In der Ruhe liegt die Kraft: Meditation im Schulalltag – Wie Lehrer psychisch fit bleiben können

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OLCHING. Lehrer ist ein anstrengender Beruf, das hat mittlerweile selbst die breite Öffentlichkeit mitbekommen. Die große Verantwortung stellt eine enorme psychische Herausforderung dar. Geradezu zwingend ergibt sich daraus die Verpflichtung für Lehrerinnen und Lehrer, sich aktiv psychisch und mental fit zu halten. Wie es dabei zu bereichernden Erfahrungen kommen kann, schildert unser Gastautor Peter Maier.

In der Ruhe liegt die Kraft – gerade für Lehrerinnen und Lehrer. Foto: Shutterstock

Psycho-Hygiene durch Naturrituale

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Als Lehrer bin ich psychisch wirklich gefordert. Darum habe ich es mir schon vor vielen Jahren angewöhnt, einen geeigneten Ausgleich in der Natur zu suchen. Meist eine Stunde vor Sonnenuntergang fahre ich beinahe täglich mit dem Fahrrad zu einem nahe gelegenen, etwa zwei Quadratkilometer großen Waldstück, wandere zu einem meiner Lieblingsplätze und setze mich zu Füßen eines großen Fichten- oder Buchenbaumes am Rande einer Waldlichtung. Den Baum als Schutz im Rücken lasse ich meine Gedanken schweifen und diese schöne Natur auf mich wirken.

Bei einem solchen Ausflug im Dezember hatte ich bei beginnender Dämmerung ein seltsames Erlebnis. Es herrschte völlige Windstille, der Waldboden war mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Während ich wieder an einem Baum lehnte, nahm ich nach etwa zehn Minuten einen etwa zwei Meter großen jungen Fichtenbaum in meiner Nähe wahr. Plötzlich spürte ich, dass der bewegungslose junge Baum lebte, ja er war ein lebendiges Wesen, mit dem ich jetzt ganz selbstverständlich Kontakt aufnehmen konnte. Dazu musste ich aber zuerst zur Ruhe und in eine „langsamere Schwingungsfrequenz“ kommen. Anscheinend war dies die Voraussetzung für eine Kommunikation mit dem Baum. Es ging dabei nicht um eine bestimmte Botschaft, sondern um die Kommunikation selbst. Dies machte mich völlig ruhig, ich geriet in eine Art von zeitlosem meditativem Zustand. Im Angesicht des Baumes spürte ich nun mein eigenes Inneres, das mit dem Baum in einen Dialog trat. Der Baum war mir freundlich gesonnen, er war einfach nur da mit seiner ganzen Aufmerksamkeit und völlig offen für die Begegnung. Er hatte unbegrenzt Zeit. Dies erzeugte ein wunderbares Gefühl in mir.

Ohne dass ich dies bewusst angestrebt hatte, war ich in eine Art „Anderswelt“ geraten, in der anders gefühlt, gedacht, empfunden und erlebt wird. Ich kam mir vor wie ein Beobachter dieser nonverbalen Kommunikation zwischen mir selbst und der jungen Fichte. Ich hatte den Eindruck, dass ich mich in den Fichtenbaum einfühlen und an ihm Anteil nehmen konnte. Es ging dabei nicht um mein Hirn, sondern um meine Intuition, mein Herz, meine Liebe zum Baum und zu mir selbst. Ja, ich empfand in diesem Augenblick Liebe für alle Lebewesen, für die ganze Schöpfung. Es war für mich ein unerwartetes spirituelles Erlebnis in der Natur, eine sehr einfache aber wesentliche Einheitserfahrung, die mich vollkommen aus der Anspannung und dem Stress des (Schul)Alltags herausführte; eine Art von Meditation, die mich tief mit Gott und der Welt verband und die mich alles viel gelassener sehen ließ. Entspannt, innerlich ausgeglichen, voll Dankbarkeit und voll stillem Glück fuhr ich etwa eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang wieder nach Hause.

Liebe Leserin, lieber Leser, probieren Sie es doch selbst aus. Jeder von uns kann in den Wald gehen. Sie müssen keine besonderen Fähigkeiten mitbringen, nur genügend Zeit. Setzen Sie sich einfach an einen schönen Platz und beobachten Sie gelassen alles um sich herum. Warten Sie ab, was dann geschieht. Auf jeden Fall werden Sie feststellen, dass es entspannend sein kann, nur da zu sitzen, zu schauen und mit allen Sinnen wahrzunehmen, was da an Lebewesen um Sie herum ist – eine Maßnahme zur Psychohygiene ohne therapeutische Begleitung, wenn Sie so wollen.

Die Schule ist ein offenes System

Seit nunmehr 38 Jahren bin ich als Gymnasiallehrer tätig. Auch wenn ich bisweilen von Menschen anderer Berufsgruppen um meine viele freie Zeit beneidet werde, weiß ich, was ich leiste. Dabei geht es nicht nur um eine geistig-physische Belastung wegen der täglichen Unterrichtsvorbereitungen, dem Fachunterricht in den Klassen 5 bis 12 und den langen und bisweilen erschöpfenden Korrekturen neben der Unterrichtszeit.

Ich denke, die größte Gefahr, ein Burnout zu bekommen, liegt in der permanenten mentalen und psychischen Anstrengung des Lehrberufs. Denn gerade Unter- und Mittelstufenklassen fordern eine intensive Präsenz. Es ist eben ein großes Märchen, dass es am Gymnasium nur um Fachunterricht und um Kompetenzvermittlungen gehen würde. Ja, dieser Bereich ist einigermaßen mess-, operationalisier- und überprüfbar. Wie aber sollen Liebe, Mitgefühl und Empathie, sowie eine beständige Beziehungsarbeit des Lehrers* etwa durch Tests oder durch eine Evaluation erfasst werden können? Hier geht es um eine Bindungsbildung, um „Erziehung durch Beziehung“ und um die „Klarheit der Lehrperson“ im Unterricht. Nicht zufällig sind gerade diese „weichen Faktoren“ der Pädagogik (sogenannte „soft skills“) in der Liste der wichtigsten Kriterien für einen guten und erfolgreichen Unterricht des neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie ganz vorne zu finden (siehe sein Aufsehen erregendes Buch „Visible lerarning“ (etwa „Lernen sichtbar machen“)).

Nach einer ernsthaften Krise 1995 war mir klar, dass ich für mich als Lehrer neben sportlichen Aktivitäten vor allem Psycho-Hygiene betreiben müsse, um etwa emotionale Belastungen aus dem Schulalltag schnell wieder ableiten und auflösen zu können. Als Lehrer bin ich eben nicht nur als Fach- und (digitaler) Kompetenzvermittler, sondern ebenso als Psychologe, Seelsorger und Lebensbegleiter gefordert. Eine Schule wie ein Gymnasium mit 1.000 Schülern, 2.000 Eltern und 100 Lehrkräften ist eben ein offenes System, das nie ganz perfekt organisiert und kontrolliert werden kann.

Es können sich immer und manchmal ganz unerwartet psychisch fordernde Situationen wie etwa folgende ergeben:

  • einzelne Verhaltensauffällige Schüler, die den Unterrichtsbetrieb stören;
  • wilde Pubertäts-Klassen mit hohem Jungenanteil, die kaum zu bändigen sind;
  • Eltern, die mit den Noten ihrer Kinder nicht zufrieden sind und die Schuld vorschnell beim angeblich unfähigen Lehrer suchen und dies bei Klassenelternabenden bisweilen auch munter oder gar aggressiv öffentlich artikulieren;
  • Konflikte mit Kollegen, Fachleitern oder der Schulleitung, die nicht sofort behoben werden können; usw.

Psychischer Ausgleich ist nötig zum Lehrerberuf

Als mir 1995 klar wurde, wie anfällig der Lehrberuf sein kann, suchte ich nach Möglichkeiten, mich psychisch und mental fit zu halten. Geholfen haben mir dabei vor allem die regelmäßigen Sitzungen und (Ausbildungs)Kurse in Themenzentrierter Interaktion (TZI) mit dem pädagogisch-psychologischen Modell der „Dynamischen Balance“, die Teilnahme an Supervisionen mit konkreten Fallbesprechungen zusammen mit anderen Lehrkräften, sowie die eigene Ausbildung zum Supervisor.

Peter Maier ist Gymnasiallehrer in Bayern. (Foto: privat)

Am meisten verstanden habe ich die Tiefen meines Lehrberufes aber erst durch meine dritte Ausbildung zum Initiations-Mentor, also zum Begleiter der mir anvertrauten Schüler durch ihre Pubertät hin zum Erwachsenwerden. Als Lehrkräfte sind wir geradezu prädestiniert für diese Aufgabe, weil wir ja sowieso mit den Schülern im Unterricht zusammen sind. Es geht dabei auch am Gymnasium nicht nur um Fachvermittlung, sondern vielmehr um das beständige Mitgehen mit unseren Schülern bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung, Charakterbildung und Werteerziehung. In diesem Lern- und Lehrprozess haben wir Lehrer es gerade in Pubertäts-Klassen immer wieder mit starken Gefühlsschwankungen unserer Schüler zu tun, die manchmal nicht mehr ein noch aus wissen – Stichwort „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt!“ Dies alles läuft nebenbei ab und muss nach Möglichkeit in das Unterrichtsgeschehen integriert werden. Wenn dies gelingt, zeigt sich gerade darin ein gutes Arbeits- und Unterrichtsklima.

Überlastung im Lehrerberuf: Wir brauchen endlich eine umfassende Burnout-Prävention! Mediziner schlagen Alarm

All diese oben genannten Kurse und Treffen finde ich gewinnbringend, sie sind jedoch vor allem zeitlich aufwendig. Daher habe ich es mir angewöhnt, für mich auch noch auf eine andere Weise zu sorgen: durch regelmäßige Meditationen. Am Nachmittag versuche ich, in die Natur zu kommen, um mich aufzuladen, um abzuschalten, um eine andere Welt zu sehen und um die psychische Belastung und den Stress möglichst an den „viel langsamer schwingenden“ Wald abzugeben. Das sogenannte „Waldbaden“ ist in den letzten Jahren in Mode gekommen: Absichtsloses Spazierengehen und Verweilen im Wald, so wie in dem Beispiel mit der kleinen Fichte zu Beginn des Artikels geschildert. Für mich ist es jedoch genau so wichtig, dass ich jeden Morgen Zeit für mich finde. Und das ist organisierbar.

Morgenmeditation – Psycho-Hygiene für den Alltag

Es ist mir mittlerweile zur Gewohnheit geworden, ich kann es mir gar nicht mehr anders vorstellen und ich brauche dies, wenn ich im Alltag ausgeglichen und bei mir sein will: Ich stehe regelmäßig so früh am Morgen auf, dass ich nach Morgentoilette und Frühstück noch gut 20 Minuten Zeit zur Meditation und zur bewussten Stille habe. Dazu setze ich mich einfach auf die Wohnzimmercouch, zünde eine Kerze an, wickle mir eine Decke um den Körper, schließe die Augen und lasse dann absichtslos meine Gedanken fließen. Manchmal kann ich dabei einen richtigen Strom von Gedanken beobachten, die beständig wie Wolken am Himmel an mir vorbeiziehen. Ich möchte dabei nichts bewerten, nur beobachten und nach Innen schauen.

An anderen Tagen stelle ich bei der gleichen Gelegenheit nach etwa zehn Minuten fest, dass ich von alleine in eine tiefe Bauchatmung hineingeraten bin. Ich kann diesen Zustand nicht bewusst herbeiführen, ich gebe ihm aber durch mein Sitzen in der Stille die Möglichkeit sich einzustellen. Dann passiert meist nichts anderes als dass ich wahrnehme, wie ich in der Bauchatmung bin – Ausdruck für eine starke Präsenz im Hier und Jetzt. Es ist ein sehr schönes Gefühl, weil ich dabei eine grundsätzliche Geborgenheit und ein Urvertrauen erlebe – in mich selbst, in das Göttliche, in das Universum, für diesen neuen Tag. Wenn ich schließlich nach den Tagesaffirmationen und einem Gebet wieder aufstehe, gehe ich anders in den Alltag hinein: präsenter, bewusster, gelassener, ruhiger, entspannter.

Liebe Leserin, lieber Leser, versuchen Sie es doch einfach selbst. Es sind dazu keine weiteren Vorkenntnisse oder besondere Fähigkeiten erforderlich. Das einzige, was sie brauchen, ist ein bisschen Zeit und eine Kerze. Es lohnt…

Peter Maier
(Gymnasiallehrer für Physik und Spiritualität/Religion, Autor)

* Natürlich sind mit „Schüler“ stets Schülerinnen und Schüler, mit „Lehrern“ Lehrerinnen und Lehrer und mit „Kollegen“ Kolleginnen und Kollegen gemeint.

Über den Autor

Peter Maier ist Gymnasiallehrer, Jugend-Initiations-Mentor und Autor. Weitere Infos und Buch-Bezug unter: www.initiation-erwachsenwerden.de

Bereits erschienene Bücher:
• „Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band I: Übergangsrituale“. ISBN 978-3-86991-404-6 (18,99 €, Epubli Berlin)

• „Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band II: Heldenreisen.“ ISBN 978-3-86991-409-1 (19,99 €, Epubli Berlin)

• „Schule – Quo Vadis? Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens“. ISBN: 978-3-95645-659-6 (20,99 €, Epubli Berlin)

Das aktuelle Buch des Autoren ist im Epubli-Verlag erschienen.

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