Erwachsenwerden geht nicht ganz von selbst: Was die Bildungsplaner und Lehrplanmacher völlig übersehen

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OLCHING. Ist die Pubertät eine allseits bekannte Tatsache, trägt die Schule dem Erwachsenwerden von Jugendlichen – der „Initiation“ – praktisch keine Rechnung. Doch gerade Gymnasiallehrern bietet der Übergangsprozess große Chancen, meint unser Gastautor Peter Maier.

An den Gymnasien kann ich ein Phänomen beobachten, dass mir immer unverständlicher und seltsamer erscheint: Mit zehn Jahren kommen die Schüler als Kinder zu uns, mit 18 oder 19 Jahren verlassen sie das Gymnasium mit dem Abitur wieder – als Volljährige und damit, rechtlich gesehen, als Erwachsene. Während ihrer Gymnasialzeit durchlaufen die Schüler* also zwei wichtige Lebensübergänge: den vom Kind zum Jugendlichen und dann noch den von der Adoleszenz ins Erwachsensein. Der Fachbegriff für diesen zweiten fundamentalen Übergang heißt „Initiation“, also das Eintreten in einen neuen Lebensabschnitt, in diesem Fall in die Lebensphase des Erwachsenseins.

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Die Schüler werden während ihrer Gymnasialzeit volljährig
Während die Bedeutung der Pubertät den meisten Kollegen klar ist, gerade weil sie sich im Unterricht oft mit schwierigen Pubertätsklassen herumschlagen müssen, scheint der zweite Übergang vielen Lehrern gar nicht richtig bewusst zu sein. Zudem habe ich bisher weder den Begriff „Initiation“ noch das Phänomen dieses Übergangs ins Erwachsensein im gymnasialen Lehrplan irgendeines Bundeslandes entdecken können. Dies ist eigentlich unfassbar und erscheint mir als ein bizarrer Widerspruch in Schule und Gesellschaft.

Schüler brauchen Begleitung beim Prozess des Erwachsenwerdens. Foto: Shutterstock

Während der Schulzeit, besonders in G-8-Gymnasien, wird fast nie über das Erwachsenwerden und schon gar nicht über das Erwachsensein gesprochen. Dennoch wird den Abiturienten am Ende ihrer Schulzeit ein „Reifezeugnis“ überreicht. Nach dem Abschluss einer Lehre oder eines Studiums erwarten die Arbeitgeber ganz selbstverständlich, dass die jungen Leute dann bereits voll verantwortlich und eben erwachsen sind. Niemand sagt den Jugendlichen, wie das Erwachsensein geschehen soll. Es ist aber eine große Illusion zu meinen, das Erwachsenwerden gehe ganz von selbst und so nebenbei, nur weil ein Jugendlicher den Führerschein gemacht, das Abiturzeugnis in den Händen und seinen 18. Geburtstag gefeiert hat.

Ich habe nicht wenige 30- und 35-Jährige erlebt, die noch immer in der „Pension Mama“ lebten und überhaupt nicht selbständig, selbstverantwortlich und erwachsen waren, besonders junge Männer nicht. Gemeingefährliche Autofahrten in Innenstädten, Komasaufen von längst Volljährigen, Versacken in der Computerwelt, Rizzen und übermäßiges Tätowieren, die Gesundheit und das Leben gefährdende Extremsportarten, sowie jahrelanges Herumhängen ohne Plan und Ziel von nicht wenigen sind durchaus Phänomene von jungen Volljährigen, die obige These bestätigen können.

Drei Fragen an den (Gymnasial)Lehrer
Die Gymnasien lassen bisher eine große Chance ungenutzt: nämlich die, die Schüler bei der Initiation, also bei ihrem Prozess des Erwachsenwerdens, zu begleiten. Folgende drei Fragen möchte ich daher jedem Gymnasiallehrer stellen:
• 1. Was bedeutet in unserer Gesellschaft eigentlich Erwachsensein?
• 2. Wie, mit welchen Ritualen, Zeremonien und in welchen Situationen können heute Schüler erwachsen werden?
• 3. Wann und durch welche Ereignisse bin ich als Pädagoge selbst erwachsen geworden?

Es ist naheliegend, dass wir Gymnasiallehrer doch die prädestinierten Initiations-Mentoren sein müssten, gerade auch deshalb, weil wir neben der puren Wissens- und Kompetenzvermittlung doch auch dem zweiten Bildungsziel verpflichtet sind: der einfühlsamen Begleitung unserer Schüler bei ihrem Prozess der Persönlichkeitsentwicklung, ihrer Charakter- und Wertebildung. Eine Persönlichkeitsentwicklung, die vor allem durch das Einsetzen des Pubertätsprozesses herausgefordert und beschleunigt wird, sollte immer auf das Ziel des Erwachsenwerdens hin ausgerichtet sein. Wie aber sollen wir Pädagogen den Schülern bei diesem ihrem so wichtigen Prozess beistehen, sie unterstützen und ihnen über Hürden hinweghelfen können, wenn uns selbst unsere eigene Initiation gar nicht klar und bewusst ist? Wenn wir nicht wissen, wann und wodurch wir als Lehrer selbst erwachsen geworden sind.

Peter Maier ist Gymnasiallehrer in Bayern. (Foto: privat)

Erschöpfung und Burnout sind oft hausgemacht
Wenn ich als Lehrer kein Bewusstsein über meinen eigenen Initiations-Prozess habe, kann ich meine Schüler nicht wirklich gut durch ihre Pubertät und in ihr Erwachsenwerden begleiten. Ich muss mich dann ehrlicherweise fragen, ob ich die Situation meiner Schüler, besonders die der Jungen, überhaupt in der Tiefe verstehen kann. Denn ihre bisweilen ungestüme Initiations-Energie fordert vor allem Anerkennung und Bestätigung, nicht Kritik. Natürlich müssen gerade in diesem Initiations-Prozess Grenzen gesetzt und Leitplanken zur Orientierung gegeben werden. Dies ist aber dann leichter möglich, wenn der Lehrer selbst seinen eigenen Initiations-Prozess bewusst durchlebt, reflektiert und bewältigt hat.

Womöglich liegt eine Ursache von Konflikten zwischen Lehrer und Schülern darin, dass der Lehrer die Pubertäts- und Initiations-Situation seiner Schüler gar nicht richtig versteht, sie nicht dort abholt, wo sie sich seelisch befinden und sie daher auch nicht adäquat in ihren Entwicklungsprozessen begleiten kann. Hier sehe ich eine wesentliche Ursache von Erschöpfung und Burnout bei Pädagogen.

Lebensphasen und Lebensübergänge
Um diese Gedanken zum Erwachsenwerden besser veranschaulichen zu können, sollen die folgenden beiden Skizzen Aufschluss über die Lebensphasen und Lebensübergänge geben:

 

Traditionellen Völkern war bewusst, dass die Bewältigung der Übergänge zwischen den einzelnen Lebensphasen entscheidend für die weitere Entwicklung eines Menschen ist. Darum veranstalteten sie sogenannte Initiationsrituale („rites of passage“), die die ganze Stammesgemeinschaft betrafen. Auch die christlichen Kirchen wollen mit Firmung und Konfirmation solche Übergangsrituale feiern. Während jedoch die Pubertät als körperlich-seelisches Geschehen ganz natürlich einsetzt und das Ende der Kindheit und den Beginn der Jugendzeit markiert, läuft dieser zweite Übergang von der Jugend ins Erwachsensein nicht von selbst ab. In obiger Skizze wird dieser entscheidende Übergang als „Erwachsenwerden“ bezeichnet.

Da die erwähnten kirchlichen Rituale schon so früh gesetzt werden, und daher vor einem familiären Hintergrund eher als Pubertäts-Bestätigungs-Rituale, weniger als echte Initiations-Rituale interpretiert werden können, haben gerade die Schulen und die Lehrer hier eine fundamental wichtige Aufgabe: ihren Schüler nicht nur Fachunterricht zu erteilen, sondern ihnen als Initiations-Mentoren bei deren Übergang von der Adoleszenz ins Erwachsensein, zumindest aber in ihre Volljährigkeit beizustehen und sie dabei intensiv zu begleiten. Diese fundamental wichtige gesellschaftliche und schulische Aufgabe wird bisher nicht oder noch viel zu wenig erkannt – nicht bei den „Lehrplanmachern“, nicht in der Schulpolitik und nicht an den Schulen (Gymnasien) selbst. Das aber ist eine vertane Chance. Die Prüfung von kognitivem Wissen im Abitur muss nicht unbedingt etwas über den Stand der Reife des volljährigen Abiturienten aussagen.

Das naturpädagogische Ritual des „WalkAway“
Mit dem naturpädagogischen Ritual des „WalkAway“ habe ich seit 2008 zusammen mit einem kleinen Lehrerteam ein Zeichen gesetzt – sowohl als gymnasiales Schulprojekt als auch als Ferienkurs. Übersetzen würde ich diesen Begriff mit „Gehe deinen Weg zu Dir selbst – in das Innere deiner Persönlichkeit“. Natürlich war die Teilnahme immer freiwillig. Mädchen und Jungen aus den 10. und 11. Klassen wurden dabei nach einer zweitägigen Vorbereitung alleine, ohne Zelt, ohne Essen und ohne Smartphone zur sogenannten „Solozeit“ für 24 Stunden in den Wald geschickt (einen Tag und eine Nacht lang!). Sie galten während dieser Zeit als komplett unsichtbar und sollten jeden Kontakt zu anderen Menschen, auch zu den anderen Teilnehmern, vermeiden.

Am Morgen des vierten Tages warteten dann neben uns Leitern schon die Eltern vor dem Wald, um die Initianten wieder zu empfangen. Im nahegelegenen Seminarzentrum erzählte anschließend jeder Teilnehmer vor allen Anwesenden von seiner Zeit „allein da draußen im Wald“. Stundenlang hätte man eine Stecknadel fallen hören können, so ergreifend waren die Geschichten der Teilnehmer und das anschließende Feedback der Eltern. Dieses Ritual hat enorm viel gebracht für die Persönlichkeitsentwicklung, die Selbstverantwortlichkeit und die Selbständigkeit der Jugendlichen – wichtige Kriterien und Erfahrungen auf ihrem Weg ins Erwachsensein.

Peter Maier
(Gymnasiallehrer, Jugend-Inititiations-Mentor und Autor)

* Mit „Schüler“ sind natürlich immer Schülerinnen und Schüler gemeint, mit „Lehrer“ Lehrerinnen und Lehrer und mit „Kollegen“ Kolleginnen und Kollegen.

Über den Autor

Peter Maier ist Gymnasiallehrer, Jugend-Initiations-Mentor und Autor. Weitere Infos und Buch-Bezug unter: www.initiation-erwachsenwerden.de

Bereits erschienene Bücher:
• „Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band I: Übergangsrituale“. ISBN 978-3-86991-404-6 (18,99 €, Epubli Berlin)

• „Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band II: Heldenreisen.“ ISBN 978-3-86991-409-1 (19,99 €, Epubli Berlin)

• „Schule – Quo Vadis? Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens“. ISBN: 978-3-95645-659-6 (20,99 €, Epubli Berlin)

Das aktuelle Buch des Autoren ist im Epubli-Verlag erschienen.

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