Wie Lehrer das Handschreiben mit besonderer Förderung retten – Symposium bot eindrucksvolle Berichte aus der schulischen Praxis

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BERLIN. Dass immer mehr Schüler Probleme damit haben, unverkrampft, schnell und lesbar mit der Hand zu schreiben, ist mittlerweile umfassend dokumentiert. Doch was lässt sich dagegen tun?  Bei einem internationalen Symposium zum Thema rückte neben der Grundsatzfrage, ob die Handschrift auch im Digitalzeitalter noch Zukunft hat (klares Ja!) die schulische Förderpraxis in den Mittelpunkt. Lehrerinnen und Lehrer, die neue Wege bei der Vermittlung des Handschreibens gehen, berichteten von ihren Erfahrungen.

Fast einhellig stellen Lehrer fest: Die Schwierigkeiten beim Handschreiben nehmen zu. Foto: Shutterstock

Eine Reihe von Fotos, die Schüler aus einer Grundschulklasse zeigten, illustrierten die Probleme: Hände, in deren Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger ein Stift regelrecht eingeklemmt wird; Handgelenke, die wie abgeknickt erscheinen und dem Schreiber die Sicht auf das Papier nehmen, sodass er gar nicht sehen kann, was er schreibt; ein Schülerbein, das sich um das hintere Bein des Stuhles herumschlängelt, wodurch die Sitzhaltung extrem schief gerät. Einer ihrer Schüler sei beim Schreiben stets derart verkrampft gewesen, dass er vor Anstrengung am ganzen Körper gezittert habe, berichtet Melanie Hiergeist, Rektorin der Grundschule im niederbayerischen Hengersberg. Was tun? Viele Lehrer, so weiß die Pädagogin, stünden solchen Phänomenen ratlos gegenüber. „Das Thema Handschreiben wird in der Lehrerausbildung absolut vernachlässigt“, sagt sie.

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Immer mehr Schülern fällt es schwer, mit der Hand zu schreiben

Dass es in der Praxis tatsächlich viele Schwierigkeiten mit dem Handschreiben gibt, belegt eine repräsentative Umfrage unter Lehrkräften, deren Ergebnisse das Schreibmotorik Institut und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) im April veröffentlicht haben. Sie zeigt auf, dass es immer mehr Kindern schwer fällt, mit der Hand zu schreiben. Grundschullehrkräfte sagen, dass mehr als ein Drittel der Kinder (37 Prozent) Probleme hat, eine gut lesbare, flüssige Handschrift zu entwickeln. Lehrkräfte von weiterführenden Schulen sehen im Schnitt sogar bei 43 Prozent ihrer Schülerinnen und Schüler Schwierigkeiten (News4teachers berichtete).

Melanie Hiergeist weiß allerdings, mit solchen Problemen umzugehen – mittlerweile. Sie ist Moderatorin von „Eine Stunde für die Schrift“, einem von der EU geförderten Forschungsprojekt zur Handschreib-Förderung im Rahmen von Erasmus+, das in Kooperation mit der Regierung von Niederbayern an dortigen Grund- und Mittelschulen durchgeführt wird. Koordiniert wird das Projekt vom Schreibmotorik Institut, das auch das notwendige Know-how liefert: Hintergrundwissen für die Lehrer zum Thema Schreibmotorik und viele praktische Übungen, mit denen die Schüler spielerisch gute Bewegungsabläufe vermittelt bekommen.

Eine Schulstunde wöchentlich wird im Rahmen des Projekts für das Handschreibtraining aufgewendet. Und die Ergebnisse seien, so viel vorweg, beeindruckend, wie Hiergeists Kollegin Kerstin Detto, Rektorin der Grundschule Ruhmannsfelden, versichert. Manche der beteiligten Lehrer hätten sich vorher gefragt, woher sie die Stunde denn nehmen sollten – angesichts des prall gefüllten Lehrplans, der dafür eigentlich keinen  Raum vorsieht. Doch die Freude und Leichtigkeit, mit der die beteiligten Schüler in der Folge das Schreiben angingen, spare im Unterrichtsalltag so viel Zeit und Energie, dass sich der Einsatz in jedem Fall lohne. Das Projekt sei „zum Selbstläufer geworden“, sagt Kerstin Detto, die zusammen mit Melanie Hiergeist über ihre Erfahrungen beim „3. International Symposium on Handwriting Skills 2019“ vor Wissenschaftlern sowie Vertretern von Schulverwaltung und Schulpraxis aus fünf europäischen Staaten in Berlin referierte.

Kreativität wird durch die Bewegungen mit der Hand befördert

Dazu hatten das Schreibmotorik Institut und der VBE gemeinsam eingeladen. Allerlei Fachliches stand auf dem Programm: ein Vortrag über Unterrichtspraxis in norwegischen Schulen etwa, in denen Lehrerinnen und Lehrer zwar digitale Medien intensiv nutzen – aber dabei häufig mit Blick auf Variation und Methodenvielfalt bewusst auf die Handschrift setzen. Oder der Vortrag von Christian Barta, Professor für Multimedia und Kommunikation der Hochschule Ansbach, der die These vertrat: „Visualisierung in digitalen Medien fängt mit Handschreiben an.“ Heißt: Vor der digitalen Gestaltung steht der kreative Prozess, und der wird durch die Bewegungen mit der Hand befördert. Ohnehin wurde von den Experten kein Zweifel daran gelassen, dass das Handschreiben auch im Zeitalter der Digitalisierung ein unverzichtbarer Bestandteil der Bildung bleibt.

Dass sich beides – digitale Medien und die Handschrift – auch gut miteinander verbinden lässt, machte Niklas Dietrich, Lehrer der Lambertus-Grundschule aus dem nordrhein-westfälischen Drensteinfurt deutlich. Der Pädagoge hat selbst mit Folien und einer selbst entwickelten Spitze für digitale Stifte aus dem 3D-Drucker experimentiert, um die Haptik beim Schreiben auf eine Tablet-Oberfläche der des Schreibens auf Papier anzugleichen. Mit dem Ergebnis, dass die meisten Kinder an seiner Schule mittlerweile tatsächlich lieber auf dem digitalen Gerät (hand-)schreiben. Der nächste Schritt hin zu einer Schule der Zukunft, so Dietrich, wäre es nun, die handgeschriebenen Schülerarbeiten dann auch digital auswerten zu können, sei es mit Blick auf eine gute, unverkrampfte Handschrift, sei es mit Blick auf Orthographie und Ausdruck. Diagnosen über Stärken und Schwächen und dem sich daraus ergebenen Förderbedarf ließen sich dann innerhalb von Sekunden erstellen. „Eine echte individuelle Förderung eines jeden einzelnen Kindes würde damit möglich“, erklärte er.

Übungen, mit denen sich die Handschrift von Schülern verbessern lässt

Zurück in die Gegenwart – zum Projekt „Eine Stunde für die Schrift“. Was lässt sich machen, damit Schüler nicht länger beim Schreiben verkrampfen und eine effiziente und gut lesbare Handschrift entwickeln können? „Wir müssen wegkommen von: immer alles ganz genau in die Linien hinein“, erklärte Melanie Hiergeist. Und sie stellte einige Übungen vor, mit denen eine bessere Schreibmotoik-Förderung gelinge: von Dehnübungen für Finger und Arme, über Geschwindigkeitsübungen („schnelle Mandalas“ und ein „Stifterennen“), Lockerungssübungen (Kringel aufs Papier ziehen wie bei einem „Drachenflug“) bis hin zu Druckübungen wie der, ein zerknülltes und dann wieder entfaltetes Papier mit einem Bleistift so zu bemalen, dass daraus eine „Berglandschaft“ aus hellen und dunklen Flächen wird.

Letzteres, so berichtete Melanie Hiergeist, habe sogar den Jungen, der zuvor beim Schreiben vor Anstrengung zitterte, zu einem deutlich entspannteren Umgang mit dem Stift gebracht. Agentur für Bildungsjournalismus

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

 

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2 KOMMENTARE

  1. Danke für den Beitrag.

    Feinmotorische Fähigkeiten und Bewegungsabläufe können die Schüler gut angelehnt an die vorgegebenen runden Formen der Schulausgangsschrift (SAS) und die Lateinischen Ausgangsschrift (LA) entwickeln.
    Das kleine e dient mit seiner kleinen Schleife, die an der Grundlinie anfängt und durch die Mittellinie orientierend begrenzt wird. Es folgt das kleine l in Schleifenform, mit den Möglichkeiten der späteren Entwicklung des kleinen h , f, b und des kleinen k aus dieser höheren Schleife , die durch die Oberlinie orientierend begrenzt wird.
    Es folgen die kleinen u-Wellen, die auch in vorgegebene Hausdächer als Dachziegel von den Schülern gemalt werden können oder als Wellen auf dem Meer kreative Übungseinheiten bilden. Aus dieser Grundform gelingt es gelingt dann auch das kleine i der Grundschrift/LA zu entwickeln.
    Weitere Übungseinheiten bilden das dreibogige kleine m und das zweibogige kleine n, sowie das bogige kleine r mit dem Haken nach rechtsoben und dem Abschluss an der Mittellinie.
    Schwieriger gestaltet sich das kleine c der SAS und der LA, das ebenso vereinfachend und motivationsfördernd in der Übungseinheit der sich brechende Welle im Meer gemalt werden kann.
    Aus diesem motorischen Bewegungsablauf entstehen dann die Bewegungsabläufe des kleinen a, d, g und q.

  2. Achtung, mein Sohn war so ein Verkrampfter, aber das Problem lag nicht in seiner Hand, sondern in seinen Rückenmuskel, die durch einen Wachstumsschub geschwächt waren! Tausend Dank an seine Lehrerin, die uns geraten hat, zur Ergotherapie zu gehen !!!!!

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