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Ein Schüler-Boom kommt – und die Politik ist nicht vorbereitet. Es droht ein dramatischer Engpass an Lehrern

GÜTERSLOH. Jahrelang hatten sich die Finanzminister der Länder auf eine „demografische Rendite“ bei den Bildungsausgaben gefreut – also Einsparmöglichkeiten bei Lehrerstellen und Schulgebäuden aufgrund von zurückgehenden Schülerzahlen. Mit dieser Rechnung muss jetzt Schluss sein. Denn statt weniger wird es bald deutlich mehr Schüler geben – gar einen Kinder-Boom. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. „Es werden wieder mehr Kinder geboren in Deutschland, und mehr junge Menschen wandern ein. Das trifft die Schulsysteme unvorbereitet“, so heißt es darin. Und: „Steuern Länder und Schulträger nicht um, droht ein dramatischer Engpass an Lehrern und Gebäuden.“  

Die Zeiten schwacher Geburtenjahrgänge in Deutschland sind vorbei. Foto: Departement of Education / flickr (CC BY 2.0)

Ein Schüler-Boom kündigt sich an. Foto: Departement of Education / flickr (CC BY 2.0)

Zeiten sinkender Schülerzahlen sind vorbei. Nach 15 Jahren kontinuierlichem Rückgang kündigt sich ein Schüler-Boom an. 8,3 Millionen Kinder und Jugendliche werden voraussichtlich im Jahr 2025 in Deutschland zur Schule gehen, haben Forscher im Auftrag der Bertelsmann Stiftung berechnet. Das sind gut 300.000 Schüler mehr an den allgemeinbildenden Schulen als vor zwei Jahren. Damit erweist sich insbesondere die offizielle Prognose als erheblich zu niedrig: Die Kultusministerkonferenz (KMK) geht bisher für 2025 nur von 7,2 Millionen Schülern aus. Statt demographischer Rendite kommen erhebliche Investitionen auf die Bundesländer zu, weil zehntausende Lehrer und Klassenräume fehlen.

Im März dieses Jahres verkündete das Statistische Bundesamt erstmals seit dem Jahr 2000 einen Anstieg der Schülerzahlen. Das Plus von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr ist der verhaltene Beginn eines Trends, der enorm an Fahrt gewinnen wird: 2025 werden bereits 4 Prozent mehr Kinder und Jugendliche die Schulbank drücken als heute, im Jahr 2030 sind es sogar 8 Prozent, so die Schätzung der Bertelsmann Stiftung. „Mit diesem Schüler-Boom hat kaum jemand gerechnet. Jetzt besteht enormer Handlungsdruck. Viele Bundesländer müssen komplett umdenken“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Als erstes betroffen: die Grundschulen

Als erste spüren den Anstieg die Grundschulen, wo bereits heute ein Lehrermangel herrscht. Dort fehlen im Jahr 2025 gegenüber heute 24.110 Lehrer, sofern die Klassen nicht größer werden sollen. An den weiterführenden Schulen sinken die bundesweiten Schülerzahlen zwar zunächst noch einige Jahre. Doch zeitversetzt erreichen die starken Jahrgänge auch die Gymnasien, Gesamt-, Ober- und Regionalschulen. 9 Prozent mehr Schüler als heute werden 2030 in den Klassenräumen der Sekundarstufe I sitzen. Auch dort werden dann zusätzlich 27.000 Lehrer benötigt. Weil den Lehrerkollegien aufgrund ihrer Altersstruktur eine Pensionierungswelle bevorsteht und ohnehin vielerorts bereits Lehrermangel herrscht, wird der Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften schwer zu decken sein.

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Neben dem Personalbedarf steigt der Raumbedarf. Bundesweit rund 1.800 Grundschulen wurden seit der Jahrtausendwende wegen Schülermangels geschlossen. Nun, mit wieder steigenden Geburtenzahlen und verstärkter Einwanderung, gilt es, eine deutliche Trendwende einzuleiten. 2025 werden – bei gleichbleibender Schulgröße – fast 2.400 Grundschulen mehr nötig sein als heute. Etwas später kommen auf die weiterführenden Schulen ähnliche bauliche Engpässe zu. Dabei gelten bereits jetzt viele bestehende Schulen als marode – der bundesweite Investitionsstau wird von der Förderbank KfW auf 34 Milliarden Euro taxiert.

4,7 Milliarden Euro nötig – pro Jahr

Sowohl die Einstellung zusätzlicher Lehrer als auch der Neu- und Anbau von Schulgebäuden sind nicht von heute auf morgen zu stemmen. Mehr Lehrer ausbilden, Grundstücke finden, Bauplanung und Realisierung – all das erfordert Zeit und Geld. Die Studie der Bertelsmann Stiftung kalkuliert für das Jahr 2030 aufgrund des Schüler-Booms mit 4,7 Milliarden Euro höheren jährlichen Bildungsausgaben als heute. Bislang hatten die Schulminister mit einer demographischen Rendite gerechnet. Ihre (optimistische) lautete: Trotz sinkender Schülerzahlen keine Budgetkürzungen, dadurch entsteht in den Schulen mehr Spielraum für Qualität. So mancher Finanzminister sah das freilich anders – und freute sich auf kommende Einsparmöglichkeiten.

„Der Traum von der demographischen Rendite ist ausgeträumt. Jetzt gilt es, in zusätzliche Lehrer und Schulen zu investieren“, sagt Dräger. Er empfiehlt der KMK, ihre Prognose der Schülerzahlen zu aktualisieren. Die stammt aus dem Jahr 2013, als weder steigende Geburtenraten noch Rekord-Zuwanderung abzusehen waren. Die Bertelsmann Stiftung erwartet 2025 in den Grundschulen 22 Prozent mehr Schüler als die KMK.

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Einige Städte stellen sich bereits der neuen Realität. In Berlin rechnet der dortige Senat mit fast 87.000 zusätzlichen Schülern bis zum Schuljahr 2024/25 (davon etwa 73.000 in den allgemeinbildenden Schulen) und hat Planungen für neue Schulgebäude aufgenommen. Die Studienautoren appellieren an die Länder, Kreise, kreisfreien Städte und Gemeinden, ihre Prognosen zu prüfen und ihre Planungen regelmäßig anzupassen. Denn die bundesweiten Zahlen zeigen zwar die Gesamtentwicklung, es gibt jedoch große regionale Unterschiede. So steigen in den Stadtstaaten die Schülerzahlen voraussichtlich kontinuierlich in allen Schulformen bis 2030 um knapp 30 Prozent. In den westlichen Flächenländern gleicht die Entwicklung dem treppenartig ansteigenden Bundestrend, während im Osten nach einem zwischenzeitlichen Anstieg in 15 Jahren schon wieder weniger Grundschüler die Schulbank drücken könnten als heute. N4t

Hier geht es zum Beitrag: „Lehrerberuf attraktiver machen, Ausbildungsoffensive starten“: GEW, Philologen und VBE fordern schnelle Reaktionen auf die neue Schülerprognose

 

Hintergrund: zur Methodik der Studie

Für die Studie „Demographischer Wandel adé – Aktuelle Bevölkerungsentwicklung und Folgen für die allgemeinbildenden Schulen“ haben Professor Klaus Klemm und Dirk Zorn das derzeit einzig aktuelle amtliche Szenario zur Bevölkerungsvorausschätzung (Statistisches Bundesamt vom März 2017), das bereits die hohen Zuwandererzahlen der vergangenen Jahre berücksichtigt, mit den jüngsten Geburtenzahlen der sogenannten Milupa Geburtenliste aktualisiert und mit Blick auf die Entwicklung der Schülerzahlen untersucht.

Methodik und Annahmen sind im Anhang zur Studie dokumentiert. Die Autoren betonen: „Wie für alle Bevölkerungsvorausschätzungen gilt: Es handelt sich um eine Szenariobetrachtung. Die tatsächlichen Geburtenzahlen und Wanderungsbewegungen werden voraussichtlich von den Annahmen abweichen. Trotzdem sind derartige Abschätzungen unerlässlich, um politische Handlungsnotwendigkeiten zu diskutieren und erkennen zu helfen.“

Hier lässt sich die komplette Studie herunterladen.

Im Schnellcheck: Was hinter der überraschenden Schülerprognose der Bertelsmann Stiftung steckt

 

3 Kommentare

  1. Hm, das passt wohl auch hier:

    Es ist ganz klar, durch höhere Gehälter lässt sich der Lehrermangel nicht beseitigen, er steigt sogar noch – weil immer mehr Lehrer versuchen werden, in Teilzeit zu gehen, sich frühpensionieren zu lassen oder (wenn es ihnen verwehrt wird) einfach dauerkrank werden.

    Der Lehrermangel lässt sich nur beseitigen durch

    1. ausreichende Ausbildungskapazitäten (sollen ja in Zeiten des Lehrerüberschusses abgebaut worden sein)

    2. eine sichere Einstellungsperspektive (die gab es ja jahrelang nicht)

    3. attraktivere Arbeitsbedingungen (sprich deutliche Entlastungen).

    Wer das nicht sieht oder etwas anderes suggeriert (wie im Artikel oben die GEW), betreibt eine Politik an den wirklichen Problemen vorbei; verschlimmert den Lehrermangel und verhindert seine Beseitigung zu Lasten unserer Kinder und der vorhandenen Kollegen/innen!

  2. Monika Niemann

    Das Problem sind ja bereits heute die vielen unterrichtsfremden Aufgaben, die eine Lehrkraft leisten muss. Diese Dinge könnte man sehr gut auslagern an nichtunterrichtendes Personal.
    Wenn während des Unterrichts nie wieder Impfpässe, Geld oder Rückabschnitte mit Unterschriften eingesammelt werden müssten, wenn die Klassenfahrten durch eine Schulassistenz geplant und abgewickelt würden, wenn Listenführung, Dokumentationen, Materialbestellungen, etc. aus der Hand der Lehrkräfte in andere Hände gegeben würden, wäre mehr effektiver Unterricht möglich und ich glaube, dass dann Lehrkräfte bereit wären, ihre Teilzeitanträge so zu gestalten, dass mehr Lehrerstunden zur Verfügung stünden. Eventuell könnte man dann sogar über eine Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung nachdenken.
    Das wäre aber ja eine einfach Lösung. Und einfach kommt den Verantwortlichen nicht in den Sinn.

  3. @ Monika,

    genau.

    Volle Zustimmung von mir und – wie ich inzwischen sagen kann – von den meisten Kollegen.

    Das ist das, was wir wirklich brauchen !!!

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