansch soll konsequent bei seiner Philosophie bleiben, damit irgend wann Schluss ist mit dieser Art von „kindgerechter“ Schulpädagogik.
    Sie ist gescheitert und auch nicht zukunftsträchtig, allein schon , weil wir „Spießer“ etwas derartiges nicht mehr wollen und sie ist mit der Grund für den desaströsen Absturz im Erreichen von Lernzielen, die eh nicht mehr klar formuliert werden.
    Die Zauberformeln von innerer Differenzierung, offenem Unterricht, Schüler gesteuerten Lernen und dem Rest an Reform-Chaos sind „out“ und in ihrer Konsequenz kinderfeindlich, weil sie Kinder nicht zu dem verhelfen, was diese mit anderen Methoden , wie direkte Instruktion mit Feedback,gezielter Lese-Förderung, Evaluierung des Unterrichts, wechselseitigem Unterricht, Förderung der selbst Verbalisierung, hätten erreichen können.
    Hier hat jemand , der vielleicht eine autoritäre Schulwelt in seiner Kindheit erlebte, ein absolutes Gegenstück zur eigenen Kindheitsgeschichte konstruiert.
    So sieht es jedenfalls bei seinen Geistesverwandten um Brügelmann und von Hentig aus.

    • Ich weiß gar nicht, wo Sie Ihr Statement in dem obigen Artikel finden (oder brauchten Sie wieder nur einen Aufhänger um gegen die eine Rechtschreibmethode wettern zu können?)
      Herr Bönsch (mit ö!) hat doch klar erläutert, dass es nicht um schwarze Pädagogik und nicht um Laissez-Faire, sondern um das Vereinbaren von Regeln, um das Einfordern und ggf. um Konsequenzen geht.

      Sie fordern stetig Unterricht, den Sie Zuhause mit Ihren eigenen Kindern in Einzelsitzungen täglich durchführen können, haben aber kaum vor Augen, was in heutigen heterogenen Klassen möglich und nötig ist, weil Sie von Ihren eigenen Kindern ausgehen und den passgenauen (Einzel-)unterricht für genau Ihre Kinder fordern. Wer nicht in dieses Maß passt, hat in der Klasse Ihres Kindes nichts zu suchen.

      Kinder, wie vermutlich die Ihren, haben die meisten Lehrkräfte in Ihren Klassen überhaupt nicht sitzen. Wir beschulen nicht allein die wohlerzogenen, wohlgeratenen derer, die sich um ihre Kinder kümmern, sondern auch die benachteiligten, vernachlässigten, psychisch belasteten, kranken und auch die unerzogenen, die so gut wie keine Regeln erhalten haben, und die nicht schulreifen und nicht schulfähigen. Und das werden in meiner Umgebung immer mehr.
      Und so sehr Sie sich etwas anderes wünschen, können auch Sie sich weder die Schüler, die in den Klassen sitzen, noch die Lehrer und zusätzlichen Therapeuten und Kräfte backen.

      Es geht aktuell nicht um Reformchaos, sondern darum, wie man Migration und Inklusion begegnet sowie einer veränderten Schülerschaft und wie man mit diesen gemeinsam Unterricht umsetzt. Die von Ihnen geforderte Rückkehr zum Unterricht der 60er Jahre ist mit heutigen Kindern nicht durchführbar und würde auch nicht zu vergleichbaren Ergebnissen führen. Hintergrund sind eben auch andere Erziehungsmaßstäbe als in den 60er Jahren. Wenn Ihnen das so wichtig ist, gründen Sie doch eine Inititative zu mehr konsequenter Erziehung im Elternhaus.

      Die von Manfred Bönsch genannten Ansätze finde ich richtungsweisend. Sie stärken gerade den Lehrkräften den Rücken, die nicht alles „irgendwie laufen lassen“, sondern durchaus Erziehung als Aufgabe ansehen – ein hartes Stück Arbeit tagtäglich, das immer seltener Früchte trägt und immer mühsamer wird, gleichzeitig eine Herausforderung und eine große Belastung ist.
      Trotz der Widerstände, die man von Eltern und Schulbehörden bekommt, wenn man den Kindern Konsequenzen aufzeigt und diese sanktioniert, wird hier deutlich gesagt, dass es ohne Regeln und Grenzen nicht geht. Und Bönsch spricht damit auch gegen die angestrengten Gerichtsverfahren der letzten Zeit. Eltern brauchen heutzutage bei nahezu egal welchem Vorfall und egal welcher Leistung nur mit einem Anwalt zu drohen und schon werden sämtliche Beschlüsse und Bescheide, Entscheidungen oder Sanktionen für nichtig erklärt.

      Die angesprochenen Regeln sind notwendig, da man ohne sie weder im offeneren Unterricht noch bei der von Ihnen präferierten direkten Instruktion unterrichten kann, weil sonst das Chaos Wirklichkeit wird, Kinder, wie die Ihren keinerlei Schutzraum in der Schule erhalten oder Lehrkräfte zur Hilflosigkeit getrieben werden, die zwar die Aufsicht führen müssen, denen aber jegliches Handwerkszeug verwehrt wird, sodass sie gezwungen sind, die Missstände zu beobachten und zu protokollieren, die aber ein Eingreifen unmöglich werden lassen.

      • Axel von Lintig

        Wo ist die Rede von einer Rückkehr zu den 60er Jahren eingefordert. Ich haben den von Herrn Bönsch propagierten Methoden ,in ihrer Effektivität bewiesene Methoden dem gegenübergestellt.
        Die von Ihnen angesprochenen Gruppen, hier Migrantenkinder, Kinder aus einer Sprach armen Umgebung und Inklusionsschüler, benötigen gerade mehr direkte Instruktion mit Feedback und die oben angesprochenen Methoden, als offene Unterirchtmethoden mit selbst gesteuerten Lernen, weil ihnen der sprachliche Hintergrund fehlt und sie deshalb gegenüber Kindern aus dem Bildungsbürgertum benachteiligt sind.
        Die von Ihnen immer wieder beschriebene Heterogenität der Schüler als Rechtfertigung für einen Material zentrierten Unterricht,diese gab es auch in früheren Zeiten.
        Und es handelt sich um Gegebenheiten, auf die man sich schon immer einstellen musste.
        Früher war eben nicht alles besser. Das zu wiederlegen wird Ihnen auch nicht gelingen, weil Sie aus einer anderen Zeit stammen und sie diese auch nicht mehr rückwirkend untersuchen können.Deshalb gab und gibt es weiterhin Förderschulen, nur stellen die ihre Methoden auch auf ein eigenständiges Lernen um.
        Natürlich sind Regeln im Verhalten wichtig, um einen strukturierten Unterricht umsetzen zu können. Und es gelang schon in meiner Kindheit ohne schwarze Pädagogik, diese umzusetzen.
        Wenn man sich so umhört, so gab es die Probleme einer schwarzen Pädagogik in den Nachkriegsjahren meist in katholischen Gegenden.
        Auch Herr von Hentig hat derartige Züchtigungen, wie das Werfen vom 5 Meter Turm durch den Vater, erfahren müssen.
        Man muss diese Methoden der totalen Autorität aber von der direkten Instruktion trennen, weil beides auch nicht zwangsläufig zusammen gehört.
        Es erweist sich effektiver Schüler erst zu einer Eigenständigkeit hin zu führen, um dann diese neu gewonnene Eigenständigkeit weiter zu befördern.
        Brügelmann und andere fordern diese Eigenständigkeit hingegen vom ersten Tag der Beschulung an.
        Deren Pädagogik ist aber auch gut erklärbar als Reaktion auf traumatische Erlebnisse in deren eigener Schulzeit.Natürlich wollten diese, in der Adenauer-Zeit aufgewachsenen alles ändern.Dabei wurde viel bewährtes , aber auch vieles, was in deren Jugend entwickelt wurde, über Bord geworfen.
        Jetzt steht aber deren Pädagogik und Logik auf Grund bescheidener Ergebnisse genauso auf dem Prüfstand. Und da wehrt man sich von deren Seite mit allen Mitteln gegen eine wissenschaftliche Hinterfragung. Man weigert sich wissenschaftliche Ergebnisse aus dem anglo-amerikanischen Raum , wegen unterschiedlicher Schulsysteme, auf unsere Schüler zu übertragen.
        Genauso dürfte man dann auch die medizinischen Ergebnisse großer Studien aus dem Ausland nicht auf unsere Patienten übertragen, da sich die Gesundheitssysteme vollkommen unterscheiden. Es sind aber die Einflussfaktoren und die Schüler, welche miteinander in Verbindung gebracht werden.
        Das Extrembeispiel einer möglichen Inklusion beschrieb ein Protagonist dieser neuen Pädagogik, der 4 Jahre eine kleine Schulklasse ,15 bis 20 Schüler, im vollständig offenen Unterricht begleitet haben will, Herr Peschel, ein Geistesverwandter Brügelmanns.
        Die Gesamtzahl ist schon erschreckend niedrig, um überhaupt eine valide Aussage zu treffen.
        Es ist für die meisten Personen nicht der Sinn ersehbar, Kinder mit einer schweren Lernschwäche bei Trisomie 21,gemeinsam mit hochbegabten Schülern unterrichten und beiden noch gerecht werden zu wollen.
        Wo ist da ein Ethikkomité eingeschaltet worden.

        • @ Axel von Lintig
          Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust mehr, Ihre „never ending storys“, die Sie hier als „Kommentare“ abliefern, weiter zu lesen. Fassen Sie Ihre (gewiss teilweise guten Gedanken) in einem Buch zusammen- verkaufen und Geld verdienen.
          Außerdem würde ich sehr gerne einmal bei Ihnen im Unterricht hospitieren, damit ich endlich einmal (nach 41 Dienstjahren) erfahre wie „Schule geht“. Ich vermute einmal, dass Sie noch nie (!) selbst unterrichtet haben – jedenfalls nicht in den letzten 10 Jahren. Ich unterstelle, dass Sie hier einfach nur in grauer Theorie schwadronieren – warum, weiß ich nicht – ist mir eigentlich auch egal. Schade nur, das Palim sich immer wieder zu ebenso langen Rechtfertigungen (?) hinreißen lässt und Ihnen so immer wieder „Futter“ gibt.

  2. ZITAT 1: „Genauso kann übrigens der Freiheitsrahmen überdehnt werden. Das kann man erkennen, wenn Kinder in der Grundschule sagen: Müssen wir heute wieder machen, was wir wollen?“

    Klingt witzig. 😀

    Ähnliches erlebe ich aber immer wieder, wenn ich in eine Klasse komme, für „Ruhe und Ordnung“ sorge und manche Kinder hinterher sagen: „Heute hat es Spaß gemacht!“ Spaß hat es ja womöglich nicht wirklich gemacht, aber sie konnten endlich mal ohne Chaos und Durcheinander, lautes Geschrei und permanente Störungen einfach an ihrer Aufgabe arbeiten.

  3. ZITAT 2: „Klare Regularien geben auch Sicherheit, Verlässlichkeit und Entspannung. […] Zwischenmenschliche Beziehungen, die nicht von Respekt und Rücksichtnahme gekennzeichnet sind, stellen eine Belastung dar.“

    Richtig !

  4. Die meisten Kollegen trauen sich nicht streng zu sein (habe ich den Eindruck). Es scheint so eine Art Wettbewerb zu geben, wer der beliebteste Lehrer ist. Es kommen auch ständig Kinder zu mir und erzählen mir, wer gesagt hat, dass er mich mag oder eben auch nicht. Ich wundere mich immer darüber, sowas haben wir doch früher nicht gemacht, oder?

    Hingegen erinnere ich mich an Nachschulzeitsprüche dieser Art:

    Variante 1: „Sie war sehr nett, aber gelernt haben wir eigentlich nichts bei ihr.“

    Variante 2: „Sie war sehr streng, aber da haben wir was gelernt.“

  5. Heute werden bereits selbstverständliche Grundlagen des Sozialverhaltens als „Disziplin“ bezeichnet und damit missgedeutet.

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