Lehrermangel: Nach den Sommerferien droht ein neuer Höhepunkt – Verband warnt vor sich abzeichnendem Chaos

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BERLIN. Der Lehrermangel in Deutschland wird immer gravierender – Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, bezweifelt angesichts der prekären Personalsituation, dass nach den Sommerferien „überall ein geordneter Schulbetrieb beginnt“, wie er in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung erklärte. „Schon im laufenden Schuljahr waren zum Beispiel bis zu 80 Prozent der neu eingestellten Grundschullehrer in Sachsen und Berlin Quereinsteiger ohne Lehramtsausbildung. So wird es in diesem Spätsommer weitergehen“, sagte Meidinger. So schlägt heute auch die Berliner GEW Alarm.

Pension und Einstand in einem? Der drohende Lehrermangel zwingt die Schulpolitik zu kreativen Lösungen. Vorausschauende Planung sieht anders aus. Foto: Monterey Public Library / flickr (CC BY 2.0)
Pension und Einstand in einem? Der Lehrermangel zwingt die Schulpolitik offenbar zu kreativen Lösungen. Foto: Monterey Public Library / flickr (CC BY 2.0)

Studenten und Pensionäre zurück ins Klassenzimmer? Die Bildungsgewerkschaft GEW glaubt nicht, dass sich damit der Lehrermangel in Berlin beheben lässt. Nur wenige ältere Kollegen würden einen Zuschlag auf die Besoldung dem wohlverdienten Ruhestand vorziehen, erklärte die GEW am heutigen Dienstag. Und auch heute sei es schon möglich, Studenten einzustellen. Zum neuen Schuljahr könnten deshalb in der Bundeshauptstadt so viele Lehrerstellen unbesetzt bleiben wie noch nie. Von 3000 freien Stellen waren Mitte Juni 1750 besetzt. Wie groß die Lücke schließlich sein wird, ist offen. Da zu wenige Studenten von den Hochschulen kommen und eine Aufstockung der Kapazitäten erst später wirkt, setzt Berlin auf Quereinsteiger.

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Lehramtsstudenten sollen zudem an Schulen aushelfen. In der Kultusministerkonferenz will Berlin auch diskutieren, Lehrer mit nur einem Fach zuzulassen. Bisher müssen Lehrer zwei Fächer unterrichten. Geprüft wird, auch abgeordnete Lehrer an Hochschulen, Museen oder Projekten zurück an die Schulen zu holen. Die Gewerkschaft hält davon nichts, Lehrkräfte an Hochschulen seien wichtig für eine hochwertige Ausbildung. Die Politik habe die Signale für den drohenden Mangel an Lehrern, Erziehern und Sozialpädagogen jahrelang ignoriert, kritisierte die GEW. Sie fordert, Lehrer zu entlasten, indem Verwaltungskräfte nicht nur Schulleitern, sondern auch Lehrern helfen. Sie könnten etwa Fehlzeiten von Schülern oder Konten für Ausflüge verwalten. Auch Ergotherapeuten, Sprachlernassistenten oder Pflegekräfte könnten wichtige Beiträge leisten. Allerdings: Die Gewerkschaft lehnt angebliche Pläne der Senatsbildungsverwaltung, Lehrkräftestunden dauerhaft in Stunden für Nicht-Lehrkräfte umzuwandeln, „vehement“ ab, wie es hieß.

„Wir wehren uns gegen strukturelle Verschlechterungen der Qualität, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen“,  sagte der GEW-Landesvorsitzender Tom Erdmann. Auch das angebliche Vorhaben der Senatsverwaltung, bei fehlendem Personal Stunden für Sprach- und sonderpädagogische Förderung ausfallen zu lassen, kritisierte er scharf. Erdmann: „Diese Kürzungen gehen zu Lasten der Schwächsten in unserem Bildungssystem. Wir dürfen jetzt nicht die Axt an die Inklusion legen.“

In einem Positionspapier zum Umgang mit dem Fachkräftemangel macht sich die GEW für eine Öffnung des Quereinstiegs unabhängig von der Studienrichtung stark. „Dies können auch Hochschulabschlüsse in Erziehungswissenschaften, Kindheitspädagogik, Psychologie, Pädagogik oder Englisch sein. Die Bewerberinnen und Bewerber müssen allerdings mindestens ein geeignetes Fach nachweisen können und berufsbegleitend ein Mangelfach studieren“, sagte Erdmann.

Mittelfristig werde der Fachkräftemangel aber nur behoben werden können, wenn die Arbeitszufriedenheit des Schulpersonals steige. „Zufriedene Pädagoginnen und Pädagogen sind gesünder. Deshalb brauchen wir ein betriebliches Gesundheitsmanagement“, so Erdmann. Darüber hinaus fordert die GEW eine aktive Personalsteuerung: „Während einige Schulen noch immer eine Bestenauswahl treffen, schaffen es Schulen in sozial benachteiligten Lagen kaum noch, ihre offenen Stellen zu besetzen“, erläuterte Erdmann. „Die Kollegien an diesen Schulen sind ohnehin besonders belastet. Die Senatsverwaltung muss den Mangel an Lehrkräften und die Verantwortung für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger daher auf alle Schulen gerecht verteilen.“

Meidinger: “Am falschen Ende gespart”

Auch Lehrerverbands-Präsident Meidinger glaubt nicht, dass mit den bereits ergriffenen Maßnahmen – etwa einer finanziellen Höhergruppierung von Grundschullehrkräften auf A13 / E13 – der Lehrermangel beheben lässt. „5300 Euro klingen gut – brutto wohlgemerkt. Aber klar ist auch, Berlin lockt mit dem Höchstsatz, aber dann ist auch Endstation. Und nicht nur das Gehalt entscheidet“, betont er. „Jetzt rächt sich, dass Berlin seine Schulen verlottern ließ und durch die Abschaffung des Beamtenstatus am falschen Ende gespart hat. Auch die Rahmenbedingungen sind miserabel, was Bewerber abschreckt. In manchen Bezirken sind beispielsweise die Klassen mit bis zu 100 Prozent mit Migrantenkindern besetzt. Das macht die Arbeit von Lehrkräften sehr schwer.“

Meidinger zur Lage bundesweit: „Wir haben massiven Lehrermangel, und dies trifft besonders hart Grund-, Förder- und Berufsschulen. Da hilft es wenig, dass halb fertige Lehramtsstudenten und Quereinsteiger einspringen. Es müssen nur Pädagogen wegen Krankheit oder Elternzeit ausfallen, dann bricht das Kartenhaus zusammen.“ News4teachers / mit Material der dpa

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6 KOMMENTARE

  1. Ich musste herzlich lachen, dass es im Artikel so klingt, als würden sich die Regierungen wundern, dass zur Ruhe gesetzte Lehrer nicht bereit sind für einen Boni weiter zu arbeiten.
    In welcher Welt leben die denn? Die Belastungen im Lehrerberuf sind so hoch, dass bei uns locker 3/4 der Kollegen in den letzten Jahren vor dem Ruhestand dauerhaft erkrankt und nun ein psychisches Wrack sind. Alles was noch auf den Beinen stehen kann, wird verheizt bei gleichzeitig fehlenden Handlungsmöglichkeiten und voller Schulzuweisung.

    Welcher Kollege, der gesund den Ruhestand erreicht, würde freiwillig auch nur ein Jahr länger unterrichten, in einer Zeit, in der Berufseinsteiger schon ihre Berufswahl bereuen????

    • Das sind genau die Gründe, warum ich hier so vehement dafür werbe, dass wir Lehrer jetzt erstmal keine weiteren Geldausschüttungen (Gehalt) brauchen, sondern massive Entlastungen im Berufsalltag, was leider genauso vehement von einer kleinen, vor allem Grundschullehrergruppe hier bestritten wird (ysnp, Palim, missis. u.a.).

      • Dass Sie so vehement gegen eine Gehaltserhöhung für GS-Lehrer werben, liegt sicherlich weniger an einer Entlastung als an der klassischen Neidhaltung der SEK1/SEK2-Lehrer gegenüber den GS-Lehrern…

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