Teures Vorhaben: BLLV fordert “echten Ganztag” in Bayern

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MÜNCHEN. Der Bund zwingt Bayern dazu, viel Geld in den Ausbau der Ganztagsbetreuung zu stecken. Allein das ist ein echter Kraftakt. Jetzt stellt der Lehrerverband zusätzliche Forderungen auf.

Erwartet mehr Engagement in Sachen Ganztag: Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV. Foto: BLLV

Wohin am Nachmittag mit meinem Kind? Die Frage sollen sich Eltern ab 2025 nicht mehr stellen müssen. Bis dahin soll es – zumindest in den Grundschulen – einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung geben. Wer keinen Platz bekommt, könnte vor Gericht ziehen. Die Idee hatte die große Koalition in Berlin, Länder und Kommunen müssen jetzt liefern.

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In Bayern ist das Angebot für Eltern kaum zu überblicken: Da gibt es den sogenannten gebundenen Ganztag, in dem Unterricht, Übungszeiten sowie Sport-, Musik- und Kunstangebote zusammengedacht werden – in einem Stundenplan von 8 bis 16 Uhr. Im sogenannten offenen Ganztag dagegen findet morgens der Unterricht statt, am Nachmittag Hausaufgaben und Freizeit. Beides sind schulische Angebote. Andernorts bieten kommunale, kirchliche oder private Träger eine einfache Mittagsbetreuung an – entweder in der Schule oder beispielsweise in einem Hort.

Das Kultusministerium rechnet alles zusammen. Demnach seien gut die Hälfte der Grundschüler ganztägig betreut. Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) hält dagegen: Betrachte man nur die schulischen Angebote – also den offenen und gebundenen Ganztag – reduziere sich die Quote auf etwa 24 Prozent. Damit liegt Bayern deutlich hinter dem Bundesdurchschnitt. Insgesamt – so schätzt es das Deutsche Jugendinstitut – liegt der Bedarf der Eltern sogar bei über 70 Prozent. Um also jedem Kind einen Platz zu garantieren, müsste das Angebot massiv ausgebaut werden – und das in nur sechs Jahren.

Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) warnt davor, an jeder Ecke zu sparen. Die einfache Mittagsbetreuung werde dem Bildungsanspruch im reichsten Bundesland nicht gerecht, sagte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann der Deutschen Presse-Agentur in München. Sie kritisiert die Pläne der Staatsregierung um Ministerpräsident Markus Söder. «Es bringt gar nichts, viel Geld in billiges Personal zu stecken, um die Kinder bis 16 Uhr irgendwie aufzubewahren.» Dann sei zwar die Garantie gegenüber den Eltern erfüllt, Qualität aber sehe anders aus. Der Lehrerverband fordert deshalb, vollständig auf den gebundenen Ganztag zu setzen. «Bayern muss hier Vorzeigeland werden», betonte Fleischmann. Unterstützung kommt vom Bayerischen Elternverband.

Der Freistaat setzt seit gut zehn Jahren überwiegend auf die offene Variante. Nur sieben Prozent der Schüler werden im gebundenen Ganztag unterrichtet. Der BLLV befürwortet eine Quote von 43 Prozent. Dafür müsste Bayern die Ausgaben für die Ganztagsbetreuung mehr als verdoppeln. Der Verband rechnet mit zusätzlich 380 Millionen Euro nur für Personalkosten und will damit 3000 neue Lehrer einstellen. Das Problem: Schon jetzt fehlt das Personal an den Grundschulen.

Noch höhere Ausgaben kämen auf die Kommunen zu, die die Schulgebäude vor Ort umbauen und erweitern müssten. Uwe Brandl, Präsident des Bayerischen Gemeindetags, betont, dass es dafür gar keine Ressourcen gebe. Er glaubt nicht daran, dass die Ganztagsgarantie bis 2025 realisierbar ist. So schnell könne man die nötige Infrastruktur gar nicht schaffen. «Da wurden Erwartungen erzeugt, die man nicht erfüllen kann», sagte Brandl in Richtung der großen Koalition.

Neben den Kommunen und dem Bayerischen Realschullehrerverband lehnt auch der Kultusminister die Forderungen des BLLV nach gebundenem Ganztag ab: «Wenn man das weiterdenkt, müsste das schulische Angebot ja bis in die Nacht hineinreichen», sagte Michael Piazolo im Gespräch. «Eine staatlich verordnete Vereinheitlichung halte ich für den falschen Weg.» Ihm sei das ein zu «autoritärer» Ansatz, der den verschiedenen Bedürfnissen der Familien nicht gerecht werde.

Es brauche «flexible und passgenaue Lösungen». Das würden sich auch die Eltern wünschen. Eine Ganztagsgarantie bedeute nicht, dass es nur schulische Angebote gibt. Damit skizzierte er einen Weg, der praktischerweise auch den Etat seines Ministeriums entlasten würde. Was das ganze Projekt «Ganztag» den Freistaat kosten wird, lässt der Minister offen. Von Moritz Baumann, dpa

Debatte um die Ganztagsschule: Kommen und Gehen, wann Eltern wollen?

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8 KOMMENTARE

  1. «Es bringt gar nichts, viel Geld in billiges Personal zu stecken, um die Kinder bis 16 Uhr irgendwie aufzubewahren.» das ist richtig hate speech, und eigentlich kann so nur jemand reden, der nie versucht hat, unwillige müde genervte 13jährige um 15:30 noch in Deutsch oder Geschichte zu unterrichten. Dagegen geht Tischtennistreff, Erste-Hilfe oder eine andere AG in dieser Zeit gut, und “billiges Personal” wie z.B. der Jugendwart des Roten Kreuzes kann das besser als hochkompetente Latein-Lehrer.

  2. Bei uns – und sind eine große Grundschule mit 5- 6 Parallelklassen – reicht das Angebot. Wir bieten den gebundenen und den offenen Ganztag an. Jeder bekommt überall einen Platz. Pro Schulstufe gibt es eine Ganztagesklasse. Wir haben etwas mehr Kinder pro Jahrgangsstufe im offenen Ganztag, zumal man da zwischen der Kurzgruppe (Mittagessen und Spielzeit) und der Langgruppe (Mittagessen, Spielzeit, Hausaufgaben) wählen kann.

    Ich bin bei diesem Thema nicht der Meinung des BLLV. Man muss den Eltern vielfältige Möglichkeiten anbieten. Es gibt eine beträchtliche Zahl, die lieber ihr Kind im offenen Ganztag haben.
    Das Problem ist eher der Betreuerschlüssel. Der muss aufgestockt werden. Wir haben zu wenig Personal für die Spielzeit und die Hausaufgabenbetreuung.
    Nicht ganz die Hälfte der Schüler nutzen den Ganztag entweder bis 14 oder 16 Uhr. Wenn ich die umliegenden Kitas anschaue, dann wird der Betreuungsbedarf allerdings steigen.

    • Hier gibt es vor Ort wenige Ganztagesschulen, mehr Halbtagesschulen,
      keinerlei Horte,
      und viele Eltern würden sich ein Angebot bis 14 Uhr – selbst ohne Mittagessen – wünschen.

      Dass es unterschiedliche Angebote braucht, wollen Politiker hier aber nicht sehen.

      So oder so braucht es vernünftiges Personal und einen entsprechenden Betreuerschlüssel und nicht allein Ehrenamtliche unter Verantwortung der Schulen.

  3. Noch ein Wort zum gebundenen Ganztag, da ich das an unserer Schule praktisch erlebe:
    Bei der Bildung einer Sonderklasse wie einer gebundenen Ganztagesklasse, darf es nicht zur Klassenmehrung kommen, so die Vorschrift. (Bei einer offenenen GTK ist das kein Problem, weil die Betreuung sich durch anderes Personal am Nachmittag abspielt und die Kinder nicht mehr an Klassen bei der Betreuung gebunden sind.)
    Der Klassenteiler liegt bei 28 Kindern. Jetzt kann sich jeder vorstellen, dass wir unsere gebundenen Ganztagesklassen nicht bis 28 Schülern auffüllen können. Das ist pädagogisch nicht vertretbar. Wir haben einen schulinterne Obergrenze von 24 Schülern festgelegt. Manchmal wird diese Grenze erreicht, manchmal haben unsere GTK aber auch weniger. Alle restlichen Schüler dieser Jahrgangsstufe werden gezwungenermaßen auf die restlichen Klassen verteilt. Die anderen Klassen haben immer mehr Schüler. In manchen Schuljahren entstehen dann Klassenstärken von 27/28 Schülern. Bei der Einschulung klappt das meist. Das Problem kommt aber im Lauf der Zeit. Bei uns ziehen oft mehr zu als weg. Da der Klassenteilerfaktor die Gesamtzahl der Schüler einer Jahrgangsstufe betrifft, müssen wir dann die großen Klassen weiter auf 29 auffüllen. Bei 5 Klassen 28×5=140 können wir erst ab 141 Schülern 6 Klassen einrichten. Schlimmer wird es noch, wenn die GTK nur 20 Schüler hat – evtl. durch Wegzug. Dann steigen die anderen Klassen auf 30 oder 31 Schüler an. Das ist unzumutbar!
    Der BLLV wäre gut beraten, wenn er zu der Forderung, gebundene Ganztagesklassen flächendeckend einzurichten auch darauf besteht, dass die Regelung des Verbots der KLASSENMEHRUNG wegfällt und ersetzt wird durch reale auf die einzelne Klasse bezogenen Klassenhöchstgrenzen.

    • Und wenn dann eine Schule “mit Gewalt” eine Ganztagsklasse mit 15 Schülern einrichtet, weil es sich (vermeintlich) gut für die Schule macht, sitzen in den anderen beiden ersten Klassen fast 30 SchülerInnen.
      Auf dem Dorf ist die Nachfrage nach solchen gebundenen Ganztagsklassen einfach zu gering.

      • Genau so ist es!
        Es sollte absolute Höchstgrenzen für Klassen geben. So lange das nicht gewährleistet ist, wird das auch nicht so unterstützt, weil die Belastung für andere Lehrer und Mitschüler steigt.

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