Jugendliche in der digitalisierten (Medien)Welt – Schule und Eltern sind gefragt

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HANNOVER. Digitale Medien prägen den außerschulischen Alltag von Jugendlichen heute bereits ab dem sechsten Lebensjahr. Medienkompetenzförderung ist dementsprechend eine der häufigsten Forderungen an die Schule, die sich allerdings selbst schwer tut, mit der digitalen Entwicklung Schritt zu halten. Funktionierende Konzepte zur Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten sind nach wie vor Mangelware. Wie sich die Entwicklung auf die Familien niederschlägt und was sich Eltern erwarten, hat eine aktuelle Umfrage ermittelt.

Die Schule als ein Organismus, gemeinsam gestaltet von Eltern, Lehrern und Schülern: Eher selten ist dieser Gedanke im Bewusstsein der Beteiligten wirklich verankert. Aber nicht nur, aber vielleicht besonders deutlich an Brennpunktschulen zeigt sich, was geschieht, wenn die Schule auf die Mitarbeit der Elternhäuser verzichten muss. Ohne Eltern geht es nicht. Auf kaum einem Gebiet wird dieser Zusammenhang so deutlich, wie im Bereich der Medienkompetenzförderung.

Es geht nicht mehr ohne. Schon früh wird der Alltag von Jugendlichen heute durch digitale Medien geprägt. Viele Eltern sehen darin auch Chancen. Foto: natureaddict / pixabay (CC0)
Es geht nicht mehr ohne. Schon früh wird der Alltag von Jugendlichen heute durch digitale Medien geprägt. Viele Eltern sehen darin auch Chancen. Foto: natureaddict / pixabay (CC0)
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Digitale Medien durchziehen bereits heute den Alltag von Kindern und Jugendlichen. Gilt dies noch immer vor allem für die Zeit außerhalb der Schule, bemühen sich Schulpolitiker allerorten intensiv, auch die Schule selbst zu digitalisieren. Die Dynamik der Medien selbst hat dabei eine ungeahnte Geschwindigkeit angenommen, kaum mehr vergleichbar mit den Zeiten, als Fernsehen das Leitmedium war.

Kinder wachsen heute als „Digital Natives“ in einer medial geprägten Lebenswelt auf. Informationen, Unterhaltungsangebote und Kommunikation sind unabhängig von Ort und Zeit allzeit einfacher verfügbar. Längst zählt der Umgang mit Smartphone & Co. für Heranwachsende – ebenso wie Lesen, Rechnen und Schreiben – zu den Alltagsqualifikationen und zu Schlüsselqualifikationen für das spätere Berufsleben.

In Deutschland verfügen heutzutage praktisch alle Jugendlichen im Alter von zwölf bis 19 Jahren über ein Smartphone, hat etwa JIM-Studie 2017 (Jugend, Information, Multi-Media) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (mpfs) ergeben. Rund dreieinhalb Stunden täglich nutzen sie es jeden Tag aktiv.

Auch bei den jüngeren nimmt die Internetnutzung stetig zu. Von den Sechs- bis Siebenjährigeährigen nutzen bereits zu 35 Prozent, regelmäßig das Internet, bei den zehn bis elfjährigen sind es gar schon 79 Prozent. 77 Prozent der 6- bis 13-Jährigen nutzen laut der mpfs das Handy oder Smartphone. „Spielende Kinder im Freien sind inzwischen ein seltener Anblick“, formuliert zugespitzt die Kaufmännische Krankenkasse Hannover im Rahmen einer Elternbefragung zum Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen.

Weniger zugespitzt fasst auch Prof. Gerald Lembke, Präsident des Bundesverbands Medien und Marketing, ähnlich Sorgen zusammen. Mehr und mehr verlören Jugendliche heute die sie umgebende Umwelt aus dem Blick. Damit würden „originäre Kulturtechniken wie das persönliche Aufeinanderzugehen in realen Welten für immer mehr Jugendliche schwieriger, weil diese Zeit durch die virtuelle Kommunikation substituiert wird“, so Lembke.

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Angesichts dieser Entwicklung nimmt es kaum Wunder, das Experten davor warnen, dass auf die Schulen ein Kulturwandel ungeahnten Ausmaßes zurollt, mit dem sich auch Eltern bereits auseinandersetzen müssen. Rund 58 Prozent der Bundesbürger ermittelte 2017 das Ipsos-Institut, sind der Ansicht, dass elektronische Medien die Kindesentwicklung künftig stärker beeinflussen werden als Schule und Eltern.

Aus besagter KKH-Umfrage lassen sich indes einige Rückschlüsse ziehen, wie sich die veränderte Lebenswirklichkeit von Jugendlichen auf die Haushalte niederschlägt. Die Veröffentlichung zeigt ein überraschend differenziertes Bild.

Fast alle Eltern sind der Meinung, dass ihr Kind ein eigenes Smartphone besitzen sollte (98 Prozent). Für 59 Prozent der Befragten liegt das ideale Einstiegsalter zwischen sechs und 13 Jahren. Mehr als jedem Dritten (38 Prozent) ist das allerdings zu früh.

Für die deutliche Mehrheit (78 Prozent) der Befragten bildet allerdings der Medienkonsum ihrer Kinder einen Streitpunkt in der Familie. Sieben von zehn Müttern und Vätern ist die Nutzungsdauer deutlich zu hoch. Auf Platz zwei der Streitpunkte folgt die Vernachlässigung der Schulaufgaben wegen Smartphone, PC und Tablet.

Grundsätzlich sind Dreiviertel der Eltern überzeugt zu wissen, wie ihr Kind Medien nutzt beziehungsweise mit diesen umgeht. In fast ebenso vielen Haushalten (72 Prozent) gibt es Regeln zur Mediennutzung. Diese beziehen sich meist auf zeitliche Faktoren. Nur jeder Dritte kontrolliert auch die Inhalte, die der Nachwuchs sich zu Gemüte führt. Technische Lösungen wie Kindersicherungen kommen noch seltener zum Einsatz.

Der Kontrollaufwand der Eltern geht dabei mit zunehmenden Alter ihrer Sprösslinge zurück. Während für 93 Prozent der Kinder im Grundschulalter Regeln zur Mediennutzung existieren, ist dies bei 11- bis 14-Jährigen in 81 Prozent und bei 15- bis 18-Jährigen nur noch in 41 Prozent der Fall.

Nach den Risiken befragt, stand für jüngere Befragte (bis 25 Jahre) der Kontakt mit missliebigen Inhalten sowie die Gefahr von Mobbing im Mittelpunkt. Mit höherem Alter fürchten die Eltern zunehmend um die Konzentrationsfähigkeit ihrer Kinder. Eltern über 45 sorgen sich besonders um die Suchtpotentiale der Medien.

Trotz dieser Sorge sind etwas mehr als die Hälfte der Eltern (62 Prozent der Väter und 49 Prozent der Mütter) davon überzeugt, dass Smartphone, Tablet und Co. hilfreich sind, Lernprozesse anzuregen, technische Kenntnisse nebst kommunikativen und kreativen Fähigkeiten zu entwickeln, die Meinungsbildung voranzutreiben, zur Identitätsfindung beizutragen und auch soziale Kontakte zu Gleichaltrigen über Social Media zu pflegen. Nur 23 Prozent der Befragten beurteilen die Tatsache, dass Medien den Alltag ihres Kindes durchdringen, explizit als kritisch.

In Sachen Medienkompetenz denkt rund ein Drittel der Befragten zuerst an die Schule. Die Hauptverantwortung sehen sie zu 86 Prozent bei sich selbst. Jeder fünfte setzen darauf, dass Freunde und ältere Geschwister ihre Kinder beim Erlernen eines verantwortungsvollen Umgangs mit dem Smartphone unterstützen. Ebenso hoch (21 Prozent) ist der Anteil derjenigen, die auf Learning bei Doing setzen.

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Legen die Eltern mithin eine gewisse Gelassenheit an den Tag, wünschen sich doch die meisten von ihnen mehr Unterstützung darin, wie sie ihre Kinder bei der Nutzung digitaler Medien fördern und schützen können. Neben Internetangeboten stehen dabei besonders Elternabende als Informationsquelle hoch im Kurs. Knapp die Eltern erhofft sich auf diesem Weg Beratung seitens der Schule.

Vielleicht liegt für Schulen hier ein Ansatzpunkt, die Zusammenarbeit mit den Eltern zu intensivieren. So könnten Lehrer etwa innerhalb des Klassenverbandes, Eltern bei Erstellung von Handynutzungsvereinbarungen unterstützen, die unterschiedliche Tiefe haben könnten. Beispielsweise könnten Eltern zumindest diejenigen jüngerer Jahrgänge dabei verabreden, auf den Mediennutzung beim gegenseitigen Besuch von Freunden zumindest zu achten. Wenn jedes dritte Elternhaus seinen Kindern erst ab 14 den Zugang zum Smartphone erlauben will, könnte schon eine derart vereinbarte Handy-Zurückhaltung der übrigen Kinder im schulischen Zusammenhang diese erzieherische Absicht erheblich unterstützen.

Auch wenn es stets auf die spezifischen Faktoren innerhalb einer Klassengemeinschaft und des Umfelds ankommt, liegt in der Elternarbeit möglicherweise ein Arbeitsfeld für Schulen, das erfolgversprechend ist, Kinder nachhaltig zu einem verantwortungsbewussten und sinnvollen Umgang mit den Möglichkeiten der digitalen Medien zu bewegen. Nicht an allen Stellen ist eine Digitalisierung des eigentlichen Unterrichts sinnhaft, zumal es auch in Zukunft einen hohen Aufwand bedeuten wird, die Schule auf der Höhe der rasanten Entwicklung der digitalen Medien und Technik bleiben soll.

Eine solche Transformation bzw. Gewichtsverschiebung der schulischen Medienkompetenzförderung ist nicht zum Nulltarif zu haben. Neben der Entwicklung entsprechender Konzepte bedarf es auch der angemessenen Fortbildung der Kollegen. Aber nicht nur die aktuelle Umfrage zeigt: Lehrer sind bereits Experten auf diesem Gebiet und die Schule genießt wie kaum eine Institution das Vertrauen der Eltern.

Die Ergebnisse beruhen auf einer Online-Befragung, die im Oktober 2017 bundesweit durchgeführt wurde. Hierfür wurden 1.005 Eltern mit mindestens einem Kind im Alter von sechs bis 18 Jahren im Haushalt zum Mediennutzungsverhalten ihres Nachwuchses befragt. (zab)

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2 KOMMENTARE

  1. Auch zu diesem Artikel passt das, was der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann (vgl. https://www.news4teachers.de/2017/12/philosoph-liessmann-es-geht-der-schulpolitik-nicht-um-bildung-sondern-nur-noch-um-effizienz/) zum Thema schreibt, sehr gut als Ergänzung.

    Zitate aus “Bildung als Provokation”:

    1. “Die aktuell forciert betriebene Digitalisierung von Schulen und Universitäten, die sich alles Heil von G e r ä t e n und nicht von Ideen erwartet, verhindert in großem Maßstab die Entwicklung jedes Interesses für die Literatur.” (S. 22/23)

    2. “Durch eine kompetenzversessene und technikgläubige Bildungspolitik jungen Menschen aber systematisch den Zugang zum Kontinent der Literatur zu verbauen, kann nur als ein Akt der Barbarei gewertet werden.” (S. 25)

    3. “Die Hoffnung, die Probleme von Schulen und Universitäten durch den Einsatz digitaler E n d g e r ä t e zu lösen, beflügelt zumindest die Märkte.” (S. 76)

    4. “Im digitalen Zeitalter bilden die Schulen in ihren Tablet-Klassen Kinder und Jugendliche nicht zu mündigen Bürgern, die den totalitären Versuchungen der Internet-Konzerne widerstehen könnten, sondern machen sie zu deren Agenten.” (S. 78)

    5. “Zu glauben, dass die Einführung digitaler E n d g e r ä t e in das Unterrichtsgeschehen auch zu einer pädagogischen Innovation in einem sozialen Sinn führen wird, könnte sich als trügerische Hoffnung erweisen. Nach Phasen einer technophilen Euphorie folgt im Bildungsbereich regelmäßig der Katzenjammer.” (S.99)

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