9.-November-Gedenken: Lorz mahnt Schulen zur Demokratiebildung

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WIESBADEN. Der 9. November steht wie kaum ein anderer Tag für die wechselvollen Wegmarken deutscher Geschichte. Anlässlich des Gedenktags erklärte der Präsident der Kultusministerkonferenz und Hessische Kultusminister Alexander Lorz heute in Wiesbaden: “Es erfüllt mich mit Sorge, wenn sich Menschen heute in der Wahlkabine zunehmend von unserem demokratischen Wertefundament abwenden. Wenn in einigen Ländern ein Drittel der jungen Wahlberechtigten zu den parteipolitischen Extremen tendiert, muss sich auch Schule die Frage gefallen lassen, ob politische Bildung im Unterricht immer ausreichend Wirkung entfaltet.“

ucht händeringend Grundschullehrer: Hessens Kultusminister Alexander Lorz. Foto: Hesssisches Kultusministeriums
Unter Druck: Hessens Kultusminister Alexander Lorz. Foto: Hesssisches Kultusministeriums

„Die Berliner Mauer ist Symbol für ein Unrechtsregime, das seinen Bürgerinnen und Bürgern jahrzehntelang grundlegende demokratische Rechte vorenthalten und sie im Alltag drangsaliert hat“, sagte Lorz. Das geeinte Deutschland könne sich glücklich schätzen, dass diese Zeiten mit dem Fall der Mauer ein Ende gefunden hätten. An diesem Wochenende jähre sich aber nicht nur der Fall der Mauer, sondern mit der Reichspogromnacht auch eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, so Lorz weiter.

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“Aufgabe auch von Schule, unseren jüdiischen Mitbürgern beizustehen”

„Der 9. November 1938 war noch vor Kriegsbeginn ein Fanal für den späteren Vernichtungswillen der Nationalsozialisten. Die in vergangener Zeit leider immer wieder zu beobachtende Diffamierung Andersdenkender und der Aufruf zu Hetzjagden versetzen uns gedanklich in eine Zeit zurück, deren menschenverachtende Auswüchse überwunden geglaubt zu sein schienen. In Zeiten, in denen Antisemitismus offenbar wieder salonfähig wird, ist es deshalb Aufgabe der Zivilgesellschaft, aber eben auch staatlicher Institutionen wie der Schule, unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern beizustehen, indem wir populistischen Vereinfachungstendenzen und antisemitischen Parolen entgegentreten, wann immer sie uns begegnen.“ Die Kultusministerkonferenz habe daher eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die an einer gemeinsamen Empfehlung zum Umgang mit Antisemitismus arbeitet.

Demokratiebildung: Kostenloser Online-Kurs für Lehrer

„Schule ist ein zentraler Ort, an dem junge Menschen Demokratie und Engagement lernen, erfahren und gestalten können.” Foto: Shutterstock

Die Demokratiebildung in der Schule hat im Zuge der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen an Bedeutung gewonnen. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, sich als Part der Gesellschaft zu begreifen, der diese aktiv verändern kann. Doch wie können Lehrkräfte dies erreichen? Unterstützung bietet der kostenlose Online-Kurs „Citizenship Education – Demokratiebildung in Schulen“, den die Bertelsmann Stiftung zusammen mit dem Institut für Didaktik der Demokratie an der Leibniz Universität Hannover entwickelt hat.

Hier gibt es weitere Informationen.

Hessen beispielsweise gebe Schulen dabei mit einem Antisemitismuserlass eine wichtige Richtschnur an die Hand. Einen weiteren Baustein bilde das Präventionsprojekt „Netzwerk-Lotsen“, das Lehrkräfte, Schulleitungen, Schulsozialarbeiter sowie Schulpsychologen in die Lage versetze, bei Anzeichen von Antisemitismus und Extremismus zeitnahe Unterstützung zu vermitteln.

Der seit einiger Zeit aktive Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung fungiere zudem als wichtiges Bindeglied zu den jüdischen Gemeinden und habe in den vergangenen Monaten auf vielfältige – aber immer unmissverständliche – Weise Position bezogen, wenn es um die Verteidigung der gemeinsamen Errungenschaften christlich-jüdischer Tradition gehe. Mit dem Aktionsplan ‚Hessen gegen Hetze‘ setze Hessen außerdem seit kurzem ein wirksames Zeichen gegen jegliche Form der Diskriminierung, so Lorz.

Demokratiebildung kann “gar nicht früh genug begonnen werden”

„Die Erfahrungen des 9. November verdeutlichen, dass mit der Vermittlung freiheitlich-demokratischer Grundwerte gar nicht früh genug begonnen werden kann. Auch wenn schon einiges erreicht ist, gilt es doch, wachsam zu bleiben und unsere Schülerinnen und Schüler weiterhin für die Gefahren menschenverachtender Politik zu sensibilisieren.“ Jemandem auf offener Straße die Kippa herunterzuschlagen sei deshalb genauso wenig hinnehmbar wie die „erst einmal harmlos erscheinende“ Einrichtung einer Meldeplattform für unliebsame Lehrkräfte. Die AfD hat solche Portale eingerichtet, über die Schüler und Eltern anonym parteikritische Lehrer melden können. „Beiden gemein ist aber, dass sie den Nährboden für ein Klima bereiten, das die Freiheit des Einzelnen relativiert. Das kann und wird unsere offene Gesellschaft nicht akzeptieren“, so Lorz.

VDR: Politische und historische Bildung in der Schule stärken!

Der Verband Deutscher Realschullehrer appelliert an die Verteidigung demokratischer Grundrechte – er meint: Eine umfassende Bildung stärkt demokratische Errungenschaften und Freiheit des Einzelnen.

"Der Leistungsgedanken muss an Schulen zentral sein": VDR-Bundesvorsitzender Jürgen Böhm. Foto: VDR
VDR-Bundesvorsitzender Jürgen Böhm. Foto: VDR

„Der Fall der Berliner Mauer am 09.11.1989 stellt nicht nur für die Menschen im Ostteil unseres Landes eine zentrale Zäsur dar, die uns immer an die Kraft der Freiheit und der Demokratie erinnern muss“, so Jürgen Böhm, der Bundesvorsitzende des Deutschen Realschullehrerverbandes am Rande der Festlichkeiten zum 30. Jahrestages des Mauerfalls in Berlin. Die Feinde der Demokratie ruhen bis heute nicht, auch nach den Erfahrungen der Geschichte, die demokratischen Errungenschaften in Deutschland zu diskreditieren und Geschichtsfälschung zu betreiben.

Gerade die Bildung in einem demokratischen Gemeinwesen habe die verantwortungsvolle Aufgabe, jungen Menschen die Lehren der Geschichte vor Augen zu führen. Angesichts der politischen Entwicklung und der aktuellen Wahlergebnisse in unserem Land sei es die vornehmste Aufgabe der Bildung, sich mit den dunkelsten Stunden deutscher Geschichte intensiv auseinanderzusetzen. Die erlangten Freiheiten erfordern dringlich Verantwortung der Bildung und der Politik, die demokratischen Werte und Selbst- und Mitbestimmung aller Bürger zu würdigen und anzuerkennen.

„Jungen Menschen in unserem Land muss bewusst gemacht werden, dass die scheinbar unantastbaren demokratischen Grundrechte und die Freiheit des Menschen keine Selbstverständlichkeiten sind und uns nicht in den Schoß fallen“, betont Böhm. Wer bis heute die historischen Wahrheiten zweier Diktaturen auf deutschem Boden leugnet, wer den Populisten von links und rechts Glauben schenkt und diesen Kräften unsere demokratischen Strukturen überantwortet, der vergehe sich an den Grundfesten der Demokratie.

„Die Stärkung der politischen und historischen Bildung in den Schulen, die Festigung demokratischer Strukturen und die Aufklärung über Unrecht und Unterdrückung sind die entscheidenden Aufgaben moderner Bildung. Gerade am geschichtsträchtigen Datum des 9. November müssen wir uns der historischen Aufgabe der Verteidigung der Demokratie und unserer demokratischen Verantwortung bewusst werden“, fordert der VDR-Chef.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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1 KOMMENTAR

  1. Schule kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen.
    Ich behaupte, dass die allermeisten Schüler im Schüleralter (noch) nicht rechtes Gedankengut haben und auch noch nicht rechts wählen. Schüler ab einem gewissen Alter haben häufig ein bemerkenswertes Gefühl für Gerechtigkeit und Toleranz, erst später im Erwachsenenalter, wenn sie aus dem Schutzraum Schule mit der Gesellschaft in Kontakt kommen, fangen einige an die Gesellschaft zu verachten.

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