Digital, individuell, inklusiv und fächerverbindend: Die Schule der Zukunft geht an den Start

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DRESDEN. Die Technische Universität Dresden bildet Lehrerinnen und Lehrer aus. Die Verantwortlichen möchten es dabei allerdings nicht bewenden lassen. Sie haben deshalb zusammen mit der Stadt eine Modellschule gegründet, die nach Einschätzung von Experten tatsächlich bisher einzigartig ist: Sie arbeitet digital, individuell, inklusiv, jahrgangsübergreifend und fächerverbindend.

Für den Unterricht bieten digitale Medien breite Anwendungsmöglichkeiten – bis hin zur “augmented reality”, der erweiterten Realität. Foto: Shutterstock

Nach vier Jahren Vorbereitung wird es für die an der Technischen Universität (TU) Dresden erdachte «Schule der Zukunft» ernst. Mit Eröffnung der zusammen mit der Stadt gegründeten Universitätsschule geht ab dem heutigen Montag ein von den Erziehungswissenschaftlern erarbeitetes innovatives Modell in den Praxistest. Rund 200 Grund- und Oberschüler, darunter fast 80 Erstklässler, und ihre Eltern sowie zehn Lehrer des ersten Jahrgangs wagen das Experiment, sagt Projektleiterin Anke Langner. Im Gegensatz zu bisherigen Versuchsschulen werde es wissenschaftlich von der Forschung begleitet.

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“Schule geht vom Lern- und Lehrprozess des Schülers aus”

«Bei uns geht Schule vom Lern- und Lehrprozess des Schülers aus, das ist einzigartig», erklärt Langner. Eine speziell dafür entwickelte Lern- und Schulmanagementsoftware begleite das Lernen. «Es geht nicht darum, Realität durch Virtualität zu ersetzen», sagt die Professorin. Vielmehr werde der Lernprozess des Einzelnen nachvollziehbar, die Schüler könnten sich selbst managen und die Schulorganisation passe sich an.

Einmalig für die Bildungsforschung ist, dass die Wissenschaftler Daten zum Lern- und Entwicklungsprozess jedes einzelnen Schülers bekommen. «Jeder Klick ist ein Datenpunkt», sagt Langner. Einen so expliziten Einblick in die Schule über zehn Klassen gebe es auch in Europa bisher nicht. «Wir wissen, dass Lernen dann nachhaltig ist, wenn es an den Sinn- und Bedeutungshorizont der Kinder anknüpft.»

Wenn man weiß, wo der Schüler aktuell steht, könne der Lehrer Brücken bauen, mit Hilfe des Lernenden. Nachhaltige Bildung statt Frontalunterricht, der den Durchschnitt mitziehe. «Aber wir verlieren Hochbegabte ebenso wie Schüler mit Förderbedarf.» Das könne sich die Gesellschaft aufgrund des demografischen Wandels nicht leisten. «Wir müssen Bildung mehr vom Schüler aus denken als vom Lehrplan», sagt Langner. Es sei eben ein Unterschied, ob sie Fragen an die Welt haben und sich die Antworten selbst erarbeiten oder ob der Lehrer ihnen die Welt erklärt.

Wie an jeder klassischen staatlichen Schule gibt es Zensuren, ansonsten aber nicht notenbasiertes Feedback, sagt Langner. Statt Hausaufgaben zu machen, sollen die Kinder mit Taten- und Entdeckerfreude auch nach der Ganztagsschule den Antworten auf ihre Fragen nachgehen.

Lehrer als Lernbegleiter – statt Wissensvermittler

Kinder verschiedener Altersstufen werden in Projektgruppen Themen fächerübergreifend ergründen, individuell, inklusiv, digital unterstützt und mit dem Lehrer als Lernbegleiter statt Wissensvermittler. Die öffentliche und kostenfreie Grund- und Oberschule in städtischer Trägerschaft soll in fünf Jahren bis zu 800 Schüler haben, die von der 1. bis zur 10. Klasse durchgängig jahrgangsübergreifend und fächerverbindend ganztägig zusammen lernen.

«Das Konzept ist tatsächlich einzigartig in dem Sinne, dass es sowohl klassische Themen der Bildungsforschung aufgreift wie Ungleichheit oder Fragen der Mehrsprachigkeit als auch ganz aktuelle wie Inklusion und Berufsorientierung», sagt Martin Heinrich, Leiter des wissenschaftlichen Oberstufen-Kollegs an der Universität Bielefeld (Nordrhein-Westfalen). Dazu komme die starke Orientierung an der digital bestimmten Lehre. «Da bin ich sehr gespannt», sagt der Erziehungswissenschaftler.

«Ich glaube, dass Elemente des Modells hochinnovative Impulse setzen können für das Schulsystem.» Es sei auch insofern vielversprechend, als es viele der klassischen Probleme der Pädagogik aufgreift: Autonomie des sich bildenden Subjekts, Heterogenität, Motivation zum Lernen und Ähnliches. «Der Schulversuch kann gelingen, wenn diese Themen erfolgreich bearbeitet werden.» (dpa)

Die Schule der Zukunft: Warum sozio-emotionales Lernen für die Jugend unerlässlich ist – ein Gastbeitrag

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4 KOMMENTARE

  1. Klingt gut, werde ich als Junglehrer aber vermutlich in meinem Leben nicht mehr mitbekommen.
    Bis auf die digitalen Medien, gab es diese Laborschulen doch schon seit Jahrzehnten, wo Jahrgangsübergreifend mit Wochenplänen usw. unterrichtet wurde. Was ist daraus geworden? Bis her nichts, außer, dass man die Lehrer auffordert unter den Bendingen von vor 30 Jahren einen modernen Unterricht zu machen. Sobald etwas Geld kosten könnte, wird vermutlich eh nichts passieren.
    Wir haben übrigens noch in vielen Räumen Overhead-Projektoren und selbst die sind wegen der Sonne häufig nicht nutzbar.

  2. Für interessierte Leser hier das Konzept der Schule: https://tu-dresden.de/gsw/ew/iew/ewib/ressourcen/dateien/dateien/Konzept_Universitaetsschule-1.pdf?lang=de

    Leider wird nicht ganz klar, wie gerade die komplexen Prozesse umgesetzt werden. So soll nicht nur jahrgangsübergreifend gelernt werden, sondern auch fächerverbindend. Die Umsetzung wird an einem Beispiel erklärt: Die SuS arbeiten an unterschiedlichen Projekten, die unterschiedliche Inhalte vermitteln. So kann in einer Arbeitszeit das Ziel die Erarbeitung des Archimedes Prinzip sein. Dazu ist eine Lehrkraft mit dem entsprechenden Fachwissen vorhanden. Die Kinder arbeiten in 6 Gruppen an unterschiedlichen Projekten. Jede Gruppe besteht aus 5 SuS. Was daran direkt deutlich wird: das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist weiterhin sehr hoch bzw. teilweise sogar noch höher als aktuell: 1 Lehrkraft auf 30 SuS. Inwiefern soll dadurch eine bessere Lernbegleitung ermöglicht werden? Ich muss mich als Lehrkraft laut Konzept um 30 SuS kümmern, die unterschiedlichen Alters sind, unterschiedliche Leistungen erbringen, einen Förderbedarf besitzen, ggf. Sprachdefizite aufweisen, etc.

    Neben dem Unterricht (Projekte) gibt es dann noch eine offene Lernzeit. Auch dies kennt man von bereits existierenden Schulen und TV-Beiträgen. Als Beispiel nennt das Konzept, dass man ein Arbeitsblatt zu negativen Zahlen bearbeitet, um sich auf einen Test vorzubereiten.

    Was auch nicht klar wird: Es soll ein Lernmanagementsystem eingesetzt werden. Dabei geht es letztendlich darum Arbeitsergebnisse dort hochzuladen. Diese soll die Lehrkraft dann auswerten und scheinbar basierend darauf Folgeschritte einleiten. Das stelle ich mir sehr zeitaufwendig vor. Laut Konzept soll eine Lehrkraft 15 SuS betreuen, also 3 Projekte + die individuelle Arbeit von 15 SuS. Gilt das dann für ein Fach oder fachübergreifend? Woher soll eine Lehrkraft für Physik wissen, welcher nächster Schritt im Fach Deutsch anstünde. Genauso frage ich mich, wie genau die bestmöglichen Lerngruppen gebildet werden. Insbesondere dürfen ja scheinbar die SuS selbst entscheiden an welchen Themen sie arbeiten. Da fehlt mir leider einfach weitere Informationen. Selbst ein Fernsehbeitrag von Gestern und weitere Internetartikel erklären das nicht.

    Ich bin gespannt auf genauere Einblicke und erste Resultate. Gerade das junge Alter finde ich sehr interessant. Das sind sehr komplexe Prozesse, die man SuS zutraut, die nicht mal lesen und schreiben können.

    • Ganz offensichtlich ist Lesen, Schreiben und Rechnen lernen nicht wichtig genug, um von der TU Dresden ein Forschungsprojekt finanziert zu bekommen. Irgendwie symptomatisch für die derzeitigen Schülerleistungen und die derzeitige Bildungspolitik.

  3. Ich finde gut, dass das ein Projekt der Universität ist und somit wissenschaftlich begleitet wird. Wir beklagen doch immer die Konzepte, die aus Universitäten kommen und der Praxis nicht standhalten. Durch eine solche Maßnahme kann man wirklich einmal schauen, was funktioniert. Das werden die Verantwortlichen dann schon selbst merken, was geht und was nicht geht.
    Wenn das Konzept Erfolge verzeichnet, dann kann man dann davon Dinge übernehmen.

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