Debatte um Macho-Erziehung: Sind muslimische Jungs „Verlierer” im Bereich Bildung?

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DORTMUND. Muslimische Jungen sind Verlierer bei Bildung und Integration, sagt der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak. Ein Hauptgrund: Das „Versagen der Erziehung im Elternhaus”. Seine These stößt jedoch auf Widerspruch.

Koran, Islam Foto: Afshad - pixabay (CC0)
Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak stellt die These auf, dass muslimischen Jungen häufig die Orientierung fehle. Foto: Afshad / pixabay (CC0)

Muslimische Jungen brechen öfter die Schule ab, werden später häufiger arbeitslos, sind „Verlierer” bei Bildung und Integration. Verantwortlich für ihren gesellschaftlichen Misserfolg sind in erster Linie die Eltern, ihre Erziehung und ihr „Versagen”. So lautet die drastische Analyse des Erziehungswissenschaftlers Ahmet Toprak von der Fachhochschule Dortmund. Der türkischstämmige frühere Sozialarbeiter meint: Viele Eltern ziehen Machos heran. Seine Thesen rufen Skepsis und Widerspruch hervor.

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Muslimische Jugendliche würden in der Öffentlichkeit vor allem wahrgenommen, wenn sie als „Gewalttäter oder frauenverachtende Machos” auffallen, schreibt Toprak in seinem Buch „Muslimisch, Männlich, Desintegriert”, das er am Donnerstag der Öffentlichkeit vorstellt. Das Wissen über sie und ihre Denkweise sei aber gering. „Mein Hauptanliegen ist eine Bestandsaufnahme. Und dass die Jungs als Leidtragende gesehen werden, die man nicht anprangern, sondern besser fördern sollte”, sagt Toprak der Deutschen Presse-Agentur.

Seine Schilderung ist wenig schmeichelhaft: Die Mutter, die „privat alle Zepter in der Hand” habe, sei unnachgiebig gegenüber der Tochter, nachsichtig gegenüber dem Sohn. Bei ihm werde jedes Fehlverhalten toleriert. So werde der Grundstein für Unselbstständigkeit gelegt. Auch die Väter spielten oft eine unglückliche Rolle. „Einige sind als Vorbild schlicht nicht geeignet”, meint Toprak und führt Arbeitslosigkeit und Gewaltbereitschaft an – oder dass sie den Anforderungen des Alltags wegen ihres Migrationshintergrunds nicht gewachsen seien.

Kritik: „Pauschaul und diffamierend”

Den Jungen fehlten daheim Grenzen wie auch Orientierung. Das mache sie anfällig für nationalistische Radikalisierung, viele verherrlichten den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Seine Beschreibung gelte aber nicht für alle Eltern und Familien. „Ich meine die konservativen muslimischen Milieus”, sagt er der dpa. Das seien allerdings recht viele.

Das gezeichnete Bild sei viel zu pauschal und diffamierend, kritisiert Erziehungswissenschaftlerin Manuela Westphal. Schon die Definition „Muslime” sei ungenau. Für Misserfolge allen voran die Erziehung in einem traditionell-patriarchalischen Elternhaus verantwortlich zu machen, sei falsch. „Das gibt auch die Forschung nicht her”, betont die Migrationsexpertin der Uni Kassel.

Kitas, Schulen, Freunde, Clique, Sportverein – sie alle haben ebenfalls einen hohen Einfluss, schildert Westphal. Fakt sei: Im Bildungssystem würden Migranten benachteiligt. Dennoch gebe es an den Hochschulen zunehmend viele junge männliche Bildungsaufsteiger aus muslimischen Herkunftsländern.

Unter zugewanderten Familien seien die Bildungserwartungen hoch und würden vor allem vom Vater manchmal auch mit Kontrolle und Strenge durchgesetzt. Untersuchungen zeigten: Auch in diesen Fällen ändere sich die Erziehung mit der Migration nach Deutschland oft, Mütter und Väter seien bereit zu Flexibilität. „Auch türkische Männer reflektieren ihre väterliche Autorität, traditionell anmutende Werte wandeln sich.” Hemmnisse für Bildung und Integration könnten in islamisch-konservativen Familien bestehen. Das sei aber nur ein kleiner Ausschnitt.

Toprak geht von rund 4,7 Millionen Muslimen in Deutschland aus, darunter drei Millionen türkischstämmigen. 2017 verließen gut 29 Prozent der türkischstämmigen Jungs die Schule ohne Abschluss. Die Abiturquote lag bei rund 19 Prozent – deutlich schlechtere Werte im Vergleich zu Altersgenossen ohne Migrationshintergrund, sagt er.

Rassismus im Schulwesen

Trotzdem: „Muslimische Jungen sind keine Bildungsverlierer”, meint Bildungsforscher Karim Fereidooni von der Uni Bochum. Schüler mit türkischen Wurzeln hätten „bei Schulperformance, Leistung und Zertifikaten” kontinuierlich aufgeholt. Allerdings: „Wir haben keine heile Welt, es hapert bei der Bildungsintegration.” Schüler aus zugewanderten Familien hätten es oft schwer. „Es gibt Rassismus im Schulwesen und Vorbehalte von Lehrern.» So habe eine Studie 2018 gezeigt, dass angehende Lehrer eine Klausur von «Max» besser benoten als die identische Arbeit von «Murat».

Bildungserfolg hänge jedenfalls von vielen Faktoren ab. Die Erziehung im Elternhaus sei nur ein Baustein. Die beschriebenen Defizite dürften nicht verallgemeinert werden, mahnt Fereidooni. Besonders der soziale Hintergrund spielt eine Rolle, viel mehr als die Migrationsfrage, beobachtet Haci-Halil Uslucan, Leiter des Zentrums für Türkeistudien. «Auch der Einfluss der islamischen Herkunft auf Bildung wird stark überschätzt.» Reales Problem vielmehr: «Für Migranten ist die frühe Spreizung nach vier Jahren Grundschule ein sehr großer Nachteil». Von Yuriko Wahl-Immel (dpa)

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Debatte unter Wissenschaftlern: So integriert man muslimische Kinder und Jugendliche

Teaserbild: DVIDSHUB / flickr / CC BY 2.0

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11 KOMMENTARE

  1. Wieso gibt Toprak Erklärungsansätze, während die anderen maximal relativieren? Er muss froh sein, selbst türkischer Herkunft zu sein, weil andernfalls die Rassismuskeule geschwungen werden würde.

  2. Wie eine Diskussion mit Fachleuten wie Bildungsforscher Karim Fereidooni von der Uni Bochum aussieht und welchen Wert “Studien” haben, ist für mich nur noch ein Abklatsch wissenschaftlichen Denkens:
    “„Es gibt Rassismus im Schulwesen und Vorbehalte von Lehrern.» So habe eine Studie 2018 gezeigt, dass angehende Lehrer eine Klausur von «Max» besser benoten als die identische Arbeit von «Murat».”
    Fakt ist: Eine Gruppe von Studenten hat jeweils in Einzelarbeit EIN Diktat korrigiert und benotet.
    Fehler wurden unabhängig vom Namen entdeckt.
    Dann sollten die Studenten eine Note für ein einzelnes Diktat festsetzen. Dabei zeigten sie die Tendenz, “Murat” schlechter zu benoten als “Max”, obwohl es das gleiche Diktat war.
    Die Macher der Studie forderten daraufhin (unter anderem), dass Lehramtsstudenten Erwartungshorizonte vermittelt bekommen sollen.
    Dass das Setting der Studie unrealistisch ist (eine Diktat für ein Kind), muss man nicht sagen.
    Dass man hier eine negative Tendenz für die Beurteilung erkennen kann, ist ebenfalls unbestreitbar.
    Wie Karim Fereidooni aber mit der Studie umgeht, zeigt entweder, dass er sie nicht gelesen/verstanden hat oder er sie bewusst falsch verwendet.
    Aus Lehramtstudenten werden angehende Lehrer – unpräzise Darstellung.
    Aus einem Diktat wird eine Klausur – unpräzise Darstellung.
    Behauptungen über Lehrer werden mit Studien über Studenten belegt – unpräzise Argumentation.
    Eine Studie über Vorbehalte von Studenten wird genutzt um Rassismus im Schulwesen zu belegen – Irreführung.

    Zum Thema Jungs in der Schule zitiere ich aus einer Studie:
    “Jungen sind insofern benachteiligt, als dass bestimmte gesellschaftliche Männlichkeitskonstruktionen sie in Konflikt mit bestimmten Anforderungen von Bildungsinstitutionen bringen. Insbesondere eine Orientierung an der Idee männlicher Hegemonialität mit ihren Überlegenheitsansprüchen und Widerständigkeit gegen Anpassung, vermeintlich männlichen Begabungen und Ablehnung von Fleißarbeit, Selbstvertrauen und mangelnde Erkenntnis von Hilfebedürftigkeit scheint (einige) Jungen darin zu behindern, in Bildungsinstitutionen formale Abschlüsse zu erwerben.”
    [https://www.schulentwicklung.nrw.de/q/upload/Gende/GEW_Bildung_von_Geschlecht_Jungenbenachteil.pdf]

    • Wenn Ihre Aussagen über dieses Diktat stimmen, ist das eine Ungeheuerlichkeit, und eine Stellungnahme von dpa oder Yuriko Wahl-Immel wäre sehr angebracht.

  3. Das entworfene Bild der Erziehung von moslemischen Jungen erscheint mir zu eiseitig, denn selbst gerade streng nach salafistischer Auslegung erzogene moslemische Heranwachsende werden in einer strengen Achtung vor Frauen erzogen und angehalten diese zu achten.
    Es gilt bei konsequenten Anhängern diese Religionsrichtung allerdings das demonstrative Zurschautragen weiblicher Reize als provokatives Verhalten, das Reaktionen provoziert und als falsch verstandener Schlüsselreiz wahrgenommen werden kann.

    • “demonstratives Zurschautragen weiblicher Reize” wurde übrigens in allen Kulturen vor der heutigen, auch in der europäischen, als Provokation verstanden.

  4. Diese Aussagen basieren jetzt nur auf meine eigenen Beobachtungen in meinen Klassen, ich habe im Schnitt 3 türkische bzw. 5 muslimische Kinder pro Schuljahr, darunter türkische 1-2 Jungs.
    Das, was A. Toprak sagt, beobachte ich teilweise, aber nicht gänzlich in meinen Klassen und das vor allem bei türkischen Kindern. Was ich beobachte, ist, dass muslimische Jungens eher verwöhnt sind und man ihnen einiges durchgehen lässt Es wird dadurch einiges “entschuldigt”.

    Auf der anderen Seite erlebe ich die Mehrheit der muslimischen Jungs in der Grundschule als höflich, hilfsbereit und freundlich. Unterstützung von zuhause erhalten muslimische Jungs (türkische) auffallend wenig, auch keine organisatorische Unterstützung, selbst wenn man wiederholt die Eltern darauf hinweist und sie es leisten könnten. Einige Mütter muss man in dieser Richtung verstärkt an die Hand nehmen und sie in Dingen unterstützen, die für andere selbstverständlich sind. Vielleicht ist das auch ein Rollenproblem? Die Väter sind oft nicht greifbar, weil sie viel im Schichtdienst arbeiten.

    Ein weiteres Problem ist, dass fast alle meiner türkischen Kinder zuhause nur türkisch sprechen und türkisches Fernsehen schauen. Auf meinen Hinweis, wenigstens einmal stattdessen ein deutsches Kinderprogramm zu schauen, sagen sie, dass sie das nicht möchten, denn sie wollten mit ihren Verwandten türkisch sprechen.

    Es ist eher ein Ausnahmefall, wenn ein türkischer Junge schulischen Ehrgeiz entwickelt. Der Wunsch war bei einigen schon da, auf weiterführende Schulen zu gehen, sie konnten sich aber nicht überwinden, sich dafür extra einzusetzen.
    Das hat man aber auch bei anderen Kindern. Auffallend ist, dass ich bei türkischen Jungs prozentual gesehen kaum dieses Phänomen in all den Jahren gesehen habe, obwohl ich sowohl die Kinder als auch die Eltern versuchte in diese Richtung zu inspirieren, weil ich schon eine Begabung gesehen habe.

    Verhaltensauffällig war bisher keiner der türkischen Jungs. Ich sehe bei diesen eher das Problem im Arbeitsverhalten und in der Einstellung zur Schule. Das ist meine Beobachtung in der Grundschule, basierend auf einer überschaubaren Anzahl.

    Bei den Mädchen sieht es ähnlich aus, nur zeigen diese im Schnitt eine bessere Arbeitshaltung. Einige meiner ehemaligen Schülerinnen treffe ich dann oft im Verkauf. Ein Mädchen ist aktuell auf der FOS. Sie ging auf die Realschule.
    Elterliches, reales Interesse an schulischer Bildung ist insgesamt bis auf einige wenige Ausnahmen wenig zu spüren. Die Kinder müssen sich oftmals alles selbst erarbeiten.

    Noch eine Bemerkung: Wenn bei uns Schwimmen in der Schule in der 3. Klasse beginnt, haben fast alle Kinder einen Schwimmkurs gemacht, der bei uns flächendeckend angeboten wird. Keinen Schwimmkurs hatten bisher alle muslimischen Kinder.
    Die Mütter wussten bisher nicht, wo man diesen Schwimmkurs machen kann. Als ich ihnen nähere Daten gab, haben sie ihre Kinder zusätzlich zu einem Schwimmkurs gebracht.

    • Diese Aussagen bestätigen aber alles, was als soziale Abhängigkeit der Gymnasialquote bezeichnet wird. Lehrer und andere Außenstehende können daran nicht viel ändern…

      • In meinen Augen sollten ab Geburt von staatlicher Seite mehr Anstrengungen unternommen werden, diese Familien bzw. Mütter aufzuklären wie das Leben in unserem System geht und ihr Kind eine gute Chance hat. Mit der Hebammenberatung sollte einfach nicht Schluss sein. So wie die U- Untersuchungen Pflicht sind, sollte es auch abschnittsweise eine Beratungspflicht, was nicht nur die Gesundheit, sondern sozusagen das Bestehen in unserer Gesellschaft fördert, geben oder mit Bestandteil der U- Untersuchungen sein.
        Die Lösung kann nicht sein: “Geben Sie Ihr Kind in die Kita”. Es muss eine Einstellungsänderung dieser Leute her.
        Vor vielen Jahren habe ich einmal eine positive Erfahrung gemacht, eine absolute Ausnahme. Ein türkischer Vater hat sich sehr in Schule engagiert, war Elternvertreter und wusste, was man tun musste, damit es mit der Bildung klappt. Dieses Kind hat einen sehr guten Bildungsweg gemacht.
        Es ist eine politische Aufgabe, den Leuten das Knowhow weiterzugeben, wie man zu Bildung bei uns kommt und ihnen die Notwendigkeit zu vermitteln. Dazu muss erst eine Änderung der Einstellung bei diesen Leuten her. So meine Erfahrung. Wer eine veränderte Einstellung von zuhause her mitbringt, bei dem klappt das auch, sich nach seinen Möglichkeiten zu entfalten. Wer den Kindern zuhause durch Untätigkeit oder Unwissen Steine in den Weg legt, der macht es seinen Kindern unnötig schwer. Der Staat kann nur versuchen, die Leute diesbezüglich aufzuklären.

        • Es müssen aber auch Konsequenzen her, wenn die Einstellungsänderung nicht passiert.

          Danke für das Beispiel mit dem Vater. Was war der von Beruf bzw. welchen höchsten Abschluss hat er und welchen Stellenwert hat die Religion in seinem Leben?

          • Das weiß ich leider nicht mehr. Das ist schon zu lange her. Er ist mir in dieser Eigenschaft im Gedächtnis haften geblieben.

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