Streit über „Abschulungen“ vom Gymnasium – wer ist verantwortlich dafür, dass die Zahl betroffener Schüler nach Klasse 6 drastisch steigt?

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KIEL. Die Zahl der Schüler, die vom Gymnasium an eine Gemeinschaftsschule wechseln müssen, steigt – jedenfalls in Schleswig-Holstein. Dies hat der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Kieler Landtag, Martin Habersaat, mithilfe einer Kleinen Anfrage vom Bildungsministerium ermitteln lassen und damit einen Streit unter den Lehrerverbänden ausgelöst. Die GEW zeigt sich alarmiert: „Für die Gemeinschaftsschulen stellen diese so genannte ‚Abschulungen‘ nach Klasse 6 ein immer größer werdendes Problem dar“, so stellt sie fest. Der Philologenverband hält dagegen: „Schrägversetzungen von Gymnasien an Gemeinschaftsschulen sind kein ‚Aussortieren‘!“

Nach der 6. Klasse ist für viele Schüler am Gymnasium Schluss. Foto: Shutterstock

Schleswig-Holstein hat bei den weiterführenden Schulen ein zweigliedriges Schulsystem: Nach der Grundschule können die Eltern zwischen Gymnasium und Gemeinschaftsschule entscheiden.

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Um satte 30 Prozent ist allerdings die Zahl der Schüler gestiegen, die zwischen den Schuljahren 2015/16 und 2017/18 in Schleswig-Holstein vom Gymnasium auf eine Gemeinschaftsschule gewechselt sind. „Das ist dann ein Problem, wenn man – anders als offenbar die Landesregierung – die Gemeinschaftsschulen als eigenständige Schulart mit einem durchgängigen pädagogischen Konzept ernst nimmt und sie nicht als Auffangbecken für die Gymnasien betrachtet“, meint Habersaat und betont: „Ein besonderer Blick muss auf die sogenannten Schrägversetzungen von Klasse 6 am Gymnasium in Klasse 7 auf der Gemeinschaftsschule gerichtet werden.“ Von 330 Fällen 2015/16 stieg dieser Wert auf 578 Fälle 2017/18 – was einem Plus von 75 Prozent entspricht.

„Das bedeutet vielerorts, dass Gemeinschaftsschulen ihre Klassenstrukturen in Klasse 7 auflösen und neu ordnen müssen, eine durchgängige pädagogische Arbeit ab Klasse 5 wird erschwert. Im Landesschnitt gab es pro Gymnasium 5,8 Schrägversetzungen“, so rechnet Habersaat vor. „Es ist es nicht zu vertreten, dass die Gemeinschaftsschulen immer stärker dazu gezwungen werden, ihre 7. Klassen neu zu durchmischen. Darunter leiden Pädagogik und die soziale Gemeinschaft an der Gemeinschaftsschule“, meint auch GEW-Landeschefin Astrid Henke.

“Zum Wohl des Kindes”

„Habersaat verkennt die Lage“, sagt hingegen der Landesvorsitzende des Philologenverbands,  Jens Finger (der Philologenverband vertritt vor allem Gymnasiallehrer). In den allermeisten Fällen, so Finger, erfolge eine Schrägversetzung oder der freiwillige Wechsel an eine Gemeinschaftsschule zum Wohl des Kindes, um diesem „Vergeblichkeitserfahrungen aufgrund zu hoher Anforderungen“ zu ersparen.

Die Ursache für eine Korrektur der Schullaufbahn liege in allererster Hinsicht in dem bis vor kurzem uneingeschränkten Elternwillen in Fragen der Schullaufbahn. „Wenn Eltern sich für das Gymnasium entscheiden – trotz offenkundiger Leistungsdefizite, die bereits in der Grundschule erkennbar sind –, kann man die Lehrkräfte an den Gymnasien nicht verantwortlich machen, wenn sich die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen“, meint Finger. Er sieht in der kürzlich erfolgten Wiedereinführung der (unverbindlichen) Schulartempfehlung in Klasse 4 den richtigen Weg, falsche oder riskante Schullaufbahnentscheidungen zu vermeiden.

Im Übrigen, meint Finger, erhebe die Schulart Gemeinschaftsschule schließlich den Anspruch, alle Schulabschlüsse, also auch das Abitur, zu vergeben, so dass ein Wechsel vom Gymnasium an die Gemeinschaftsschule doch die Bildungschancen und späteren beruflichen Möglichkeiten des Kindes nicht beeinträchtige. Das sieht die GEW-Vorsitzende Henke deutlich anders: Für die betroffenen Schülerinnen und Schüler sei das Erlebnis des schulischen Scheiterns kein guter Ausgangspunkt für ihre schulische Entwicklung. Sie fordert von der CDU-geführten Jamaika-Koalition, das Profil der Gemeinschaftsschulen zu schärfen. „Die Gemeinschaftsschulen brauchen bessere Bedingungen, damit Eltern in dieser Schulform für ihre Kinder eine ernsthafte Alternative zum Gymnasium sehen. Dazu zählt auch die konkrete Perspektive des Abiturs an der Gemeinschaftsschule“, sagt Henke.

Sozialdemokrat Habersaat sieht vor allem die Gymnasien in der Pflicht. „Begegnet werden muss dieser Entwicklung an zwei Ansatzpunkten: Erstens mit intensiven Beratungsgesprächen beim Wechsel von der Grundschule auf die weiterführende Schule, zweitens – aus unserer Sicht der wichtigere Punkt – durch eine Änderung der pädagogischen Arbeit an den Gymnasien“, so erklärt er. „Schulen sollten Verantwortung übernehmen für alle Schülerinnen und Schüler, die ihnen anvertraut sind. Gerade in der beginnenden Pubertät ist es für Schülerinnen und Schüler wichtig, dazuzugehören und zu wissen, wo ihr Platz ist. Angst vor einer drohenden Abschulung – auch wenn diese nicht mehr so genannt wird – hilft da nicht.“ Agentur für Bildungsjournalismus

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Wie gerecht ist das Schulsystem? Kinder aus armen Familien werden nach wie vor benachteiligt – ein Debattenbeitrag

 

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38 KOMMENTARE

  1. Die Frage aus der Überschrift beantwortet der Artikel:

    “Die Ursache für eine Korrektur der Schullaufbahn liege in allererster Hinsicht in dem bis vor kurzem uneingeschränkten Elternwillen in Fragen der Schullaufbahn. „Wenn Eltern sich für das Gymnasium entscheiden – trotz offenkundiger Leistungsdefizite, die bereits in der Grundschule erkennbar sind –, kann man die Lehrkräfte an den Gymnasien nicht verantwortlich machen, wenn sich die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen“, meint Finger. Er sieht in der kürzlich erfolgten Wiedereinführung der (unverbindlichen) Schulartempfehlung in Klasse 4 den richtigen Weg, falsche oder riskante Schullaufbahnentscheidungen zu vermeiden.”

    Kurz: Zu viele Kinder werden auf die Gymnasien geschickt, was nach Klasse 6 zumindest teilweise korrigiert wird.

    Den Gymnasien kann man allerdings eine Teilverantwortung geben, weil sie nicht alles versuchen, die Anmeldung in Klasse 5 zu vermeiden. Bei einem nahezu uneingeschränkten Elternwillen können die Gymnasien aber nicht viel tun. Dazu kommt der auch dort zu erhaltende Klassenteiler um in Stufe 5 die Zügigkeit zu erhalten. Wenn in Klasse 7 die Klassengrößen abnehmen, ist der Teiler nicht mehr in Gefahr.

      • Dieses Recht ist ja das Problem. Sie können nur mahnend auf die Folgen hinweisen. Bei mehr Interessenten als Plätzen wird das ggf. einfacher, solange die Zügigkeit nicht sicher ist, spielen Noten eine geringere Rolle.

      • Laut Wikipedia gibt es in Schleswig-Holstein die Klassen 5 und 6 als “Orientierungsstufe” innerhalb des gegliederten Schulsystems. Das heißt doch wohl, dass das zum Orientieren da ist. Und danach ist halt manchmal ein Wechsel fällig, das ist Teil dieses Konzepts. Es gibt Formulierungen wie “pädagogische Einheit, die unter anderem Orientierung über die weitere Schullaufbahn der Kinder und die für sie geeignete Schulform geben soll.” In manchen Bundesländern heißt das deshalb auch “Erprobungsstufe”. Worin soll denn nun das Problem bestehen?

  2. In SH gibt es meines Wissens nur noch die Wahl zwischen Gymnasium und Gemeinschaftsschule. Vielleicht wollen es manche einfach mal probieren, damit ihr Kind vermeintlich “bessere Chancen” hat (und weil sich in den Gemeinschaftsschulen “alles tummelt”… und schnell weg jetzt).

    • Das ist korrekt – und eine durchaus wichtige Information zur Verständnis der Situation. Wir haben sie deshalb im Text ergänzt. Danke für den Hinweis. Die Redaktion

  3. Wenn die Gemeinschaftsschulen alle Abschlüsse anbietet und die Gymnasien offenkundig keine Schüler haben möchten, um die sie sich kümmern müssen, ist die Lösung ganz einfach: Von Beginn an wählen Eltern die Gemeinschaftsschulen, dann können dort gleich mehr Klassen eingerichtet werden.

    Philologen, die angesichts der geschrumpften Anmeldungen bei gleich bleibendem Klassenteiler am Gymnasium nicht benötigt werden, wechseln zur Gemeinschaftsschule, um die Kinder ab Klasse 5 zu beschulen und können dann dort ebenso das Abitur abnehmen.
    Sollten dafür die Schulgebäude nicht ausgelegt sein, muss man eben an einigen Standorten das Gymnasium in eine Gemeinschaftsschule umwandeln.

    • Sie verkennen die Eltern, die sich einen “vernünftigen” Umgang für ihre Kleinen wünschen. Diesen gibt es gängigen Vorurteilen zufolge eher am Gymnasium. Sie haben aber recht: Weniger, aber dafür geeignete Kinder auf dem Gymnasium, wären eine sinnvolle Entscheidung. Dann könnte man auch in SH wieder Haupt- und Realschulen anbieten.

    • @Palim: Sie unterstellen Jens Finger eine Haltung, die er nicht hat. Es geht schlicht darum, dass seit zwei Jahren in S-H der völlig freie Elternwille zählt. Davor konnten keine Kinder am Gymnasium angemeldet werden, die eine Hauptschulempfehlung hatten.

      Nun aber werden reihenweise Kinder mit Mathe 4, Deutsch 3- usw. am Gymnasium angemeldet, wo ein Scheitern unausweichlich ist. Da die Gymnasien – anders als die Gemeinschaftsschulen – nicht über Zweitbesetzungen im Unterricht verfügen und zudem deutlich größere Klassengrößen hinnehmen müssen, wird man diesen Kindern nicht gerecht und kann sie im Grunde nicht fördern, ohne den guten Schülern (=späteren Studenten) etwas wegzunehmen. Für die ist die Schulart Gymnasium aber laut Schulgesetz da.

      • Vorgaben für die Klassenbildung ist für das SJ 17/18 laut KMK für SH eine Schülerzahl von 29 an allen Schulen. Im Bericht des Landes wird aber auch dargelegt, dass die Klassengröße im Gymnasium auf 23 SuS zurückgegangen sei (Bericht von 2017, Drucksache 18/5280 des SH Landtags)

        In meinem BL gibt es Zusatzbedarfe auf Antrag für SuS mit Migrationshintergrund oder in der SekI pro Kopf bei Inklusions-SuS.
        Diese stehen auch Gymnasien in dem Maße zu, wie sie sich dieser Aufgaben annehmen.

        In SH erhalten Gemeinschaftsschulen offenbar pauschal 5 Differenzierungsstunden pro Klasse.

        Im übrigen sieht der Erlass durchaus vor, dass die Gymnasien individuelle Förderung leisten sollen und dazu verpflichtet werden, sich dessen anzunehmen. Warum man dabei anderen etwas wegnimmt, erschließt sich mir nicht.

        • Ich weiß nicht, woher sie ihre Zahlen so haben, mir liegen aber die Zuweisungen (für Gymnasien) für das kommende Schuljahr vor. Mal als Beispiel das Gymnasium mit Gemeinschaftsschulteil auf Sylt, weil hier beide Schulformen direkt beisammen sind:

          Gymnasialteil (Prognose für 19/20):
          246 Schüler (nur Sek I), 7 Stunden für Intensivierungsstunden

          Gemeinschaftsschulteil (Prognose für 19/20)
          269 Schüler, 54 Stunden für Intensivierung

          Somit bekommt die Gemeinschaftsschule pro Schüler das 7-fache an Differenzierungsmöglichkeiten zugewiesen!
          Zuweisungen für Kinder mit sonderpäd. Förderbedarf gibt es ohnehin, nicht auf Antrag.
          Beide Schularten bekommen in der Sek I als Zuweisung 1 Planstelle auf 25 Schüler (in der Sek II 22,5 Schüler), egal was irgendeine Drucksache oder die KMK so sagt.

          Man soll doch bitteschön nicht so tun, als ob beide Schularten gleich gut ausgestattet sind was Diffenenzierungsmöglichkeiten angeht.

          • Gemeinschaftsschulen sind eine völlig andere Schulform und sowieso auf das Arbeiten in verschiedenen Niveaus angelegt. Gymnasien sind das nicht, daher würde ich diese gar nicht groß kritisieren. Es steht jedem frei, die Gemeinschaftsschule zu wählen, auch dieser Weg kann zum Abitur führen.

  4. Die Gymnasien definieren sich ja nicht als Schule für alle, also haben sie auch nicht den Anspruch, sich um alle zu kümmern. Die Schüler, die verbleiben reichen offenbar noch, um ein relativ angenehmes Arbeiten zu ermöglichen. Survival of the fittest, wobei die ja auch nicht mehr so schlau sein sollen wie früher. Wen wundert es? Den Kindern fehlen heute bei der Einschulung schon häufig wichtige Erfahrungen, z.B. mit einfachen Brettspielen. Manche Erstklässler kennen nicht mehr die Würfelpunkte, ebenso fehlen Bewegungserfahrungen, Tagesabläufe, Reihenfolgen, zählen….Vieles ist der digitalen Welt geschuldet.

    • Richtig, das Gymnasium ist die Schulform, die als Regelabschluss das Abitur vorsieht. Mit “sich um alle kümmern können” ist das definitionsgemäß nicht vereinbar.

      • Die Gymnasien können das nicht und lehnen die Schüler ab.
        Die Gemeinschaftsschulen können das durchaus, obwohl sie nicht nur Gymnasiasten beschulen.

        Zum Übergang muss man sich entscheiden, was man für sein Kind wünscht und welche Schule geeignet sein könnte: eine , die sich kümmern möchte, oder eine, die das nicht gewährleisten will.
        Vielleicht kommen daher auch die erhöhten Anmeldezahlen an schulformübergreifenden SekI-Schulen in anderen Bundesländern, von denen vor einigen Tagen berichtet wurde.

        • Ich weiß nicht, ob die Gymnasien das nicht können. Sie haben eine andere Intention. Es geht wahrscheinlich darum, die besten heraus zu sieben und möglichst studierfähig zu machen, nicht darum, ALLE zum Abitur zu führen. Förderkurse gibt es an den Gymnasien durchaus, zumindest bei uns. Allerdings arbeiten diese wenig individuell und oft sitzt Klasse 5-7 gemeinsam bei einem Lehrer (zu 15t oder mehr) und man kann ihn fragen. Wie viel Zeit für den Einzelnen bleibt, kann man sich ausrechnen. Es gibt auch LRS-Kurse, zu ähnlichen Bedingungen. Es gibt auch Hausaufgabenbetreuung, angeboten von SuS ab Klasse 10. Man trifft sich in einem Klassenraum zum Hausaufgaben machen und kann die älteren um Hilfe bitten. Der Unterricht in den Gemeinschaftsschulen läuft bei uns auf verschiedenen Niveaustufen in Lernateliers. So wie ich es mitbekomme, sind die Lerngruppen kleiner, es gibt Sonderpädagogen und es wird viel mit Plänen und eigenverantwortlichem Tun gearbeitet. Man kann Gemeinschaftsschule und Gymnasium nicht 1:1 gegenüberstellen und gegenseitig kritisieren. Allein die Einrichtung ist eine völlig andere. Während hier in BaWü die Klassenzimmer der Gymnasien so aussehen wie in den 1980er Jahren, frontale Sitzordnung, Tafel, OHP, vllt. Beamer, aber nur vllt., Mülltonne, Waschbecken, sind Gemeinschaftsschulen doch bezüglich des Materials, das den Kindern zur Verfügung gestellt wird und der verschiedenen Arbeits-und Aufenthaltsräume besser ausgestattet. Zumindest die, die ich kenne. Da es Noten erst ab Klasse 8 gibt, kann man auch nicht ausgesiebt werden. Wohin auch? Die Gemeinschaftsschulen behalten i.d.R. ihre Schüler.

  5. Das Streben der Eltern nach dem Gymnasium für ihr Kind liegt meiner Meinung nach zum einen an den Zuständen in den “anderen Schulen”. Ich könnte niemandem empfehlen, sein Kind dorthin zu schicken. Es liegt zum anderen daran, dass seit der 1. PISA-Studie die deutschen Bildungspolitiker auf eine Erhöhung der Studentenzahl orientiert und damit quasi alle Nicht-Studienberufe abgewertet haben. Sie klagen inzwischen auch sehr über Fachkräfte- und Lehrlingsmangel.

    Also, alles hausgemachte Probleme.

    Wenn nun angesichts dessen Eltern alles versuchen, um ihr Kind ans Gymnasium zu bugsieren, kann ich das verstehen. In einer Zeit, in der sich freie Bürger immer weniger vorschreiben lassen wollen, folgte daraus eine Klagewelle gegen die Zeugnisse, gegen die Schulentscheidungen (wo es sie noch gibt), ja gegen jede Note einer Klassenarbeit (soweit möglich) bis hin zu halben Punkten …. und wenn es sich nur um Beschwerden handelt, aber die kosten Zeit und Nerven!

    Also soll man die Eltern einfach selbst entscheiden lassen. Lehrer ihres Vertrauens können ja unverbindlichen Rat erteilen. Das Gymnasium muss dann aussieben, ja. Die haben dann alle genannten Probleme auch. Die haben sie aber sowieso. Man könnte wenigstens die Grundschulen davon befreien. Klare “Standards” werden nicht helfen, das einzudämmen. Klare Standards werden nur dazu führen, dass dagegen geklagt oder sich beschwert wird (wenn Lehrer nicht entsprechend werten).

    Die tiefergehenden Ursachen nannte ich im ersten Absatz.

    • Die Einheitsschule, an die alle Kinder gehen und an der alle Abschlüsse erworben werden können, ist wohl der einzig verbliebene Ausweg. (?!)

  6. Ein Schulsystem dient nicht dazu, dem Gerechtigkeitsinn der Bevölkerung Genüge zu tun. Stattdessen soll es die wenigen Ressourcen, den am Besten Geeigneten zukommen lassen, da man sich aus deren Förderung die meiste Rendite erhofft. Somit ist es immer ungerecht, da es nicht dessen Zielsetzung ist.
    Wollte man eine Änderung, müsste man das Schulsystem verändern. Wer sollte das wollen?

  7. Ihren ersten Satz kann ich nur dick untersteichen.
    Seit Jahren und Jahrzehnten ist eine fragwürdige Vorstellung von Schulbildung auf dem Vormarsch, die Gerechtigkeit als äußere und innere Gleichmacherei der Schüler versteht und eine möglichst gute Förderung ALLER Schüler zerstört. Bestmögliche Bildung bedeutet für die einen der Besuch guter Gymnasien, für die anderen der Besuch guter Realschulen, Hauptschulen oder auch Förderschulen.
    Wer ein gegliedertes Schulsystem befürwortet denkt ebenfalls moralisch, allerdings spielen bei seiner Meinung andere Kriterien für “Gerechtigkeit” die entscheidende Rolle.
    “Eine Schule für alle” ist für mich das ungerechteste Schulsystem, das es überhaupt geben kann. Eine primitivere und populistischere Vorstellung von Gerechtigkeit kann ich mir außerdem kaum vorstellen.

    • Ich vermute mal, dass Ihr Urteil anders ausfallen würde, wenn Ihr Kind nicht aufs Gymnasium dürfte – das Sein bestimmt das Bewusstsein.

        • “Was ist ein Abitur wert, wenn alles es schaffen” – kann ein Satz entlarvender sein? Es geht nicht um Bildung, es geht nicht darum, Menschen zu entwickeln und Deutschland als Ganzes voranzubringen. Es geht nur um Hierarchie, um Abgrenzung nach unten und die sozialen Privilegien eines Standes. Andersherum, xxx, ist ein Abitur offenbar viel wert, wenn’s zwar inhaltlich völlig am Leben vorbei geht – aber wenn’s eben nur zehn Prozent bekommen. Arm.

          Wenn ein Land wie Finnland so denken würde, hätte es kaum eine Abiturientenquote von 70 Prozent erreicht – auf höherem Niveau übrigens als Deutschland mit seiner Abiturientenquote von 40 Prozent.

          • Zitat aus der wikipedia zum finnischen Bildungssystem:

            “Aufnahmeprüfungen mit starker Selektion sind üblich, z. B. an der Universität Helsinki mit einer Ablehnungsquote von bis zu 90 %.”

            Wie stehen Sie dazu? Das ist die von mir angekündigte Folge von einer zu hohen Abiturquote. Irgendwie muss man ja die für ein wissenschaftliches Studium geeigneten von den dafür ungeeigneten Abiturienten trennen. Aus meiner Sicht wird den finnischen Schülern ein Bildungsgrad vorgegaukelt, den sie so nicht haben können. Ein mit einem IQ von etwa 92 bestehbares Abitur (Normalverteilung zur Quote 70%) kann nicht sonderlich anspruchsvoll sein.

          • Finnland hat mit 43,7 % den zweithöchsten Akademikeranteil in Europa. Deutschland liegt mit 28,5 Prozent im unteren Drittel.

            Sind die Deutschen doofer?

            Und: Der IQ ist keine fixe Größe. Bei Kindern wurden Steigerungen von 30 Punkten beobachtet – das ist von schwach begabt zu normal begabt, oder von normal begabt bis hochbegabt.

            Wer aber Entwicklung gar nicht möchte, weil er vom bestehenden limitierten System ja profitiert, der ignoriert dann mal gerne solche Fakten.

            Quelle: https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/BevoelkerungSoziales/BildungKultur/Hochschulabschluesse.html

          • In Finnland sind Krankenschwestern mittlerweile akademische Berufe. Die innereuropäische Vergleichbarkeit ist also nicht gegeben.

            Bei Steigerungen von IQ-Werten um zwei Standardabweichungen halte ich den Schritt von 85 nach 115 für deutlich häufiger als von 100 nach 130. Abnahmen aufgrund von fehlender Forderung halte ich aber auch für möglich.

          • Die “Lernenden” an Höheren Fachschulen werden in D ja ebenfalls als “Studierende” bezeichnet. Dummerweise erhalten sie aber keinen Studierenden-Status sondern werden als Berufsschüler eingestuft. Bei Änderung der Einstufung erhöhte sich die Zahl der Akademiker zwangsläufig. Dahingehend habe ich auch den Vorstoß der Bundesbildungsministerin mit dem “Berufsbachlor” verstanden.

          • Darum geht’s doch gar nicht. Das allgemeine Bildungsniveau in Finnland ist höher – trotz (oder besser: wegen) einer Abiturientenquote von 70 Prozent, das ist der Punkt.

            Es gibt kein Naturgesetz, das eine natürliche Abiturientenquotengrenze festschreibt. Und eine hohe Bildung wird auch nicht dadurch wertvoll, dass andere sie nicht haben.

      • @Anna 8. März 2019 at 13:49
        Sie können vieles vermuten und stramm daneben liegen.
        Mein Kind soll eine Schule besuchen, die seinen Fähigkeiten entspricht und es weder überfordert noch unterfordert. So sollte es bei allen Kindern sein, wenn sie sich auf der Schule wohl und gut aufgehoben fühlen sollen.
        Wer allerdings klassenkämpferisch denkt und neidisch auf andere guckt, die eine
        “bessere” Schule besuchen, kommt zu Ihrem Schluss: Mein Kind muss aus Prestigegründen aufs Gymnasium und Abschulungen sollten verboten werden.

        “Das Sein bestimmt das Bewusstsein”. Deswegen muss mein Kind unbedingt aufs Gymnasium.
        Solches Denken ist rücksichtslos und weder fürsorglich noch liebevoll.

  8. Zu den Beiträgen 9. März:
    Für mich steht außer Frage, dass jeder eine möglichst gute Bildung nach dem, was er zu leisten fähig ist, erreichen sollte. Schon alleine deswegen, dass man aufgeklärt ist und nicht auf irgendwelche Heilsversprechen jeglicher Art hereinfällt.
    Das ist einmal die kognitive Seite. Da ich den Mensch ganzheitlich sehe, gehört für mich auch eine musische (Sport, Musik, Kunst), praktische (handwerklich usw.) und “emotionale” Bildung in Richtung Sozialkompetenz dazu.

    Es ist die Frage, wie soll das dazugehörige Schulsystem aussehen? Das Gymnasium ist dazu viel zu einseitig. Es unterstützt nur die kognitive Bildung, macht u.U. studierfähig, aber vernachlässigt die anderen Bereiche. Außerdem muss man für diesen Schultyp eine gewisse kognitive Begabung und eine hohe Lernbereitschaft mitbringen um die Anforderungen dort zu überstehen.

    In Bayern hat man es so gemacht, dass man zwar nach der 4. Klasse differenziert nach Schultypen, aber das, was man darauf aufbauen kann, wenn man die entsprechenden Leistungen oder auch “Nischenleistungen” (z.B. Wirtschaftsschule, FOS – eher praxisorientiert, BOS nach abgeschlossener Berufsausbildung) bringt, dann den persönlichen immer mehr spezialisierten Bildungsweg weitergehen kann. Viele gehen den Weg über die Realschule zum Abitur.

    Andere Länder haben eher die Gemeinschaftsschulen. Ich bin auf jeden Fall für ein aufbauendes Schulsystem, wo man immer bis zu einer Etappe geht und dann weitermacht.

    Das Gymnasium ist ein Sonderfall und soll es auch bleiben. Es ist eine Spezialschule für diejenigen, die wenig Schwierigkeiten zum Lernen haben. Es ist eher die Frage, ob man es langfristig abschafft und nur noch ein aufbauendes Schulsystem anbietet. Was mich allerdings an den Gymnasien stört, ist tatsächlich das Elitebewusstsein. Ich weiß nicht, ob man das verallgemeinern kann, wenn man aber in den Abiturreden der Schulleiter hört (wie das selbst mitbekommen habe) – “Ihr seid die Elite” – dann finde ich das schon sehr vermessen. (Von dem Gedanken her hat Anna nicht unrecht.) Da sollten die Gymnasien und die, die dort unterrichten, grundsätzlich einmal ihr Selbstbild überdenken. Ich würde es sehr begrüßen, wenn sich das Gymnasium als Sonderfall für gute Schüler (ohne Wertung) sähe und nichts weiter.

    Ich weiß, dass diese Gedanken nicht für alle Bundesländer gelten, weil inzwischen im Übertritt in vielen Bundesländern der Elternwille zählt und das Gymnasium dadurch so oder so als Sonderfall ad absurdum geführt wird, seiner Bestimmung beraubt herumdümpelt. Ich bin überzeugt, dass so viel Heterogenität (wir von der Grundschule wissen, von was wir sprechen) ein Gymnasium gar nicht auffangen kann. Das Gymnasium zu einem erstrebenswerten Ziel für alle zu machen, bedeutet, dass das Gymnasium die Anforderungen so weit herunterschrauben muss (denn so weit kann man nie ein Kind fördern), dass es alle irgendwie schaffen. Das bedeutet aber, dass das Abitur für die meisten nicht mehr zum Studieren reicht.

    Die Erfahrungen in den heterogenen Grundschulklassen zeigen, dass Schüler wirklich unterschiedlich sind. Die einen lernen mit wenig Lerneinsatz mit Leichtigkeit, verstehen Zusammenhänge auf Anhieb, schreiben Einser, die anderen schreiben mit viel Lerneinsatz und Förderung nur Vierer und Fünfer.

  9. @ysnp
    Guter Kommentar!
    Wenn ein Schulleiter von “Ihr seid die Elite” spricht, ist das arrogant und abstoßend. Ich habe solche Sprüche zwar noch nie gehört, glaube aber, dass es sie gibt.
    Auch wenn dieser elitäre Gedanke existieren mag, finde ich es trotzdem und erst recht falsch, wenn jemand (Anna) darauf abfährt und den Schluss zieht “Elite für alle!”.
    Sie sagen zu Recht: “Das Gymnasium zu einem erstrebenswerten Ziel für alle zu machen, bedeutet, dass das Gymnasium die Anforderungen so weit herunterschrauben muss (denn so weit kann man nie ein Kind fördern), dass es alle irgendwie schaffen. Das bedeutet aber, dass das Abitur für die meisten nicht mehr zum Studieren reicht.”
    Darüber hinaus bedeutet es noch, dass bei heruntergeschraubten Anforderungen auch die Studierfähigen zum Studium nicht mehr das mitbringen, was sie müssten. Das hat zur Folge, dass auch an den Hochschulen die Anforderungen sinken (müssen).
    Unser rohstoffarmes Land geht dann nicht aus dem ständig zitierten Mangel an Geld für Bildung vor die Hunde, sondern aus einer Gerechtigkeitsvorstellung, die sich dem Gedanken verschließt, dass Schüler in ihren Begabungen und Fähigkeiten sehr unterschiedlich sind und deswegen einem differenzierten Schulsystem besser gefördert werden als in einem Gymnasium für alle.
    “Eine Schule für alle” als angebliche Verkörperung von Gerechtigkeit ist ein einziges Märchen von ideologisch statt rational denkenden Menschen.

    • Ich schließe mich dem Lob und der Kritik an ysnps Kommentar an. Über das Elitedenken kann man wirklich streiten, die Reden an den Sek I-Schulen bei der Absolventenfeier werden aber auch sehr überschwänglich sein (Fachkräftemangel, gut gerüstet usw.).

      • Eher nicht; der Dämpfer ist die Tatsache, dass nur wenige Abgänger*innen in ein Ausbildungsverhältnis wechseln. Leider sind die meisten Abgänger mit dem erweiterten Hauptschulabschluss (HSA) der Meinung, ihnen würde ein weiterer Schulbesuch an einem BK (Berufsgrundschuljahr) die Möglichkeit zum Erlangen der Fachoberschulreife (FOR) einbringen – und das, obwohl die meisten von ihnen äußerst schulmüde sind.
        Hinzukommt, dass vielen die Bestimmung – hier in NRW und weiteren Bundesländern – nicht bekannt ist, dass diejenigen, die eine Berufsausbildung – egal ob zwei- oder dreijährig – mit der Note “Drei” oder besser beenden, automatisch den Mittleren Schulabschluss (MSA) einschließlich FOR verliehen bekommen.

        Dass Abgänger mit MSA an ein Berufskolleg gehen, um ein berufliches Abitur (Fachhochschulreife – FHR) zu erlangen, ist hingegen nachvollziehbar. Die Möglichkeit nach einer betrieblichen Ausbildung dann später die FHR zu erreichen ist ungleich aufwändiger.

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