Medienstudie: Kinder wachsen selbstverständlich in die Digitalisierung hinein

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STUTGART. Kinder verstehen digitale und analoge Medien nicht als Gegensatz und sind in der Lage analoge und digitale Freizeitaktivitäten exzellent zu managen. Diesen Schluss ziehen sechs deutsche Zeitschriftenverlage als Auftraggeber der Kindermedienstudie 2018. Doch die Studie zeigt auch: Mit dem Alter steigt die Digitalisierung der kindlichen Lebenswelt und Eltern kontrollieren nur wenig.

Die heutige Welt ist digital geprägt. In den Kinderzimmern ist die Digitalisierung längst angekommen. Wie die Schule Schritt halten soll, ist zum Teil heftig umstritten. Doch das Bild von Smartphone-Junkies, die nur noch durch die Schule ns Analoge gezwungen werden, geht an der Wirklichkeit vorbei. Die Medienwelt von Kindern und Jugendlichen ist um einiges komplexer.

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Kinder gehen mit der Digitalisierung ihres Alltags souverän um und halten die Balance zwischen analoger und digitaler Beschäftigung. So lautet ein zentrales Fazit der Kindermedienstudie 2018 von sechs Zeitschriftenverlagen (Blue Ocean Entertainment AG, Egmont Ehapa Media GmbH, Gruner + Jahr, Panini Verlags GmbH, SPIEGEL-Verlag und ZEIT Verlag). Gleichwohl zeigt die Studie: Je älter die Kinder sind, desto wichtiger werden digitale Endgeräte. Insgesamt wurden 3.300 Haushalte mit Kindern im Alter von vier bis 13 Jahren in Doppel-Interviews mit ihren Erziehungsberechtigten befragt.

Auch das Fernsehen hat in der Medienwelt von Kindern noch nicht ausgedient. Foto: mojzagrebinfo /pixabay (CC0) (Ausschnitt)
Auch das Fernsehen hat in der Medienwelt von Kindern noch nicht ausgedient. Foto: mojzagrebinfo / pixabay (CC0) (Ausschnitt)

Kinder unterschieden in ihrer Freizeitgestaltung nicht mehr zwischen digitalen und analogen Aktivitäten, es gelte ein „sowohl als auch“. So hätten Aktivitäten wie „mit Freunden zusammen sein“ (89 Prozent) oder „im Freien spielen“ (81Prozent) im Durchschnitt über alle Altersklassen hinweg eine hohe Bedeutung. Mit zunehmendem Alter werde das digitale Spielerlebnis immer relevanter. 71 Prozent der 13-Jährigen spielten mehrmals wöchentlich auf Tablet, Smartphone oder Computer, gegenüber 7 Prozent bei den Vierjährigen.

Ob dieser Befund dem Einflusse der Eltern entspringt, ließ die Studie offen. Auf der Wunschliste der vier bis 13-jährigen stehen digitale Endgeräte oben. Für 41 Prozent der Kinder ist ein Handy oder Smartphone Wunschobjekt Nr. 1. In der Summe hielten sich aber digitale und klassische Wünsche die Waage, so die Studie. Beispielsweise wünschten sich 25 Prozent der Vier-bis 13-Jährigen Gesellschaftsspiele.

Medienwächter für striktes Handyverbot an Schulen

Mit zunehmendem Alter würden auch die Kinderzimmer zunehmend digitaler, Hard- und Software ergänzten die Ausstattung und ab 13 Jahren ersetzen elektronische Endgeräte eine Vielzahl an traditionellem Spielzeug. 96 Prozent der Mädchen besäßen mit 13 Jahren zwar noch Kuscheltiere und 88 Prozent der Jungs hielten an Spielkästen fest. Doch 92 Prozent der 13-jährigen Mädchen und Jungen verfügten bereits über ein Smartphone, 55 Prozent über einen Computer und 26 Prozent über ein Tablet. Ab dem Alter von neun Jahren besitzt jedes zweite Kind bereits ein Handy oder Smartphone.

In ihrer Kommunikation sind „alte Medien“ bei den Jugendlichen nicht zur Gänze verdrängt. Soziale Medien werden insbesondere ab 10 Jahren relevant. Knapp Dreiviertel (74 Prozent ) der 13-jährigen nutzten den Messengerdienst Whattsapp, rund ein Drittel Facebook. 97 Prozent aller befragten Kinder nutzten ihre Kommunikationskanäle aber auch wenigstens „ab und zu“ zum Telefonieren. Rund die Hälfte (49 Prozent) der Zehn- bis 13-jährigen gaben an, auch weiterhin noch gern den Stift in die Hand zu nehmen, um Grüße per Post zu verschicken. Bei den Jüngeren waren dies 43 Prozent, wobei lediglich 42 Prozent in dieser Altersgruppe überhaupt digitale Textnachrichten verschickten.

Studie: Digitale Medien führen bei kleinen Kindern zu Verhaltensaufälligkeiten

Bei der Mediennutzung der Kinder hat Papier offenbar ebenfalls nicht ausgedient. 70 Prozent der Kinder lesen mehrmals pro Woche Bücher oder Zeitschriften. Elektronische Endgeräte und Lesemedien spielten über alle Altersgruppen hinweg keine Rolle, so die Autoren der Studie. Anders stehe es um die Radio und TV-Nutzung: Kostenpflichtigen Streamingdiesnte würden mit zunehmendem Alter ebenso interessanter, wie kostenlose Videodienste. 35 Prozent der 13-Jährigen zum Beispiel griffen mehrmals pro Woche auf YouTube, Vimeo oder andere kostenlose Videodienste zurück, wenn es um Filme, Serien oder Fernsehsendungen ging. 87 Prozent der Kinder schauten auch noch mehrmals pro Woche Filme, Serien oder Fernsehsendungen linear. Vor allem bei den ganz jungen Kindern stünden klassische Zuhör-Medien noch hoch im Kurs: 60 Prozent der Vierjährigen hörten Musik, Hörspiele oder Hörbücher mehrmals pro Woche auf CD.

Viele Kinder werden in ihrer Mediennutzung kaum von ihren Eltern kontrolliert. 39 Prozent der Kinder im Alter zwischen sechs und 13 Jahren durften ohne Aufsicht online gehen, von den Zenh- bis 13 Jährigen waren es gar fast Zweidrittel (62 Prozent). 24 Prozent der Kinder können überdies selbst bestimme, welche Apps sie benutzen.

Laut den Studienautoren belegten die Aussagen der Kinder auch, dass sie sich der Chancen und Risiken des Internets durchaus bewusst seien. Es kenne alle Geheimnisse, wisse Antwort auf jede Frage und stelle alle Musik der Welt bereit, berichten etwa schon Achtjährige, die außerdem das Internet wie ein Buch, „nur dass es eben auf einem Bildschirm ist“ charakterisierten. Gleichzeitig würden den Kindern schon früh die negativen Auswirkungen des Internets bewusst, wie etwa die Aussage eines Sechsjährigen zeige, denn der „Papa sitzt stundenlang drin und redet nicht mit uns“. (zab, pm)

• Präsentation zur Kindermedienstudie 2018 (pdf)

Jugendliche in der digitalisierten (Medien)Welt – Schule und Eltern sind gefragt

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1 KOMMENTAR

  1. Dann kann Schule ja einen Gegenpol bieten und die analoge Welt betonen. Je universeller das getan wird, desto besser können die Kinder auf die sich wandelnde digitale Welt reagieren. Das widerstrebt aber dem aktuellen Zeitgeist.

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