Werkstatt statt Hörsaal – Unternehmen buhlen um Studienabbrecher

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BERLIN/WIESBADEN/DÜSSELDORF. Immer mehr Schulabgänger zieht es an die Uni, in die Lehre gehen immer weniger. Das bedrohe die wirtschaftliche Entwicklung, warnen Unternehmen – und wenden sich an die Studenten.

Lieber was Praktisches, denken sich manche Studienabbrecher. Foto: Arbeitgeberverband Gesamtmetall / flickr / CC BY 2.0

Sekretariate bleiben unbesetzt, Erzieher fehlen und Unternehmen suchen nicht nur Personal, sondern auch Personaler: Der Fachkräftemangel könnte sich nach Analyse der Industrie- und Handelskammer weiter verschärfen. Beispiel Berlin: fehlten dort heute 120.000 Fachkräfte, könnten es in zwölf Jahren mit 235.000 fast doppelt so viele sein. Auffälligster Befund: Vor allem an Leuten mit Berufsausbildung mangelt es, weniger an Akademikern.

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«Es ist absolut kontraproduktiv, Jugendlichen zu suggerieren, ein Studium sei grundsätzlich höherwertiger als eine duale Ausbildung», kritisierte IHK-Präsidentin Beatrice Kramm. Es sei höchste Zeit für die Politik, gegenzusteuern. Die Kammer versuchte es auf ihre Weise: mit einer Messe für Studienabbrecher.

Denn während die Hörsäle der Hochschulen überfüllt sind, gibt es immer weniger Lehrlinge – obwohl Berlins Einwohnerzahl seit Jahren steigt. Im vergangenen Jahr wurden in der Hauptstadt noch 15.500 Lehrverträge geschlossen, 1,6 Prozent weniger als im Vorjahr, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte. Die Zahl der Auszubildenden sank um ein halbes Prozent auf 38.400.

Studienaussteiger sind begehrt

Während 2017 bundesweit erstmals seit Jahren wieder etwas mehr junge Frauen und Männer eine Lehre begannen, setzt sich damit der Abwärtstrend in Berlin fort: Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich laut Amt für Statistik die Zahl der Auszubildenden nahezu halbiert. Dafür waren im Wintersemester gut 187.000 Studenten an Berlins öffentlichen Hochschulen eingeschrieben. Das waren rund 60.000 mehr als zwei Jahrzehnte zuvor.

Gut jedes zweite Berliner Unternehmen bemühe sich um Studienaussteiger, sagte IHK-Bildungsgeschäftsführer Thilo Pahl. Denn viele Studenten brächen ihr Studium ab, weil sie lieber etwas Praktisches machen möchten. «Das zeigt uns, dass die berufliche Orientierung gerade an Gymnasien noch ausgebaut werden muss.»

Beispiel NRW: Die Zahl der Auszubildenden in Nordrhein-Westfalen ist im vergangenen Jahr leicht zurückgegangen, es wurden aber mehr neue Lehrverträge abgeschlossen. Wie das Statistische Bundesamt aktuell auf der Basis vorläufiger Zahlen mitteilte, sank die Zahl der Auszubildenden NRW-weit zum Jahresende 2017 um 0,1 Prozent auf 296.900. Dem habe jedoch ein Anstieg bei den neu abgeschlossenen Verträgen um 1,2 Prozent auf 115.300 gegenübergestanden.

Als Grund für den Rückgang gelten das hohe Interesse an einem Studium und die tendenziell schrumpfenden Jahrgänge im Zuge des demografischen Wandels. Als Ursache für den aktuellen Zuwachs bei Neuverträgen vermuten Statistiker die Ausbildung von Flüchtlingen. Belegen lasse sich dies aber noch nicht, betonen sie.

Die Unternehmen müssen aktiv werden

Noch in den 1980er Jahren hatte die Zahl der Auszubildenden in NRW mit damals mehr als 460.000 nach Angaben von IT.NRW einen Höchststand erreicht und war dann auf zuletzt 297.219 Ende 2016 gesunken.

Aus Sicht der Gewerkschaften müssen sich nicht nur die Politik, sondern auch die Unternehmen bewegen: Sie kritisieren seit Jahren die Ausbildungsqualität, in dem sie etwa Überstunden, Pläne und die Abstimmung mit den Berufsschulen bemängeln.

Bundesweit hatten im vergangenen Jahr erstmals seit 2012 wieder mehr junge Menschen eine Ausbildung in Deutschland begonnen. 2017 schlossen rund 514.900 junge Menschen einen neuen Lehrvertrag ab, das war ein kleines Plus von 1,0 Prozent gemessen am Jahr 2016. Damit verbinden sich Hoffnungen auf ein Ende eines jahrelanger Abwärtstrends bei der Ausbildung, der in vielen Branchen die Sorge vor Fachkräftemangel verstärkt hatte.  dpa

Kontroverse: Sind berufliche und akademische Ausbildung gleichwertig?

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2 KOMMENTARE

  1. Es wäre wesentlich produktiver für die Schulabgänger, Schulen, Hochschulen und Unternehmen, wenn die Studienabbrecherquote zurückgefahren werden würde. Das geht am besten mit einer echten Studierbefähigung zum Abitur, was nur mit einer massiven Niveauerhöhung in der Sek II leistbar ist. Dann würden viele der heutigen Studenten schon zu Schulzeiten einsehen, dass sie ein Studium nicht schaffen würden. Außerdem würden die vielen, vielen Absolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften eine Ausbildung mit Aussicht auf Festanstellung beginnen. Das ist bei Geistes- und Sozialwissenschaften nur selten der Fall.

    • Und? – Steigt hat die Ausbildungsabbrecherquote. Im Grunde ist das nichts Anderes als das Prinzip der “kommunistischen” Röhren.

      Solange die meisten Schulabgänger nicht wissen, was sie wollen, spielt es doch gar keine Rolle, ob sie das für sie falsche Studienfach oder den falschen Ausbildungsberuf erlernen.

      Ausbildung könnte gelingen, wenn der unsägliche Einfluss der Kammern mit ihnen verschwinden würde.

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