Die Verzweiflung über den Lehrermangel wächst: Bundesländer werben sich gegenseitig die Kandidaten ab

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DRESDEN. Der Lehrermangel in Deutschland treibt immer mehr Blüten. In Sachsen, wo bereits im vergangenen Jahr die meisten freien Stellen (60 Prozent) mit pädagogisch nicht ausgebildeten Seiteneinsteigern besetzt werden mussten, ist aktuell die Not so groß, dass dort auch unkonventionelle Wege beschritten werden. Das sächsische Kultusministerium veranstaltete PR-Aktionen in Baden-Württemberg und ließ dort sogar einen Bürgermeister aus der Oberlausitz auftreten, um für die Vorzüge seiner Heimat zu werben. Und die sächsische FDP fordert nun, gezielt solche Vertretungslehrer anzusprechen, die von der Praxis mancher Bundesländer betroffen sind, die Sommerferien von den Vertragslaufzeiten auszunehmen. Dies berichten mehrere Medien übereinstimmend.

Die Bundesländer überbieten sich derzeit im Werben um Lehrkräfte. Illustration: Shutterstock

„Wir glauben kaum, dass viele nach Sachsen wechseln“, so heißt es laut „taz“ beim baden-württembergischen Kultusministerium beschwichtigend. Dennoch stoße die sächsische PR-Aktion in Stuttgart auf Unmut, so heißt es. Es gibt nämlich eine Vereinbarung zwischen den Bundesländern, sich gegenseitig keine Lehrkräfte abzuwerben. In Zeiten des sich auswachsenden Lehrermangels halten sich aber offenbar immer weniger daran: Berlin beispielsweise warb während der Buchmesse mit einem riesigen Plakat am Frankfurter Hauptbahnhof um Grundschullehrkräfte. Und das sächsische Kultusministerium veranstaltete dem Bericht zufolge nun sogar Anwerbeaktionen in Stuttgart, Freiburg und Karlsruhe, um Lehrer in den Freistaat zu locken.

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Um die PR-Veranstaltungen möglichst verbindlich zu gestalten, war eigens ein sächsischer Bürgermeister, nämlich Markus Weise aus dem 3.400-Einwohner-Städtchen Bernstadt auf dem Eigen, aufgeboten worden. Ob er erfolgreich war, weiß er zwar noch nicht. Aber: „Selbst wenn sich niemand dafür entscheidet, nach Bernstadt auf dem Eigen zu ziehen, konnte ich immerhin zeigen, wie hoch die Lebensqualität in der Oberlausitz ist“, sagt er der „taz“ zufolge. Er konnte die Kandidaten auch mit günstigen Mieten und Grundstückspreise sowie genügend Kita-Plätzen locken.

Bestbezahlte Referendare

Sachsen versucht mit allen Mitteln, Lehrernachwuchs insbesondere für dörfliche Schulstandorte zu gewinnen. Unlängst beschloss der Freistaat, Referendaren künftig bis zu 1000 Euro Zulage zusätzlich zu ihrem Gehalt zu zahlen, wenn sie ihren Anwärter-Dienst im ländlichen Raum absolvieren. Wer ihn bekommt, gehört dann laut sächsischen Kultusministerium mit maximal fast 2.500 Euro brutto zu den bestbezahlten Referendaren in Deutschland. Erst im März hatte die scharz-roten Landesregierung  ein 1,7-Milliarden-Euro-Paket beschlossen, um mehr Lehrkräfte für den sächsischen Schuldienst zu gewinnen – inklusive der Verbeamtung, die es zuvor für Lehrerinnen und Lehrer in Sachsen nicht gegeben hatte, und einer Höhergruppierung von Grundschullehrkräften.

Jetzt kommt ein neuer Vorstoß von der FDP – und auch der dürfte für Unmut in Baden-Württemberg sorgen. Dort ist die Zahl der Jung- und Vertretungslehrer, die während der Sommerferien in die Arbeitslosigkeit geschickt werden, besonders hoch. Und genau diese Klientel nimmt der sächsische FDP-Chef Holger Zastrow in den Blick. „Während Lehrkräfte anderswo vorübergehend in die Arbeitslosigkeit rutschen, können wir in Sachsen langfristige Sicherheit bieten”, so sagt er einem Bericht von „tag 24“ zufolge. Im Freistaat gebe es für sie unbefristete Verträge, ein mittlerweile ansprechendes Vergütungsniveau mit Option auf Verbeamtung und ein vergleichsweise gutes Klima an den Schulen.

Zastrow kann sicher sein: Die umworbene Zielgruppe wird das zu schätzen wissen. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

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6 KOMMENTARE

  1. Es ist schlecht, das Problem des Lehrermangels lösen zu wollen, indem man Lehrer aus anderen Bundesländern abwirbt. Was wird denn besser dadurch, dass dann in Stuttgart statt n Dresden die Lehrer fehlen? Fehlen dann keine Lehrer mehr in Deutschland?

    Ähnliches erleben wir aber doch auch, wenn Bundesgesundheitsminister Spahn den Mangel bei den Pflegekräften beseitigen will, indem er vermehr Pflegekräfte aus den Balkanländern nach Deutschland holen will. Dann fehlen diese Leute aber dort. Was wird besser dadurch?

  2. Warum müssen Menschen aus anderen Ländern abgeworben werden, die dann dort fehlen? Warum können unter rund 2.000.000 Arbeitslosen keine 13.000 gefunden werden, die man zu Pflegekräften ausbildet? (13.000 neue Stellen wollte doch Jens Spahn schaffen, 5.000 sogar kurzfristig) Das sind keine 2 Prozent der Arbeitslosen.

  3. Die Verzweiflung über den Lehrermangel wächst offenbar nicht genug oder an an den falschen Stellen. Dass die 18-Punkte-Pläne, oder wie sie auch heißen, nicht ausreichen werden, genügend Personal für den Unterricht zu bekommen, war Lehrkräften längst klar. Eine Verbesserung der beruflichen Situation ist zudem weder in Sicht noch im Gespräch.
    Ausbaden müssen es nun diejenigen, die die Schule täglich besuchen, im Anschluss die Gesellschaft.
    Wenn die, die als ausgebildete Lehrkräfte in Politik abgewandert sind, zurück in die Schule beordert werden, um dort auszuhelfen, DANN wird die Verzweiflung wachsen!

  4. So funktioniert eben Marktwirtschaft – you get what you pay for.
    Bildung ist eben in erster Linie eine Frage des Geldes.

    • und der Arbeitsbedingungen. Beides ist länderübergreifend aber ähnlich überschaubar. Verbeamtung und Schülerklientel machen viel mehr aus.

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