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Digitalisierung schon für Schulanfänger: Wenn Grundschüler programmieren lernen – ein Schulbesuch

DOLGESHEIM. Für Maurice und Turan gehört der Unterricht mit dem Tablet-Computer zum Alltag. Ihre Grundschule in Rheinhessen hat schon früh damit angefangen, die Fibel um Apps zu ergänzen. Das ist durchaus umstritten.

Ab welchem Alter ist der Computereinsatz in der Schule sinnvoll? Foto: NadineDoerle / pixabay (CC0 Public Domain)

Ab welchem Alter ist der Computereinsatz in der Schule sinnvoll? Foto: NadineDoerle / pixabay (CC0 Public Domain)

«Programmieren ist sehr einfach», hat Maurice festgestellt. Der Neunjährige besucht die Grundschule im rheinland-pfälzischen Dolgesheim (Kreis Mainz-Bingen) und ist nach dem regulären Unterricht noch in der Arbeitsgemeinschaft «Lego WeDo» dabei. Jetzt baut er mit der ein Jahr jüngeren Turan aus Lego-Steinen einen Frosch: Das Modell bekommt zwei Sensoren und einen Motor, die mit einer App auf dem Tablet-Computer programmiert werden. «Da muss man nachdenken», erklärt Turan mit leuchtenden Augen.

Die rheinhessische Grundschule gehört zu den Pionieren bei der Einbindung von digitaler Technik in den Unterricht. Das liegt auch an Rektorin Barbara Neßler, die schon früh angefangen hat, Lehrer und Schüler dafür zu begeistern: «Ich will nicht, dass der Zug irgendwann abgefahren ist und wir es dann bereuen, nicht früher damit angefangen zu haben.» Wenn manche Eltern noch Bedenken haben, antwortet sie: «Die digitale Welt gehört zur Lebenswirklichkeit der Kinder dazu, und wir können uns dem an den Grundschulen nicht verschließen.»

Dolgesheim war bereits eine von zwölf Pilotschulen in Rheinland-Pfalz, die das Landesprogramm «Medienkompetenz macht Schule» auf den Unterricht in den ersten vier Klassen übertrugen. In diesem Schuljahr sind 125 Grundschulen regulär dazu gekommen, im nächsten sollen es dann insgesamt 250 werden.

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«Die Digitalisierung macht auch vor den Grundschultoren nicht Halt», sagt Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD). «Es ist wichtig, dass wir unseren jüngsten Schülerinnen und Schülern beibringen, kompetent und sicher mit digitalen Medien umgehen zu können.» Dies sei kein Selbstzweck. Tablets unterstützten nicht nur die individuelle Förderung von Schülern, sondern auch Zusammenarbeit und Austausch.

«Ein solches Projekt steht und fällt mit der IT-Ausstattung», weiß Rektorin Neßler. Und die könnte schon noch besser sein. Für die ganze Schule mit 220 Kindern in zwölf Klassen gibt es bislang 13 iPads – da gibt es noch Luft nach oben. Die Kosten trägt die Verbandsgemeinde Rhein-Selz als Schulträger. Auch die Apps müssen für jedes Gerät einzeln gekauft werden.

«Finanziell ist das durchaus ein Kraftakt für uns, aber wir machen das gerne», sagt der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Rhein-Selz, Klaus Penzer (SPD). Unterstützung bekommt die Kommune aus dem Landesprogramm «Medienkompentenz macht Schule», das vor zehn Jahren zunächst für die weiterführenden Schulen gestartet wurde. Die Digitalisierung der Schulen sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sagt Penzer. «Da wir in einem Landkreis leben, der der Bildungslandkreis Nummer eins sein will, sollten die Grundschulen nicht zurückstehen.»

Dort werden die Tablet-Computer ganz unterschiedlich im Unterricht eingesetzt. Ein Gesamtkonzept für die Schule muss noch entwickelt werden, in Abstimmung mit dem Pädagogischen Landesinstitut. Aber viele Lehrerinnen tragen schon jetzt mit eigenen Ideen dazu bei.

So bekommen Erstklässler die Aufgabe, auf dem Schulgelände solche Gegenstände mit dem iPad zu fotografieren, die mit den Buchstaben anfangen, die sie gerade neu lernen. In den höheren Grundschulklassen recherchieren Schüler mit einer Kindersuchmaschine wie fragFinn.de auf dem Tablet-Computer, wie der Schulalltag in anderen Ländern aussieht. Ihre Ergebnisse stellen sie in einer Powerpoint-Präsentation auf dem Notebook zusammen. Auch Lesespiele oder Apps zum Rechnen werden in den Unterricht eingebunden.

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Kein Thema ist an der Grundschule der Umgang mit sozialen Netzwerken. Aber die Lehrerinnen sprechen mit den Kindern auch über mögliche Gefahren. Ziel ist ein altersgerechter, sicherer Umgang mit den digitalen Medien.

«Nicht nur die Schüler, auch die Lehrer müssen dort abgeholt werden, wo sie stehen», sagt Schulleiterin Neßler. Das Kompetenzniveau sei ganz unterschiedlich, unabhängig vom Alter. Um das Niveau der digitalen Fertigkeiten anzugleichen, sei es wichtig, Schulungen und Fortbildungen zu nutzen. Für das nächste Halbjahr plant die Grundschule einen Studientag zum Einsatz von Tablets im Unterricht.

In der AG «Lego WeDo» geht es ums spielerische Lernen und ums Miteinander. Die elf Jungen und acht Mädchen werden von der Grundschullehrerin Jasmin Höckele in Zweier- und Dreierteams angeleitet, arbeiten dann aber weitgehend eigenständig an ihren Projekten und tauschen sich dabei aus.

Hanna schaut hinüber zu Moritz am Nachbartisch: «Wie habt ihr das gemacht, dass euer Frosch so schnell ist?» Moritz zeigt ihr, wie der Programmierbaustein für die Motorleistung verändert wird und überträgt die neuen Werte über eine Bluetooth-Funkverbindung auf das Modell von Hanna. «So, jetzt habt ihr ganz viel Geschwindigkeit!»

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Statt unverständlicher Codezeilen werden in der von Lego verwendeten Programmiersprache Scratch visuelle Module verschoben. Ihre Anordnung und die Veränderung der Werte folgt derselben Logik wie bei komplexen Programmiersprachen mit ihren Wenn-Dann-Bedingungen und Befehlsschleifen.

Die Kinder sind in ihre Arbeit vertieft, bis die Stunde vorbei ist. Ist das auch richtig zusammengebaut? Turan ist noch skeptisch. Aber Maurice versichert ihr: «Ja, das stimmt. Vertrau mir!» Von Peter Zschunke, dpa

 

Hintergrund: 'Je später, desto besser'

DARMSTADT. Gerald Lembke, Professor für digitale Medien an der Hochschule Mannheim,  hat unlängst in einem Vortrag auf einem Symposium zum Thema Handschreiben über die Risiken einer zu digital geprägten Bildung gesprochen. „Eine Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter“, meinte er – gerade weil die digitale Technik so kulturprägend geworden sei. „Da die Geräte aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sind, müssen wir darauf achten, sie als Instrumente einzusetzen, als Mittel zum Zweck, um ein Ziel zu erreichen. Dann machen sie Sinn“, so meinte Lembke auf dem Wissenschaftler- und Expertentreffen, das das Schreibmotorik Institut und die TU Darmstadt gemeinsam veranstalteten. „Aber lebensbestimmend dürfen sie nicht sein. Wir müssen die Digitalität beherrschen und nicht umgekehrt. Wir dürfen unsere bewährten Kulturtechniken nicht einfach so aufgeben – bloß der Faszination für das nächste digitale Gadget.“ Es gehe darum, so betonte der Wissenschaftler, einen „achtsamen und  verantwortungsvollen Umgang mit der Digitalität zu finden“.

Für den Unterricht bedeute das: „Je später die Kinder und Jugendlichen mit digitalen Medien konfrontiert werden, umso besser ist es für sie und umso besser entwickeln sie die Kompetenzen für den Umgang mit Digitalität später, die unausweichlich sind. Wenn ein Kind aber nicht rechnen kann, wird es auch Logik und Algorithmen in der Informatik nicht verstehen können“.

17 Kommentare

  1. Richtige Lego-Bausteine in einer Grundschule würden auch Kompetenzen fördern und Kinderaugen leuchten lassen, aber sie wären billiger und würden nach mehr als 2 Jahren noch funktionieren, weil sie weder Akkus noch Schnittstellen brauchen.

    • … vorausgesetzt Sie steigen nicht auf den programmierbaren WeDo-Zug auf. Den Schwund bei LEGO-Steinen muss man natürlich beachten. Vielleicht reicht in der Grundschule auch DUPLO.

  2. Pälzer, das haben wir.

  3. XXX, Sie ….. soll ich Ihnen mal ein Bild von einer Legostadt zeigen , die wir in 3 Tagen mit der ganzen Schule nach Bauplänen aufgebaut haben? Füllt ein ganzes Klassenzimmer einschließlich Zug, der durchfährt.

    • Immer her damit. Es gibt ja genügend Möglichkeiten, Bilder kostenlos hochzuladen und den Link hier zu veröffentlichen. Die Verpixelung der Kinder und anderer Identifizierungsmöglichkeiten müssen Sie aber vornehmen.

      LEGO ist das in meinen Augen beste Spielzeugsystem überhaupt — nicht nur für Kinder, auch für jung gebliebene Erwachsene wie mich ;-).

    • @mississippi
      Was? Das macht man in der Grundschule? Das wäre beinahe ein Grund für mich das doch noch einmal als Lehrer in einer Grundschule zu probieren.

  4. @ Mark Steiner
    Alle 2 Jahre gibt es das bei uns, ja. Die Kinder sind sehr gut darin.

    • @mississippi
      Ich finde das gut und ist das erste Mal, dass ich sowas höre. Wenn das dann noch weitergeht mit Mindstorms, dann ist das eine gute Grundlage.

      Ich stell mir das so vor, dass man mit normalen Lego anfängt, dann weiter zu Lego Technik geht, dann Mindstorms mit der Standard-GUI, SNAP! bis zur Programmierung mit C++ nutzt.

      Also im Prinzip könnte man das über die gesamte Schullaufbahn entwickeln. Es gibt nur ein Problem: Lego ist verdammt teuer.

  5. Wir haben gerade ein Lego-Mindstorms-Projekt in der dritten und vierten Klasse durchgeführt mit Unterstützung aus Universität und Industrie. Es war unglaublich wie die Kinder über Stunden hochmotiviert EV3 programmiert und durch eine Lego Marsmission geleitet haben. Bauen und Programmieren kombiniert ist sehr motovierend und gleichzeitig wurden neue mathematische Welten entdeckt. Für mich war es ein Freizeitvergnügen, da mein Chef zunächst skeptisch war. Nun hoffen wir auf Spender um eine AG enbieten zu können. Ich habe auf meine alten Tage noch viel dazugelernt. Definitiv gehören die neuen Medien in die Schule, doch ich bin mehr dafür, sie als AG oder Zusatz anzubieten, da viele Kinder vielleicht erstmal vernünftig lesen, schreiben und rechnen lernen sollten.

  6. Ich persönlich nutze in meinem Unterricht übrigens jeden Tag Laptop und Beamer (natürlich selbst gewartet) ebenso wie Tafel oder OHP. Synthesizer und Musikproduktion mit Cubase stehen gleichberechtigt neben Flügel und Akustikgitarre. Der Smartboard-Hype ist an meiner Schule übrigens vorbei, da inzwischen auch der letzte Kollege begriffen hat, dass die Teile überteuert und reparaturanfällig sind und außerdem ständig neu kalibriert werden müssen.

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