Trotz G9: Gymnasien verlieren an Zulauf (“wegen guter Beratung durch Lehrer”)

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KIEL. G9 treibt noch mehr Schüler in Schleswig-Holstein auf die Gymnasien – so lauteten skeptische Prognosen. Zumindest für das nächste Schuljahr sind sie nicht eingetreten. Die Gemeinschaftsschulen machen Boden gut. Ministerin Prien nennt mehrere Gründe.

Hat eine – unverbindliche – Schulwahlempfehlung in Klasse 4 wieder eingeführt: Karin Prien. Foto: Frank Peter / Landesregierung

Erstmals seit langem sinkt in Schleswig-Holstein die Zahl der neuen Schüler an den Gymnasien. Dorthin werden zum neuen Schuljahr 10.344 Fünftklässler wechseln und damit 5,7 Prozent weniger als im laufenden Schuljahr. Diese Zahlen erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus dem Bildungsministerium. Demnach gehen 44 Prozent des Jahrgangs ans Gymnasium, nach mehr als 46 Prozent im Vorjahr. Bildungsministerin Karin Prien (CDU) begründete die gesunkenen Anmeldezahlen für die 99 Gymnasien mit einer gut funktionierenden qualifizierten Beratung: Die Lehrer ermöglichten den Eltern damit eine realistische Einschätzung der Leistungen ihrer Kinder und viele Eltern ließen sich davon auch überzeugen.

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“Ich bin den Lehrern dankbar”

Es gibt auch wieder eine Schulartempfehlung seitens der Schule. «Die Eltern haben aber immer noch einen Spielraum und die freie Schulwahl gibt es ja nach wie vor», sagte Prien der dpa. «Ich bin den Lehrkräften ausdrücklich dankbar dafür, dass sie die Beratungsleistung wieder so beherzt angegangen sind, nachdem es jahrelang auch eine Verunsicherung gegeben hatte, ob überhaupt eine Empfehlung abzugeben war.»

4578 Schüler und damit 4,3 Prozent mehr Mädchen und Jungen lernen von August an auf einer Gemeinschaftsschule mit Oberstufe. Die Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe verbuchen ein Plus um 3,4 Prozent auf 8604. Damit wechseln insgesamt 23 526 Mädchen und Jungen auf eine weiterführende Schule, 156 weniger als im Vorjahr.

Mit der Rückkehr zum Gymnasium nach neun Jahren zum Schuljahr 2019/2020 waren Befürchtungen aufgekommen, dies könne einen weiteren Run auf die Gymnasien auslösen. Dies hat sich derzeit nun nicht bestätigt. Dazu hat aus Priens Sicht auch beigetragen, dass an den Grundschulen intensiver über die ganze Breite des Bildungssystems, über seine Durchlässigkeit und über die Möglichkeiten der dualen Ausbildung berichtet werde. Kinder und Jugendliche sollten nicht einseitig festgelegt werden auf einen Weg zu Gymnasium und Studium, sagte Prien. 2018 habe sich seit Jahren auch das erste Mal die Zahl der Ausbildungsverträge mit den Betrieben wieder erhöht, und zwar um 3,7 Prozent. «Das ist eine gute Nachricht im Blick auf den Fachkräftemangel.»

Die Anmeldungen zu den weiterführenden Schulen haben sich im Land regional sehr unterschiedlich entwickelt. So gab es im Kreis Plön, in Kiel und in Neumünster klar zweistellige Rückgänge bei den Gymnasien, in Schleswig-Flensburg und Steinburg dagegen sogar Zuwächse. «Das zeigt, dass die Eltern von ihrem Wahlrecht weiter munter Gebrauch machen», sagte die Ministerin. Eltern reagierten auch sehr aufmerksam, wenn sich eine Schule gerade einen besonders guten Ruf erarbeitet hat und eine andere schlechter beleumundet sei. Dies werde auch genau analysiert.

«Wir haben in Schleswig-Holstein ein wirklich stabiles Zwei-Säulen-System mit den Gymnasien und den Gemeinschaftsschulen», resümierte Prien. Auch die Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe hätten sich gut entwickelt. dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Gymnasien bevorzugt?

KIEL. Die SPD in Schleswig-Holstein hat Bildungsministerin Karin Prien (CDU) vorgeworfen, die Gymnasien bei der Förderung hochbegabter Schüler einseitig zu bevorzugen. «Von 25 zusätzlichen Stellen sollen 23 allein den Gymnasien zugute kommen und zwei dem Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen», sagte SPD-Bildungsexperte Martin Habersaat am Mittwoch in Kiel. Er forderte: «Es müssen alle Schulen entsprechende zusätzliche Unterstützung erhalten, also auch die Gemeinschaftsschulen.» Die SPD will im Mai im Landtag einen Antrag einbringen, dass alle Schularten zusätzliche Ressourcen zur Förderung von besonders begabten Schülern erhalten sollen.

Rund zwei Prozent der Schüler in Schleswig-Holstein seien hochbegabt und 20 Prozent hätten nach einem Bericht der früheren Landesregierung ein besonderes Leistungspotenzial, sagte Habersaat. Dies sind bei 370.000 Schülern an den öffentlichen Schulen im Norden rechnerisch etwa 7400 Hochbegabte und etwa 74.000 besonders Begabte. Habersaat warnte davor, dass durch die einseitige zusätzliche Förderung von Hochbegabten an den Gymnasien praktisch wieder die alte Gliederung mit wiedereingeführt werde, dass gute Schüler nur aufs Gymnasium gingen. Die SPD wolle, dass Gymnasien und Gemeinschaftsschulen eine ähnliche Schülermischung hätten.

Prien wies die SPD-Kritik zurück: «Die Begabtenförderung zielt selbstverständlich auf alle Schularten.» Das gelte auch für die 23 Stellen, die personalwirtschaftlich zwar bei den Gymnasien angesiedelt seien. Es handle sich dabei aber um die im Koalitionsvertrag vereinbarten Stellen zur Unterstützung von Schülern, die mit Hilfe von qualifizierten Lehrkräften und passgenauen Förderangeboten eine Jahrgangsstufe überspringen möchten. «Von der Expertise und Beratungskompetenz dieser Lehrkräfte werden natürlich auch Gemeinschaftsschulen und Grundschulen profitieren», sagte Prien. dpa

Streit über „Abschulungen“ vom Gymnasium – wer ist verantwortlich dafür, dass die Zahl betroffener Schüler nach Klasse 6 drastisch steigt?

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15 KOMMENTARE

  1. Zu dem Kasten:

    20% besonders begabte Schüler sind nichts anderes als die gute und sehr gute Hälfte der Gymnasiasten. Bezogen auf die IQs entsprechen diese Rechnungen ziemlich genau den Stufen ab IQ 115 bzw. IQ ab 130.

    Wenn ich ein besonders begabtes Kind hätte, wieso soll ich es an den Gemeinschaftsschulen kognitiv vetkümmern lassen?

    • Vielleicht teilt nicht jeder Ihren Dünkel, dass Kinder “verkümmern”, wenn man sie mit anderen Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft und schulischer Leistungsfähigkeit zusammenbringt.

      Bemerkenswert finde ich auch, dass Sie hier immer wieder beklagen, dass zu viele ungeeignete Kinder aufs Gymnasium kämen – Sie aber selbst mit solchen Posts dazu beitragen, die Verunsicherung der Eltern zu schüren. Wer will sein Kind schon “verkümmern” lassen?

      • Richtig. Ich beziehe mich immer auf das kognitive. Verunsicherte Eltern haben kein wirklich hochbegabtes Kind und falls doch würde ich als Grundschullehrer den Eltern dringend zum Gymnasium raten.

        Natürlich gehen viel zu viele ungeeignete Kinder aufs Gymnasium. Durch meine Haltung verhindere ich wenigstens, dass wirklich gute gymnasiale Kinder nur auf die Gemeinschaftsschule gehen. Das ist auch eine Form von ungeeigneter Schulformentscheidung.

        Selbst wenn wir mal die Drittelparität (Gy-RS-HS) annehmen würden, dann wären ungefähr 7% des Jahrgangs auf der Gemeinschaftsschule “besonders begabt” und 0,7% hochbegabt. In Wahrheit dürfte die Drittelparität nicht erreichbar sein, weil die übergroße Mehrheit aller ohne Einschränkung gymnasial geeignete Kinder auch auf das Gymnasium geht. Folglich macht es keinen Sinn, eine Lehrkraft für hochbegabte Kinder auf eine Gemeinschaftsschule zu schicken.

        (Ja, es gibt in Schleswig-Holstein nur noch zwei Schulformen, aber nach wie vor für diese drei Schulformen geeignete Kinder)

  2. @ xxx:
    Ich habe mir vorgenommen, mich nicht mehr über Ihre nicht zur Sache beitragenden Kommentare zu ärgern.
    Daher lediglich meine Frage an Sie: Wie kann man für eine Schulform geeignet sein, die es gar nicht gibt? Daran ändert auch nichts, dass es sie mal gab (bereits als Ständeschulen des vorletzten Jahrhunderts)

    • Ganz einfach, indem Sie die gesamte Schulerschaft nach Begabung sortieren und dritteln. Nahezu alle des oberen Drittels, insbesondere die besonders und hoch begabten Schüler, sowie das bessere Drittel des mittleren Drittels besuchen das Gymnasium. Alle anderen gehen auf die Gemeinschaftsschule. So schwierig ist das wirklich nicht nachzuvollziehen. Im übrigen wurde die Hauptschule aus politischen und Kostengründen abgeschafft, nicht weil die Kinder von jetzt auf gleich begabter und lernwilliger wurden.

  3. @ xxx
    Nee, die Hauptschulen wurden und werden abgeschafft, weil da keiner mehr hin will. Hier würde für Ihre Argumentation die Bildungsstatistik helfen! Selbst in Bayern, wo keine Gemeinschaftsschulen als optionale Alternative aus ideologischen Gründen zugelassen werden, wird sie nur noch auf dem Land akzeptiert.
    Noch eine Frage: Wie sortiert man denn 10-jährige Kinder nach Begabung und warum eigentlich in den von Ihnen vorgeschlagenen Proportionen?

    • Die Hauptschule besucht keiner mehr, weil sie insbesondere von der Politik zur Resterampe mit Hartz IV-Garantie gemacht wurde, und weil die Betriebe unbedingt Abiturienten haben wollten, heutzutage zunehmend Bachelors.

      Für die Einteilung der Kinder kann man wegen mir die Durchschnittsnoten aller benoteten Klassenarbeiten und Tests während der Grundschulzeit, VERA3 oder irgendetwas anderes nehmen. Die Umsetzung ist nicht meine Aufgabe, aber auch Sie sollten einsehen, dass eine Einteilung theoretisch möglich ist.

      Die Drittelung war willkürlich, ist aber am fairsten. Sie können auch 25-50-25 oder in Anlehnung an die Normalverteilung 17-66-17 nehmen, wenn Ihnen das lieber ist.

      • Ich lese Ihren Kommentar so: Es ist völlig egal, in welchen Größenordnungen 10-Jährige nach der Grundschule einsortiert, besser aussortiert werden. Hauptsache es entstehen 3 Schultypkategorien. Warum hierbei die Drittelung am fairsten sein soll, bleibt Ihr Geheimnis.
        Ich finde es erschreckend, wie hier mit den Bildungslaufbahnen von Kindern umgegangen wird.

        • Ich finde es erschreckend, wie Sie aus jedem Schüler erst einmal einen Atomphysiker machen können wollen. Es ist schon nach drei Monaten in der ersten Klasse absehbar, welche Schüler mit großer Wahrscheinlichkeit das Abitur ablegen werden, welche nicht und bei wem es noch ungewiss ist.

          Welche Ziele verfolgen Sie eigentlich? Abitur für alle ist prinzipiell über verschiedene Wege möglich, es muss nicht zwangsläufig das Gymnasium sein. Dieses sollte allerdings maximal den besten 30-40% des Jahrgangs vorbehalten sein, um den ursprünglichen Bildungsauftrag noch erfüllen zu können. Die Trennung nach vier Jahren Grundschule ist tatsächlich diskussionswürdig, vorausgesetzt spätestens ab Klasse 5 wird auch schon außendifferenziert, sprich Vorbereitung auf das gymnasiale Tempo bzw. Sicherung der Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben, Rechnen, ggf. Deutsch, ggf. Soziales.

          • Zitat xxx: “Es ist schon nach drei Monaten in der ersten Klasse absehbar, welche Schüler mit großer Wahrscheinlichkeit das Abitur ablegen werden, welche nicht und bei wem es noch ungewiss ist.”

            … sagt jemand, der noch nie die ersten drei Monate im ersten Schuljahr unterrichtet hat.
            Was für ein grandioser Quatsch!!!!

          • Ist das wirklich so ein grandioser Quatsch? Sie können mir nämlich nicht erzählen, dass Sie nach drei Monaten im ersten Schuljahr noch nicht die leistungsstarken von den leistungsschwachen und die leistungswilligen von den leistungsunwilligen Kindern unterscheiden können. Ich kann das schon weitestgehend innerhalb von 2-3 Wochen, wobei es bei den stillen Mauerblümchen allerdings länger dauert. Möglicherweise ist das an weitergehenden Schulen einfacher als an Grundschulen.

          • Ganz ehrlich, Kinder nach 2-3Wochen -wie Sie sagen- für die nächsten 12 Jahre zu beurteilen ist schlicht !!! ganz grob fahrlässig !!!!! Das nennt man wohl eher Vorurteil als Sachkenntnis!

          • Es ist eine Abschätzung von Wahrscheinlichkeiten. Bildungsnähe und -ferne äußern sich oft genug gemäß der bekannten Vorurteile (Ausdrucksweise, Kleidungsstil, Auftreten, Arbeitsverhalten), die sich auch nur deshalb zu Vorurteilen ausprägen konnten.

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