Anzeige


Startseite ::: Praxis ::: Forschung: Bitte keine Vergleiche mit Mitschülern – So können Lehrkräfte die Motivation von Lernenden fördern

Forschung: Bitte keine Vergleiche mit Mitschülern – So können Lehrkräfte die Motivation von Lernenden fördern

MANNHEIM. Lehrkräfte können die Motivation ihrer Schülerinnen und Schüler stärker fördern, wenn sie die individuelle Leistungsentwicklung über die Zeit hinweg beurteilen, anstatt soziale Vergleiche im Klassenverbund anzustellen. Das haben Psychologinnen und Psychologen der Universitäten Mannheim und Augsburg sowie dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in einer groß angelegten Längsschnittstudie herausgefunden.

Mit dem Übergang von der Grundschule in die weiterführenden Schulen verschlechtert sich häufig die Motivation vieler Schülerinnen und Schüler. „Lehrkräfte können dieser Entwicklung entgegenwirken und Motivationseinbußen abfedern, wenn sie die individuelle Leistungsentwicklung beurteilen“, sagt Oliver Dickhäuser, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Mannheim.
Aus der pädagogisch-psychologischen Forschung ist bekannt, dass Lehrkräfte sich darin unterscheiden, welche Maßstäbe sie bei der Bewertung von Schülerleistungen anlegen – man spricht in der Forschung von Bezugsnormen. Eine soziale Bezugsnormorientierung äußert sich in der Tendenz, Leistungen Einzelner primär im Vergleich mit anderen Schülerinnen und Schülern zu beurteilen. Eine individuelle Bezugsnormorientierung zeigt sich darin, dass Lehrkräfte Leistungen eher im Verlauf der Zeit – also im Sinne einer individuellen Verbesserung oder Verschlechterung – beurteilen.

Befragung von 1641 Schülerinnen und Schülern

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen hat Dickhäuser nun in einer groß angelegten Studie (hier in Bezug auf den Mathematikunterricht) den Zusammenhang zwischen der Bezugsnormorientierung von Lehrkräften einerseits und motivationalen Überzeugungen von Schülerinnen und Schülern andererseits untersucht. Zu diesen Überzeugungen zählt zum Beispiel, wie gut man seine eigenen Fähigkeiten einschätzt (das sogenannte Fähigkeitsselbstkonzept) und ob man glaubt, seine Fähigkeiten steigern zu können (die sogenannte implizite Fähigkeitstheorie).

Zehnjährige in Deutschland zeigen im Schnitt gute Leistungen im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften. Foto: Philippe Put / Flickr (CC BY 2.0)

Motivierend auf das Lernen wirken vor allem individuelle Rückmeldungen, sagen die Forscher. Foto: Philippe Put / Flickr (CC BY 2.0)

Dafür befragten sie 1641 Gymnasialschülerinnen und -schüler aus 69 Klassen fünfmal im Verlauf des fünften und sechsten Schuljahrs. Die erste Datenerhebung fand zu Beginn der fünften Klasse statt. Die Befragten gaben an, welche Mathematiknoten sie auf dem Abschlusszeugnis der vierten Klasse hatten. Außerdem beantworteten sie Fragen zu ihrem Fähigkeitsselbstkonzept und zu ihrer impliziten Fähigkeitstheorie.
Zu Beginn des sechsten Schuljahrs wurde dann die aktuelle Bezugsnormorientierung einer Lehrkraft durch die Schülerinnen und Schüler erfragt. Insgesamt gab es sechs Fragen. Drei Fragen bezogen sich auf die soziale Bezugsnorm („Mein Lehrer meint, ein gutes Ergebnis in Mathe ist, wenn man sich verbessert hat“). Die drei anderen Fragen bezogen sich auf die individuelle Bezugsnorm (Mein Lehrer meint, ein gutes Ergebnis in Mathe ist, wenn man besser ist als andere in der Klasse“).

Individuelle Bezugsnormorientierung wirkt sich positiv aus

Die Analysen zeigen allgemein, dass sich das Fähigkeitsselbstkonzept und die implizite Fähigkeitstheorie im Verlauf der ersten zwei Jahre in der Sekundarstufe ungünstig entwickelten. Im Zusammenhang mit der Bezugsnormorientierung ergab sich folgendes Bild: Eine soziale Bezugsnormorientierung der Lehrkraft ging mit stärkeren Verschlechterungen im Fähigkeitsselbstkonzept und der impliziten Fähigkeitstheorie einher, und dies umso stärker, je schlechter die schulischen Leistungen waren.

Dagegen ging eine ausgeprägtere individuelle Bezugsnormorientierung mit geringeren Verschlechterungen des Fähigkeitsselbstkonzepts und der impliziten Fähigkeitstheorie einher. Dieser fördernde Effekt zeigte sich unabhängig von der schulischen Leistung.

„Einem ungünstigen Verlauf motivationaler Überzeugungen können Lehrkräfte also dadurch entgegenwirken, dass sie ihren Schülerinnen und Schülern Verbesserungen und Verschlechterungen ihrer Leistungen im Vergleich zu früheren Leistungen zurückmelden“, erklärt Oliver Dickhäuser. „Eine solche Rückmeldung führt ihnen dann mit großer Wahrscheinlichkeit vor Augen, dass sich die Leistung vor allem in Abhängigkeit der eigenen Anstrengung verändert – dass sie also selbst etwas bewirken können.“

Originalpublikation:
Dickhäuser, O., Janke, S., Praetorius, A.-K. & Dresel, M. (2017) Effects of teachers‘ reference norm orientations on students‘ implicit theories and academic self-concepts. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie.

Der Artikel ist als Open Access Version verfügbar und kann hier abgerufen werden: http://econtent.hogrefe.com/doi/pdf/10.1024/1010-0652/a000208?download=true

5 Kommentare

  1. Das ist doch aber eigentlich ein alter Hut.

    Das habe ich schon vor Jahrzehnten gelesen, weiß nur gerade nicht mehr, wo. Oliver Bierhoff: Sozialpsychologie???

  2. Jetzt habt ihr im Text die Bezugsnormen vertauscht.

  3. Stimmt, beim Beispiel der Fragen in der Umfrage („Mein Lehrer meint…“)

    Oliver Dickhäuser forscht seit vielen Jahren zu diesem Gebiet.

  4. Was versteht man eigentlich noch mal unter einer „Binsenweisheit“?

    • Eine Binsenweisheit hat zu Unrecht einen negativen Klang, denn es ist im Grunde eine unbestrittene, allseits bekannte Tatsache bzw. Wahrheit.
      Man wird für das Aussprechen von Binsenweisheiten allerdings gern kritisiert. Wenn jemand z.B. sagt: „Jeder Mensch sollte an seine Gesundheit denken, denn Gesundheit ist ein hohes Gut“, wird das als Binsenweisheit abgetan und nicht als bemerkenswerte neue Erkenntnis.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*